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Veröffentlicht am 03.07.2025

Ein Debüt mit Potential nach oben

Die feindliche Zeugin
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Alexandra Wilson ist von Beruf eine junge Prozessanwältin. In ihrem Debütroman erläutert sie einige Details zum Rechtswesen im Vereinigten Königreich. In dem hier erzählten Fall ist Mercedes Rosa Higgins ...

Alexandra Wilson ist von Beruf eine junge Prozessanwältin. In ihrem Debütroman erläutert sie einige Details zum Rechtswesen im Vereinigten Königreich. In dem hier erzählten Fall ist Mercedes Rosa Higgins eine Barrister (Rechtsanwältin, die Mandanten vor Gericht vertritt), die von ihrem Solicitor Craig (Rechtsanwalt für außergerichtliche Beratung) unterstützt wird.

Der junge farbige Emmett Hamilton soll während einer Auseinandersetzung mit Weißen den Krankenpfleger Thomas Dove in einem Park niedergestochen haben. Der Schwerverletzte stirbt später an den Folgen. Emmett schwört, die Tat nicht begangen zu haben, obwohl man die Tatwaffe bei ihm findet. Craig und Rosa übernehmen die Verteidigung. Bei einem Morddelikt ist die vorübergehende Freilassung auf Kaution nicht möglich und so kommt Emmett bis zum Prozess in Untersuchungshaft. Im späteren Verlauf erfährt man, dass Dove drogensüchtig und hoch verschuldet war.

Der Thriller erzählt abwechselnd in zwei verschiedenen Handlungsebenen. Wir erfahren von der farbigen Anwältin Mercedes Rosa Higgins, wie sie sich auf ihren ersten großen Fall vorbereitet. Sie ist ehrgeizig, gewissenhaft, hartnäckig und ist von der Unschuld ihres Mandanten überzeugt. Probleme in ihrem sozialen Umfeld belasten sie. Das Leben im gemeinsamen Haushalt mit ihrer Großmutter und ihrem kleinen Bruder gestaltet sich schwierig. Ihre privaten Pflichten leiden unter ihrer Arbeit.

Rosas Mandant Emmett Hamilton lebt ebenfalls bei seiner Großmutter. Der Junge ist introvertiert und misstrauisch allen gegenüber, die ihm helfen wollen. Er hält Aussagen zurück, die ihn entlasten könnten, aber gleichzeitig seine »Freunde« belasten würden. Man wird den Eindruck nicht los, dass er lieber eine lebenslange Gefängnisstrafe auf sich nehmen will, da er scheinbar um sein Leben fürchtet. Vorurteile gegen Farbige werden thematisiert.

Wilson beschreibt die Charaktere ihrer beiden Protagonisten Rosa und Emmett bildhaft und authentisch. Beide Figuren haben eine schwarze Hautfarbe und gehören somit einer sozialen Minderheiten-Gruppe an.

Zwei Zeugen belasten Emmett schwer. Sie sagen vor Gericht aus, dass er den weißen Thomas Dove in einem Park niedergestochen hat. Die Beweislage ist nahezu erdrückend und der Fall erscheint aussichtslos. Bei weiteren Recherchen stößt Rosa auf eine Person, die das Geschehen im Park als Augenzeugin verfolgt hat. Sie hat ebenfalls einen Migrationshintergrund und keine Aufenthaltsgenehmigung. Sie hat Angst und möchte vor Gericht daher nicht aussagen. Für den Prozessverlauf ist sie deshalb eine »feindliche Zeugin«.

Craig gibt der Verhandlung keine großen Aussichten auf Erfolg und wirkt daher eher desinteressiert. Das macht Rosa wütend, denn sie glaubt an die Unschuld von Emmett. Was macht sie da so sicher? Die Wahrheitsfindung in einem Prozess ist zweitrangig. Wichtig ist allein, was bewiesen werden kann und was nicht.

Es ist keineswegs überraschend, dass in Prozessen mit farbigen Angeklagten die ethnische Zugehörigkeit immer ein Thema ist. Schwarze Beschuldigte werden in Polizeiberichten nahezu subtil diskriminiert. Dass der weiße Prozessanwalt Craig nicht mit allem Nachdruck an der Verteidigung seines Mandanten arbeitet, verstärkt diesen Eindruck.

Über die Auswahl und Zusammensetzung der Geschworenen hätte es mehr Input geben können. Ohne große Einwände haben sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf die Jurymitglieder geeinigt. Da es in diesem Prozess nicht viele Zeugen gab, spielten auch Kreuzverhöre nur eine untergeordnete Rolle. Es fällt auf, dass die Jury ausschließlich aus weißen Personen besteht, was einen diskriminierenden Anschein erweckt.

Das Prozessende konnte man nicht unbedingt erwarten und bringt durch einen Plot-Twist eine so nicht vermutete Auflösung. Rosa hegt Zweifel, dass sie als Anwältin an der richtigen Stelle ist. Deshalb denkt sie darüber nach, zur Staatsanwaltschaft zu wechseln. Hier hätte sie mehr Macht, um etwas zu verändern. Bei einer größeren Sorgfaltspflicht würden ihrer Meinung nach weniger Fälle vor Gericht landen. Das ist ein interessanter Ansatz.

Fazit

Das Debüt von Alexandra Wilson, selbst Prozessanwältin von Beruf, ist ein Justizthriller mit Potential nach oben. Der Plot ist über weite Strecken gut durchdacht und die Figuren sind weitestgehend authentisch. Auch wenn sie noch nicht das Format eines John Grisham oder eines Steve Cavanagh hat, sollte man diese Autorin im Auge behalten.
Wir erfahren viel darüber, wie das britische Rechtswesen funktioniert. Das beschreibt Wilson detailliert und interessant. Alles, was nicht dazugehört (z.B. private Verbindungen), wird aber ebenso genaustens beschrieben. Das kann man in begrenztem Maße mit einbeziehen, sollte aber im Rahmen bleiben, ansonsten leidet die Spannung darunter.
So bleibt der Spannungsverlauf während der ganzen Zeit nahezu konstant auf einem mittleren Level. Einige Cliffhanger können daran auch nichts ändern. Man vermisst das Pacing.

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Liebe, Eifersucht, Machtspiele, Missgunst

Ein ungezähmtes Tier
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Joël Dickers erster Roman »Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert« aus dem Jahr 2013 wurde in Frankreich als literarische Sensation gefeiert. Das Buch wurde mit dem Grand Prix du Roman der Académie Française ...

Joël Dickers erster Roman »Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert« aus dem Jahr 2013 wurde in Frankreich als literarische Sensation gefeiert. Das Buch wurde mit dem Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet. Sechs weitere Romane folgten bisher.

Der Roman handelt von einem spektakulären Raubüberfall, der sich im Juli 2022 in Genf ereignet hat. Diese fiktive Geschichte spielt in einem kleinen Vorort der Genfer Gemeinde Cologny.

Zwei Familien, die in unmittelbarer Nachbarschaft leben, kommen sich schnell näher. Arpad und Sophie Braun leben in einer schicken Villa in dem Ort Cologny, Nahe des Genfer Sees. Dieser Kubus ist komplett verglast. Eine große Terrasse mit Schwimmbad rundet das Anwesen ab. Er ist Banker, sie ist Anwältin mit eigener Kanzlei. Greg und Karine Liégean leben eher bescheiden in einer kleinen Doppelhaushälfte, dass die wohlhabenden Nachbarn abwertend »Warze« nennen. Greg ist Polizist bei einer Genfer Sondereinheit und Karine arbeitet in einer Boutique als Verkäuferin. Um diese beiden Paare herum hat Dicker einen spannenden Roman mit unglaublichen Wendungen aufgebaut.

Arpad und Greg haben sich im Fußballverein kennengelernt, wo deren Söhne gemeinsam Fußball spielen. Obwohl beide Familien unterschiedlichen Gesellschaftsschichten angehören, entwickelt sich trotzdem eine Freundschaft. Es ist allerdings eine Freundschaft, die durch Neid, Eifersucht und Missgunst geprägt ist, aber auch voller Lügen und Intrigen.

Greg fühlt sich von Anfang an zu Sophie hingezogen und überschreitet dabei Grenzen, indem er zum Spanner wird und unbemerkt eine Kamera im Schlafzimmer der Brauns installiert. Arpad scheint ein dunkles Geheimnis mit sich herumzutragen. Anders ist es nicht zu erklären, warum er vor einigen Jahren fluchtartig Saint-Tropez verlassen musste, wo er einen guten Job als Barchef eines Clubs innehatte. In Genf arbeitete er bis vor einem halben Jahr als Vermögensberater bei einer Bank, bis er seinen Job verloren hat.

Greg und Karine sehnen sich nach Reichtum und Anerkennung. Karine und Sophie freunden sich an, obwohl das Leben von Sophie bei Karine teilweise Bewunderung, aber auch Neid hervorruft. Die Hauptfiguren sind allesamt klischeebehaftet und stereotyp.

Schließlich schleicht sich ein Unbekannter in einem grauen Peugeot in das Leben der Brauns, indem er sie zunächst nur beschattet. Es gibt offensichtlich Zusammenhänge aus der Vergangenheit, aber auch aus der geplanten Zukunft, an deren Ende der geplante Raubüberfall steht.

Etwas ungewöhnlich erscheint einem die eingeflochtene Geschichte von einem Panther, den sein Herr in der Toskana 1912 von einer Reise mit auf sein Schloss gebracht hat. Die Zeit vergeht und aus dem kleinen Kätzchen wird eine ausgewachsene Raubkatze. Es ist alles harmonisch bis zu dem Tag, an dem es zu einem verheerenden Unglück kommt. Das hat auf den ersten Blick eigentlich nichts mit der Handlung zu tun. Auf den zweiten Blick vielleicht doch, wenn man erfährt, dass sich Sophie am Oberschenkel einen Panther hat tätowieren lassen. Diese verwirrenden Plots scheint Dicker zu lieben.

Trotz verschiedener Zeitebenen verliert man nicht den Überblick. Was auffällt ist der Umstand, dass in den Rückblenden mit Fakten der Vorgeschichte fast ausschließlich von Arpad und Sophie die Rede ist. Greg und seine Familie kommen hier nicht vor. Ist man in der aktuellen Zeit, streut Dicker Kapitelanfänge mit wenig, aber aussagekräftigem Text ein. Auf den darauffolgenden Seiten schließt sich eine Auflistung mit der Anzahl der noch verbleibenden Tage bis zu dem erwähnten Raubüberfall an, die chronologisch heruntergezählt werden bis zum Tag des Ereignisses.

Nach ungefähr der Hälfte wechseln die Wendungen fast wie die Seiten. Häufige Plot-Twists sorgen für Verwirrung. Alle Hauptfiguren lügen fast ständig und haben eine gewaltige kriminelle Energie. Man kann dies als Mangel ansehen oder der hier erzeugten Spannung zuordnen. Die Geschichte wechselt ständig zwischen kriminalistischer Erzählung und Gesellschaftsroman.

Fazit

Joël Dicker ist bekannt für seinen ungewöhnlichen Erzählstil, der sich von anderen Autoren und Autorinnen abhebt. Er beherrscht es wie kein anderer Schweizer Autor, Spannung aufzubauen. Dem ordnet er auch die Glaubwürdigkeit unter.
Das Buch ist eine Mischung aus Kriminalistik und Roman. Liebe, Eifersucht, Lügen und Missgunst werden hier miteinander verwoben. Im Mittelpunkt steht ein geplantes Verbrechen.
Trotz häufiger Wendungen und Wechsel der Zeitebenen ist es unterhaltsam und leicht zu lesen, was für die Erzählkunst des Autors spricht.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Eine unvollendete Liebe

Wie Risse in der Erde
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Die Geschichte beginnt im Jahr 1955 mit einem Todesfall. Erst sehr viel später wird man erfahren, wer Opfer und wer Täter ist. Die hier geschilderte Dramaturgie erzeugt gleich zu Beginn Spannung. Abwechselnd ...

Die Geschichte beginnt im Jahr 1955 mit einem Todesfall. Erst sehr viel später wird man erfahren, wer Opfer und wer Täter ist. Die hier geschilderte Dramaturgie erzeugt gleich zu Beginn Spannung. Abwechselnd erfährt man aus der Vergangenheit und der Gegenwart dreizehn Jahre später, wie sich alles entwickelt hat.

Elisabeth (Beth) Kennedy und Gabriel Wolfe sind zwei junge Teenager, die sich durch Zufall begegnen. Ihre Herkunft kann nicht unterschiedlicher sein. Sie, ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen und er aus einem feinen Elternhaus. Es dauert nicht lange, und sie verlieben sich ineinander.

Tessa, die Mutter von Gabriel, ist eine Frau, deren Dekadenz kaum zu überbieten ist. Sie ist gegen diese Verbindung. Sie hält Beth für nicht standesgemäß für ihren Sohn und das sagt sie ihr auch überaus deutlich. Durch ein großes Missverständnis verändert sich alles. Der Sommer geht zu Ende und Gabriel beginnt sein Studium in Oxford. Beth bleibt auf dem Land. Am Anfang schreibt er ihr Briefe, die nach Sehnsucht und Leidenschaft klingen. Später verändert sich der Inhalt der Briefe. Sie klingen, als hätte er sie aus Pflichtgefühl geschrieben. Es ist eine Liebe, die nur einen Sommer lang Bestand hat.

Danach kommt die Zeit, in der sich Beth und Frank Johnson näherkommen. Er ist der gutaussehende Junge aus der Nachbarschaft, der Beth schon immer aus der Ferne bewundert hat. Sie heiraten und bekommen einen gemeinsamen Sohn. Die Ehe ist glücklich bis zu dem Tag, als der neunjährige Bobby durch einen Unglücksfall sein Leben verliert. Frank gibt sich daran die Schuld. Jimmy, der jüngere Bruder von Frank kommt nicht über Bobbies Tod hinweg.

Dreizehn Jahre später kehrt Gabriel - inzwischen ein erfolgreicher Romanautor - wieder in seine alte Heimat zurück. Die Liebe zwischen Beth und Gabe keimt wieder auf. Beth wird dabei bewusst, dass sie nie erloschen ist. Frank hat eine Ahnung von dieser heimlichen Liebesbeziehung, nimmt es aber gleichgültig hin, getrieben von den Schuldgefühlen an Bobbys Tod. Jimmy bezeichnet seine Schwägerin als Schlampe. Er ist jähzornig und labil. Nach einer mehrstündigen Sauftour droht er damit, Gabriel umzubringen.

Frank und Gabriel sind zwei Figuren, die mit vielen Klischees behaftet sind. Frank ist der verständnisvolle und gütige Ehemann. Auf der anderen Seite Gabriel, der smarte Sonnyboy, der in Oxford studiert hat, standesgemäß geheiratet hat und später wieder geschieden wurde. Im Gegensatz dazu die bodenständige Beth, deren innere Zerrissenheit durch die Liebe zu zwei Männern deutlich erkennbar ist.

Es ist der Autorin sehr gut gelungen, die verschiedenen Stimmungen einzufangen. Zu Beginn ist da die große Liebe zwischen Beth und Gabe, die abrupt zu Ende geht. Auf der anderen Seite der zunächst enttäuschte Frank Johnson, der doch noch seine angebetete Beth zur Frau bekommt. Dreizehn Jahre später die Rückkehr von Gabriel in seine alte Heimat, was bei Frank Misstrauen und bei seinem Bruder Jimmy Unmut und später Hass hervorruft.

Die Geschichte knüpft wieder an den Beginn an. Wir werden von einem Prozess im zentralen Strafgerichtshof des Vereinigten Königreichs Old Bailey erfahren, wissen aber zunächst nicht, wer auf der Anklagebank sitzt. Daher bleibt es auch bis zum Schluss ein großes Geheimnis, wer Schuld an dem Todesfall mit Fremdeinwirkung trägt.

Fazit

An der epischen Geschichte hat die Autorin rund vier Jahre bis zur Fertigstellung geschrieben. Sie hat den Roman unter dem Pseudonym Clare Leslie Hall in Gedenken an ihre verstorbenen Eltern Jean Leslie und William Hall gewidmet.
Eine gelungene Symbiose zwischen Liebe, Leidenschaft, tragischen Ereignissen, einem Kriminalfall und einem Gerichtsverfahren vereint diesen Roman zu einem großen Lesevergnügen.
Eingebaute Wendungen kommen überraschend und offenbaren Dinge, die man nicht für möglich gehalten hat. Zum Ende hin spitzen sich die Ereignisse immer schneller zu. Hier war mir der Plot etwas zu rasant im Vergleich zur Erzählung davor.

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Veröffentlicht am 03.04.2025

Die Odin Society

Racheritual
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Francis Ackerman jr. ist Geschichte. Man darf gespannt sein, ob es dabei bleibt. Ethan Cross hat einen neuen Ermittler zum Leben erweckt. Baxter Kincaid heißt nun der Protagonist und ist Privatermittler. ...

Francis Ackerman jr. ist Geschichte. Man darf gespannt sein, ob es dabei bleibt. Ethan Cross hat einen neuen Ermittler zum Leben erweckt. Baxter Kincaid heißt nun der Protagonist und ist Privatermittler. An seine Seite hat der Autor die unerschrockene und kampferprobte Corin Campell gestellt.

Der Thriller besteht sowohl aus zwei Zeit- als auch aus zwei Handlungsebenen. Wir befinden uns zu Beginn der Thematik neun Jahre vor der aktuellen Zeitrechnung. Steinar Hagen ist Professor für skandinavische Kulturwissenschaften, der aus einer norwegischen Unternehmerfamilie stammt. Hagen hegt immer noch einen Groll über die blutige Zwangskonvertierung Norwegens vom Paganismus (Heidentum) zum Christentum.

Er ist Vorsitzender der »Odin Society« – eine Vereinigung, dessen Mitglieder über nordische Mythen reden. So ist zumindest die offizielle Lesart. Die Lehre über skandinavische Kulturwissenschaften hat aber offenbar seinem Verstand geschadet.

Als Steinar Hagen noch klein war, hatte ihm einer der Älteren der Vereinigung prophezeit, dass er eines Tages ein großer Berserker-Anführer werden würde. Das hatte er als seine Berufung aufgefasst und deren Sitten und Gebräuche verinnerlicht. Seit jeher hat er sich als ein Jünger Odins verstanden.

Die Anhänger der Wikingerkultur wurden gemäß alten Traditionen in die Gegenwart versetzt. Ihr Glaubenssystem wirkt in der heutigen Zeit brutal. Die Verflechtung von germanischer Mythologie und Gegenwart ist eine der Stärken dieses Thrillers, wenn diese Vermischung auch als verwirrend empfunden werden kann.

Hagen pflegt das Brauchtum der Wikinger und lebt diese Bräuche - er ist nahezu besessen. Seine beiden Söhne Magni und Modi hat er nach den Söhnen des germanischen Gotts Thor genannt. Magni ist hinterlistig und brutal ganz im Sinn seines Vaters und der Vereinigung. Modi ist genau das Gegenteil von seinem Bruder, lässt sich aber von Magni stark beeinflussen und zu Handlungen hinreißen, die ihm anschließend leidtun. Auf seine Tochter Freya ist Hagen senior nicht stolz, denn er hätte sich lieber noch einen Sohn gewünscht. Freya unternimmt aber alles, um ihrem Vater zu imponieren. In ihr steckt ein verborgenes Gewaltpotential.

Zur Aufnahme in die »Odin Society« gehört ein Berserker-Ritual, wobei Odin ein Opfer gebracht werden muss. Das ist die Grundlage dessen, was man im weiteren Verlauf der blutigen und brutalen Realitäten dieser Vereinigung erfährt. Die Art der Darstellung und der rohe Sprachgebrauch könnte die Meinungen dazu spalten.

Der obdachlose Jamar Evans steht für die vielen Opfer, die als Opfergabe an Odin gebracht werden von durch Drogen berauschte Berserker im Glaubenswahn. Jamar träumt von einem besseren Leben und bangt dabei zwischen Hoffnung und Perspektivlosigkeit.

Baxter Kincaid und sein Partner Terry Callahan vom Morddezernat des San Francisco Police Department ermitteln in ungelösten Mordfällen, die mit bestialischer Gewalt ausgeführt wurden. Sie bekommen Hinweise, die zu einem möglichen Täter führen. Anhand der vorliegenden Beweise wird dieser festgenommen und zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Daraufhin werden Baxter und Terry Opfer eines Attentats, wobei Terry fast zu Tode kommt. Die beiden quittieren anschließend den Polizeidienst.

Baxter Kincaid ist mittlerweile privater Ermittler und leitet zusammen mit Corin Campbell eine Detektei. Die beiden Figuren hat Cross mit Tiefgang gezeichnet, was sowohl die Stärken als auch deren Schwächen betrifft. Ex-Detective Baxter, der sich ab und zu eine Line Koks zieht, ist ein Gutmensch und sucht nach Möglichkeit immer nach einer gewaltfreien Lösung ohne Waffen. Corin ist genau das Gegenteil. Sie geht keiner Konfrontation aus dem Weg und ist knallhart in ihrer Vorgehensweise. Baxters ehemaliger Partner Terry fühlt sich nach seiner Nahtoderfahrung geläutert und ist jetzt als Seelsorger tätig. In einer weiteren Nebenrolle neben Terry erscheint die suspendierte FBI-Ermittlerin Isodora Davis. Diese beiden Personen haben keine tragenden Rollen.

Weitere Ritualmorde versetzen die Bevölkerung von San Francisco in Angst und Schrecken. Alle Opfer weisen eindeutig auf den »Ravenkiller« als Täter hin. Ihnen wurden symbolisch zwei Raben in die Stirn geritzt. In der nordischen Mythologie sind Hugin und Munin die beiden Raben Odins. Wer verbirgt sich hinter dem »Ravenkiller«?

Fazit

Dieser Thriller ist äußerst brutal und nichts für schwache Nerven. Viele Grausamkeiten hat der Autor in die Handlung eingebaut.
Merkwürdige und schräge Ermittlertypen wie Baxter Kincaid und seine Partnerin Corin Campbell treffen auf Personen, die dem Brauchtum der Wikinger verfallen sind. Allen voran der Exzentriker Steinar Hagen.
Die beiden Handlungsebenen springen kapitelweise zwischen den Mitgliedern der »Odin Society« und dem Protagonisten Baxter Kincaid und den dazugehörigen Figuren. Cliffhanger halten die Spannung hoch.
Obwohl mich dieses Buch nicht restlos überzeugen konnte, sehe ich Potential. Man darf gespannt sein, wie sich die Reihe weiterentwickelt.

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Veröffentlicht am 01.10.2024

Wenn dich die Vergangenheit einholt

Stalker – Er will dein Leben.
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Eric Sanders ist Schauspieler und hat ein festes Engagement am Münchner Residenztheater. Er will mehr, er will berühmt werden und im Rampenlicht stehen. Dieser Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen, als ...

Eric Sanders ist Schauspieler und hat ein festes Engagement am Münchner Residenztheater. Er will mehr, er will berühmt werden und im Rampenlicht stehen. Dieser Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen, als er die Hauptrolle im neuen Münchner Tatort angeboten bekommt.

Die Rolle wird ein Erfolg. Die schauspielerische Leistung wird allseits gelobt. Die Zahl seiner Follower auf Facebook steigt rasant. Aber die Medaille hat auch eine Kehrseite. Nicht jeder gönnt ihm den Erfolg. Das muss er sehr schnell erfahren.

Ein Fremder schleicht sich in Erics Identität ein und postet fiese Kommentare in Erics Namen, was einen regelrechten Shitstorm auslöst. Der Fremde gibt sich damit allein aber nicht zufrieden. Er droht damit, seiner Frau Paula und seinem Sohn Leon Gewalt anzutun, wenn er nicht öffentlich im Netz einen Mord gesteht, den er als elfjähriger Junge begangen haben soll.

Aufgrund der Ereignisse ist Erics Leben völlig aus dem Ruder gelaufen. Er kann sich nicht vorstellen, weitere Rollen als Schauspieler zu übernehmen. Eine Produktionsfirma wollte ihn eigentlich für Filmaufnahmen engagieren. Das zerschlägt sich ebenfalls. Wie sich diese einschneidenden Ereignisse auf die Psyche eines Menschen auswirken, hat Strobel sehr deutlich und nachvollziehbar beschrieben.

Eric durchlebt in immer wieder auftretenden Alpträumen ein Déjà-vu, das sich zunehmend konkretisiert. Man wird den Gedanken nicht los, dass die Alpträume einen realen Bezug zu Erics Vergangenheit haben. Er ist verzweifelt und will Licht in seine Vergangenheit bringen. Dafür ist er zu allem entschlossen und das kommt auch sehr gut rüber.

Was wäre gewesen, wenn Eric Sanders nicht so ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt wäre? Hätte der Fremde ihn dann auch gestalkt? Und geht es hier nicht auch um eine gestohlene Identität? Diese Fragen sind rhetorisch, aber für mich gibt es keine kausalen Zusammenhänge. Der gespannte Bogen zur Vergangenheit und die damit verbundenen Ursachen wirkten mir etwas überzeichnet.

Das Ende ist völlig unerwartet. Strobel hat es mit Twists geschickt verstanden, die Auflösung und Begründung bis zum Schluss verdeckt zu halten.

Fazit:

Die Handlung beginnt zügig mit einigen Spannungselementen und man ist schnell im Geschehen. Das ändert sich nach der Hälfte des Buches. Eric will endlich wissen, was in der Vergangenheit passiert ist. Zu diesem Zeitpunkt war er elf Jahre alt. Dies wird sehr ausführlich auf ca. 50 Seiten beschrieben. Das war mir zu langatmig, zumal hier die Spannung gefehlt hat. Danach wird es wieder konkret und die Dynamik nimmt zu.
Die einzelnen Kapitel haben eine angenehme Länge ohne Cliffhanger. Wenn man die Abschnitte mit Erics Alpträumen mit einbezieht, gibt es einen durchgängigen Handlungsstrang.
Es ist authentisch und erschreckend zugleich, was einem widerfahren kann, wenn man sich auf Social-Media einlässt und seine Gedanken mit anderen teilt. Wir erfahren außerdem, wie Stalking die physische und psychische Unversehrtheit eines Menschen schädigen kann.
Mir hat die Herangehensweise und Umsetzung des Themas Stalking gut gefallen. Abstriche gibt es von mir für die Ursachenforschung und die damit verbundenen Ereignisse aus der Vergangenheit sowie für die Langatmigkeit im Mittelteil. Wie schon bei seinem vorherigen Psychothriller »Der Trip« konnte mich auch dieser Stand Alone nicht ganz überzeugen. Ich ziehe daher einen von fünf Sternen ab.

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