Profilbild von herr_stiller

herr_stiller

Lesejury Star
offline

herr_stiller ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit herr_stiller über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.06.2022

Traurig-schöner Sommer

Ein unendlich kurzer Sommer
0

Und dann war der Sommer plötzlich vorbei. Dieser gewaltige Sommer, der durch Chris‘ Leben gefegt ist, auf einem einsamen Campingplatz in einem verschnarchten Nest irgendwo im Nirgendwo, weit weg von seinem ...

Und dann war der Sommer plötzlich vorbei. Dieser gewaltige Sommer, der durch Chris‘ Leben gefegt ist, auf einem einsamen Campingplatz in einem verschnarchten Nest irgendwo im Nirgendwo, weit weg von seinem früheren Leben. Ein viel zu kurzer Sommer, ein unendlich kurzer Sommer.

Als er den Haushalt seiner verstorbenen Mutter auf seiner Heimatinsel Réunion auflöst, fällt ihm ein Brief in die Hände. Geschrieben wenige Tage nach seiner Geburt. Nie abgeschickt, versteckt in einem Buch. Adressiert an seinen Vater. Seinen echten Vater, der nicht der war, der ihn aufgezogen hatte und früh gestorben war, sondern ein Unbekannter aus Deutschland. Gustav.

Gustav, der knarzige, stoffelige Besitzer des Campingplatzes, der plötzlich Lale vom Aldi-Parkplatz mitnimmt, die junge Frau, die vor ihrem Leben Reißaus genommen hat, warum, das wird alles erzählt in diesem wundervollen Roman, auch die Geschichte von Chris, von Gustav, von dessen altem Freund James und vom Nachbarjungen Flo.

Ein unendlich kurzer Sommer ist ein tolles melancholisches Sommerbuch. Ein Roman mit vielen verhuschten, skurrilen Charakteren, alle anders, alle gleichzeitig furchtbar anstrengend und furchtbar liebenswert. Eine Geschichte für Leser:innen, die Geschichten von Mariana Leky lieben, deren Figuren, deren Stimmungen, die auch in Kristina Pfisters großartigem Debütroman leben.

Manchmal passiert einfach nichts, der Sommer ist heiß, es gibt Eis oder Bier oder beides und Nachmittage am See und dann plötzlich, wie ein Sommergewitter, da kracht es, da ziehen die Schatten der Vergangenheit wie dunkle Wolken am Himmel auf, genau wie die Schatten der unvermeidbaren Zukunft. Das ist zwar ein bisschen vorhersehbar, aber auf völlig angenehme Weise, größtenteils unverkitscht, immer charmant, immer liebenswert. Was für ein traurig-schöner Sommer!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.02.2022

La vita agrodolce

Der letzte Sommer in der Stadt
0

Ich: Wie zeitlos kann ein Buch sein?
Der letzte Sommer in der Stadt: Ja.

1973 ist Gianfranco Calligarichs Roman erschienen. Vor 49 Jahren. Zwei, fast drei Generationen junger Leute später wirkt „Der ...

Ich: Wie zeitlos kann ein Buch sein?
Der letzte Sommer in der Stadt: Ja.

1973 ist Gianfranco Calligarichs Roman erschienen. Vor 49 Jahren. Zwei, fast drei Generationen junger Leute später wirkt „Der letzte Sommer in der Stadt“ frisch wie am ersten Tag.

Ein junger Mann in einer großen Stadt, der ewigen Stadt, Rom, natürlich. Das sorglose Leben, wenn die Schulzeit hinter und noch so vor einem Menschen liegt. Die flüchtigen Bekannt- und besseren Freundschaften. Jobs, die noch keine Arbeit sind. Durchfeierte Nächte. Und die Liebe, ja, die Liebe, oder besser: Amore.

Die findet Leo Gazzarra, der (Anti-)Held dieser Geschichte, in Arianna. Schön ist sie, wankelmütig, undurchschaubar. Und trotz aller Nähe wahrt sie eine gewisse Distanz, die Leo schier um den Verstand bringt, aus Rom weg in die Mailänder Heimat treibt, die längst keine mehr ist.

Calligarich hat hier vor fast fünf Jahrzehnten einen Roman geschaffen, der mehr ist als nur eine Verbeugung vor amerikanischen Literaten wie Kerouac oder Hemingway. Es ist ein Werk, dass Beat-Literatur mit La Dolce Vita von Fellini verknüpft – nur dass es oft agrodolce ist. Bittersüß. Von Seite zu Seite bis zu seinem Ende nimmt die Süße ab, verschwindet die Wärme, das Wohltun des Sommers, hin zum großen Finale.

Ein wunderbares Buch, eine großartige Wiederentdeckung, eine tolle Übersetzung. Und kein Jahr gealtert. Amore!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.09.2025

Verdammt realistische Coming-of-Age-Geschichte

Beste Zeiten
0

Das Leben Anfang 20? Oft gar nicht mal so einfach. Auch nicht für Sickan. Ihrer Heimat ist sie in Richtung Stockholm entflohen. Weg vom Mobbing der Schulzeit, von der südschwedischen Langeweile, den Eltern, ...

Das Leben Anfang 20? Oft gar nicht mal so einfach. Auch nicht für Sickan. Ihrer Heimat ist sie in Richtung Stockholm entflohen. Weg vom Mobbing der Schulzeit, von der südschwedischen Langeweile, den Eltern, die zwar Akademiker sind, aber nichts aus sich machten. Stattdessen Studium, WG-Leben, erste Beziehungen – und alles, was daran doch nicht so golden ist, wie sie es sich ausgemalt hat.

„Beste Zeiten“ passt am besten in Anführungszeichen, denn so richtig rund läuft es nicht. Zwar wohnt sie nach einem Anfang in einem Wohnheim in einer WG mit Hanna und das in einer teuren Stockholmer Wohnung (für die sie dank Hannas wohlhabender Mutter kaum mehr zahlt als vorher). Zwar hat sie irgendwann eine Beziehung mit Abbe. Zwar ist sie die beste Studentin ihres Fachs. Aber Hanna kennt keine Grenzen, Abbe ist seltsam abwesend und plant einen Umzug nach Mexico City und das Studium lässt sie schleifen, um für andere Leute Hausarbeiten zu schreiben.

Wie schon in „Okaye Tage“, das übrigens auch immer am besten in Anführungszeichen stand, überzeugt Jenny Mustard mit einem ruhigen und doch schonungslos ehrlichen Realismus. Nichts wird beschönt, gleichzeitig aber auch nicht unnötig prekär dargestellt. Sickan erlebt typische Situationen wie Partys, Liebe und Krach. Und leider auch für viele junge Frauen typische Situationen wie Mobbing und sexuelle Übergriffe.

„Beste Zeiten“ ist dabei ein wirklich guter Coming-of-Age-Roman, wenn das Leben Anfang 20 noch zu diesem Genre zählt. Aber auch die Rückblenden sind schockierend und eindrucksvoll, besonders Sickans Erlebnisse mit 13, ohne zu spoilern. Manchmal scheint die Geschichte etwas an Fahrt zu verlieren, ein paar Seiten plätschert es mal dahin, was aber auch irgendwie gut zum Leben in diesem Alter passt, bevor es wieder an Fahrt aufnimmt. Und zu einem passenden, guten, realistischen Ende kommt.

Etwas kurios wirkt es manchmal, dass schwedische Wörter unübersetzt bleiben, in einem Roman einer Schwedin, der in Schweden spielt. Aber das scheint schon im Original so zu sein, ist „Beste Zeiten“ doch zunächst auf Englisch erschienen. Irgendwann liest man es auch einfach so mit, die meisten Wörter sind eh verständlich, der Rest lässt sich googlen.

Ganz an „Okaye Tage“ kommt ihr Zweitwerk nicht ganz, emotional zumindest. Aber Jenny Mustard entwickelt sich zu einer bedeutenden Stimme der Twenty-Somethings. Und ich bin schon sehr gespannt, welche Geschichte sie als nächstes erzählen wird – und ob der Titel zu den Vorgängern passt. Vermutlich schon.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Themen
Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein rauer, kratziger Wolldeckenroman

Strandgut
0

Fehlenden Arbeitseifer kann man Benjamin Myers nun wirklich nicht vorwerfen. 2020 erschien mit „Offene See“ sein erster ins Deutsche übersetzte Roman bei Dumont, ein echter Publikumsliebling. Anschließend ...

Fehlenden Arbeitseifer kann man Benjamin Myers nun wirklich nicht vorwerfen. 2020 erschien mit „Offene See“ sein erster ins Deutsche übersetzte Roman bei Dumont, ein echter Publikumsliebling. Anschließend zwei weitere Romane und eine Kurzgeschichtensammlung. Und nun also „Strandgut“. Ein Buch, das schon aufgrund seiner Haptik und seines wunderschönen Covers ein Blickfang in jedem Regal ist. Der Titel? Hätte vielleicht besser übersetzt werden können. Aber dazu später mehr.

Bucky Bronco wohnt in Chicago, ist seit einem Jahr Witwer und erträgt die körperlichen und vielleicht auch seelischen Schmerzen nur durch in den Staaten leicht erhältliche Opioide. Plötzlich erhält er eine Einladung zu einem Musikfestival in Scarborough. Nicht als einfacher Gast, sondern als Star – denn Bucky hat in seinen späten Teenager-Jahren zwei Soul-Songs aufgenommen, die auch fünf Jahrzehnte später noch eine Fangemeinde haben. Von der er selbst aber nie etwas wusste. Also macht sich Bucky auf den Weg in den Nordosten Englands.

„Strandgut“ ist mehr als eine einzelne Geschichte. Es ist die von zwei nicht mehr ganz jungen Menschen, die einen Neuanfang jagen. Es ist die, einer alten, grauen, salzwasserhaltigen Stadt. Und vor allem eine über die Kraft der Musik. Und alle drei Geschichten sind auf ihre Weise schön, manchmal etwas dick aufgetragen, aber durchaus liebens- und lesenswert.

Die Ungläubigkeit Buckys, dass sich noch jemand an seine alten Songs erinnert, ja, dass sich sogar junge Leute dafür begeistern, ist entzückend. Und auch die Gründe für seinen Abschied von der Musik sind durchaus glaubwürdig beschrieben. Dass er mit seinem Vertrag abgezockt wurde, nie auch nur einen Dollar Tantiemen gesehen hat, am Ende aber doch ein üppiges Salär auf ihn warten könnte … da kennen sich Anwälte vermutlich besser aus.

Wie Dinah hadert, sich von der Liebe zu ihrem Sohn loszusagen – bei ihrem Mann ist das weniger ein Problem. Aber zu erkennen, dass man sich auch von Kindern (oder natürlich, in anderen Fällen, auch Eltern) lossagen kann, ist kein einfacher, aber dringend notwendiger Schritt. Warum das erst an diesem Wochenende passiert? Sei’s drum, hauptsache es geschieht.

Und wie Ben Myers dem alten Hotel The Majestic ein ganz eigenes Leben einhaut, zwischen veraltetem Interieur, kaputten Aufzügen und dort nistenden Möwen, die „Strandgut“ immer wieder einen Hauch von Schauerroman verleihen. Ein Hotel, dass es wirklich gibt, wenn auch unter dem Namen Grand Hotel Scarborough, mit mäßigen Bewertungen und dem ein oder anderen gesundheitlich bedenklichem Zwischenfall in den letzten Jahren. Aber mit seinen Zahlen – den vier Türmen, 12 Etagen, 52 Schornsteinen und einst 365 Zimmern. Fast so etwas wie eine eigene Nebenfigur des Romans.

Zwei Punkte geben leichte Abzüge in der B-Note. Der Roman ist schon etwas zu konstruiert – nichts überrascht wirklich, es hat trotz der rauen Umgebung, menschlich wie geografisch, fast kitschige Wolldeckenroman-Züge, auf eine raue und kratzige Weise. Aber das ist ja auch mal in Ordnung, es muss nicht immer hochdramatisch in die Tiefe gehen.

Der zweite Punkt betrifft den Titel. Strandgut soll sich auf die beiden Protagonist:innen beziehen, im Leben gestrandete Personen. Aber sind sie das wirklich? Im Original heißt Myers Roman „Rare Singles“, seltene Singles also, bezogen auf die wenigen Aufnahmen Buckys. Und natürlich auch auf die menschlichen Singles wider Willen, der Witwer Bucky, die entfremdete Ehefrau Dinah, sicher auch die alleinerziehende Hotelangestellte Shabana – eine wundervolle Nebenfigur übrigens. Vielleicht wäre der Titel schöner, passender gewesen.

Myers neuer Roman ist trotz kleiner Kritikpunkte und schöner Roman für Fans von Musik, von England und von der Hoffnung, dass es im Leben immer wieder eine überraschende Wendung geben kann. Ein rauer, kratziger Wolldeckenroman eben. Und das ist ja gar nicht so verkehrt für eine kühle, nasse Sommerwoche oder den nahenden Herbst.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.03.2025

Zurück in die Vergangenheit

Nowhere Heart Land
1

"My fingertips are holding onto the cracks in our foundation and I know that I should let go but I can't."

18 Jahre ist der Song von Kate Nash bereits alt, 15 Jahre in „Nowhere Heart Land“ von Emily Marie ...

"My fingertips are holding onto the cracks in our foundation and I know that I should let go but I can't."

18 Jahre ist der Song von Kate Nash bereits alt, 15 Jahre in „Nowhere Heart Land“ von Emily Marie Lara – und ähnlich wie die Figur im Song hält auch die Protagonistin im Buch an Dingen fest, die sie längst loslassen müsste. Wenn das mal so einfach wäre.

In der Gegenwart ist gerade die Queen gestorben. Rosas Kollege, dessen Arbeit sie in einer Londoner Ad-Agency mitmacht, kommentiert das mit einem abfälligen Spruch – und kassiert Rosas Faust in sein Gesicht. Verdientermaßen muss man auch als gewaltfreier Mensch zugeben. Rosa wird freigestellt. Und muss zurück nach Deutschland, denn das Altersheim ihrer dementen Oma verlangt mehr Geld, das nur durch den Verkauf ihres Hauses aufzutreiben ist. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt – zurück zum längst abgerissenen Internat, die zerbrochene Schulfreundschaft zu Leni und die Kartons mit den Erinnerungen an ihre früh verstorbene Mutter Conny.

„Nowhere Heart Land“ ist ein forderndes Buch. Eine Tour de Force durch diverse Breakdowns der Protagonistin, deren toxischer Alltag durch zu viel Alkohol und nie aufgearbeitete Abschiede bestimmt wird. Leser:innen werden sich viele Frage stellen und es ist nicht zu viel gespoilert, wenn man festhält, dass eigentlich keine davon beantwortet wird. Mag sicher für einige unbefriedigend sein, mir hat’s gefallen, mit klaren Antworten können auch Enttäuschungen einhergehen – und das ist auch sicherlich nicht die Intention des Buchs.

Es ist ein Homecoming-Roman einer Person, die nach dem Ende ihrer Schulzeit nach London geflüchtet ist, mit Heimat und Freund:innen gebrochen oder letztere auch verprellt hat. Die feststellen muss, dass auch ihre Freundschaften in England nicht allzu viel wert sind. Die den Abriss ihrer Schule und damit auch ein Auslöschen an ihre Mutter, die das Internat ebenfalls besucht hat, nie überwunden hat, vor allem aber auch deren viel zu frühen Tod – und wie soll man das überhaupt schaffen?

Ich mochte in Emily Marie Laras Debüt drei Sachen besonders: die Sprache, mit der sie Rosas Geschichte erzählt. Die Gefühle, die ich nachvollziehen konnte, wenn sie durch ihre alte Heimat läuft und sie gleichzeitig vertraut und doch fremd scheint. Aber auch die vielen „Oh girl, come on!“-Momente, wenn man Rosa von etwas abhalten oder ihr gut zureden oder wenigstens in den Arm nehmen mochte. Sie ist keine sonderlich sympathische, aber eine realistische Protagonistin, voller Fehler, voller Vergangenheit, der man auch nicht immer ganz vertrauen möchte und sie sich selbst vermutlich auch nicht.

Und auch wenn das Buch keine Antworten liefert, so ist das Ende doch durchaus passend, die Szene in der Pizzabude mehr als stark und das Buch trotz kleinerer Längen sehr lesenswert – aber nicht für jede:n.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Atmosphäre