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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.04.2025

Ruhiger Roman

Halbinsel
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Bilkaus neuer Roman ist in leisen Tönen erzählt. Auf einer Halbinsel in Nordfriesland begegnen sich Annett und Linn, Mutter und Tochter, und müssen einander ganz neu kennenlernen. Linn hatte gerade erst ...

Bilkaus neuer Roman ist in leisen Tönen erzählt. Auf einer Halbinsel in Nordfriesland begegnen sich Annett und Linn, Mutter und Tochter, und müssen einander ganz neu kennenlernen. Linn hatte gerade erst einen Schwächeanfall während ihres Vortrags auf einer Klimatagung und zieht für eine Woche zu Annett, in das Haus ihrer Kindheit. Doch aus einer Woche werden schnell mehrere und dann ist plötzlich nicht mehr Mai, sondern September. Längst fragt sich Annett, was mit ihrer sonst so zielstrebigen Tochter passiert ist, die schon während der Schulzeit wusste, dass Klima- und Naturschutz ihr ganzer Lebensinhalt sein soll, und die nun Tag um Tag mit Kopfhörern auf den Ohren im Bett verbringt. Linn wiederum fragt sich, warum der 20 Jahre zurückliegende Tod ihres Vaters nie von Annett aufgearbeitet wurde, der Standardsatz noch immer einfach nur ein "Johan ist nicht vom Laufen zurückgekehrt" ist.

Beide Frauen finden sich wieder inmitten des Konflikts aus Fürsorge und Freiheit, aus Hoffnungen, die zu Erwartungen geworden sind; sie müssen sich auseinandersetzen mit ihren Vorstellungen des eigenen Lebens und des Lebens der jeweils anderen, mit den Ansprüchen und der Verantwortung ihrer jeweiligen Generation. Immer wieder werden dabei fast wie nebenbei auch Aspekte aus dem Bereich Klima- und Umweltschutz miteingeflochten: Etwa, wenn Linn ihrer Mutter die Begeisterung für Sea Level Maps zu erklären versucht, die sie während ihrer Kindheit verspürt hat; oder, wenn beide in den Tiefen des Watts über die Überreste eines vor Jahrhunderten überfluteten Dorfs wandern.

Einfühlsam und ganz behutsam seziert Bilkau die Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die auch eine Beziehung zwischen verschiedenen Generationen ist. Der Roman kommt ohne große Aufregung daher, nähert sich langsam und vorsichtig den zentralen Konflikten an - vielleicht bleibt er dabei manchmal fast schon etwas zu zaghaft, hätte er doch ein wenig mehr "Krach" vertragen können. Dennoch: Die Ruhe hat auch etwas für sich. Allemal ein lesenswerter Roman!

Veröffentlicht am 26.03.2025

Komplett drüber

Greta & Valdin
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Greta und Valdin sind Geschwister und führen ein mehr oder weniger normales Leben in Auckland. Sie teilen sich eine Wohnung, beide sind in ihren 20ern, queer und unglücklich in ihren Nicht-Beziehungen: ...

Greta und Valdin sind Geschwister und führen ein mehr oder weniger normales Leben in Auckland. Sie teilen sich eine Wohnung, beide sind in ihren 20ern, queer und unglücklich in ihren Nicht-Beziehungen: Während Valdin seine Angststörungen in den Griff zu bekommen versucht und seinem deutlich älteren Freund Xabi nachtrauert, der die Flucht ergriffen hat und nach Argentinien gezogen ist, himmelt Greta aus der Ferne ihre Kollegin Holly an und fragt sich, ob es nicht vielleicht einfacher wäre, es doch nochmal mit Männern zu probieren. Die Perspektive wechselt mit jedem Kapitel zwischen den beiden Geschwistern.

Ich mochte den Roman sehr und fand ihn gleichzeitig ziemlich anstrengend. Ich liebe es, dass nahezu jede der (für einen Roman dieses Umfangs recht vielen) Figuren queer ist. Ich liebe Gretas und Valdins Familie, weil sie so wunderbar chaotisch und liebevoll ist, und würde sie wirklich gerne alle mal bei einem Abendessen persönlich kennenlernen. Die Figuren und auch die Story an sich sind wirklich komplett drüber und alles ist irgendwie ziemlich aufgedreht, was das Lesen manchmal wirklich anstrengend macht (meistens aber auf eine komisch positive Art und Weise) – man muss für diesen Roman wohl selbst in genau der richtigen Lebenssituation sein, sonst findet man ihn vermutlich ziemlich überdreht. Ich kann mir außerdem vorstellen, dass „Greta & Valdin“ vor allem für ein Zielpublikum in den (frühen?) 20ern interessant ist und dass es außerhalb dieses Bereichs schwieriger sein könnte, sich in den Roman und seine Figuren einzufühlen – ohne das jetzt pauschalisieren zu wollen. Was sich auf jeden Fall sagen lässt, ist, dass der Schreibstil wunderbar locker ist und diese Familie voller Exzentriker und sympathischer Sonderlinge immer wieder unerwartet zum Lachen bringt.

Queerness ist hier ein ganz großes Thema, aber, und das ist das Besondere: ohne explizit ein großes Thema zu sein. Es ist einfach komplett normal, und das ist toll. Auch Valdins Angststörung wird feinfühlig und humorvoll wie die normalste Sache der Welt beschrieben, ebenso das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und die sich umeinanderschlingenden Wurzeln der maori-russisch-katalanischen Familie. Diejenigen, die in anderen Romanen vielleicht eher als Randfiguren auftauchen, um doch noch eine Prise Vielfalt und Diversität mit reinzubringen, stehen hier im Zentrum.

Besonders in der 2. Buchhälfte schleicht sich leider die ein oder andere Länge ein; auch, den Überblick über die Figuren zu behalten, ist manchmal nicht ganz einfach. Besonders im Bekannten- und Beziehungskreis der Eltern muss man da häufiger mal auf das Personenregister zurückgreifen (oder einfach stoisch weiterlesen).

Insgesamt ist „Greta & Valdin“ ein bunter, lebendiger Roman, in dessen Welt man manchmal liebend gerne eintauchen wollen würde und der dann doch wieder echt „viel“ ist. Vielleicht auch „zu viel“, das wäre absolut nachvollziehbar – dieser Roman ist sicherlich nicht für jede*n etwas; unter den richtigen Umständen kann man ihn aber auch wirklich großartig finden und die Lesezeit sehr genießen. Von daher eine warme Leseempfehlung unter Vorbehalt!

Veröffentlicht am 24.03.2025

Wichtiger und aktueller Roman

Unter Grund
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Hals über Kopf flüchtet Franka in ihr Heimatdorf in der fränkischen Povinz, nachdem sie mit ihrer Klasse in München eine Gerichtsverhandlung des NSU-Prozesses besucht hat. Viele Jahre war sie nicht mehr ...

Hals über Kopf flüchtet Franka in ihr Heimatdorf in der fränkischen Povinz, nachdem sie mit ihrer Klasse in München eine Gerichtsverhandlung des NSU-Prozesses besucht hat. Viele Jahre war sie nicht mehr hier, hat die Ereignisse ihrer Jugend verdrängt, deretwegen sie sich schon einmal in einem Gerichtssaal wiedergefunden und ihre Mutter sie auf ein Internat geschickt hat. Nun kommt alles wieder hoch: Die Sommertage mit Leon am Weiher, während die halbe Welt im WM-Taumel ist. Die Treffen der NPD in der örtlichen Dorfkneipe, von denen jeder weiß, aber jeder so tut, als wisse er nichts. Patrick und Janna, die ein paar Jahre älter sind und eine merkwürdige Anziehung auf die fünfzehnjährige Franka ausüben, weil sie kein Blatt vor den Mund nehmen. Weil sie rebellieren. Weil sie auch mal handeln und nicht bloß immer nur reden.

Nun, zurück auf dem Land, zurück im "Fuchsbau" - dem Haus ihrer Großmutter, die von allen stets nur "die Fuchsin" genannt wurde und um die man lieber einen Bogen gemacht hat -, muss Franka sich endlich damit auseinandersetzen, wie das war, damals, als sie langsam aber sicher immer weiter in die rechte Szene hineingerutscht ist. Und auch damit, warum jeder im Dorf weiß: Man muss aufpassen, wenn der Fuchs umgeht.

Franka ist keine ganz einfache Protagonistin. Besonders ihre Eigenschaft, Schuld grundsätzlich nicht bei sich zu suchen, sich selbst als jemanden zu betrachten, der ohne viel eigenes Zutun in alles hineingezogen wird, kann beim Lesen manchmal anstrengen - trotzdem finde ich genau das auch irgendwie wieder passend, weil es vermutlich den Kern des Problems recht gut trifft: Man hält sich selbst nie für schuldig, man reagiert nur auf das, was das Umfeld vorgibt. Obwohl das beim Lesen also vielleicht etwas stört, finde ich diese Eigenschaft in Frankas Charakter druchaus glaubwürdig und gelungen.
Das Ende des Romans dagegen war mir etwas zu überhastet; gerne hätte ich mehr darüber erfahren, wie Franka letztendlich ihren Weg aus der rechten Szene hinausgefunden hat.
"Unter Grund" fragt danach, wie es sein kann, dass sich Jugendliche radikalisieren, obwohl wir es doch eigentlich alle besser wissen müssten - eine wichtige Frage, heute vielleicht mehr denn je. Die Antwort, die der Roman liefert, ist nur eine von vielen möglichen, aber eine plausible und nachvollziehbare (auch dann, wenn man selbst sich politisch genau in der entgegengesetzten Richtung verortet).
Auch, wenn mich der Roman nicht in allen Punkten vollkommen überzeugt hat, ist er unglaublich wichtig. Gerade heute. Von daher auf jeden Fall eine Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 08.12.2024

Gutes Buch zu wichtigem Thema

Strong Female Character
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Autismus wird gerade bei Frauen immer noch viel zu häufig nicht erkannt. Das liegt nicht nur daran, dass generell wenige Psychologinnen auf das Thema spezialisiert sind, sondern vor allem auch daran, dass ...

Autismus wird gerade bei Frauen immer noch viel zu häufig nicht erkannt. Das liegt nicht nur daran, dass generell wenige Psychologinnen auf das Thema spezialisiert sind, sondern vor allem auch daran, dass die Diagnosekriterien noch immer stark auf männlichen Autismus zugeschnitten sind. Inselbegabung, Beziehungsunfähigkeit, keinen Blickkontakt halten und keinen Smalltalk führen können, sich für Informatik, Technik und Züge begeistern - zack, fertig ist der stereotypische Autist. Dass es so einfach nicht sein kann, dürfte uns allen spätestens nach einer Sekunde des Nachdenkens klar werden.

Fern Brady erzählt in ihrem Erfahrungsbericht davon, wie es ihr vor und während der recht späten Diagnose ergangen ist. Wie wenig ernst ihre Vermutung genommen wurde ('Du hattest doch schon Beziehungen, wie kannst du da autistisch sein?'), wie befreiend die Diagnose war, und wie steinig der Weg ist, der noch vor ihr liegt. Sie berichtet dabei sehr offen und schonungslos auch von privatesten Erlebnissen, Beziehungskonflikten und psychischen Zusammenbrüchen. Von dysfunktionalen Familienverhältnissen und Gewalterfahrungen und vor allem auch von dem Gefühl, irgendwie anders zu sein, irgendwie nicht klarzukommen in dieser Welt, die so wenig auf Menschen im Autismusspektrum achtgibt. Wie schwierig es ist, als weiblich sozialisierte Person diagnostiziert zu werden und mit welchen Stereotypen und Vorurteilen man anschließend Tag für Tag konfrontiert wird.

Und auch hier wieder: Bradys Buch ist ein persönlicher Einblick, nichts von dem, was sie berichtet, muss automatisch auch auf andere Autist
innen zutreffen. Nichts mit 'Kennst du eine*n, kennst du alle'. In einigen Punkten habe ich mich, die ich selbst Autistin bin, wiederentdeckt, in vielen so überhaupt nicht. Trotzdem tut es unglaublich gut, Bücher wie dieses zu lesen. Zu sehen, da sind andere Menschen, die auch ihre Probleme haben. Die auch schauen müssen, wie sie klarkommen, und zwar jeden einzelnen Tag. Bücher wie dieses hier sind wichtig, nicht nur für Betroffene, sondern auch als Beitrag zur Aufklärung über ein Thema, das nach seiner Ansprache meistens nach 2 Sätzen in peinlichem Schweigen endet.

Es gibt viele Bücher, die sich differenzierter mit dem Thema auseinandersetzen, die einen umfassenderen Überblick bieten und als Einführung sicherlich geeigneter sind als dieses. Aber es ist immer auch wichtig, Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen und sich nicht nur einen Katalog an Merkmalen zusammenzusuchen, so vielfältig der auch sein mag. In diesem Sinne gibt "Strong Female Character" einen schönen, wirklich ehrlichen Einblick und ergänzt meine private "Autismusbibliothek" auf jeden Fall gut. Danke dafür.

Veröffentlicht am 03.07.2024

CoA zum Abtauchen

Die Sache mit Rachel
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Mit Anfang 30 blickt Rachel zurück auf ihre frühen 20er. Damals hat sie neben dem Literatur-Studium unterbezahlt in einem Buchladen gejobbt, in dem sie auch James kennenlernt. Die beiden werden schnell ...

Mit Anfang 30 blickt Rachel zurück auf ihre frühen 20er. Damals hat sie neben dem Literatur-Studium unterbezahlt in einem Buchladen gejobbt, in dem sie auch James kennenlernt. Die beiden werden schnell beste Freunde und gehen gemeinsam durch dick und dünn; dass es in der gemeinsamen Wohnung etwas chaotisch zugeht und vor allem meistens ziemlich kalt ist, spielt keine Rolle - sie sind jung, die ganze Welt steht ihnen offen. Als Rachel und James gemeinsam eine Lesung mit Rachels Literaturprofessor Dr. Fred Byrne organisieren, in den sie schon seit einer ganzen Weile mehr oder weniger heimlich verliebt ist, kommt alles ganz anders als geplant. Denn es ist nicht Rachel, die Dr. Byrne näherkommt - sondern James.

"Die Sache mit Rachel" ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, die sich besonders in der ersten Hälfte regelrecht verschlingen lässt. Einmal kurz das Buch aufgeschlagen, und plötzlich sind 2 Stunden vergangen. Gegen Ende verliert das Ganze dann leider etwas an Fahrt und droht mehrmals, ins Belanglose abzudriften - sehr schade, denn das Tempo des Anfangs war klasse. Trotzdem kann man problemlos eintauchen in Rachels und James' Geschichte und möchte den Roman am liebsten am Stück verschlingen. Es geht um die klassischen Fragen und Themen des Erwachsenwerdens, um die Ausbildung der eigenen Identität, um Liebe, Geldnot, Angst vor der Zukunft, Hinter-Sich-Lassen der Kindheit und um Freundschaft. Trotz der ein oder anderen Länge hätte ich den Roman noch eine ganze Weile weiterlesen können, denn er ist wunderbar einfühlsam geschrieben und porträtiert sehr authentisch das Leben zweier junger Menschen, die zwar nicht immer sympathisch in ihren Entscheidungen sein mögen, mit denen man aber trotzdem sehr gut mitfühlen kann.
Ein schöner Roman mit ein paar kleineren Schwächen, der sich super zum Abtauchen eignet!