Profilbild von nessabo

nessabo

Lesejury Star
offline

nessabo ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit nessabo über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.04.2025

Temporeicher Racheroman, der feministischer hätte sein können

Männer töten
0

Der doppeldeutige Titel ist großartig gewählt und ich mochte auch die Grundidee. Schon vorweg möchte ich aber anmerken, dass hier das auf dem Klappentext versprochene Matriarchat meiner Meinung nach zu ...

Der doppeldeutige Titel ist großartig gewählt und ich mochte auch die Grundidee. Schon vorweg möchte ich aber anmerken, dass hier das auf dem Klappentext versprochene Matriarchat meiner Meinung nach zu kurz gedacht ist. Das ist sicherlich eine Definitionssache, aber für mich bedeutet ein solches System vorrangig Gleichberechtigung und Solidarität - nicht die Umkehrung des Patriarchats.

Wenn ich das mal beiseite lasse, haben mir Schreibstil und Tempo des Romans extrem gut gefallen. Ich habe ihn fast in einem Rutsch durchgelesen, weil er aufgrund der nüchternen Sprache mit kurzen Sätzen einfach auch leicht zu inhalieren ist. Nachteil einer solchen Sprache ist natürlich, dass es hier emotional weniger nahbar wird - auch, weil die dritte Person als Perspektive gewählt wurde. Oft stört mich das, aber hier irgendwie nicht. Vielleicht, weil es sowieso schon harter Stoff ist, der gleichzeitig durch die Männermorde ins Absurde gedreht wird. Zusätzliche Emotionen hätten mich an der Stelle wohl eher überfrachtet.

Die Figuren gehen mit den Geschichten im Ort, den eigenen Taten und den „verschwundenen“ Männern auf eine schwarzhumorige Art um, die mir gut gefallen hat. Das konnte die schweren Passagen rund um 6ualisierte und häusliche Gewalt doch hinreichend auflockern. Die Charaktere fand ich interessant, wenn auch nicht sonderlich vielschichtig, und überwiegend angenehm in ihrem Umgang untereinander. Die Autorin bringt zudem immer wieder die ernüchternde Realität rund um Femizide und Täterschutz zur Sprache, auch eine grundlegende Gesellschaftskritik in Bezug auf menschenfeindliche Ideologien blitzt am Rande auf.

Nicht gefallen hat mir die Romantisierung der Tierhaltung auf dem Land. Wenn Tiere ermordet und ausgebeutet werden, ist es moralisch reichlich egal, ob sie dann wenigstens viel Platz und frische Luft hatten. Auch der völlig normalisierte Alkoholkonsum nervt mich doch immer wieder auf’s Neue. Und schließlich fand ich das Ende ziemlich unbefriedigend. Leerstellen wurden auch schon vorher wiederholt gelassen, doch konnte ich sie da noch gut füllen. Vielleicht soll der Schluss den Kontrollverlust darstellen, aber gefallen hat er mir dennoch nicht.

Weil ich den Roman aber thematisch spannend und schriftstellerisch schlicht mitreißend fand, empfehle ich ihn gern. Er wagt den Versuch, grundlegend gewaltvolle Strukturen zu dekonstruieren und gibt dabei nur ansatzweise Emotionen vor. Mittels der Umkehrung kommt mensch nicht umhin zu fragen, wie Hunderte von (versuchten) Femiziden pro Jahr gesellschaftlich als Einzelfälle normalisiert werden können. Es lohnt sich sicherlich, ein kritisches Auge beim Lesen zu bewahren und das Gelesene logischerweise nicht als Utopie zu verstehen, aber abstrahiert steckt doch auch viel Gutes in diesem Buch.
.
.
[TW: Vergew@ltigung, physische/patriarchale Gewalt, M0rd]

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.03.2025

Satirisch, wild, kritisch - hält absolut, was es verspricht

Daily Soap
0

Vorab: Ich habe das Buch als eBook gelesen und muss dafür in meiner Wertung auch einen Stern abziehen, weil die Form einfach für ein unglaublich schlechtes Leseerleben sorgt! Die Autorin arbeitet in ihrem ...

Vorab: Ich habe das Buch als eBook gelesen und muss dafür in meiner Wertung auch einen Stern abziehen, weil die Form einfach für ein unglaublich schlechtes Leseerleben sorgt! Die Autorin arbeitet in ihrem Buch mit zahlreichen Fußnoten, was ich im Allgemeinen sehr liebe. Das Problem im digitalen Buch ist leider, dass die Fußnoten alle gesammelt am Ende des jeweiligen Kapitels stehen und nicht wie eine tatsächliche Fußnote immer unten auf der jeweiligen Seite. Das macht das Lesen unfassbar anstrengend, weil es teilweise extrem viele Fußnoten sind und ich ständig auf einem nicht sonderlich schnellen eReader etliche Seiten nach hinten blättern musste und wieder nach vorne. Da sollte der Verlag wirklich dringend am digitalen Exemplar arbeiten!

Abgesehen davon hatte ich grundlegend Freude an dem Buch. Es hält absolut, was es verspricht, nämlich eine komplett absurde Familiengeschichte zu sein, die einer Scripted Reality Show in nichts nachsteht. Gleichzeitig gibt es mit einer wirklich tollen satirischen Art gesellschaftliche Kritik an Reichtum, Erbe, Macht im Allgemeinen, Homofeindlichkeit und natürlich auch Rassismus in verschiedenen Ausprägungen. Der Ton wird von einem zutiefst schwarzen Humor getragen, was mir richtig gut gefallen hat. Auch die Metaebene der Daily Soap ist einfach großartig geschrieben. Mit den Figuren hatte ich eine Weile zu kämpfen, weil doch recht viele eingeführt werden, aber die Liste am Buchanfang ist an der Stelle sehr hilfreich. Mit Sympathie konnte für mich kein Charakter glänzen, bei einem solchen Werk, welches einen gesellschaftskritischen Anspruch hat und mittels Satire am Rand des Sagbaren balanciert, kann ich damit aber gut leben.

Ich kann abschließend gar nicht so ganz sagen, ob ich das Buch abgesehen von seiner digitalen Form sehr doll mochte, weil mich das beim Lesen einfach wirklich so gestört hat und ich dadurch nicht so richtig in einen Lesefluss gekommen bin (der meines Erachtens für diese temporeiche Geschichte aber besonders relevant ist). Durch das Blättern musste ich ständig wieder in die Geschichte reinfinden, was müßig war. Das finde ich unglaublich schade, aber ich bin davon überzeugt, dass mir das Lesen des physischen Buches sehr gut gefallen hätte. An einigen Stellen war mir die Handlung dann doch ein wenig zu wild, aber so ganz grundlegend erfüllt sie eben genau das, was ich von ihr erwartet habe, und das ist toll. Ich würde auf jeden Fall wieder ein Buch der Autorin lesen!
.
.
TW: M0rd

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.03.2025

Authentisches Porträt einer Mittzwanzigerin - mit ein paar Schwächen

No Hard Feelings
1

Grundlegende Message des Buches: Leben und Dating sind anstrengend. Bin ich froh, dass das zumindest letzteres lange keine Rolle mehr in meinem Leben gespielt hat. Das mit dem Leben kann ich aber noch ...

Grundlegende Message des Buches: Leben und Dating sind anstrengend. Bin ich froh, dass das zumindest letzteres lange keine Rolle mehr in meinem Leben gespielt hat. Das mit dem Leben kann ich aber noch immer nachfühlen. 🥲 
Die Lektüre von „No Hard Feelings“ hatte für mich durchaus ihre Tücken, weil die Selbstzweifel und übersteigerte eigene Abwertung der Protagonistin mir und wohl generell vielen weiblich sozialisierten Menschen bekannt sind. That hit home und war besonders in der ersten Hälfte echt herausfordernd.

Penny hängt in einer toxischen Beziehung mit Max fest, der nicht wirklich etwas Festes will, was sie wiederum aber auch nicht akzeptieren kann. Das ganze Hin und Her zieht sich für mich fast einen Ticken zu lang und wird erst recht spät aufgelöst. Nebenher kommt sie in ihrem Job nicht weiter, wobei auch hier fraglich ist, ob sie das überhaupt möchte. Und spielt sie im Leben ihrer Freundinnen eigentlich überhaupt noch eine Rolle oder entwickeln die sich ohne sie weiter? Zweifel über Zweifel und Penny dreht sich dadurch ziemlich lange um sich selbst, was zwar chaotisch-unterhaltsam, aber auch anstrengend war. Außerdem bedient der Roman einige Stereotype: die zickig-überdrehte Bride-to-be, die extrem karriereorientierte Anwältin oder die tyrannisch-kompetitive Chefin. Auf diese etwas platten Rollen hätte ich lieber verzichtet, zumal ich die Bücher des Verlags vor allem für ihre Progressivität schätze.

Auch das Thema mentale Gesundheit kam mir persönlich etwas zu kurz. Penny befindet sich aufgrund ihrer Depression zwar in Therapie, beendet die Stunde aber voller Frust und mit dem Vorhaben, nie wieder zu kommen. Angeblich hatte sie auch früher schon Therapiesitzungen, was ich aufgrund ihres Verhaltens etwas unglaubwürdig finde. Das meine ich nicht in dem Sinne, dass irgendwer mit psychischen Erkrankungen sich nach einem bestimmten Schema verhalten muss. Aber doch passte es hier für mich nicht ganz und machte Pennys Kreisen um sich selbst streckenweise erdrückend.

Trotz der Kritik habe ich das Buch aber dank des lockeren, humorvollen Schreibstils flüssig lesen können und wurde im letzten Viertel dann auch mit dem Tiefgang belohnt, den ich erwartet hatte. Hier wird auf wenig pathetische Art herausgearbeitet, dass ein Mensch sich nur selbst befreien kann, indem Verantwortung übernommen wird - für das eigene Handeln sowie das Leben im Allgemeinen. Die Lovestory am Rand hätte es für mich persönlich auch nicht gebraucht, zumal es ja eigentlich gerade darum gehen sollte, dass Beziehungen niemensch retten können, aber davon abgesehen finde ich sie sweet geschrieben.

Ein gut lesbares Buch mit ansprechender Alltagskomik, bei dem es mir streckenweise aber leider an Tiefe fehlte, obwohl viel Potenzial da ist. Bestimmt finden sich Menschen Anfang/Mitte Zwanzig in Penny wieder, sodass ihre Struggle auch richtig wohltuend sein können. Für mein ganz persönliches Empfinden hat der Verlag aber deutlich vielschichtigere Bücher im Programm, die für mich echte Highlights waren. Hier vergebe ich trotzdem wohlmeinende 4 Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 15.01.2025

Ein nüchternes, kunstvolles und vielschichtiges Buch

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
0

Ehrlicherweise war ich zu Beginn eine ganze Weile lang nicht sicher, wohin dieses Buch eigentlich führen möchte. Martina Hefter hat hier ein Werk geschaffen, das vor allem durch Komplexität geprägt ist. ...

Ehrlicherweise war ich zu Beginn eine ganze Weile lang nicht sicher, wohin dieses Buch eigentlich führen möchte. Martina Hefter hat hier ein Werk geschaffen, das vor allem durch Komplexität geprägt ist. Dahinter verschwinden manchmal die Emotionen der Figuren, nichtsdestotrotz halte ich es für ein großes Talent, die Welt in ihrer Vielschichtigkeit abbilden zu können.

Bereits die Protagonistin des Romans, aus deren Perspektive die Geschichte geschrieben ist, vereint verschiedene Blickwinkel auf sich. Sie ist schon etwas älter und versucht die Kontrolle über ihr Leben wiederzuerlangen, in welchem sie aufgrund ihres Altes weniger Aufträge als Performancetänzerin bekommt. Gleichzeitig pflegt sie aber auch ihren Mann Jupiter und legt Love-Scammer im Internet herein, von denen sie regelmäßig Anfragen erhält. Im Verlauf der Handlung macht sich Juno über viele Dinge Gedanken. Darunter zählen der eigene Rassismus sowie die persönlichen Privilegien, aber eben auch das eigene Leid aufgrund altersdiskriminierender und ableistischer Strukturen.

Ein wichtiges und innovatives Element ist die WhatsApp-Bekanntschaft zu ihrem ehemaligen (?) Love-Scammer Benu, der in Nigeria lebt und sich (scheinbar) zu erkennen gibt, nachdem Juno ihn bezüglich des Love-Scammings konfrontiert. Zwischen den beiden entsteht irgendetwas, klar definiert wird es wird jedoch nicht. Und das ist auch ein wiederkehrendes Muster des Buches: Um Vieles wird sich Gedanken gemacht, aber wenig konkret ausgesprochen. So ist auch das Ende ein wenig irritierend, eigentlich bleibt alles zur eigenen Interpretation offen.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, wenngleich mensch sich auch bewusst sein sollte, dass es hier vor allem um Alltägliches geht und weniger um eine besondere Dramaturgie. Das hat durchaus seinen Reiz, ist aber vielleicht nicht für alle Menschen oder Lebenslagen das Richtige. Die Sprache ist nüchtern und phasenweise kunstvoll, letzteres für mich aber in einem akzeptablen Maß (ich mag das nämlich oft nicht). Besonders loben möchte ich aber wirklich die Komplexität der Figuren, welche mich selbst zum Nachdenken gebracht hat.

Menschen sind vielschichtig, ganz viel ist nicht, wie es scheint. Das hat Martina Hefter hier interessant und durchaus unterhaltsam umgesetzt, ohne sich selbst klar zu positionieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.01.2025

Ein nüchternes, kunstvolles und vielschichtiges Buch

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
0

Zum Hörbuch: Inka Löwendorf ist keine schlechte Sprecherin, aber in Bezug auf Stimmfarbe und -varianz nicht meine liebste. Vor allem bei den Chatverläufen wurde mir nicht immer ganz klar, wer gerade schreibt. ...

Zum Hörbuch: Inka Löwendorf ist keine schlechte Sprecherin, aber in Bezug auf Stimmfarbe und -varianz nicht meine liebste. Vor allem bei den Chatverläufen wurde mir nicht immer ganz klar, wer gerade schreibt. Grundsätzlich fand ich den Text als Hörbuch aber gut umgesetzt.

Zum Buch selbst: Ehrlicherweise war ich zu Beginn eine ganze Weile lang nicht sicher, wohin dieses Buch eigentlich führen möchte. Martina Hefter hat hier ein Werk geschaffen, das vor allem durch Komplexität geprägt ist. Dahinter verschwinden manchmal die Emotionen der Figuren, nichtsdestotrotz halte ich es für ein großes Talent, die Welt in ihrer Vielschichtigkeit abbilden zu können.

Bereits die Protagonistin des Romans, aus deren Perspektive die Geschichte geschrieben ist, vereint verschiedene Blickwinkel auf sich. Sie ist schon etwas älter und versucht die Kontrolle über ihr Leben wiederzuerlangen, in welchem sie aufgrund ihres Altes weniger Aufträge als Performancetänzerin bekommt. Gleichzeitig pflegt sie aber auch ihren Mann Jupiter und legt Love-Scammer im Internet herein, von denen sie regelmäßig Anfragen erhält. Im Verlauf der Handlung macht sich Juno über viele Dinge Gedanken. Darunter zählen der eigene Rassismus sowie die persönlichen Privilegien, aber eben auch das eigene Leid aufgrund altersdiskriminierender und ableistischer Strukturen.

Ein wichtiges und innovatives Element ist die WhatsApp-Bekanntschaft zu ihrem ehemaligen (?) Love-Scammer Benu, der in Nigeria lebt und sich (scheinbar) zu erkennen gibt, nachdem Juno ihn bezüglich des Love-Scammings konfrontiert. Zwischen den beiden entsteht irgendetwas, klar definiert wird es wird jedoch nicht. Und das ist auch ein wiederkehrendes Muster des Buches: Um Vieles wird sich Gedanken gemacht, aber wenig konkret ausgesprochen. So ist auch das Ende ein wenig irritierend, eigentlich bleibt alles zur eigenen Interpretation offen.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, wenngleich mensch sich auch bewusst sein sollte, dass es hier vor allem um Alltägliches geht und weniger um eine besondere Dramaturgie. Das hat durchaus seinen Reiz, ist aber vielleicht nicht für alle Menschen oder Lebenslagen das Richtige. Die Sprache ist nüchtern und phasenweise kunstvoll, letzteres für mich aber in einem akzeptablen Maß (ich mag das nämlich oft nicht). Besonders loben möchte ich aber wirklich die Komplexität der Figuren, welche mich selbst zum Nachdenken gebracht hat.

Menschen sind vielschichtig, ganz viel ist nicht, wie es scheint. Das hat Martina Hefter hier interessant und durchaus unterhaltsam umgesetzt, ohne sich selbst klar zu positionieren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere