Profilbild von nessabo

nessabo

Lesejury Star
offline

nessabo ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit nessabo über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.03.2025

Nach Startschwierigkeiten ein erstaunlich tiefgründiges Memoir

Alles, was ich weiß über die Liebe
0

Ganz ehrlich: Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten mit Dolly Aldertons Buch. Die ziemlich roh beschriebenen Eskapaden ihrer Zwanziger entsprechen einfach so gar nicht meinen eigenen und mit völlig entgrenztem ...

Ganz ehrlich: Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten mit Dolly Aldertons Buch. Die ziemlich roh beschriebenen Eskapaden ihrer Zwanziger entsprechen einfach so gar nicht meinen eigenen und mit völlig entgrenztem Alkoholkonsum habe ich sowieso immer meine Schwierigkeiten. Auch die teils sprunghaften Episoden haben mich anfangs an einem guten Lesefluss gehindert.

Doch das hat schnell eine überraschende Wendung genommen. Das Sprunghafte ging deutlich zurück und die kurzen, überwiegend gut lesbaren Kapitel folgten mehr und mehr einer zeitlichen bzw. strukturellen Logik. Ganz besonders überzeugt hat mich aber die Selbstreflexion und das Wachstum der Autorin. Sie nimmt ihre Leser*innen mit auf die Erkundung des eigenen hedonistischen Verhaltens und hinterfragt kritisch, vor was genau sie damit eigentlich wegzulaufen versucht. Auch ihr Alkoholkonsum wird kritisch eingeordnet, was ich in allerlei Literatur sehnlichst vermisse.

Und auch, wenn meine Zwanziger sich deutlich von den hier geschilderten unterscheiden, fand ich Einiges an diesem Buch heilsam. Alderton schafft es, diese Lebensphase mit all ihren Vorzügen und Unsicherheiten zu beschreiben, ohne ins Romantisieren zu verfallen. Die Geschichte ist naturgemäß höchstpersönlich, manche Kapitel fand ich entsprechend auch weniger spannend als andere. Doch insgesamt betrachtet hat mich dieses Memoir emotional ganz schön mitgenommen. Einige Kapitel drehen sich um veränderte Freundinnenschaft, andere um Verlust. Ein Tiefgang, auf den ich ehrlicherweise nicht vorbereitet war und der mich zu Tränen gerührt hat.

Die Autorin schafft es, ihre ganz persönliche Erfahrung unterhaltsam zu verpacken und fast immer den Grat zu treffen zwischen Ernst und Heiterkeit. Nicht all ihre Erkenntnisse entsprechen den meinigen, aber genau das darf ja auch so sein. Ganz definitiv ist es ein Buch über Liebe, womit erfrischend wenig die romantische gemeint ist. Damit ist es eine tolle Lektüre - auch für alle, die wie ich ihre Zwanziger nicht weniger vermissen könnten! 😅

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.03.2025

Eine temporeiche, schmerzhafte Coming-of-Age-Geschichte

Erdbeeren und Zigarettenqualm
0

[TW: Endometriose, starke Blutungen, extreme Schmerzen, Abtre!bung]

Wie schon von anderen angemerkt, halte ich den Titel der deutschen Übersetzung für eine Entscheidung, die dem Umfang des Buches nicht ...

[TW: Endometriose, starke Blutungen, extreme Schmerzen, Abtre!bung]

Wie schon von anderen angemerkt, halte ich den Titel der deutschen Übersetzung für eine Entscheidung, die dem Umfang des Buches nicht gerecht wird. Er vermittelt eine Banalität des Lebens, die sich in diesem wirklich tollen Debüt zwar auch finden lässt, welche mich aber nicht vorbereitet hat auf den vielschichtigen Schmerz, den die Geschichte transportiert.

Die junge Protagonistin begleiten wir von Anfang bis Mitte 20. Irgendwie also kein klassisches Coming-of-Age, aber ich habe es trotzdem als eines empfunden. Aufgrund ihrer lange unerkannten chronischen Erkrankung und der damit einhergehenden Herausforderungen im Alltag verschiebt sich das tatsächliche Erwachsenwerden nämlich spürbar.

Die Geschichte ist in der 2. Person Singular geschrieben, was zu Beginn zwar gewöhnungsbedürftig scheint, mich aber ganz schnell für sich eingenommen hat. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, auch wenn das Leben der Protagonistin durchaus so schmerzhaft ist, dass ich eigentlich eine Pause gebraucht hätte. Doch der Sog des Erzählstil ist wirklich bemerkenswert.

Zentral in der Handlung ist eine Freundinnenschaft, die sich verändert. Während die namenlose Protagonistin neu eingeschlagene Wege auf verschiedene Weisen immer wieder abbricht, scheint ihre beste Freundin Ella alles im Griff zu haben - und damit ist auch das Leben der Erzählerin gemeint. Wenn deren Welt nämlich wieder einmal auseinanderzubrechen droht, fängt Ella sie auf - bis sie es nicht mehr tut. Die Protagonistin testet währenddessen ihre eigene Sexualität aus, sucht verzweifelt den passenden Job, struggelt mit ihrem Alltag und ihrer Zukunft. All das wäre schon herausfordernd genug, wird aber von extremen Schmerzen bis hin zur Ohnmacht begleitet. Irgendwann wird sie, einige Jahre nach der eigentlichen Diagnose von Endometriose, von einer Ärztin endlich richtig ernstgenommen und mit Medikamenten eingestellt. Daraufhin erteilt sie sich auch selbst die Erlaubnis, ihren Umgang mit sich selbst zu hinterfragen.

Davor, und besonders im letzten Viertel, reihen sich die Exzesse nahtlos aneinander. Dieser Teil sorgte in mir für tiefe Verzweiflung angesichts einer Protagonistin, die sich immer tiefer in die Sch**** reitet und war mir fast ein bisschen zu arg. Besonders der exzessive Alkohol- und Drogenkonsum ist mir persönlich fremd und ich wünsche mir bei aller Authentizität wirklich, dass das Thema literarisch kritischer eingeordnet wird. Dafür ziehe ich einen halben Stern ab. Das Ende ist nicht ganz so versöhnlich, wie mein Herz es sich gewünscht hat, doch ich halte es für die exakt richtige Wahl.

Es ist spürbar, dass Madeline Docherty hier Persönliches hat einfließen lassen. Ob nun die Wohnsituation in Glasgow, Bullshit-Jobs nach dem Studium, sexistische Abwertung oder Studipartys mit reichlich Drogen. Ein ehrliches, schmerzhaftes Debüt über Wachstum, erwachsene Verantwortungsübernahme und die Grenzen einer Freundinnenschaft mit einem klaren Appell daran, sich selbst aber auch Endo-Betroffene generell ernst zu nehmen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.02.2025

Literarisch beeindruckendes Werk über Schweigen, Sprache und ein „Nicht weiter so“

Portrait meiner Mutter mit Geistern
0

Ich kann diesem Werk unmöglich gerecht werden und bin sehr dankbar dafür, dass ich es im Austausch mit vielen anderen Bookies lesen durfte. Das kann ich vorab schon einmal klar empfehlen - dieser Roman ...

Ich kann diesem Werk unmöglich gerecht werden und bin sehr dankbar dafür, dass ich es im Austausch mit vielen anderen Bookies lesen durfte. Das kann ich vorab schon einmal klar empfehlen - dieser Roman benötigt Reflexion, Austausch und ggf. wiederholtes Lesen.

Rabea Edels Buch ist zeitgeschichtlich unglaublich dicht und arbeitet mit einer eher poetisch-assoziativen Sprache verschiedener Formen, die viel Aufmerksamkeit und Mündigkeit erfordert. Manchmal, vor allem im späteren Handlungsverlauf, fließt die Sprache auch deutlich klarer, aber die Autorin verweigert es oft, eine klare Deutung der Dinge vorzugeben - das müssen die Leser:innen selbst machen. Das Buch fordert damit ein hohes Maß an Konzentration und ich würde ganz klar empfehlen, sich wirklich Zeit zu nehmen und möglichst viel am Stück zu lesen, um die unzähligen Zusammenhänge zu erfassen. Denn die Zeitsprünge mit vielen Figuren und das Viele, das nur angedeutet wird, machen das Lesen zu einer herausfordernden Sache. Doch wer dazu bereit ist, wird mit einem literarischen Meisterinnenwerk belohnt. Edel versteht ihr Handwerk und macht diesen Roman zu einem, den wir in so einer Form wohl nur selten in der Hand haben werden.

Die Handlung kann ich kaum beschreiben, weil sie unfassbar komplex (der netterweise abgedruckte Stammbaum lässt das schon erahnen) und damit auch schwer spoilerfrei zusammenzufassen ist. Primär geht es um weibliches Leben, teilweise in der NS-Zeit, teils jüdisch, teils nicht-jüdisch (wobei auch das nie vollständig geklärt wird). Es geht um die Weitergabe von Traumata und eine Wiederholung von Schicksalen (z. B. toten Erstgeborenen). Der einzige Mann, der wirklich Raum bekommt, ist Jakob - den fand ich sprachlich schwer greifbar und wahrscheinlich ist das gewollt: Er sucht Worte für das, was er nicht greifen kann, für das, was passiert ist und für alles, an das er sich verzweifelt zu erinnern versucht. Ansonsten spielen Männer bzw. Väter eine untergeordnete Rolle, zumal sie oft die Auslöser der Traumata sind, von denen sich die Frauen zu befreien versuchen. Stark fand ich im späteren Verlauf, wie Raisa (die einzige Ich-Erzählerin) sich Klarheit einfordert in Bezug auf Dinge, die vor ihrer Geburt passiert sind. Nur mit Wissen können diese traumatischen Zirkel durchbrochen werden!

Das Buch lebt auch erzählerisch von zahlreichen Parallelen, die sich in verschiedenen Generationen wiederfinden. Und vor allem die weiblichen Figuren sind vielschichtig dargestellt, die meisten Details ihrer Geschichte erfahren wir erst nach und nach, während einige nur so zaghaft und bildhaft angedeutet werden, dass sie der Interpretation der Lesenden überlassen bleiben. Die Geschichte thematisiert das Schweigen innerhalb von Familien, aber ebenso auch Akzeptanz und Verständnis - welches seinerseits von den Leser:innen gefordert wird, denn das meiste im Leben ist schließlich nicht schwarz-weiß. Damit bewegt sich das Buch selbst auf dem schmalen Grat zwischen Akzeptieren und Widerstand gegen erfahrene Ungerechtigkeit.

Das Buch hinterlässt mich mit einer Vielzahl an Gefühlen. Die widerständen Frauen haben mich beeindruckt, ihr Verhalten aber auch fassungslos gemacht. Nicht alles konnte ich verstehen, einiges würde ich sogar verurteilen, aber doch kann ich vieles in seiner Komplexität akzeptieren. Transgenerationale Traumata sind schwer zu begreifen und noch schwerer zu durchbrechen - dies begleiten zu dürfen und das langsame Verstehen am eigenen Leib zu spüren, war ein einzigartiges Erleben. Sprachlich ist es wirklich, wirklich anspruchsvoll und besonders das erste Viertel fand ich ziemlich anstrengend. Komplexe Familiengeschichten finde ich total reizvoll, hier war ich aber fast überreizt. Doch es steckt so viel Stärke in diesem Roman, dass ich mich im weiteren Verlauf überaus gern auf ihn eingelassen habe. Die Leerstellen im Buch konnte ich erstaunlich gut akzeptieren - das spricht auch wieder für das schriftstellerische Talent Edels.

Ein großes Werk, das ich gern auf der Longlist des Buchpreises wiedersehen würde. Für mich hätte es besonders am Anfang und auch manchmal zwischendrin noch etwas zugänglicher sein können, aber das ist Kritik auf sehr hohem Niveau. Viele von uns kennen wohl das Schweigen innerhalb von Familien und ich hoffe, dass dieses Buch hier seinen Beitrag leisten kann, um es zu brechen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.02.2025

Ein weiterer, äußerst lesenswerter #MeToo-Roman

Service
0

Wer „Prima facie“ mochte, wird hier eine würdige Alternative finden, denn wenig überraschend ist es völlig egal, in welcher Branche oder in welchem Land sich ein 6ueller Übergriff ereignet - das Victim ...

Wer „Prima facie“ mochte, wird hier eine würdige Alternative finden, denn wenig überraschend ist es völlig egal, in welcher Branche oder in welchem Land sich ein 6ueller Übergriff ereignet - das Victim Blaming und die juristischen Hürden sind überall gleich.

Während „Prima facie“ aber einen starken Fokus auf das Rechtssystem und den Wandel der Protagonistin von Verteidigerin zu Betroffener legte, setzt „Service“ die Komplexität der Tat anders um. So gibt es hier drei Erzählstimmen, die den zu Beginn nur zaghaft angedeuteten Vorfall vielschichtig betrachten.

Ich mag verschiedene Perspektiven sehr, weil sie, wenn gut geschrieben, ein komplexes Gesamtbild schaffen können. Das ist Sarah Gilmartin eindeutig geglückt! Kellnerin Hannah, die sehr jung im gehobenen Restaurant T anfängt, schildert zunächst eindrücklich die Atmosphäre in der Gastronomie. Wer dort schon einmal gearbeitet hat, wird das Geschriebe wohl körperlich fühlen, so authentisch ist es.

Daniel, der Beschuldigte, ist ein arrogantes Ekel und ich habe mich einfach kontinuierlich aufgeregt. Andere schreiben davon, dass sie sogar fast auf seine Sicht hereingefallen sind, das war bei mir gar nicht der Fall. Auch, wenn der Charakter eines Menschen nicht zwangsläufig auf sein Verhalten schließen lässt, war für mich hier von Anfang an alles klar. Seine Sicht, so gut sie auch in die Handlung passt, ist der Grund, warum ich einen halben Stern weniger vergebe als für „Prima facie“ - es hat mich einfach zu sehr aufgewühlt, ihn wiederholt in meinem Kopf zu haben.

Julie, seine Ehefrau, ist eine faszinierende Figur, die erst im Laufe der Geschichte Vergangenes neu einordnet und damit die für mich spannendste Entwicklung durchläuft. Sie ist die Figur, die zwischen den beiden anderen steht und deren Urteil wiederholt schwankt.

Ein großes Plus des Romans ist die Solidarität unter den Kellnerinnen und die war für mich auch das, was das Buch zum Schluss durchaus empowernd machte, ohne angesichts der bitteren Realität naiv zu sein. Eine Geschichte, die schmerzvoll und zum Schreien, aber eine klare Empfehlung ist!
.
.
TW: Vergew@ltigung, 6uelle Übergriffe, Substanzmissbrauch

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.01.2025

Ein Hoch auf humorvolle und warmherzige Wissenschaftlerinnen!

Das irrationale Vorkommnis der Liebe – Die deutsche Ausgabe von »Love on the Brain«
0

Das ist mein zweites Buch der Autorin und ich hatte auch mit diesem eine wirklich gute Zeit. Ali Hazelwood scheint eindeutig ein Ding zu haben für sehr große Männer - das war mir persönlich ein wenig zu ...

Das ist mein zweites Buch der Autorin und ich hatte auch mit diesem eine wirklich gute Zeit. Ali Hazelwood scheint eindeutig ein Ding zu haben für sehr große Männer - das war mir persönlich ein wenig zu klischeehaft und "on the nose". Auf der anderen Seite gehören Klischees auch zu diesem Genre, damit kann ich also leben. 😅

Wirklich toll fand ich das Wissenschaftssetting, mein Ding sind nämlich ganz eindeutig smarte Frauen. Begeistert war ich zudem vom politischen Ton der Geschichte. Auch in eher seichtere Lektüre gehört für mich eine gewisse politische Relevanz und geschlechtsspezifische Diskriminierung im wissenschaftlichen Bereich ist nun einmal Realität. Ich mochte den weiblichen Zusammenhalt und die Ansätze von Revolutionswut richtig gern. Außerdem konnte ich mein Glück kaum fassen, als Veganismus bei beiden Protas eine Rolle spielte und sogar auch noch herauskam, dass es hierbei um mehr als eine Ernährungsform geht! Das bekommt von mir einen halben Bonusstern. ❤️

Auch der Humor war für meinen Geschmack ganz toll getroffen. Er ist cute, fein und warmherzig. Damit passt er perfekt zu meinem Bild der Protagonistin.

Was ich ziemlich störend fand, war die unglaubliche Begriffsstutzigkeit von Bee, die meiner Meinung nach so gar nicht zu ihrer Klugheit passt. Wie krass sie einfach sowohl in der Online-Kommunikation mit Shmac als auch in Bezug auf Levi auf dem Schlauch steht - I can't! 😩
Also klar, manche Menschen sind in sozialen Interaktionen weniger sensibel für bestimmte Signale, aber das wurde für ihren Charakter so zumindest nicht beschrieben. Und ihr ständiges "Nein, er hasst mich ja eigentlich", obwohl schon lange nichts mehr darauf hindeutete, ging mir zum Schluss wirklich auf die Nerven.

Ich fand davon abgesehen aber Vieles wirklich toll an dem Buch und für die Einbindung von Veganismus gibt es wie gesagt Bonus, daher 4,5 Sterne. 😊

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere