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Veröffentlicht am 21.03.2025

Kultige Liebesgeschichte

Harold und Maude
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Harold und Maude, das ungleiche, ein wenig exzentrische und sehr liebenswerte Liebespaar aus dem gleichnamigen Film, sind Kult. Was ich bis zur Wiederauflage im Rahmen von Diogenes Modern Classics Reihe ...

Harold und Maude, das ungleiche, ein wenig exzentrische und sehr liebenswerte Liebespaar aus dem gleichnamigen Film, sind Kult. Was ich bis zur Wiederauflage im Rahmen von Diogenes Modern Classics Reihe nicht wusste: Es handelte sich um eine Literaturverfilmung. Nun ist der Roman von Colin Higgins wieder erschienen und ich habe ihn mit Begeisterung gelesen.

Die Geschichte ist vermutlich allen, die nun zum Buch greifen, bekannt: Der 19 Jahre alte Harold ist reich, aber unglücklich. Mit fingierten Selbstmorden versucht er die Aufmerksamkeit seiner stets abgelenkten Mutter zu gewinnen, doch die sorgt sich vor allem um den Ruf der Familie angesichts des exzentrischen Sprösslings, der mit Vorliebe Beerdigungen besucht. So lernt er auch Maude kennen, 79 Jahre und im Unterschied zu Harold ausgesprochen lebensfroh, optimistisch und mit kreativem Temperament.

Spoiler-Gefahr besteht angesichts der Bekanntheit der Verfilmung wohl nicht. Was mir nun aber klar ist - der Film hat den Charakter des Romans wunderbar getroffen. Es ist vielleicht unvermeidlich, dass beim Lesen des nicht einmal 200 Seiten langen Buches Kopfkino abläuft. Doch auch ganz für sich bezaubert der Roman mit seinem leichten Ton, der ironischen Beobachtung von Harolds Umfeld und eben der bittersüßen Beziehung zwischen Harold und Maud, die keine lange Zukunft hat. Maudes Lebensfreude ist ansteckend, und wie sie Harold aus seiner privilegierten Einsamkeit ins Leben holt, ist einfach wunderbar zu lesen.

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Veröffentlicht am 19.03.2025

Engagierte Anwältin mit einem Dilemma

Dunkle Momente
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Mit "Dunkle Momente" hat die Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven weniger einen Justizroman als einen Reihe von Fallgeschichten geschrieben, eingebettet in eine Rahmenhandlung um die engagierte Strafverteidigerin ...

Mit "Dunkle Momente" hat die Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven weniger einen Justizroman als einen Reihe von Fallgeschichten geschrieben, eingebettet in eine Rahmenhandlung um die engagierte Strafverteidigerin Eva Herbergen. Sie trifft gleich auf den ersten Seiten des Buches eine Entscheidung über ihre berufliche Zukunft. Die in den folgenden Kapiteln vorgestellten Fälle sind sowohl Erläuterung, wie es zu dieser Entscheidung kam als auch (Selbst-)-Rechtfertigung der Erzählerin für Entscheidungen, die nicht allesamt mit Recht und Gesetz zu tun hatten, sondern eben auch mit Gerechtigkeitsempfinden und moralischem Kompass. Und es geht um die Frage, wie weit eine Verteidigerin gehen kann im Interesse ihres Mandanten oder ihrer Mandantin.

Richterinnen und Richter müssen "unabhängig und nur dem Gesetz" verpflichtet sein - Strafverteidiger sind Partei, müssen das Bestmögliche für Angeklagte erreichen - egal, ob diese schuldig oder unschuldig, sympathisch oder nicht sind. In einem Strafprozess hat jeder Angeklagte das Recht auf Unschuldsvermutung und fairen Prozess - egal wie abscheulich die ihnen vorgeworfenen Taten sind. Und oft werden Verteidiger, gerade in Strafsachen mit hohem Gesprächs- und Aufmerksamkeitswert, von einigen angegriffen und angefeindet, weil sie einen bestimmten Angeklagten verteidigen.

Ich-Erzählerin Herbergen ist Strafverteidigerin aus Überzeugung und Leidenschaft, die auch Grenzen des Statthaften überschreitet. Das moralische Dilemma, das ihre Entscheidungen hervorruft, lässt sie irgendwann nicht mehr ruhen. Die "Dunklen Momente" sind auch die Bilanz eines Juristenlebens, das alles andere als Dienst nach Vorschrift bedeutete. Auch eine erfahrene Anwältin kann getäuscht werden oder beim Abwägen von Recht und Gerechtigkeit - beides ist bekanntlich nicht immer identisch - schwierige Entscheidungen treffen.

Einige der vorgestellten Fälle mögen bekannt klingen und orientieren sich an tatsächlichen Strafprozessen, die ähnliches behandelt haben. Als Justiz-Profi hat Hoven sicherlich einen engen Einblick in die Denk- und Argumentationsmuster von Juristen, in das, was noch möglich ist und das, was eine Grenzüberschreitung ist.

Liebhaberinnen von Justizthrillern mögen diesem Buch die eher nüchterne Sprache, eher reflektierend als emotional , ankreiden. Aber ein Verfahren nach der deutschen Strafprozessordnung hat nun mal eine völlig andere Dramaturgie und Sprache als in einem Hollywood-Justizkrimi. Gerade weil die Autorin "vom Fach" ist, ist die eher nüchterne Sprache - Juristendeutsch eben! - überzeugend und glaubwürdig. Bei diesem Buch fiebert man als Leserin vielleicht nicht unbedingt mit, gewinnt aber ein besseres Verständnis für die Herausforderungen und Abgründe, vor denen sich die Eva Herbergens des wahren Lebens befinden.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Von Sprache, Familie und Krieg

Russische Spezialitäten
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Wenn man als Kind in ein neues Land mit einer neuen Sprache kommt, dann droht buchstäblich das Entgleiten der Muttersprache. Denn selbst wenn die zu Hause gesprochen wird - Kinder können sprachliche Mimikrys ...

Wenn man als Kind in ein neues Land mit einer neuen Sprache kommt, dann droht buchstäblich das Entgleiten der Muttersprache. Denn selbst wenn die zu Hause gesprochen wird - Kinder können sprachliche Mimikrys sein. Und anders als für die Erwachsenen in der Familie "reift" ihre muttersprachliche Sozialisation nicht mit dem Erwachsenwerden häufig nicht mit, sondern behält eine gewisse Kindlichkeit, die später Befremdlichkeit auslöst, erneut ganz buchstäblich: Sie haben zwar eine Muttersprache, sind aber irgendwie fremd in hier. In "Russische Spezialitäten" von Dmitrij Kapitelman geht es stark um Sprache als Heimat und den Heimatverlust, der auch Sprachverlust sein kann. Ganz besonders wenn politische Entwicklungen die Identität erschüttern und innerhalb der Familie zerreißen:

Der Erzähler, in Kiew geboren und im Grundschulalter nach Deutschland gekommen, und seine Familie waren russischsprachige Ukrainer. Der Krieg spaltet die Familie. So sehr die Mutter sich voller Zuneigung an Kiew erinnert, so gläubig lauscht sie nun den russischen Propagandasendungen, die sich auch an die russischsprachige Diaspora in Deutschland wenden. Ich-Erzähler Dmitrij (es bleibt offen, inwieweit die familiäre Zerrissenheit autobiografisch ist, wenn auch Erzähler Dmitrij und Autor Dmitrij vieles gemeinsam haben) fühlt sich solidarisch mit den Menschen in der Ukraine, die gegen die russische Aggression kämpfen. Und hadert plötzlich mit der Sprache, die er so liebt und die plötzlich die Sprache des Feindes ist:

"Ich trage eine Sprache wie ein Verbrechen in mir und liebe sie doch, bei aller Schuld. Neben aus der Ukraine geflohenen Menschen stehe ich stumm wie ein Baumstumpf. Zumindest bis ich einige von ihnen ebenfalls Russisch sprechen höre."

Die Zerrissenheit ist umso größer, da sich das ganze Leben der Familie auch beruflich in einem postsowjetischen Mikrokosmos in Leipzig bewegt, dem "Magazin", jenem Geschäft für russische/ukrainische/georgische usw Spezialitäten, das auch kulinarisches Heimweh bedient. In den Corona-Jahren ist Dmitrij hierhin zurückgekehrt als Manager, die alternden Eltern sollen so geschützt werden. Von den Pandemiejahren hat sich der Laden nie erholt, und auch das gesellschaftliche Klima tut ihm nicht gut, während eine gegen Migranten hetzende Partei immer mehr Zuspruch erhält.

Kapitelman beschreibt, wie der Krieg Familien spaltet und Freundschaften zerstört, wie Dmitrij schließlich noch einmal in seine Geburtsstadt fährt, seinen Sandkastenfreund Rostik besucht, immer mit der Angst im Hinterkopf, er könnte trotz deutscher Staatsbürgerschaft an der Ausreise gehindert und in die Armee eingezogen werden. Die Schilderungen dieser Erfahrungen zwischen Raketenalarm und Zusammengehörigkeitsgefühl, Nostalgie und Trauer über die Zerstörungen sind besonders eindrucksvoll in diesem Buch, dass trotz schwerer Themen eine gewisse Leichtigkeit bewahrt. Das Verhältnis des Autors zu seinen Eltern - liebevoll, wütend, besorgt wird mit einer Prise Humor und viel Wärme gezeichnet. Ein Buch, das den Krieg und das, was er mit den Menschen macht, auch denjenigen näherbringen kann, die Nachrichtensendungen ignorieren.

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Veröffentlicht am 04.03.2025

Coming of Age-Geschichte im Bürgerkrieg

Nachtgäste
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Nenad Velickovic´s Roman "Nachtgäste" ist vor 30 Jahren erschienen und klingt doch ungemein aktuell, vielleicht abgesehen von Erwähnungen etwa eines Walkman - die Leser*innen im Alter der 18 Jahre alten ...

Nenad Velickovic´s Roman "Nachtgäste" ist vor 30 Jahren erschienen und klingt doch ungemein aktuell, vielleicht abgesehen von Erwähnungen etwa eines Walkman - die Leser*innen im Alter der 18 Jahre alten Ich-Erzählerin Maja wissen vermutlich gar nicht mehr was das ist. Maja ist 18 und ihr Traum ist es, Schriftstellerin zu werden. Ihr Leben besteht nicht aus Parties und Musik, der Erwartung, vielleicht Literatur zu studieren, sondern der Beschaffung von Trinkwasser und kargen Lebensmittelrationen, stets in der Furcht von Scharfschützen, aus Nächten im Keller und Granat- und Raketenbeschuss. Immerhin nicht irgendein Keller, sondern der des Museums, dessen Direktor ihr Vater ist.

Erinnert an das Leben junger Ukrainerinnen und Ukrainer in Charkiv oder Mariupol, doch es ist ein anderes Land, ein anderer Krieg. Maja lebt in Sarajevo, und um sie herum ist der Traum vom südslawische Vielvölkerstaat gerade in blutige Einzelteile zerbrochen. Die Bosnier sitzen in der Stadt fest, in den Bergen schießen die Serben. Manche Nachbarn entdecken gerade ihre bosnisch-muslimische Identität, doch nicht überall sind die Verhältnisse so eindeutig, auch nicht in Majas Familie: Mutter und Oma sind jüdisch, der Vater Bosnier, der ältere Halbbruder hat einen serbischen Vater und versucht sich hartnäckig der Einberufung zu entziehen, weil er nicht auf Serben schießen will und obendrein seine Frau schwanger ist.

In ihrem Tagebuch notiert Maja ihre Beobachtungen, die Zankereien und Versöhnungen der Schicksalsgemeinschaft im Museum, zu der auch noch zwei alte ehemalige Partisanen gehören, die hypochondrische Schwägerin und quasi als Dauergäste die Nachbarin mit ihrer großen Kinderschar, deren Ehemann einer der bosnischen Kommandanten ist, vor allem aber gut im Organisieren und Requirieren ist.

Scharfsinnig, mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor und Ironie beobachtet Maja den Mikrokosmos im Museum, die Verhandlungen mit verschiedenen Uniformierten. Während es ihrem Vater vor allem um den Schutz der Museumsexponate geht, scheint die esoterisch angehauchte Mutter in einer ganz eigenen Welt zu leben. Maja sehnt sich nach Büchern, nach Gesprächen mit ihrem Literaturprofessor, die schüchternen Annäherungsversuche eines jungen bosnischen Kämpfers versucht sie abgeklärt an sich abprallen zu lassen. Gerade weil sie nicht dramatisiert, wird der Alltag der Bürgerkriegs konkret, jenseits von Heldenmythen und Parteinahmen. Eine berührende Coming of Age-Geschichte im Bürgerkrieg, die trotz des ernsten Hintergrunds auch unterhaltsam ist.

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Veröffentlicht am 06.02.2025

Hoffnung und Verlust

Stadt der Hunde
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Für viele Menschen ist Jaap Hollander lange Zeit so etwas wie die letzte Hoffnung gewesen: Ein Gehirnchirurg, der weltweit zu den Koryphäen gezählt werden, die sich auch an schwierigste Operationen heranwagen. ...

Für viele Menschen ist Jaap Hollander lange Zeit so etwas wie die letzte Hoffnung gewesen: Ein Gehirnchirurg, der weltweit zu den Koryphäen gezählt werden, die sich auch an schwierigste Operationen heranwagen. Auch Jaap lebt in einer Hoffnung, die zunehmends vergeblich scheint: Er möchte seine seit zehn Jahren vermisste Tochter wiederfinden, die vor zehn Jahren während einer Birthright-Reise mit einem jungen Amerikaner im Krater im israelischen Mitzpe Ramon spurlos verschwand. Jaap ist der Protagonist in Leon de Winters neuem Roman "Stadt der Hunde", in dem es um Hoffnung und Verlust, Identität und Illusion, Phantastisches und allzu Realistisches geht.

Seit der Vermisstenmeldung ist nichts mehr wie zuvor, die ohnehin nur routinemäßige Ehe ist mittlerweile Geschichte. Jedes Jahr fliegt Jaap nach Israel, sucht den Krater auf, versucht, neue Spuren zu finden. Es ist eine Reise in das Land, in dem seine Tochter ihre jüdischen Wurzeln suchte, während Jaap, der Sohn von Holocaust-Überlebenden, sich längst von seinem Glauben abgewandt hat und nicht viel mit jüdischer Identität am Hut hat.

Zehn Jahre nach dem Verschwinden, Jaap ist mittlerweile pensioniert und füllt die Leere in seinem Leben mit eigenhändigen Renovierungsarbeiten in seinem viele zu großen Haus aus, erreicht ihn während des jährlichen Besuchs in Mitzpe Ramon unter großer Geheimhaltung eine Bitte der israelischen Regierung: Er soll eine Operation bei einer jungen Patientin vornehmen, die bereits alle führenden Gehirnchirurgen als aussichtslos abgelehnt haben.

Das alleine wäre schon eine enorme Herausforderung, doch die 17-jährige Patientin ist nicht irgendwer, sondern eine Prinzessin aus dem saudischen Herrscherhaus. Auf ihr ruhen Hoffnungen für eine behutsame Modernisierung des Landes, womöglich gar Frieden in Nahost? Jaap ist sicher, sollte er versagen - und eigentlich kann die Operation nicht gelingen - wird der Zorn des Vaters tödliche Folgen haben. Dennoch sagt er zu.

Zugleich verschiebt sich die Handlung auf eine ganz neue Ebene. Ein streunender Wüstenhund, dem Jaap. der Hunde eigentlich nicht leiden kann, folgt ihm nach Tel Aviv, wo Jaap immer öfter darüber nachdenkt, sich dauerhaft niederzulassen. Der Hund spricht, verspricht ihn zur Tochter zu führen und warnt vor einer tödlichen Reise. Was ist Realität, was Illusion? Kann Jaap den eigenen Beobachtungen noch trauen? Entdeckt er gar seine jüdische Identität wieder, während er das Leben am Rothschild-Boulevard zwischen grünen Alleen und Bauhausarchitektur beobachtet? Ein wenig ist "Stadt der Hunde" auch eine Liebeserklärung an Tel Aviv und der Lebensfreude seiner Einwohner*innen.

Beklemmend wird der Realitätsbezug, als Jaap vor einer neuen Reise nach Mitzpe Ramon beschließt, noch einen Abstecher zu einem Musikfestival in der Wüste zu machen, von dem ihm junge Israelis erzählt haben. Am Ende des Buches bricht er wieder auf in den Süden. Es ist der 6. Oktober 2023.

de Winter lässt seine Leser im Ungewissen - die Interpretation des Ausgangs bleibt ihnen überlassen. Der Wucht des Buches tut dies keinen Abbruch.

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