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Veröffentlicht am 25.03.2025

Ein Familiendrama mit atmosphärischem Setting, geprägt von Geheimnissen und fatalen Fehlentscheidungen über Generationen hinweg

Stromlinien
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Die 17-jährigen Zwillingsschwestern Enna und Jale leben bei ihrer schweigsamen Oma Ehmi in einem Dorf an der Lühe im Alten Land. Gespannt zählen sie die letzten Tage und Stunden hinunter bis ihre Mutter ...

Die 17-jährigen Zwillingsschwestern Enna und Jale leben bei ihrer schweigsamen Oma Ehmi in einem Dorf an der Lühe im Alten Land. Gespannt zählen sie die letzten Tage und Stunden hinunter bis ihre Mutter Alea aus dem Gefängnis entlassen wird. Sie kennen ihre Mutter nur als Insassin und wissen noch nicht einmal, warum sie zu einer so hohen Haftstrafe verurteilt wurde. Als der Tag der Entlassung gekommen ist, erscheint Alea nicht am vereinbarten Treffpunkt und auch Jale ist spurlos verschwunden. Während ein Boot sinkt und die Polizei nach Alea als mutmaßlich Schuldiger sucht, sucht Enna verzweifelt nach ihrer Schwester, der sie so nah war und die doch Geheimnisse vor ihr hatte.

Der Roman wird in der Gegenwart im August 2023 aus der Perspektive der unangepassten Enna geschildert, die nicht nur aufgrund der Inhaftierung ihrer Mutter schon immer eine Außenseiterin war. Sie kann nicht verstehen, wo ihre Schwester ohne sie hingegangen ist, macht sich Sorgen und sucht sie mit Hilfe eines Mitschülers, der sich als treuer Freund herausstellt. Während ihrer Suche zwischen Verzweiflung und Wut erfährt sie endlich den Grund für die Haft ihrer Mutter und warum sich ihre Oma und Großtante entzweit haben.

Daneben gibt es gleich mehrere Erzählstränge der Vergangenheit, die wenige Monate zuvor, Mitte der 1980er, Ende der 1970er und bis ins Jahr 1923 zurückreichen und dabei Ereignisse schildern, die die Leben der Vorfahren von Enna und Jale geprägt haben und aufgrund der Schuld und der Geheimnisse, die sie auf sich geladen haben, bis in die Gegenwart wirken und für neue Konflikte sorgen, die Enna noch nicht versteht.

Die Geheimnisse werden nur sehr allmählich gelüftet. Lange tappt man als Lesender im Dunkeln und fragt sich, wie die einzelnen Erzählstränge zusammenhängen und was die handelnden Personen in der Vergangenheit getan haben. Die Undurchsichtigkeit sorgt zwar für Spannung, aber auch für eine Unruhe, da viele Details unnötig lange im Verborgenen bleiben und die Handlung in der ersten Hälfte des Romans kaum voranschreitet und mit vielen Fragezeichen belegt ist.
Erst als sich im zweiten Teil die Handlungsstränge verknüpfen und bisher Unausgesprochenes offenbart wird, können die Geschichte und die Figuren auch Emotionen wecken und entfalten passend zur Elbströmung einen Lesesog.

Die Geschichte ist voller Dramatik und falscher Entscheidungen, wobei man sich mehr als einmal fragt, warum die Protagonisten so handeln wie sie es tun. Auch wenn es Erklärungen durch vorangegangene Traumata und schreckliche Tragödien gibt, die mitunter historische Vorbilder haben, stören die ewigen Geheimnisse den Lesefluss und lassen mitunter an der Glaubwürdigkeit der Figuren zweifeln.

Neben den folgenschweren Geheimnissen handelt der Roman von schwierigen Schwesternbeziehungen, von Buße, Einsamkeit, Vergeltung und dem engen Band einer Familie. Die Geschichte besticht durch bildhafte Naturbeschreibungen, die für Atmosphäre sorgen und wird mit sanfter Melancholie erzählt. Es ist ein Familiendrama, das seine Wurzeln tief in der Vergangenheit hat und von einer fatalen Verkettung von Fehlentscheidungen handelt, die den Roman am Ende fast zu einem Thriller werden lassen.

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Veröffentlicht am 18.03.2025

Tragikomischer Roman über die ungewöhnliche Annäherung zweier Schwestern, über Trauer und Alkoholismus - eigenwillig, aber dennoch glaubwürdig

Mickey und Arlo
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Mickey erfährt aus der Zeitung, dass ihr Vater verstorben ist. Er hatte sie und ihre Mutter vor 25 Jahren verlassen und eine neue Familie gegründet. Sie erinnert sich an ihn als einen herrischen Alkoholiker ...

Mickey erfährt aus der Zeitung, dass ihr Vater verstorben ist. Er hatte sie und ihre Mutter vor 25 Jahren verlassen und eine neue Familie gegründet. Sie erinnert sich an ihn als einen herrischen Alkoholiker und hat, wenn überhaupt, nur Abscheu für ihn übrig. Da erfährt sie, dass er ihr ein Vermögen vermacht hat - unter der Bedingung, dass sie sieben Therapiesitzungen absolviert. Widerwillig geht sie zu der vorgeschlagenen Therapeutin, denn nach der Beurlaubung als Vorschullehrerin ist das Geld knapp.
Was sie nicht weiß ist, dass es sich bei ihrer Therapeutin um ihre Halbschwester Arlo handelt. Auch diese ist zunächst unwissend und trauert um einen Vater, den sie bis zum Schluss liebevoll umsorgt und gepflegt hat. Umso irritierter ist sie, als sie erfährt, dass weder sie noch ihre Mutter in seinem Testament bedacht sind. Sie möchte herausfinden, wohin das Geld gehen soll und warum und erfährt dabei von Mickey, die das Alkoholproblem ihres Vaters geerbt hat.

"Mickey und Arlo" wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Halbschwestern geschildert, die bis zu ihrem Aufeinandertreffen in der ersten Therapiestunde noch nie begegnet sind.
Beide haben unterschiedliche Erinnerungen an den toten Vater, wobei Arlo seine schlechten Seiten bisher ausgeblendet hat und die sich mit dem Verlust des Erbes bahnbrechen.
Ihr Vater war über Jahrzehnte Alkoholiker und ist letztlich an den Folgen davon gestorben. In Mitleidenschaft hat er zwei Ehefrauen und Töchter gestürzt, die nicht nur unter der Co-Abhängigkeit, sondern auch unter seinen Ausfallerscheinungen und seiner Gewalt leiden mussten.

Nach seinem Tod geraten Dinge in Gang, die zu Kontrollverlust und falschen Entscheidungen seitens beider Schwester führen. Neben der Trauer und der Wut handelt der Roman dabei vom Leben als Alkoholiker, denn Mickey hat die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum verloren, auch wenn sie sich dies bisher nicht eingestehen wollte und die Menschen deshalb auf Distanz hält.

Die Geschichte ist durch die wahnwitzige Idee des Vaters, bei der man sich fragt, ob er posthum Wiedergutmachung leisten oder eine Annäherung seiner beiden Töchter herbeiführen möchte, ein wenig skurril. Die Menschen darin sind fehlerbehaftet und machen Dinge, die sie später bereuen.
Die Geschichte ist abwechslungsreich und unterhaltsam und lässt tief in die Gefühlswelt der beiden Hauptfiguren blicken, auch wenn sie selbst eine Mauer um sich gebaut haben und niemanden zu nah an sich heran lassen.

Neben den schmerzhaften Erinnerungen und den Problemen, mit denen sich beide Frauen konfrontiert sehen, gibt es einige amüsante Situationen, die der Erzählung die Schwere nehmen. Es ist ein tragikomischer Roman, der auf authentische Weise zeigt, wie zerstörerisch ein überhöhter Alkoholkonsum ist - für sich und für Angehörige - und wie schwierig es ist, sich eine Sucht einzugestehen und dagegen vorzugehen. Es ist eine eigenwillige und trotzdem glaubwürdige Geschichte, die neben Suchtverhalten von toxischen Familienstrukturen handelt, wobei man trotz aller Schwierigkeiten niemals die Hoffnung auf ein für alle versöhnliches Ende aufgibt.

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  • Cover
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Veröffentlicht am 17.03.2025

Einfühlsam erzählte Geschichte auf zwei Zeitebenen mit Familiengeheimnissen, die Generationen beeinflussen und bis in die Gegenwart wirken

Die Anatomie der Einsamkeit
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Als in den Medien von einem spektakulären Leichenfund in Hamburg berichtet wird, wird auch die Journalistin Olive in London darauf aufmerksam, denn der Kompass, der bei der Leiche gefunden wurde, gleicht ...

Als in den Medien von einem spektakulären Leichenfund in Hamburg berichtet wird, wird auch die Journalistin Olive in London darauf aufmerksam, denn der Kompass, der bei der Leiche gefunden wurde, gleicht dem Kompass, den Olive von ihrer Großmutter Poppy als vorgezogenes Erbe erhalten hatte. Über die Bedeutung hatte Olive nie weiter nachgedacht und kann ihre Großmutter, die inzwischen pflegebedürftig und dement ist, nicht mehr fragen. Frustriert von ihrer beruflichen Situation, in der ihr nicht mehr als das Verfassen von Horoskopen zugetraut wird, ergreift sie die Chance für eine eigene, persönliche Story und begibt sich mit dem Fotografen Tom nach Deutschland, um mehr über die Geschichte ihrer Großmutter herauszufinden.

Zwanzig Jahre früher ist Claire in New York als Anwältin erfolgreich und hat das Angebot erhalten, Partnerin einer renommierten Kanzlei zu werden. Der Erfolg trifft sich allerdings mit privaten Tragödien - die Trennung von ihrem Lebensgefährten und der überraschende Tod ihrer Schwester Iris. Zu ihr hatte sie seit Jahren keinen Kontakt mehr und dennoch verlässt sie überstürzt New York und fährt zu der Insel, auf der Iris zurückgezogen gelebt hat. Sie weiß nicht genau, was sie dort erhofft zu finden, stößt aber schon bald auf versteckte Hinweise ihrer Schwester, während sie selbst mit der Einsamkeit zurecht kommen muss.



Nach einem dramatischen Prolog im Jahre 1950 taucht man direkt in die Geschichten von Olive und Claire in den Jahren 2000 und 2022 ein. Beide Erzählstränge sind von einer Melancholie und Einsamkeit geprägt. Olive und Claire wohnen in der Großstadt und sind trotzdem allein. Ihre Partner sind unzuverlässig, Claire hat keine Familie und Olive erträgt es nicht, zu ihrer Familie zu fahren, um ihre hilfsbedürftige Großmutter zu sehen, zu der sie so ein enges Verhältnis hatte. Beide Frauen sehen sich mit Einschnitten in ihrem Leben konfrontiert und erhalten durch die Recherchen zur Schwester bzw. Großmutter die Chance, mehr über sich selbst herauszufinden.

Die Geschichte ist einfühlsam aus wechselnden Perspektiven der beiden Hauptfiguren geschildert, wobei der Zusammenhang bis auf die Erwähnung des Kompasses im Klappentext lange nicht ersichtlich ist. Der Bezug zum dramatischen Prolog wird hingegen früher erkennbar und ist eng mit der Großmutter Olives verbunden. Zwischen den Kapiteln gibt es zudem eine Reihe an Gedichten, die in 1940er-Jahren in Dänemark und Deutschland verfasst worden sind. Die Bedeutung erschließt sich peu à peu und empfand ich als originellen Kunstgriff im Vergleich zu Tagebucheinträgen, die man so häufig in Romanen verwendet.

Die Geheimnisse, die beide Familien umgeben, der plötzliche Tod von Iris und die Vergangenheit, über die Poppy nicht sprechen konnte, erzeugen eine Grundspannung, die bis zum Ende aufrechterhalten wird. Während in Bezug auf Poppy schon aufgrund des historischen Hintergrunds zu ahnen ist, in welche Richtung etwaige Schuldfragen gehen könnten, ist die Geschichte von Iris und Claire weniger durchsichtig.

Da beide Hauptfiguren jedoch viel mit sich selbst beschäftigt sind, grübeln und auch Angst davor haben, was sie bei ihren Recherchen aufdecken könnten, ist die Geschichte ein wenig zögerlich und hat deshalb phasenweise ihre Längen. Dennoch kann man sich stets sehr gut in beide Frauen und ihre Sorgen und Sehnsüchte einfühlen.

Die Geschichte handelt von verdeckten Familiengeheimnissen, die bis in die Gegenwart wirken und nachfolgende Generationen beeinflussen sowie von Vergebung, aber auch von der Einsamkeit, die selbst Personen umgibt, die fest im Leben stehen sowie von Selbstakzeptanz und Selbstfindung. Trotz der ruhigen Erzählweise ist man gebannt, alle Geheimnisse zu entschlüsseln und zu erfahren, ob es 2022 zu einem Aufeinandertreffen der Beteiligten kommt, um die Tragik der Vergangenheit ein wenig zu kompensieren. Und auch wenn ich die Geschichte um den Kompass etwas konstruiert fand und sie mir von zu vielen Zufällen geprägt war, ist er als Symbol den richtigen Weg zu finden, treffend gewählt - für alle, die auf der Suche nach Erkenntnissen, Wahrheit oder einer neuen Richtung sind.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
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  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 13.03.2025

Spannendes Szenario mit einem drohenden Terroranschlag in Norwegen und einer brandaktuellen politischen Komponente in Bezug auf den Rechtsruck in Europa

Echokammer
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Wenige Wochen vor den Parlamentswahlen in Norwegen ist der Wahlkampf in der heißen Phase angelangt. Die stellvertretende Vorsitzende der Arbeiterpartei, Christina Nielsen, hat den Polizeijurist Jens Meidell ...

Wenige Wochen vor den Parlamentswahlen in Norwegen ist der Wahlkampf in der heißen Phase angelangt. Die stellvertretende Vorsitzende der Arbeiterpartei, Christina Nielsen, hat den Polizeijurist Jens Meidell als Berater in ihr Team geholt und hat als selbst ernannte norwegische Patriotin große Chancen auf das Amt als Ministerpräsidentin. Jens missbilligt ihren Flirt mit dem politisch rechten Rand und ihre moralisch umstrittenen Methoden im Umgang mit den sozialen Medien, steht persönlich jedoch aufgrund seiner dunklen Vergangenheit unter Druck und wird mit seinem Geheimnis erpresst.
Zur gleichen Zeit werden zwei Prepper von Terroristen entführt, die mit Anschlägen drohen. Die Polizistin Lieselott Benjamin und der Terrorexperte Martin Tong arbeiten in der Antiterroreinheit des PST zusammen und versuchen die Terroristen und ihre Unterstützer zu identifizieren und den Anschlag zu verhindern. Die Zeit ist knapp, denn die Terroristen haben ein Ultimatum gestellt, sind im Besitz von biologischen Waffen und zeigen bereits mit Gewalttaten, wie ernst die Lage ist.
Inmitten des Wahlkampfes muss der Staat mit voller Härte durchgreifen, um Schlimmeres zu verhindern und die Demokratie zu schützen.

"Echokammer" ist der Auftakt einer Thrillertrilogie um die beiden Ermittler Lieselott Benjamin und Martin Tong. Im Vergleich zu anderen Kriminalromanen spielt das Privatleben der beiden Hauptfiguren keine Rolle. Der Fokus liegt klar auf den beiden Erzählsträngen Politik und Polizeiarbeit. Ein Countdown, der die Wochen und Tage bis zu den Parlamentswahlen herunterzählt, erzeugt Spannung, ob eine Katastrophe bis dahin verhindert werden kann.

Die politische Seite ist überwiegend aus der Perspektive des politischen Beraters und Sohn einer bekannten Politikerin der Arbeiterpartei, Jens Meidell, geschildert. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt den Wahlkampf und mit welch durchaus umstrittenen, rigorosen Methoden vorgegangen wird, um die Wähler zu beeinflussen und an die Macht zu kommen.
In dem Zusammenhang wird auch der Rechtsruck des Landes offensichtlich, wie es in vielen europäischen Staaten derzeit der Fall ist. Das Szenario mutet deshalb realistisch an und zeigt auf erschreckende Weise wie paktiert wird und wie der Einfluss der sozialen Medien auf die Gesellschaft genutzt wird.

Der zweite Erzählstrang handelt von den Ermittlungen der Polizei, die den ehemaligen Nachrichtendienstler Martin Tong reaktiviert hat, um von seiner Expertise zu profitieren. Während schon bald zwei Verdächtige im Raum stehen, ist nicht bekannt, wie weit verzweigt, dass Terrornetzwerk sein könnte. Klar sind jedoch die finanziellen und politischen Forderungen, die unter dem Druck von Anschlägen mit Rizin erzwungen werden sollen. Der Staat kann und möchte sich nicht erpressbar machen, kann aber auch nicht das Risiko von unzähligen Toten durch einen Giftgasanschlag in Kauf nehmen.
Auch diese Einflussnahme von (Rechts-)terroristen, um politische Ziele zu erlangen sowie die Ermittlungen der Polizei sind authentisch dargestellt. Die Gefahr ist spürbar und es ist leicht vorstellbar, dass eine solche Situation auch in Deutschland jederzeit möglich ist.

Auch wenn die Bedrohungslage ein realistisches Szenario darstellt, empfand ich die Aufklärung nicht durchgängig plausibel. Einerseits spielte der Faktor Zufall bei der Vorhersehung der Taten eine zu große Rolle, andererseits waren mir die Schlussfolgerungen der Ermittler zu sehr aus der Luft gegriffen. Eingängiger empfand ich den schmutzigen, bitterbösen Wahlkampf, wobei die Methoden bis an die Spitze des Erträglichen getrieben werden.

"Echokammer" ist vor dem Hintergrund eines drohenden Terroranschlags und dem Wettlauf mit der Zeit spannend aufgebaut und hat durch den Wahlkampf zudem eine brandaktuelle politische Komponente. Der Thriller spiegelt in weiten Teilen die Realität wieder bzw. welches Drohszenario Terroristen aufbauen können und ist deshalb besonders beängstigend. Für einen Reihenauftakt bleiben die Hauptfiguren allerdings blass und marginal. Der Epilog verspricht eine nahtlose Fortsetzung mit einem erneuten Terrorfall.

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Veröffentlicht am 11.03.2025

Eine bewegende Familiengeschichte, erzählt aus der Perspektive dreier Generationen von Frauen mit eigenen Problemen

Vor hundert Sommern
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Nachdem Elisabeth Brand im Alter von 94 Jahren in ein Seniorenheim gezogen ist, räumen ihre Tochter Anja und ihre Enkelin Lena die Wohnung in Berlin aus. Dabei finden sie auch Dinge von Elisabeths Tante ...

Nachdem Elisabeth Brand im Alter von 94 Jahren in ein Seniorenheim gezogen ist, räumen ihre Tochter Anja und ihre Enkelin Lena die Wohnung in Berlin aus. Dabei finden sie auch Dinge von Elisabeths Tante Clara, die in den 1920er-Jahren als Flaschenspülerin für die Brauerei "Berliner Kindl" angefangen, später als Hundesitterin für den Brauereisohn gearbeitet, bis sie sich mit einem Hundesalon selbstständig gemacht hat.
Neugierig auf Claras Lebensgeschichte, stellt Lena ihrer körperlich gebrechlichen, aber geistig noch fitten Oma Fragen. Anfangs zögerlich erzählt Elisabeth schließlich gern von ihrer beherzten Tante, schweigt sich dabei aber über das Leben ihrer Mutter aus, die offenbar mit Clara in einen Streit geriet.
Während Anja und Lena mehr über ihre eigenen Wurzeln erfahren, ihre betagte Mutter und Großmutter aber nicht bedrängen möchten, haben sie selbst mit den Problemen der Gegenwart zu kämpfen. Anja hat ein Berufsangebot, das sie aufgrund ihrer familiären Verpflichtungen scheut, anzunehmen und Lena hat mit ihrer sozialen Phobie zu kämpfen, die ihr das Studium in Berlin erschwert, weshalb sie sich am liebsten wieder bei ihren Eltern einquartieren möchte. Zeitgleich braucht auch ihre ältere Schwester Anabel elterliche Unterstützung, die als Content Createrin erfolgreich ist, dabei aber an ihre körperlichen Grenzen kommt.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen und wird in der Gegenwart im Jahr 2024 aus den Perspektiven von Anja und Lena erzählt, während die Vergangenheit hundert Jahre zuvor von Clara handelt.

Clara ist eine mutige junge Frau, die sich für ihre Mitmenschen engagiert, gegen Ungerechtigkeiten kämpft und beruflich ihren Weg geht. Sie steht zwischen zwei Männern und entscheidet sich letztlich für den bodenständigen liebenswerten, aber auch beeinflussbaren Willy und gegen den aufregenden Revoluzzer Aleksei.
Lena ist frisch an der Universität in Berlin und hat das Gefühl, nicht richtig dazu zu gehören. Halt gibt ihr ein Findelhund, der zu ihrem treuen Gefährten wird.
Anja steht vor der Entscheidung, erneut für die Familie beruflich zurückstecken zu müssen. Obwohl ihre Töchter erwachsen sind, sieht sie sich in der Pflicht und hat zudem ein schlechtes Gewissen ihrer Mutter gegenüber, die sie nicht zu Hause pflegt.

Auch wenn die Erzählebenen 100 Jahre trennen, gibt es Parallelen. Während in der Vergangenheit die Nationalsozialisten erstarken und im Jahr 1933 die Macht ergreifen, ist auch 2024 der Antisemitismus in Deutschland gegenwärtig. Zudem wirkt Lena inspiriert von dem Lebensweg ihrer Großtante.

Der Roman handelt von der zögerlichen Aufarbeitung der Familiengeschichte, wobei durch das unaufhörliche Schweigen lange hinausgezögert wird, worin das Familiengeheimnis liegt.
Während man über die schmerzhaften Erinnerungen spekuliert, taucht man in den Alltag der drei Frauen ein, der lebendig geschildert ist.
Die Frauen stehen vor verschiedenen Herausforderungen, haben mit Selbstzweifeln und Einsamkeit, aber auch mit herrschenden Strukturen zu kämpfen. Zivilcourage, Freundschaft und Frauensolidarität und selbstbewusst den eigenen Weg zu gehen, sind in Gegenwart und Vergangenheit wesentliche Punkte, die Mut machen.

Die Geschichte ist mit Liebe zum Detail erzählt, das beharrliche Schweigen und die Leugnung eines wesentlichen Teils der Familiengeschichte wollte mir jedoch nicht so recht einleuchten und ließ das vererbte Trauma dramaturgisch erzwungen aussehen.

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