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Veröffentlicht am 07.08.2025

Ein Buch das Grenzen sprengt

Schwindende Welt
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Bislang kannte ich von der Autorin nur „Die Ladenhüterin“. Das ist neben diesem Buch geradezu harmlos. Hier braucht man eine Weile, bis man ankommt und selbst dann kann man kaum glauben, was man da liest.

Diese ...

Bislang kannte ich von der Autorin nur „Die Ladenhüterin“. Das ist neben diesem Buch geradezu harmlos. Hier braucht man eine Weile, bis man ankommt und selbst dann kann man kaum glauben, was man da liest.

Diese Welt ist seltsam. Sie ist schon japanisch, aber hier hat man eine ganz andere Vorstellung von Familie. Familie ist eine Wohngemeinschaft, ein Mann und eine Frau, die heiraten, sich verstehen, aber romantische Gefühle anderswo ausleben. Liebe zwischen Ehepartnern ist verpönt und wird als Inzest angesehen. So eine Umgebung ist perfekt, um Kinder behütet aufwachsen zu lassen. Ein Ehepaar beantragt eine künstliche Befruchtung und bekommt sein Wunschkind zum Wunschtermin. Das Kind wird geplant, bestellt, ausgetragen und geliebt und muss niemals erleben, wie sich Eltern aus amourösen Gründen überwerfen.

Das alles erklärt uns Amane. Es klingt fast wissenschaftlich, wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, von ihrem sexuellen Erwachen, ihren Liebhabern, die anfangs nicht real sind. Man kann Liebesbeziehungen zu fiktiven Personen aus Büchern, Mangas oder Filmen führen, das ist sogar die gängige Praxis, viel sauberer und unangestrengter als sich mit echten Menschen einzulassen. Und während man noch den Gedanken wälzt, ob das tatsächlich ein praktikables Vorgehen sein könnte, geht Amane den nächsten Schritt und das Geschehen wird zunehmend verstörend.

Was man hier liest ist ein hoch interessantes Gedankenexperiment, das die Autorin bis zur allerletzten Konsequenz durchspielt. Anfangs war es mir etwas zu sexlastig, aber vielleicht muss man da durch, um sich gründlich von allen Konventionen zu verabschieden. Hier blickt man in eine absonderliche Zukunft, die gar nicht mal so unrealistisch zu sein scheint. Das ist spannend, aufschlussreich und höchst verstörend, ein Buch, das Grenzen sprengt.

Das Hörbuch liest Uta Simone sehr eindringlich. Man glaubt ihr problemlos die Rolle einer jungen Frau, die ihr Innerstes nach außen kehrt und leidet mit Amane, versteht sie gut, selbst wenn ihr Handeln absonderlich wird. Es dauert 5 Stunden, 40 Minuten.

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Veröffentlicht am 22.04.2025

Traurig schön

Beeren pflücken
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Dieses Buch ist traurig, aber auch irgendwie schön. Es geht um eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia, die als Wanderarbeiter leben. Das ist allein schon interessant, weil man von der indigenen Bevölkerung ...

Dieses Buch ist traurig, aber auch irgendwie schön. Es geht um eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia, die als Wanderarbeiter leben. Das ist allein schon interessant, weil man von der indigenen Bevölkerung Kanadas nicht oft etwas zu lesen bekommt.

Im Sommer 1962 waren sie in Maine beim Beerenpflücken, als plötzlich die kleine Ruthie fehlt. Ruthie war erst vier Jahre alt und verschwindet spurlos. Die örtlichen Behörden kümmert das Fehlen eines Mi'kmaq-Kindes nicht besonders, aber ihre Familie ist verzweifelt. Besonders ihr Bruder Joe fühlt sich verantwortlich. Hätte er nicht aufpassen müssen?

50 Jahre später ist Joe schwer krank und erzählt aus seinem Leben, das immer von seinen Schuldgefühlen überschattet war. Und parallel erfährt man von Norma, die streng behütet in Maine aufwächst. Die Fürsorge ihrer Mutter ist schon fast krankhaft.

Joes und Normas Geschichten wechseln sich ab und sind tatsächlich gleichermaßen interessant. Sie erzählen vom Leben in den 60ern, von Familienzusammenhalt und Trauer, auch von Rassismus, Existenzängsten und Obsessionen. Die Atmosphäre ist schwermütig und intensiv. Es bildet sich eine tragische Familiengeschichte mit Thrillerelementen heraus, die traurig ist, auch ein bisschen gruselig, dabei aber trotzdem Warmherzigkeit vermittelt.

Die Sprache ist sehr schön, einfühlsam und bildhaft. In dieses Buch kann man sich fallen lassen, taucht ab in eine originelle Art kuscheligen Grusel. Es hat ein paar Längen, aber Ich mag es sehr.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Möge die Frau im Mond dir den Weg weisen

Frau im Mond
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Dieses Buch ist ein Kunstwerk und eine Herausforderung. Grundsätzlich ist es sehr hübsch, erzählt locker eine Familiengeschichte, liebevoll und mit Humor, nur muss man sie ein bisschen suchen.

Im Prinzip ...

Dieses Buch ist ein Kunstwerk und eine Herausforderung. Grundsätzlich ist es sehr hübsch, erzählt locker eine Familiengeschichte, liebevoll und mit Humor, nur muss man sie ein bisschen suchen.

Im Prinzip begibt sich eine junge Frau auf die Suche nach ihren Wurzeln. Lilith macht Dokumentarfilme, Recherche ist ihr Metier, und als ihr dementer Großvater plötzlich ins Plaudern kommt merkt sie auf. Ihre Familie lebt schon lange in Kanada, aber ihre Großeltern kommen aus dem Libanon. Anush, ihre Großmutter, ist als Kind von Armenien in den Libanon geflohen. Welche Geschichte steckt dahinter?

Es geht hier ziemlich wild durch die Zeiten. Großvater Maroun erinnert sich, wie man sich halt erinnert, hier ein Stückchen und da ein bisschen und wie war das nochmal? Auch Liliths Gedanken schweifen ab. Es springen ständig die Perspektiven, die Zeiten und die Handlungsorte. Es ist verwirrend, aber irgendwie auch nett, bis es dann gar nicht mehr nett ist. Der Genozid, der 1915 an den Armeniern verübt wurde, war grausig und ein paar Sprenkel davon erleben wir mit.

Zwischendurch bekommt man noch einen Schnupperkurs in Raketenwissenschaft. Fritz Langs Film „Frau im Mond“ hat Maroun als Kind im Kino gesehen, war quasi dabei, als der Countdown erfunden wurde und hat eine lebenslange Faszination für Raketen, den Weltraum und den Mond mitgenommen. Die Haigazian College Rocket Society in Beirut hat in den 30er Jahren wegweisende Erkenntnisse errungen, das ist nur nicht allgemein bekannt.

Ein Countdown durchzieht das ganze Buch. Die Kapitel zählen rückwärts, laut und deutlich. Bei Null haben wir eine Idee, wie alles zusammenhängen könnte und sind beeindruckt, wie vielfältig man eine Frau im Mond als Symbol benutzen kann. Wir sind außerdem ein klein wenig froh, es geschafft zu haben. Das war eine spannende Reise, aber anstrengend war sie auch.

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Veröffentlicht am 03.04.2025

Schelmenroman mit blassem Schelm

Was ich von ihr weiß
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Ich habe bislang alle Bücher von Jean-Baptiste Andrea gelesen und war immer tief beeindruckt. Und ich hätte nie erwartet, das mal zu sagen, aber sein neustes Buch hat mich tatsächlich gelangweilt. Der ...

Ich habe bislang alle Bücher von Jean-Baptiste Andrea gelesen und war immer tief beeindruckt. Und ich hätte nie erwartet, das mal zu sagen, aber sein neustes Buch hat mich tatsächlich gelangweilt. Der Erzählstil ist noch immer ganz wunderbar, aber die Geschichte hat mich rein gar nicht abgeholt.

Michelangelo Vitaliani liegt im Sterben, als er beginnt, uns seine Geschichte zu erzählen und das ist schon mal der erste Punkt, der mir nicht gefallen hat. Wir erfahren auf der ersten Seite, er endet uralt und sterbend im Kloster, die Geschichte muss frustrierend enden und ist lang.

Dann folgt ein klassischer Schelmenroman, wobei der Schelm erstaunlich blass bleibt. Mimo ist kleinwüchsig und hat ein geniales Talent zum Bildhauen, sehr viel mehr erfährt man nicht von ihm. Ab Seite 70 kommt mit seiner Freundin Viola ein bisschen Leben ins Geschehen. Viola Orsini möchte fliegen lernen und nicht das Leben führen, das für eine Tochter aus gutem Hause vorgesehen ist. 1917 lernen sie sich kennen, da sind sie Kinder, die sich nachts auf dem Friedhof treffen, weil ihr Standesunterschied sonst keine Freundschaft zulassen würde. Später, wenn Mimo berühmt ist, wird er fast Teil der Familie. Das ist eigentlich sensationell, aber Mimo erzählt es eher launig, sein Erfolg fliegt ihm zu.

Nebenher bekommt man ein Stückchen italienische Geschichte, den Aufstieg und Fall Mussolinis kann man beobachten und Mimo hat sogar eine kurze Phase als Widerstandskämpfer, die ich ihm nicht abgekauft habe.

Wahrscheinlich ist das das Problem. Mimo und ich sind keine Freunde geworden. Er ist eine schillernde Figur, die viel erlebt und merkwürdig distanziert bleibt. Das ist für mich das eigentliche Drama des Buches. Ich habe Großes erwartet und mich weitgehend gelangweilt, das kann auch die schöne Sprache nicht ausgleichen. Für den Prix Goncourt hat es gereicht.

Eine Bewertung fällt mir hier schwer. Eigentlich müsste ich dem Buch drei Sterne geben, aber der Erzählstil ist wirklich herausragend. Ich gebe ihm vier, der vierte ist ein Sympathiestern.

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Veröffentlicht am 31.03.2025

Beeindruckend, hoch komisch und auch anstrengend

Russische Spezialitäten
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An dieses Buch musste ich mich erst einmal gewöhnen. Es ist toll erzählt, in exquisiter Sprache, irre komisch, höchst zynisch, mit einer enormen Gag-Dichte. Da sitzt jedes Wort, fast erschlagen sich die ...

An dieses Buch musste ich mich erst einmal gewöhnen. Es ist toll erzählt, in exquisiter Sprache, irre komisch, höchst zynisch, mit einer enormen Gag-Dichte. Da sitzt jedes Wort, fast erschlagen sich die originellen Bilder gegenseitig, da trifft erlesener Wortwitz auf gnadenlose Beobachtungen und liebevoll ironische Analysen. Das ist beeindruckend, hoch komisch und auch anstrengend.

Dmitrij Kapitelman erzählt aufgeräumt von seiner Familie, die aus der Ukraine stammt, von seiner Jugend und vom Magasin der Familie, dem russischen Spezialitätengeschäft, das seine Eltern in Leipzig geführt haben. Zwischen den Zeilen steht allerdings auch Traurigkeit und Verzweiflung über die aktuelle Situation. Seine Mutter ist mit russischer Propaganda aufgewachsen, glaubt an alles, was das „Fernsehrussland“ ihr zeigt und findet es gut, dass das Naziregime in der Ukraine mal in seine Schranken gewiesen wird. Vernunftsargumenten ist sie nicht zugänglich und zeigt uns eine ganz neue Seite dieses schrecklichen Kriegs.

Wie russisch sind eigentlich Ukrainer? Das ist im Grunde das Thema dieses Buches, das deutlich macht, wie absurd dieser Krieg ist. Da lernen plötzlich Ukrainer Ukrainisch, weil das Russisch, das sie gewohnt waren, mit ihren neuen Lebensumständen kollidiert. Und Ukrainer im Exil gucken russisches Fernsehen, wie immer und verstehen die Welt nicht mehr.

Das Hörbuch liest der Autor selbst souverän und sehr sympathisch, man muss ihn nur ein bisschen schneller abspielen. Die russisch-ukrainischen Spitzfindigkeiten kann er wie niemand sonst vortragen.

Auch wenn ich mit diesem Buch Startschwierigkeiten hatte, habe ich es gerne gehört, habe mich sehr amüsiert und einiges gelernt.

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