Geschichtsstunde mit Romanelementen
BerchtesgadenKaum ein Ort war in der Nazi-Zeit so emotional aufgeladen wie Berchtesgaden. Hier hatte Adolf Hitler auf dem Obersalzberg auf 1000 m Höhe neben Berlin ein zweites Machtzentrum aufgebaut, und zahlreiche ...
Kaum ein Ort war in der Nazi-Zeit so emotional aufgeladen wie Berchtesgaden. Hier hatte Adolf Hitler auf dem Obersalzberg auf 1000 m Höhe neben Berlin ein zweites Machtzentrum aufgebaut, und zahlreiche Größen der damaligen Diktatur legten sich im Umland ebenfalls Zweitwohnsitze zu.
Carolin Otto, bislang bekannt als Drehbuchautorin, betitelt ihren ersten Roman schlicht mit dem Ortsnamen BERCHTESGADEN. Aufgehängt an insbesondere einer fiktiven ortsansässigen Familie und einigen wenigen geschichtlich bekannten Einwohnern beschreibt sie die Ereignisse der sogenannten Stunde Null. Das Dritte Reich ist zusammengebrochen, Amerikaner und Franzosen ringen um die prestigereiche Übernahme der Stadt. Die Menschen vor Ort müssen sich mit diesen neuen Gegebenheiten zurechtfinden.
Gerade dieser menschliche Aspekt würde einen großartigen Romanstoff hergeben. Es wäre spannend mit den ProtagonistInnen mitzuerleben, wie dies intellektuell und emotional verarbeitet wird. Doch genau das gelingt Carolin Otto aus meiner Sicht nicht. Dabei ist erkennbar, dass sie sich in einer unheimlichen Fleißarbeit an die Recherche begeben hat. Kaum ein Thema wird in ihrem Buch nicht angesprochen. Thematisiert wird die große Fülle der Gräueltaten der Nationalsozialisten, das Mitläufertum, das Denunziantentum. Auch wird herausgearbeitet, dass die Besatzungsmächte selbst keine Unschuldslämmer waren, und etwa People of Colour keinen Platz auf den amerikanischen Siegerfotos finden durften. Die sogenannte Rassentrennung war im Amerika der damaligen Zeit noch bittere Realität.
Aber Otto verzettelt sich. Sie zählt auf und beschreibt, was sie herausgefunden hat, und quetscht das alles in ein einziges Buch. Naturgemäß kann sie all diese Themen deshalb nur oberflächlich anreißen. Doch durch die reine Aufzählung der Gräueltaten entsteht kein Spannungsbogen. Nun gehöre ich vielleicht zu einer Generation, die noch sehr viel über den Faschismus in der Schule gelernt hat. Und sich darüber hinaus auch selbst mit dem Thema beschäftigt hat, Gedenkstätten besucht hat etc. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Buch anders wirkt, wenn man dieses Vorwissen nicht mitbringt.
Wo so viele Opfergruppen angesprochen wurden, verwundert es dann doch, dass etwa Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten so gut wie unerwähnt bleiben. Auch das Thema der sexualisierten Gewalt nimmt aus meiner Sicht nicht den Stellenwert ein, der den Ereignissen in der Zeit von Krieg, Flucht und Vertreibung sowie auch der Besatzung angemessen gewesen wäre.
Bei all den geschichtlichen Fakten bleibt nur wenig Raum für den eigentlichen Roman. Vielmehr liest sich das Buch seitenweise eher wie ein Sachbuch. Die ProtagonistInnen verraten nur wenig über ihr Innenleben, so dass man nicht von einer Entwicklung sprechen kann. Mir ist das zu wenig, um mitfühlen zu können. Von einem Roman erwarte ich an der Stelle aber etwas anderes, denn sonst könnte ich gleich ein Geschichtsbuch lesen. Richtig gut haben mir nur wenige Szenen gefallen. Und hätte es mehr davon gegeben, hätte das Buch auch echte Romanqualitäten. Da die persönlichen Schicksale der ProtagonistInnen am Ende nicht auserzählt sind, gehe ich davon aus, dass eine Nachfolgeband geplant ist. Im Moment kann ich mir aber nicht vorstellen, dass ich diesen dann auch lesen würde.