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Veröffentlicht am 10.06.2025

Nabelschau einer selbstbezogenen Frau in zwei Szenarien

Im Leben nebenan
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"Im Leben nebenan", das Debüt von Anne Sauer, klang erst einmal wirklich vielversprechend: erzählt werden zwei parallele mögliche Leben einer jungen Frau. Abwechselnd lesen wir in kurzen Kapiteln von "Toni" ...

"Im Leben nebenan", das Debüt von Anne Sauer, klang erst einmal wirklich vielversprechend: erzählt werden zwei parallele mögliche Leben einer jungen Frau. Abwechselnd lesen wir in kurzen Kapiteln von "Toni" und von "Antonia". Die Rahmenhandlung und Perspektive, aus der beide Leben reflektiert werden, bildet dabei Toni, deren Ich zum Teil in einer Parallelwelt landet, in der sie sich anders entschieden hat und als Folge daraus ein ganz anderes Leben führt.

Toni hat schon jung eine sehr innige Beziehung mit Adam geführt. Doch Adam hatte keine so großen Ambitionen wie sie, ihm reichte ein Studium in der Nähe, er ist heimatverwurzelt und wollte Familie. Toni hingegen wollte "etwas aus sich machen", in die große Stadt und dort studieren. Dafür hat sie ihn verlassen und ihm das Herz gebrochen. Danach hat sie sich in diverse Kurzzeitbeziehungen gestürzt und schließlich Jakob kennen gelernt. Die beiden haben - als Selbstzahler, denn heiraten möchten sie in ihrer alternativen Szene offenbar nicht oder zumindest ringt sich keiner von beiden dazu durch, das Thema anzugehen - unzählige erfolglose Kinderwunschbehandlungen einschließlich Fehlgeburten hinter sich. Nun will Toni das nicht länger mit sich machen lassen und hat einseitig ihren Kinderwunsch aufgegeben.

Parallel dazu erfahren wir das Leben von Antonia, einem Parallel-Ich von Toni, in das sie geschleudert wird, während gleichzeitig in den anderen Kapiteln Tonis Leben weitergeht. Toni/Antonia wacht auf einmal in einem Leben auf, in dem sie Adam nie verlassen hat, immer an seiner Seite war, in dem sie verheiratet sind und eine kleine Tochter haben. Sogar eine Kaiserschnittnarbe hat sie und es gibt Fotos, Sprachnachrichten und Erinnerungen vieler anderer Menschen an dieses Leben... nur Antonia erinnert sich an nichts davon, nicht an Schwangerschaft, Geburt, Hochzeit etc., denn ihre Erinnerungen sind die an das Leben von Toni mit Jakob in der großen Stadt.

Anfangs will Antonia unbedingt aus dem als fremd erlebten Leben flüchten und kann sich überhaupt nicht auf das neue Leben einlassen. Obwohl ihre innere Toni-Identität so viele erfolglose Kinderwunschbehandlungen im anderen Leben hinter sich hatte, an die sie sich erinnert, lehnt sie ihre Mutterrolle nun so sehr ab, dass sie mehrmals überlegt, sich selbst, ihrem Kind oder beiden das Leben zu nehmen und dafür sogar konkrete Pläne macht, die für alle, die mit dem süßen kleinen Baby Hanna mitfühlen, sehr schmerzhaft zu lesen sein könnten. Erst langsam gewöhnt sie sich an ihr neues Leben und kann ihm durchaus auch etwas abgewinnen.

Insgesamt lässt mich die Lektüre dieses Buches etwas ratlos zurück. Hängen bleibt bei mir das Psychogramm einer sehr selbstbezogenen Frau - das trifft sowohl für Toni als auch für Antonia zu - die viele Entscheidungen sehr unbedacht und egoistisch trifft und dabei andere Menschen verletzt, und der auch jeglicher Sinn dafür fehlt, zu schätzen, was sie Gutes in ihrem Leben hat: das gilt für beide Szenarien. Damit ist mir Toni/Antonia sehr unsympathisch. Das macht sie als Figur aber nicht unrealistisch, denn solche Menschen gibt es und in sich ist die Figur durchaus konsistent dargestellt.

Das Szenario mit den zwei parallelen Leben hätte hingegen mehr Potential gehabt. Dadurch, dass Toni so in Antonias Leben geschleudert wird, aber mit den Erinnerungen und der Persönlichkeit Toni bleibt, war wenig Raum für grundsätzlich unterschiedliche Persönlichkeitsentwicklungen, die bei zwei real so unterschiedlich verlaufenden Leben sehr wahrscheinlich gewesen wären. Wir haben somit einerseits die Kapitel aus Tonis Perspektive und andererseits jene, in denen Toni/Antonia am liebsten ihr Toni-Leben zurückwill. Das hat für mich das alternative Szenario sehr blass gemacht - da kenne ich deutlich gelungenere Bücher zu alternativen Leben. Auch das Ende war zumindest mir nicht ganz klar und hat mich rätselnd zurückgelassen.

Insgesamt ist es ein solides Buch, das durchaus interessant und unterhaltsam geschrieben ist und zum Nachdenken anregt. Aus der Idee hätte sich aber mehr machen lassen. Ich empfehle das Buch jenen, die sich für diese Thematik interessieren und die gerade kein persönliches Thema mit Kinderwunsch oder Kinderwunschbehandlungen haben (ansonsten könnte einiges im Buch sehr triggernd sein).

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Veröffentlicht am 15.05.2025

Wie man ein erfolgreiches Astro-Business aufbaut

Stars
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Katja Kullmann war bisher eher für Sachbücher bekannt, so hat sie in diesem Bereich "Generation Ally" und "Die singuläre Frau" verfasst. Umso neugieriger hat mich gemacht, dass sie nun ihr Romandebüt veröffentlicht ...

Katja Kullmann war bisher eher für Sachbücher bekannt, so hat sie in diesem Bereich "Generation Ally" und "Die singuläre Frau" verfasst. Umso neugieriger hat mich gemacht, dass sie nun ihr Romandebüt veröffentlicht hat.

In "Stars" geht es um ein Thema, das mittlerweile in der zeitgenössischen, von sehr gebildeten und sozial privilegierten Frauen im deutschen Sprachraum verfassten Literatur sehr häufig geworden ist: die kinderlose Single-Frau mittleren Alters auf der Suche nach sich selbst.

Um eine solche handelt es sich auch bei der Hauptfigur dieses Romans, aus deren Perspektive, in der ersten Person erzählt, wir auch die Handlung erleben: Carla Mittmann war einmal eine sehr ambitionierte und interessierte Philosophiestudentin und hat es bis kurz vor Studienabschluss geschafft, bis sie dann schließlich aufgrund eines Vorfalls exmatrikuliert wurde und ihr Studium ohne Abschluss beenden musste. Das ist schon einige Jahre her, mittlerweile ist sie keine ganz junge Frau mehr, sondern hat auf jeden Fall schon ihren 40er hinter sich. Dennoch ist sie im Leben irgendwie hängen geblieben: nach ihrer Exmatrikulation hat sie einen langweiligen und von ihr als sinnlos empfundenen 20-Stunden-Bürojob angenommen, in dem sie die Korrespondenz für die Büroausstattung von Gewerbeimmobilien erledigt, und jeweils um die Mittagszeit die Firma verlässt. Die Nachmittage widmet sie ihrer nicht angemeldeten, inoffiziellen Tätigkeit als Astro-Charly, bei der sie über eine eher antiquiert wirkende Website Dienstleistungen im Bereich Astrologie anbietet, diese mit Hilfe eines Astrologieprogramms und mit Textbausteinen erstellt und sich auf diese Weise schwarz und über Paypal noch einmal ein kleines Nebeneinkommen dazu verdient. Ansonsten gibt es, abgesehen von einer losen Affäre, nicht viel Berichtenswertes aus dem Leben der Carla Mittmann, und so vergehen die Jahre, sie wird älter, ohne viel Sinn in ihrem Leben und ohne irgendetwas Spezielles erreicht oder ihre Träume verwirklicht zu haben.

Das sind etwa die ersten 100 von 250 Seiten des Buches, sehr viel passiert da nicht: außer ein Pflasterstein, der durch ihre Fensterscheibe fliegt, 10.000 Dollar in einem Paket in alten Scheinen vor ihrer Wohnungstür und ein Schriftzug "Freiheit für Mittmann".

All dies - die Hintergründe davon sind und bleiben unklar - leitet in gewisser Weise eine Wende in Carlas Leben ein: die Dollar stellen sich als echt heraus, doch sie muss diese gar nicht ausgeben, es reicht ihr, deren Sicherheit im Hinterkopf zu haben, um ihren ungeliebten Teilzeitjob zu kündigen und ihr Astrobusiness neu aufzuziehen. Hier zeigt die bisher eher unambitionierte und wenig ehrgeizige Frau auf einmal, dass sie durchaus ein Gefühl dafür besitzt, wie man ein erfolgreiches Business aufbaut. Das ist auch die Ebene, auf der man nach meiner Einschätzung am meisten aus dem Buch mitnehmen kann: wer ein Online-Business im Beratungsbereich (das muss nicht Astrologie sein) aufbauen möchte, kann sich durchaus einiges aus den sehr detaillierten geschilderten Schritten, wie Carla Mittmann immer mehr zu einer Starastrologin wird, mitnehmen. Das ist interessant und realistisch geschildert.

Im Hintergrund läuft ein bisschen die Frage, ob und wie sehr Carla Mittmann selbst an ihre Analysen glaubt und was es mit ihr macht, in diesem Bereich tätig zu sein... für mich war das aber eher ein Nebenthema, auch wenn es dazu gegen Ende eine interessante Wendung gibt.

Insgesamt ist es ein sehr ruhig zu lesendes Buch, dessen Handlung nur langsam voranschreitet und das eher wenige Spannungsmomente hat. Selbst der mysteriöse Einbruch in Carla Mittmanns Leben mit dem Stein, den Dollars und dem Schriftzug dient nur als Katalysator für eine Wende, die sie ihrer Laufbahn auch so hätte geben können, wenn sie gewollt hätte.

Inhaltlich und menschlich schätze ich an dem Buch, dass die Astrologie zwar durchaus kritisch betrachtet wurde, aber man auch merkt, dass sich die Autorin ernsthaft damit auseinandergesetzt hat, wie die in diesem Bereich Tätigen arbeiten und diesen Bereich nicht nur oberflächlich heruntermacht, sondern bei aller kritischen Betrachtungsweise durchaus respektvoll damit umgeht. Und dass das Buch einige spannende Fragen dazu aufwirft, wer wir sind und ob und wodurch unser Schicksal bestimmt wird - und was es mit uns macht, wenn wir das glauben. Auch ist es stellenweise recht unterhaltsam und humorvoll geschrieben. So ist es insgesamt ein Buch, von dem ich durchaus auf einigen Ebenen einige interessante Gedanken und Ideen mitnehmen konnte.

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Zwei Leseweisen für ein ganz spezielles Buch

Frühlingsnacht
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"Frühlingsnacht", das vierte Buch des norwegischen Autors Tarjei Vesaas, habe ich zuerst relativ rasch gelesen, mit anderen diskutiert und dann schließlich danach noch einmal aus einem neuen Blickwinkel ...

"Frühlingsnacht", das vierte Buch des norwegischen Autors Tarjei Vesaas, habe ich zuerst relativ rasch gelesen, mit anderen diskutiert und dann schließlich danach noch einmal aus einem neuen Blickwinkel durchgesehen. Denn selten ist mir ein Buch begegnet, das mich dermaßen verwirrt hat: beim Lesen selbst und in der Diskussion in einer Leserunde.

In dieser Rezension möchte ich nun meinen Lese- und Rezeptionsprozess schildern, in der Hoffnung, dass er anderen eine Entscheidungshilfe sein könnte, um sich bewusst für oder gegen die Lektüre dieses Buches zu entscheiden.

Wie habe ich das Buch beim ersten Mal gelesen? In Norwegen, etwa in den 1960er Jahren, leben der 14-jährige Hallstein und seine 18-jährige Schwester Sissel gemeinsam mit ihren Eltern in einem etwas abgelegenen Haus am Land. Nun sind die Eltern ins Nachbardorf auf ein Begräbnis gefahren und werden erst am nächsten Tag zurückkommen, die beiden Jugendlichen sind also für eine Nacht alleine, und insbesondere Hallstein ist voll der Vorfreude auf diesen elternlosen Abend.

Die besondere Sprache des Buches zeigt sich schon gleich am Anfang, der Autor findet neue und ungewöhnliche, oft sehr aussagekräftige Metaphern wie z.B. "Das ganze Haus fühlte sich anders an, weil dies eine Mal beide, Vater und Mutter weggefahren waren. Sie waren heute früh weggefahren, und sie hatten ihr eigenes Gewicht mitgenommen." (S. 5)

Sissel hat einen Verehrer, Tore, und Hallstein beobachtet die beiden heimlich. Ansonsten wirkt Hallstein noch ziemlich verträumt-kindlich, sehr naturverbunden und etwas naiv, hat eine unsichtbare, erfundene Gudrun als Begleiterin, und ist insgesamt ein liebenswerter, aufrichtiger Junge. Seiner älteren Schwester ist er in großer Zuneigung verbunden.

Etwa das erste Viertel des Buches sind die beiden Geschwister alleine und Hallstein hat in der Natur Begegnungen mit einer Schlange und mit Schnecken. Wenn man sich darauf einlassen kann, dann hilft dieser Teil des Buches dabei, sich voll und ganz auf die Perspektive des heranwachsenden Jungen Hallstein einzuschwingen, und bei dieser zu bleiben. Das kann ich sehr empfehlen, wenn man auch die weitere Lektüre des Buches genießen möchte. Mir ist es leider bei der ersten Lektüre nicht gelungen.

Denn dann bricht das Unbekannte, Mystische, Rätselhafte... und für mich gefühlt über weite Strecken der Lektüre auch ziemlich Bedrohliche, über die Geschwister herein. Eine unbekannte Familie strandet in der Nähe des Hauses und braucht und fordert Unterstützung. Die Familie besteht aus dem alten Hjalmar, seiner zweiten Frau Kristine, die nach einem Streit vorgibt, nicht mehr gehen und nicht mehr sprechen zu können und erst einmal lang im Auto sitzen muss, bis sie ins Haus getragen wird, dem erwachsenen Sohn Karl, der kriegstraumatisiert ist und auf mich latent bedrohlich wirkte, dessen hochschwangerer Partnerin Grete sowie der 13-jährigen Tochter Gudrun. Karl und Gudrun sind die Kinder von Hjalmar, aber nicht von Kristine, sie ist, wie an irgendeiner Stelle im Buch von Gudrun erwähnt wird "die Mutter von niemandem".

Allein diese Familienkonstellation so, wie ich sie hier scheinbar logisch klingend aufschreibe, zu entschlüsseln, hat bei mir schon eine Weile an Lesezeit gedauert. Denn wir nähern uns der Familie stückchenhaft an, über viele Dialoge, die sich mir über weite Teile nicht wirklich erschlossen haben. Ich habe mir sehr lange überhaupt keinen Reim auf diese seltsame Familie und ihre Dynamiken machen können und viele Fragen sind bis zum Ende offen geblieben: beispielsweise der Streit zwischen Hjalmar und Kristine im Vorfeld, der immer wieder angedeutet wird, aber kurz, bevor irgendetwas näher erklärt würde, wird abgebrochen und gemeint, die Details seien nicht von Bedeutung. Ebenso Kristine, die offenbar nur so tut, als ob sie nicht gehen und reden könnte und Karl damit bestrafen will, aber zumindest mit Hallstein spricht - aber nur, wenn sonst keiner im Zimmer ist. Ein mysteriöser Todesfall gegen Ende, der absolut nicht aufgeklärt wird: es wird nicht einmal ein Versuch in diese Richtung unternommen. Und verschiedene Familienmitglieder, die den völlig überforderten, 14-jährigen Hallstein um Hilfe bitten, immer wieder, und teils sehr eindringlich, doch oft wird nicht einmal klar, warum und wofür.

Das Buch ist also sehr rätselhaft und hat viele offene Themen, die auch bis zum Ende nicht aufgeklärt werden. Vieles habe ich auch einfach nicht verstanden, weil mir Erzählweise und Sprache nicht sehr zugänglich waren, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass ich aus einer ganz anderen Generation stamme als der Autor und fast 90 Jahre jünger bin als er (jedoch sind bei weitem nicht alle Klassiker so unverständlich für mich, es kann also nicht nur daran liegen).

Unmittelbar nach der Lektüre hat mich das Buch sehr frustriert und verärgert zurückgelassen. Mir ist es eben nicht gelungen, ausschließlich bei der Perspektive des 14-jährigen Hallsteins zu bleiben, sondern ich war neugierig auf Antworten auf die vielen offenen Fragen, habe aber kaum welche bekommen.

Nun, nach eingehender Diskussion mit anderen über das Buch, und meiner Verwunderung darüber, dass es Menschen gibt, die davon so begeistert sind, dass sie es mit Lobpreisungen und Höchstwertungen versehen, habe ich es mir noch einmal durchgeschaut, mit Blick auf die Perspektive des 14-jährigen Hallstein.

Und tatsächlich: wenn es einem gelingt, ausschließlich bei dieser Perspektive zu bleiben und die Rätsel der Familie nicht wie einen Krimi entschlüsseln zu wollen, dann kann es ein sehr lohnenswertes Buch sein. Denn mit diesem Fokus fallen mir die vielen schönen, poetischen Formulierungen viel stärker auf, über die ich beim ersten Mal - ungeduldig auf der Suche nach Antworten auf meine offenen Fragen - oft fast drübergelesen habe, weil sie nichts zu diesem Thema beigetragen haben.

Genießen lässt sich dieses Buch wohl wirklich nur, wenn man sich voll und ganz auf Hallsteins Entwicklungs- und Reifeprozess einlässt, der durch die mysteriösen Geschehnisse dieser Frühlingsnacht und die Aufforderungen der Erwachsenen an ihn, sie zu unterstützen, stark beschleunigt wurde.

Dann finden sich zum Beispiel Stellen wie diese, die zeigt, wie Hallstein offen wird für den Zauber des anderen Geschlechts und gleichzeitig erkennt, wie wenig er davon bisher weiß:

"Allerlei ungeordnete Gedanken durchzogen ihn. Bleib hier, schönes Licht. Bleib hier, Hand. Bleibt hier, schöne Augen. Frauen. Was weiß ich schon?, dachte er. Halb angsterfüllte, halb beschämte Dinge. Schön, dass du endlich kommst, hat sie vorhin gesagt. Etwas von so einer Frau gesagt zu bekommen, das war wunderbar. Der Zauber des Unbekannten." (S. 110)

Oder auch diese, zur Geburt des Babys, das in Hallsteins und Sissels Haus auf die Welt kommt, nachdem Hallstein dabei geholfen hatte, eine Hebamme zu organisieren:

"Hallstein stand mitten im Zimmer, etwas benommen. Er hatte das brausende Leben kennen gelernt, von einer neuen Seite." (S. 65)

Für den Jugendlichen, der Hallstein ist, sind so viele Mysterien des Lebens noch neu und unverständlich. Und wir erleben das Buch ausschließlich aus seiner Perspektive: es gibt im ganzen Buch keine Szene, bei der er nicht dabei wäre und die nicht durch seine Augen betrachtet geschildert ist.

So gesehen kann ein Teil der Verwirrung beim Lesen erklärt werden: was für Hallstein nicht klar und verständlich ist, wird auch uns beim Lesen nicht klar werden, denn es gibt keine weitere Perspektive, die diese Dinge erklären könnte. Somit kann sich ein Teil der Verwirrung auflösen, wenn man es schafft, beim Lesen ganz in dieser Haltung zu bleiben, was mir, wie gesagt, erst bei der wiederholten Beschäftigung mit der Geschichte gelungen ist.

Dennoch bleiben auch dann einige ungeklärte Dinge, bei denen ich mir wünschte, der Autor hätte nicht gar so vieles dermaßen offen gelassen. Dann wäre es für mich insgesamt auch beim ersten Mal schon ein wesentlich angenehmeres Leseerlebnis gewesen und ich hätte mich dann vielleicht auch eher schon von Anfang an auf Hallstein und seinen Reifungsprozess einlassen können, weil ich nicht so damit beschäftigt gewesen wäre, zu versuchen, unentschlüsselbare Rätsel zu lösen.

Insgesamt ist es für mich also ein sehr schwer zu erschließendes Werk, das aber auf jeden Fall sehr vom gemeinsamen Lesen und Austausch profitieren kann. Qualitativ weist es für mich sowohl 5-Sterne-Elemente (die sehr poetische Sprache, das hohe Einfühlungsvermögen in den Reifungsprozess eines bisher kindlichen 14-jährigen,...) als auch 1-Sterne-Elemente auf (die vielen offenen Fäden, die bis zum Ende nicht zusammengebracht werden, das war für mich zu viel der Verwirrung). Somit gebe ich dem Buch insgesamt eine 3-Sterne-Wertung, die aber dem Buch in seiner Differenziertheit nicht ganz gerecht wird, jedoch in Summe für mich noch die fairste Annäherung eines standardisierten Beurteilungsprozesses für ein sehr außergewöhnliches Buch darstellt.

Jenen, die sich für das Buch näher interessieren, rate ich, sich vorher genau damit zu beschäftigen, um was für ein Buch es sich handelt, und jedenfalls kurz hineinzulesen (nicht nur in die ersten Seiten, sondern auch zu den Stellen, an denen die mysteriöse Familie schon da ist), um zu entscheiden, ob man sich auf dieses sehr spezielle Buch einlassen möchte. Ich für meinen Teil bin froh, dass ich das Buch nicht alleine, sondern in einer Leserunde gelesen habe - so konnte ich noch einmal eine neue Perspektive dazu gewinnen und mir am Ende doch noch einiges an Erkenntnissen daraus mitnehmen. Weitere Bücher des Autors werde ich persönlich aber nicht mehr lesen, offenbar passen meine Erwartungen und der Schreibstil dieses Autors zu wenig zusammen.

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Veröffentlicht am 26.03.2025

Atmosphäre überzeugt, Figuren nicht

Twist
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In "Twist" gelingt Colum McCann das Kunststück, das bisher vielen Menschen, so auch mir, wenig bekannte Thema der im Meer verlaufenden Glasfaserkabel, über die ein Großteil der Informationen im Internet ...

In "Twist" gelingt Colum McCann das Kunststück, das bisher vielen Menschen, so auch mir, wenig bekannte Thema der im Meer verlaufenden Glasfaserkabel, über die ein Großteil der Informationen im Internet transportiert werden, nahbar und spannend aufzubereiten. Durch die Augen von Fennell, eines irischen Journalisten, erleben wir diese Welt hautnah mit. Fennell ist beauftragt, einen Artikel über diese Kabel zu schreiben, und begibt sich zu diesem Zweck für mehrere Wochen an Bord eines Reparaturschiffs für Kabelbrüche in der Tiefsee, das startend von Kapstadt aus die afrikanische Westküste entlang Richtung Norden fährt, um einen Kabelbruch zu beheben.

Was diese Ebene angeht, habe ich in diesem Buch sehr viel gelernt: zum Beispiel, dass der Großteil der Information nicht etwa über Satelliten übermittelt wird (das scheint viel zu teuer zu sein), sondern über diese Kabel. Dass es im Meer richtige Canyons gibt und die Kabel nicht einfach drübergespannt werden können, weil sie sonst aufgrund der Spannung reißen würden, sondern dem Verlauf des Canyons bis hinunter auf seinen Grund und dann wieder hinauf folgen müssen. Wie drastisch es sein kann, wenn solche Kabel kaputt gehen oder sabotiert werden: da hat gleich mal ein großer Teil Afrikas kaum mehr zuverlässiges Internet, bis es repariert ist. Und noch vieles mehr.

Auch Apnoetauchen spielt eine Rolle im Buch - einige der Charaktere üben es aus - und wird sehr atmosphärisch geschildert: man hat das Gefühl, bei den Tauchgängen dabei zu sein und mit den Apnoetauchern die Unterwasserwelt mit all ihren Schönheiten, aber auch nachdenklich stimmende Objekte wie einen von den Tauchern angelegten steinernen Unterwasserfriedhof für die dabei ums Leben gekommenen, sowie Plastikfetzen als Mahnmale der Umweltverschmutzung wahrzunehmen.

Da, wo es also um die Sachebene geht, um die Schilderung einer Umgebung, einer Atmosphäre oder auch einer Technik, ist Colum McCann einfach großartig, und Schreiben kann er definitiv, das Buch liest sich unterhaltsam und leichtgängig.

Jetzt kommt das große Aber: auf psychologischer Ebene hat mich das Buch absolut nicht überzeugt. Es kommen einige Figuren vor, von denen wir manche näher kennen lernen: eben den irischen Journalisten Fennell, dann Conway, den ebenfalls irischstämmigen Kapitän des Reparaturschiffs, dessen dunkelhäutige Partnerin Zanele, Mutter von Zwillingen, die als Schauspielerin in Großbritannien berühmt wird, und einige Personen der Besatzung des Schiffes. Von all diesen Personen ist mir keine einzige gefühlsmäßig nahe gekommen, von niemandem könnte ich nach der Lektüre des Buches eine tiefgründige Charakterisierung zeichnen, alle blieben für mich in ihrer Charakterisierung sehr an der Oberfläche. Auch die Motivation und Handlung der Personen, die sich in manchen Bereichen speziell gegen Ende des Buches drastisch zuspitzt, bleibt weitgehend im Dunkeln und nicht nachvollziehbar, beispielsweise ist der Journalist Fennell von Anfang an, ohne nähere Erklärung dafür, fast besessen von dem zurückgezogenen Conway (und von dessen Partnerin Zanele, die er ein einziges Mal gesehen hat) und will unbedingt all dessen Geheimnisse aus dessen Privatleben aufspüren (was ihm eh nicht wirklich gelingt).

Es gibt auch viel toxisch stereotyp männliches Verhalten: Rivalität, Konkurrenz, Alkoholismus usw., sowie Referenzen auf Filmszenen, die ich nicht kenne und mit denen ich als Symbol nichts anfangen konnte (z.B. jemand schlägt aus Wut einen Spiegel ein). Auch dieses wurde für mich viel zu wenig erklärt oder in einen Kontext gesetzt, der Autor nimmt mich als Frau nicht wirklich mit in diese Welt und macht sie für mich nicht nachvollziehbar.

Entweder der Autor kann Figurendarstellung nicht besser - das kann ich schwer beurteilen, denn ich habe nur ein einziges weiteres Buch von ihm gelesen: "American Mother", das mich in dieser Hinsicht auch nicht sehr überzeugt hat - oder er legt all die Figuren bewusst so wage an, um ihre Einsamkeit und Unverbundenheit zu zeigen... das wäre aber auch besser gegangen und lässt mich als Leserin unzufrieden zurück.

Am Ende des Buches findet sich ebenfalls eine sehr atmosphärische Unterwasserweltbeschreibung samt genauester Anleitung für einen Sabotageakt (technisch so genau beschrieben, dass man es nachmachen könnte, das finde ich fast schon bedenklich - was will uns der Autor damit sagen?), aber die Motivation der handelnden Person bleibt auch hier völlig im Dunkeln.

Mitgenommen habe ich aus dem Buch, wie gesagt, das Wissen über die Unterwasserseekabel, sowie ein einigermaßen unterhaltsames Leseerlebnis, das aber sehr unbefriedigend geendet hat, weil keine meiner offenen Fragen beantwortet wurden... wie lose, zerschnittene Kabel hängen sie nun in meinem Kopf herum. Keine klare Leseempfehlung: wer sich allein für die Unterwasserkabel interessiert, wird dieses Wissen vermutlich auch an anderen Orten finden können.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Daraus hätte man mehr machen können

Peggy
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Ein historischer Roman über die schillernde Peggy Guggenheim - das klang spannend!

Anfangs habe ich das Buch auch sehr gern gelesen, speziell die Kindheit von Peggy war interessant geschildert, ich habe ...

Ein historischer Roman über die schillernde Peggy Guggenheim - das klang spannend!

Anfangs habe ich das Buch auch sehr gern gelesen, speziell die Kindheit von Peggy war interessant geschildert, ich habe mich der Figur gleich nahe gefühlt, mit ihr um ihren beim Untergang der Titanic verschollenen Vater getrauert und gut nachfühlen können, dass sie sich immer anders gefühlt hat und mehr wollte als ihre reiche, ihr aber oberflächlich und immer auf den äußeren Schein bedachte Familie.

Eine Schlüsselszene dazu: Peggy arbeitet als junge Frau, um Erfahrungen zu sammeln - das Geld braucht sie nicht und bekommt auch nicht wirklich einen Lohn ausbezahlt - aushilfsweise in einer Buchhandlung. Ihre ebenfalls reichen Tanten kommen ins Geschäft und möchten 5 Regalmeter Bücher kaufen, egal welche. Der Inhalt interessiert sie nicht, es geht rein um Bücher als Dekoration, wichtig sind die harmonische Farbe und Gestaltung der Buchrücken.

So möchte Peggy nicht sein, sie möchte sich mit Menschen umgeben, die tatsächlich Bücher wegen ihres Inhalts schätzen. Ähnlich geht es ihr mit der Kunst: in den schwerreichen Kreisen, in denen sie sich bewegt, sammeln einige Menschen Kunstwerke, um sie wegzusperren. Peggy liebt Kunst, ihr Interesse dafür wurde schon in ihrer Kindheit durch ihren Vater geweckt, und sie findet, Kunst sollte an Orten ausgestellt werden, an denen viele Menschen sie genießen können.

Also: eine sehr interessante Person und eine sehr interessante Zeit. Man hätte aus diesem Buch viel machen können.

Aber: leider hat das Buch kaum einen Spannungsbogen und ist über weite Strecken einfach nur langweilig. Es geht um gesellschaftliche Events, Bälle, belanglose Unterhaltungen zwischen verschiedenen Personen, die aber nicht wirklich zu irgendetwas Interessantem führen. Ich hatte das Gefühl, je weiter ich mit der Lektüre gekommen bin, desto langweiliger wurde das Buch, und desto mehr habe ich auch den Bezug zu der in diesem Roman portraitierten Peggy verloren... als sie etwa Ehefrau und Mutter wurde, konnte ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen, wie es ihr damit überhaupt wirklich ging als Freigeist, der sie war.

Ich muss also leider sagen, dass dieses Buch meine hohen Erwartungen nicht erfüllt. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir dadurch die echte Peggy Guggenheim wirklich nahegekommen ist, und eine spannende Unterhaltung war es auch nicht. Deshalb drei Sterne für ein grundsätzlich spannendes Porträt einer sehr interessanten Frau, das streckenweise interessant ist.

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