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Veröffentlicht am 23.04.2025

Frühlingsgefühle und tödlicher Hass

Weit draußen in Alaska
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Schnee und Eis zum Trotz macht sich der Frühling in Alaska bemerkbar - und zumindest Kate Shugaks Wolfshündin Mutt ist voller Frühlingsgefühle, während sie vor der Blockhütte von einem Timberwolf sehnsuchtsvoll ...

Schnee und Eis zum Trotz macht sich der Frühling in Alaska bemerkbar - und zumindest Kate Shugaks Wolfshündin Mutt ist voller Frühlingsgefühle, während sie vor der Blockhütte von einem Timberwolf sehnsuchtsvoll umworben wird. Da Kate sich besseres vorstellen kann als einen Wurf quirliger Welpen, versucht sie, die tierische Romanze konsequent zu unterbinden. Wobei Kate, die toughe Teilzeitermittlerin im hohen Norden Alaskas, bei aller Bindungsscheu männlicher Aufmerksamkeit durchaus aufgeschlossen gegenübersteht.

In "Weit draußen in Alaska" von Dana Stabenow ist für Romantik allerdings wenig Raum, denn gleich zu Beginn des Arktis-Krimis kommt es zu einem Blutbad, als ein Amokläufer im Örtchen Niniltna auf Menschenjagd geht. Über den Täter muss nicht lange gerätselt werden, seine Taten sind nur der dramatische Auftakt des Buches. Das eigentliche Rätsel, dem Kate im Auftrag der örtlichen Staatsanwalt nachgehen soll, ist der Tod einer jungen Frau, die zunächst ebenfalls als Opfer des Amokläufers galt. Bis die Obduktion dann den Beweis liefert, dass sie aus einer anderen Waffe erschossen wurde.

Kates Ermittlungen werden nicht zuletzt dadurch erschwert, dass es ein regelrechtes Überangebot an Menschen mit Tatmotiv gibt. Die Tote betrieb, wie sich herausstellt, einen schwunghaften Rauschgifthandel und wilderte, was ihr vors Gewehr kam. Wilderei gab es auch im privaten Bereich, denn wenn es um Männer ging, setzte die erschossene Frau auf reichlich Abwechslung, so dass es scheint, als habe so ziemlich jede Frau ein Niniltni Grund, sich über den gewaltsamen Tod zu freuen.

Einmal mehr machen vor allem die spröde Einzelgängerin Shugak, die eindrucksvolle Landschaft Alaskas und die kleine Gemeinde von Indigenen und Zugereisten den besonderen Reiz von Stabenows Spannungsroman aus. Die Autorin lockt auf manche vielversprechende Fährte, um dann in einem packenden Finale zu zeigen, welche Dynamik den tödlichen Schüssen tatsächlich zugrunde lag.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Weltgeschichte im Schnelldurchlauf

Die Geschichte der Welt
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Bücher über historische Ereignisse füllen oft und locker hunderte von Buchseiten - um so erstaunlicher ist es, dass "Die Geschichte der Welt" von Volker Reinhardt gerade einmal 144 Seiten umfasst. Also ...

Bücher über historische Ereignisse füllen oft und locker hunderte von Buchseiten - um so erstaunlicher ist es, dass "Die Geschichte der Welt" von Volker Reinhardt gerade einmal 144 Seiten umfasst. Also denkbar knapp für einen globalen Ansatz. Das Buch ist denn auch Weltgeschichte im Schnelldurchlauf für interessierte Laien, die weg von eurozentristischen Blickwinkel wollen.

Reinhardt vergleicht geografische und kulturelle Räume, rückt auch asiatische und südamerikanische Entwicklungen in den Mittelpunkt. Der globale Ansatz zeigt sich auch beim Blick auf Afrika, vom europäischen Blick häufig vernachlässigt und erst mit der Neuzeit durch Sklavenhandel, Entdeckungsreisen und Kolonialismus in die Aufmerksamkeit rückend.

Dass der Autor nicht ins Detail gehen kann, sondern eher Entwicklungen grob skizziert, ist angesichts der umfassenden Thematik leicht verständlich. Anregungen zum Nachdenken und vertiefenden Weiterlesen gibt es dennoch. Reinhardts Buch ist sowohl eine Geschichte der Globalisierung als auch paralleler, oft gegensätzlicher Entwicklungen von Staatlichkeit, Wirtschaft und Handel - bis hin zu den Wertediskussionen und Polarisierungen der Gegenwart.

Veröffentlicht am 24.03.2025

Bloggerin in Ängsten

Alle sehen dich
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Bodo Völxen von der Kriminalpolizei Hannover hatte schon bessere Tage gesehen in Susanne Mischkes Hannover-Krimi "Alle sehen dich": Er muss auf seine beiden Lieblingskolleginnen verzichten - die eine ...

Bodo Völxen von der Kriminalpolizei Hannover hatte schon bessere Tage gesehen in Susanne Mischkes Hannover-Krimi "Alle sehen dich": Er muss auf seine beiden Lieblingskolleginnen verzichten - die eine wechselte nach ihrer Heimat mit einem Revierkollegen zum LKA, die andere zieht der Liebe wegen nach Südfrankreich. Statt dessen hat er Ärger mit seinem Kollegen Raukel, der aus missverstandener Ritterlichkeit eine Kneipenschlägerei anzettelte und erst mal suspendiert ist. Und dann ist da noch Charlotte Engelhorst, Garten- und livestylebloggerin, die sich verfolgt fühlt und die für Völxen mehr und mehr eine persönliche Heimsuchung ist. Dumm nur, dass seine Ehefrau ein Fan des Videoblogs ist.

Die bunte und so gar nicht dröge Maschsee-Truppe hat dann allerdings mit zwei Todesfällen zu tun, die Engelhorst als Indiz ansieht, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hat: Der Tod ihres Ex-Mannes, der auf gerader Strecke frontal gegen einen Baum geprallt ist, und eine Ex-Schulfreundin, die offenbar beim Fensterputzen aus dem Fenster gefallen ist. Oder war doch alles ganz anders?

Einige Ungereimtheiten bringen das Team ins Nachdenken - hat die nervige Bloggerin womöglich Recht, und jemand will ihr ans Leben? Je genauer sie hinschauen, desto mehr Risse zeigen sich in der scheinbar heilen Welt. Das Verhältnis Engelhorsts zu ihren drei Kindern scheint schwierig, hinzu kommt das ungeklärte Schicksal eines Pflegekindes, das nach einem Überfall auf Charlottes Ex-Mann von einem Tag auf dem anderen verschwunden ist. Kommissarsanwärter Tadden, ein Neuzugang im Team, macht sich mit friesisch-herben Charme an eine Mitarbeiterin des Jugendamts heran, um mehr über die verschwundene junge Frau zu erfahren. Hatte sie womöglich noch eine Rechnung mit der Familie offen?

Mischke sorgt in ihrem Buch für immer neue Wendungen. Besonders reizvoll ist allerdings die Dynamik innerhalb des Teams mit seinen doch recht ausgeprägten Charakteren, gewürzt mit einer Prise Humor. Und wer Hannover kennt, wird viel Lokalkolorit zwischen Linden und Südstadt finden. Eine Reihe, die ich spät entdeckt habe, die mir aber gut gefällt. Völxen und seine Ermittler sind keine Superhelden, sondern ein bodenständiges Team mit ein paar kleinen Macken und internen Eifersüchteleien, das aber funktioniert, wenn es muss und keine Langeweile aufkommen lässt.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Die Rache der alten Damen

Hieb und Strich
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Die Auswirkungen von Patriarchat und Misogynie hat Margaret Atwood in ihren Romanen mehrfach beschrieben - allen voran in ihrem berühmten "Report der Magd" oder "Die Zeuginnen". Mit "Hieb und Strich" schlagen ...

Die Auswirkungen von Patriarchat und Misogynie hat Margaret Atwood in ihren Romanen mehrfach beschrieben - allen voran in ihrem berühmten "Report der Magd" oder "Die Zeuginnen". Mit "Hieb und Strich" schlagen nun die Frauen zurück. Mit einer Länge von gerade mal 48 Seiten handelt es sich eher um eine Kurzgeschichte als eine Novelle, die aber ist vergnüglich zu lesen.

Ein bißchen erinnert die Handlung an das Sprichwort, wonach Rache am besten kalt gegessen wird: Eine Gruppe alter Damen, allesamt aus dem akademischen Lehrbetrieb, wollen sich an einer Gruppe Männern rächen, die einst die literarische Karriere einer Freundin mit Verrissen und hämischer Kritik in einer Literaturzeitschrift zerstörten. Die Autorin hatte sich nie von den Attacken des Männerklüngels erholt und ihr literarisches Potential ausgelebt, inzwischen ist sie todkrank. Späte Gerechtigkeit soll her. Die mobbenden Herren müssen bestraft werden, das aber endgültig.

Bei Gin Tonic, Weinschorle und Cola light planen die alten Damen ihren Rachefeldzug. Es gibt schließlich viel Diskussionsbedarf, wenn acht - oder waren es neun? - Männer ermordet werden sollen. Natürlich so, dass die später an die Reihe kommenden nicht gewarnt werden und die Polizei den Frauen nicht auf die Schliche kommt. Sind überhaupt alle gleich schuldig? Wird das Trio seine mörderischen Pläne umsetzen?

Hier soll natürlich nicht gespoilert werden, aber der ironische Stil Atwoods und die Dialoge des mörderischen Trios sorgen für ausgesprochenes Lesevergnügen. Da hätte Atwood gerne noch ein paar Seiten dranhängen können.

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Veröffentlicht am 19.03.2025

Bassd scho!

Gebrauchsanweisung für Franken
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Ewald Arenz ist nicht nur in Franken geboren und aufgewachsen, auch seine Romane spielen häufig in der Region, in den Dörfern und Kleinstädten mit ihrem nicht gerade zu rheinischer Kommunikationsfreude ...

Ewald Arenz ist nicht nur in Franken geboren und aufgewachsen, auch seine Romane spielen häufig in der Region, in den Dörfern und Kleinstädten mit ihrem nicht gerade zu rheinischer Kommunikationsfreude auflaufenden Menschen. Da liegt es nahe, ihn als Reiseführer und Erklärer der Region in der Reihe "Gebrauchsanweisung für..." einzusetzen, und Arenz ist der Aufgabe offenbar hochmotiviert nachgekommen. Zu dem Ergebnis würde man in Franken vermutlich knapp sagen: Bassd scho. Das ist, wie auch Arenz in seiner Beschreibung fränkischer Mentalität erzählt, geradezu überschwengliches Lob.

Arenz nimmt seine Leser*innen mit auf eine Reise kreuz und quer durch Franken, ausgehend von Nürnberg, schildert Lokalrivalitäten zwischen Ober- Mittel- und Mainfranken, zwischen Nürnberg und Fürth und zwischen Franken und Bayern sowieso. Denn eines müssen Franken-Besucher gleich von Anfang an verinnerlichen: Franken fühlen sich ganz überwiegend nicht als Bayern!

Arenz´Gebrauchsanweisung für lieblich-romantische Landschaften, schmucke Dörfer und Kleinstädte mit wenig Tourismus und manch architektonischem Juwel ist launig geschrieben, mit heiterer Ironie und einer Mischung aus Nähe und Distanz. Der Autor, der sich gerne auf dem Fahrrad durch Franken bewegt, plädiert für das langsame Reisen durch eine uralte Kulturlandschaft, wo alle schon mal waren - die Kelten, die Römer und selbst die Preußen. Von Bratwurst und Bier ist die Rede, von Mainschleife und Bochsbeutel, den Spuren der Bauernkriege und des Nationalsozialismus.

Vor allem aber ist es ein Beschreibung von Idylle und einem irgendwie langsameren Leben jenseits hipper Metropolen. Man sollte schon das Kleine, Überschaubare lieben, sanftes Hügelland und plätschernde Bäche, wenn man sich auf eine Franken-Tour begibt. Hungrig und durstig wird man jedenfalls nicht enden, wenn man Arenz´ Ratschläge berücksichtigt.