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Veröffentlicht am 03.02.2026

Geschichtsstunde mit Romanelementen

Berchtesgaden
2

Kaum ein Ort war in der Nazi-Zeit so emotional aufgeladen wie Berchtesgaden. Hier hatte Adolf Hitler auf dem Obersalzberg auf 1000 m Höhe neben Berlin ein zweites Machtzentrum aufgebaut, und zahlreiche ...

Kaum ein Ort war in der Nazi-Zeit so emotional aufgeladen wie Berchtesgaden. Hier hatte Adolf Hitler auf dem Obersalzberg auf 1000 m Höhe neben Berlin ein zweites Machtzentrum aufgebaut, und zahlreiche Größen der damaligen Diktatur legten sich im Umland ebenfalls Zweitwohnsitze zu.

Carolin Otto, bislang bekannt als Drehbuchautorin, betitelt ihren ersten Roman schlicht mit dem Ortsnamen BERCHTESGADEN. Aufgehängt an insbesondere einer fiktiven ortsansässigen Familie und einigen wenigen geschichtlich bekannten Einwohnern beschreibt sie die Ereignisse der sogenannten Stunde Null. Das Dritte Reich ist zusammengebrochen, Amerikaner und Franzosen ringen um die prestigereiche Übernahme der Stadt. Die Menschen vor Ort müssen sich mit diesen neuen Gegebenheiten zurechtfinden.

Gerade dieser menschliche Aspekt würde einen großartigen Romanstoff hergeben. Es wäre spannend mit den ProtagonistInnen mitzuerleben, wie dies intellektuell und emotional verarbeitet wird. Doch genau das gelingt Carolin Otto aus meiner Sicht nicht. Dabei ist erkennbar, dass sie sich in einer unheimlichen Fleißarbeit an die Recherche begeben hat. Kaum ein Thema wird in ihrem Buch nicht angesprochen. Thematisiert wird die große Fülle der Gräueltaten der Nationalsozialisten, das Mitläufertum, das Denunziantentum. Auch wird herausgearbeitet, dass die Besatzungsmächte selbst keine Unschuldslämmer waren, und etwa People of Colour keinen Platz auf den amerikanischen Siegerfotos finden durften. Die sogenannte Rassentrennung war im Amerika der damaligen Zeit noch bittere Realität.

Aber Otto verzettelt sich. Sie zählt auf und beschreibt, was sie herausgefunden hat, und quetscht das alles in ein einziges Buch. Naturgemäß kann sie all diese Themen deshalb nur oberflächlich anreißen. Doch durch die reine Aufzählung der Gräueltaten entsteht kein Spannungsbogen. Nun gehöre ich vielleicht zu einer Generation, die noch sehr viel über den Faschismus in der Schule gelernt hat. Und sich darüber hinaus auch selbst mit dem Thema beschäftigt hat, Gedenkstätten besucht hat etc. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Buch anders wirkt, wenn man dieses Vorwissen nicht mitbringt.

Wo so viele Opfergruppen angesprochen wurden, verwundert es dann doch, dass etwa Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten so gut wie unerwähnt bleiben. Auch das Thema der sexualisierten Gewalt nimmt aus meiner Sicht nicht den Stellenwert ein, der den Ereignissen in der Zeit von Krieg, Flucht und Vertreibung sowie auch der Besatzung angemessen gewesen wäre.

Bei all den geschichtlichen Fakten bleibt nur wenig Raum für den eigentlichen Roman. Vielmehr liest sich das Buch seitenweise eher wie ein Sachbuch. Die ProtagonistInnen verraten nur wenig über ihr Innenleben, so dass man nicht von einer Entwicklung sprechen kann. Mir ist das zu wenig, um mitfühlen zu können. Von einem Roman erwarte ich an der Stelle aber etwas anderes, denn sonst könnte ich gleich ein Geschichtsbuch lesen. Richtig gut haben mir nur wenige Szenen gefallen. Und hätte es mehr davon gegeben, hätte das Buch auch echte Romanqualitäten. Da die persönlichen Schicksale der ProtagonistInnen am Ende nicht auserzählt sind, gehe ich davon aus, dass eine Nachfolgeband geplant ist. Im Moment kann ich mir aber nicht vorstellen, dass ich diesen dann auch lesen würde.

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Plüschiger Cosy Crime mit handwerklichen Fehlern

Knäckeblut
0

Wenn deutsche Autoren sich für ihre Kriminalromane ein ausländisches Setting wählen, dann kann das Urlaubssehnsüchte wecken und ein charmantes Spiel mit gängigen Klischees sein. Insbesondere, wenn die ...

Wenn deutsche Autoren sich für ihre Kriminalromane ein ausländisches Setting wählen, dann kann das Urlaubssehnsüchte wecken und ein charmantes Spiel mit gängigen Klischees sein. Insbesondere, wenn die Urlaubslandschaft so hyggelig verschneit dargestellt wird, wie in Björn Berenz "Knäckeblut". Besonders gut gefallen haben mir die kleinen Einschübe, in denen schwedische Begriffe und Redewendungen erläutert werden. Das lies mich auf ein schönes Leseerlebnis hoffen. Für mich war es die erste Begegnung mit der mittlerweile dreibändigen Serie um die deutsche Buchhändlerin Ina und den schwedischen Polizisten Lars. Ich kam schnell ins Geschehen und das trotz der relativ großen Anzahl an Protagonist*innen. Aber warm wurde ich mit keiner dieser Personen. Ina wurde mir von Seite zu Seite unsympathischer, sie wirkte oft arrogant und betrieb ihre Nachforschungen ohne Rücksicht auf Verluste. Lars kam mir manchmal fast schon vor wie ein trotteliger Dorfpolizist. Weitere Personen möchte ich in dieser Rezension nicht benennen, um nicht zu spoilern.

Der Handlungsablauf stellte sich aber als das größere Problem dar. Leider häuften sich inhaltliche und logische Fehler. Der Plot hätte Potential gehabt, wurde jedoch unglaubwürdig aufgelöst. Mordsspaß in Schweden kam bei mir deshalb nicht auf. Es reicht eben nicht aus, eine Amateurermittlerin in eine Wohlfühlatmosphäre zu setzen. Hier standen die privaten Beziehungen der Protagonisten oft so sehr im Fokus, dass das Ermitteln zur Nebensache wurde. Vielleicht fehlten mir beim Lesen aber auch nur eine gehörige Portion Moltebeerenschnaps und Glückstee, von dem im Buch reichlich getrunken wurde.

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Veröffentlicht am 20.03.2025

Eine sehr deutsche seichte Unterhaltungsliteratur mit einigen Schwächen

Geheimnisvolles La Rochelle
1

Für mich war es der erste Roman aus dieser Reihe, und vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit dem Buch bis zum Ende nicht wirklich warm geworden bin.

Was habe ich erwartet? Einen spannenden Kriminalfall, ...

Für mich war es der erste Roman aus dieser Reihe, und vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit dem Buch bis zum Ende nicht wirklich warm geworden bin.

Was habe ich erwartet? Einen spannenden Kriminalfall, Familiengeheimnisse und Einblicke in die Cognac-Welt, das alles vor einer traumhaften Urlaubskulisse. Leider wurden meine Erwartungen nur zum Teil erfüllt.

Als "Quereinsteigerin" hat mich anfangs die Vielzahl der auftretenden Personen schlichtweg erschlagen. Tatsächlich habe ich nach 100 Seiten nochmal von vorne angefangen, weil ich nicht mehr mitkam, und mir dann ein Personenregister angelegt. Ich habe Nebenfiguren weggelassen und trotzdem standen am Ende mehr als dreißig Namen auf meinem Zettel. Das ist zu viel für 138 Seiten, zumal zumeist nur die Namen erwähnt werden, ohne dass die Personen wirklich vorgestellt werden,. Erst auf S. 118 erfährt man etwa den Vornamen des Kommissars. Dass es sich bei Adrien und Moreau um ein und die selbe Person handelt, wurde mir auch erst spät in der Handlung klar.

Es ist ja bei Büchern dieser Art üblich, dass der deutsche Autor sich hinter einem französischen Pseudonym verbirgt. Französisch vom Stil her wird das Buch dadurch allerdings nicht. Besonders anregend fand ich die Geschichte bis zum Ende nicht. Sie bewegt sich auf dem Level einer deutschen Fernsehproduktion. Die Handlung plätschert vor sich hin. Stereotype aller Art werden bedient, der miese Chef, der teekochende Maghrebiner, der maffiöse Italiener, die zickige Upperclass-Tussie,. die Gauloise-rauchende Lesbe etc. etc. Männer werden tendenziell eher mit ihrem Nachnamen genannt, Frauen mit ihrem Vornamen. Ich habe keine der Figuren als charakterlich tiefgehend beschrieben wahrgenommen. Stattdessen werden Klischees bedient.

Passend dazu verbreitet der Autor eine Familienidylle rund um den Kommissar, die mich nicht überzeugen konnte. Das Geheimnis um seine Mutter könnte spannend sein, wird aber nur am Rande erwähnt, und lässt sich für Quereinsteiger nicht gut nachvollziehen.

Besser gefallen haben mir die Landschaftsbeschreibungen und die enthaltenen Informationen zur Cognac-Herstellung.

Absolut ärgerlich, dass der Klappentext ja schon nahegelegt hat, dass es um die Cognac-Familie und ihre „dunklen Geheimnisse“ geht. Somit war klar, dass die erste Spur sich als Irrweg erweist. Dem Autor ist das nicht zwingend anzulasten, wohl aber dem Verlag. Zudem hätte ein ordentliches Lektorat dem Buch gut getan. So enthält es zahlreiche Rechtschreib- und Grammatikfehler, die vermeidbar gewesen wären.

Die Handlung hat mich nicht wirklich überzeugt, und ab einem gewissen Punkt war die Auflösung absehbar.

Fazit: eine sehr deutsche seichte Unterhaltungsliteratur für zwischendurch mit ein bisschen Frankreich-Feeling

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Veröffentlicht am 31.03.2026

Unausgegorener Verschwörungsthriller - Ein Autor auf der Suche nach dem Schöpferwind

Doppelspiel
5

Arne Dahl, einer der führenden Repräsentanten des Nordic Noir in Schweden, konnte mich mit seiner Reihe um Paul Hjelm und Kerstin Holm immer begeistern. Deshalb war ich sehr gespannt auf seinen neuen Roman ...

Arne Dahl, einer der führenden Repräsentanten des Nordic Noir in Schweden, konnte mich mit seiner Reihe um Paul Hjelm und Kerstin Holm immer begeistern. Deshalb war ich sehr gespannt auf seinen neuen Roman DOPPELSPIEL (im schwedischen Original SKAPAREN, was Schöpfer bedeutet). Diesmal hat er sich mit Jonas Moström zusammengetan, einem mir bislang unbekannten Autor. Das Cover des im Lübbe-Verlag erschienenen Taschenbuches ist gut gelungen. Farbwahl und Motiv gefallen mir sehr. Der Titel verschlingt geradezu einen Mann auf der Flucht und greift dadurch direkt das Thema des Buches auf. Aber ein schönes Cover macht noch kein gutes Buch aus.

Der Inhalt konnte mich dann leider weniger überzeugen. Die Handlung an sich ist nicht sehr originell. Krimiautor Tom Borg kämpft mit einer schweren Schreibblockade und begibt sich in zwielichtige Gesellschaft. Während Realität und Fiktion immer mehr verschwimmen, wird Borg durch Stockholm gejagt. Einziger Unterstützer ist sein invalider Freund und renommierter Dichter Lennart. Borg wird in einen Mordfall verwickelt, in dem die merkwürdige Polizistin Olivia ermittelt. Und dann ist da noch eine mysteriöse Gestalt im Hintergrund. Was als Kriminalroman verkauft wird, entpuppt sich mehr und mehr als kruder Verschwörungsthriller. Es geht rasant zu, doch entbehrt die Handlung aus meiner Sicht sowohl Tiefe als auch Logik. Die Charaktere sind plakativ und klischeehaft gestaltet, manche Sexszene ist befremdlich. Die Akteure wirken zum Teil wie aufgezogene Spielfiguren. Die Motivation hinter allem erscheint aufgesetzt. Ich möchte hier nicht zu viel verraten, deshalb klingt meine Kritik vielleicht etwas unpräzise. Da es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt, endet das Buch mit einem Cliffhanger und nicht alle offenen Fragen werden gelöst.

Fazit
In Schweden kam der Roman offenbar so gut an, dass er für den begehrten Krimipreis nominiert wurde. Mich konnte das Buch aber nicht überzeugen. Dafür enthält es leider zu viele Ungereimtheiten und Ärgernisse. Ich komme nicht umhin hier nur zwei Sterne vergeben zu können. Schade. Den Nachfolgeband werde ich wahrscheinlich nicht lesen.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Sollte Deutschland dieses Buch lesen?

Real Americans
0

Ein Hoch auf das Marketing von Kiepenheuer & Witsch. Da wird ein 526-Seiten-Wälzer zum Mittelpunkt einer Aktion mit dem Namen “Deutschland liest ein Buch” gekürt, wobei es sich bei dieser Aktion um eine ...

Ein Hoch auf das Marketing von Kiepenheuer & Witsch. Da wird ein 526-Seiten-Wälzer zum Mittelpunkt einer Aktion mit dem Namen “Deutschland liest ein Buch” gekürt, wobei es sich bei dieser Aktion um eine Erfindung des Verlages handelt. Das ist schon clever gemacht. Versprochen wird uns “ein großer amerikanischer Roman über Herkunft, Identität, Streben nach Zugehörigkeit und den alles überschattenden Wunsch, dass es der nächsten Generation besser gehen soll”, so der Klappentext. Wer so viele Erwartungen aufbaut, muss sich auch daran messen lassen.

Voller Erwartung habe ich also das Buch “Real Americans” von Rachel Khong zur Hand genommen. Das (Schmutz)Cover lässt sich durchaus sehen, eine geschlossene Muschel vor hellblauem Hintergrund, passend dazu der Titel und das Lesebändchen in hellem gelb. Und tatsächlich taucht das Motiv der Auster an zahlreichen Stellen im Buch auf. Allerdings ist das fast schon das am besten gelungene Detail.

Sprachlich ist das Buch keine Herausforderung, es ist leicht zu lesen, wird mir aber stilistisch wohl nicht in Erinnerung bleiben. Aufbau und Inhalt sind dann leider ziemlich enttäuschend. Der Roman gliedert sich in drei Teile. Im ersten geht es um eine Liebesgeschichte zwischen der chinesischstämmigen Lily, unbezahlte Praktikantin und dem superreichen Pharmakonzern-Sprößling Matthew. Was sich nach Kitsch anhört, hätte trotzdem spannend werden können. Doch Khong bleibt hier und in den weiteren Teilen des Buches leider zumeist oberflächlich. Die Figuren wirken hölzern und unnahbar, sie kommunizieren zu wenig miteinander und so erschließen sich oft nicht die Gründe für ihr Handeln.

Im zweiten Teil begegnen wir ihrem gemeinsamen Sohn Nick und im dritten Teil vor allem Lilys Mutter May/Mei. Was klingt wie eine Familiensaga bleibt leider eine Anhäufung von Episoden im Schnelldurchlauf. Doch dann wieder stockt der Lesefluss und einzelne Abschnitte werden quälend ausufernd erzählt, ohne dass sie die Geschichte wirklich voranbringen. Eine unendliche Zahl an Themen wird angerissen, ohne dass auch nur eines davon eine ausreichende Tiefe erhält: ethnische Zuschreibungen, Geschlechterdivergenzen, Klassenzugehörigkeit, Drogenmissbrauch, Bioethik, maoistischer Steinzeitkommunismus, ein bisschen Mystik, Millennium und 9/11 - und wahrscheinlich habe ich noch einige vergessen. Doch da das alles an der Oberfläche bleibt, reihen sich oft die Klischees aneinander.

So hat sich mir leider nicht erschlossen, warum Deutschland dieses Buch lesen sollte. Man kann es lesen, kann seine Zeit aber auch anders verbringen. Ehrlicherweise kann ich hier nur 2 Sterne ⭐⭐ vergeben.

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