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Marielle_liest

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.04.2025

Faszinierend, bereichernd und erschütternd zugleich

Das Herzflorett
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Pepsi wächst als Kind jugoslawischer Eltern in einem hessischen Dorf auf, gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Geschwistern. Wir begleiten sie knapp 10 Jahre lang bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Währenddessen ...

Pepsi wächst als Kind jugoslawischer Eltern in einem hessischen Dorf auf, gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Geschwistern. Wir begleiten sie knapp 10 Jahre lang bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Währenddessen können wir beobachten, wie der Einfluss und der Erziehungsstil der Eltern die Entwicklung der Kinder bestimmen und prägen - und wie Pepsi trotzdem ihren Weg geht.

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Marica Bodrožić hat mit „Das Herzflorett“ ein sprachlich zartes und zugleich so poetisches Werk erschaffen. Ich hatte während der Lektüre immer wieder ein Bild im Kopf: ein Seidentuch, das durch Dornenbüsche und Stacheldraht gezogen wird, und das dabei zwar immer wieder Fäden zieht, aber nie ganz kaputt geht.

Pepsi muss durch ihre Eltern so schlimme Gewalt erleben - körperlich und psychisch, dass es wirklich schwer zu ertragen ist. Die Worte der Mutter sind so schlimm, so grausam und so unvorstellbar. Doch Pepsi leistet stillen Widerstand.

Mich hat Pepsis Wesen tief beeindruckt: Wenn es zu schlimm wird, wird sie still, blickt in die Natur und findet dort Erlösung. Harmonie und Freundlichkeit der Welt gegenüber sind ihr Weg. Sie hat alles durchlebt – Erniedrigung, Machtmissbrauch, Brutalität – doch nie lässt sie sich von Hass, Wut oder Rachelust leiten.

Stattdessen schlägt sie in ihrem Lexikon nach, was sie nicht versteht. Und es gelingt ihr, die Gewalt der Eltern zu interpretieren und sie nicht auf sich selbst zu beziehen. Sie lernt, dass sie selbst keine Schuld trifft und dass ihre Eltern eigene Erfahrungen auf die Kinder projizieren.

Was vielleicht nüchtern klingt, ist durch die Sprache der Autorin so nah und intim aus Pepsis Augen zu sehen, dass es mich oftmals erstarren lässt. Und was für mich zurückbleibt, ist ganz ganz große Bewunderung für Pepsis wunderschönen Charakter.

Dieses Buch ist kein einfacher Roman, es ist eine seelische Grenzerfahrung - doch eine sehr lehrreiche. Große Empfehlung für alle, die fühlen wollen, wie Literatur unser Innerstes berühren kann und dass Sanftheit auch Stärke ist.

Veröffentlicht am 03.04.2025

(Schutz)hütte

Wild wuchern
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Marie und Johanna sind Cousinen. Die eine lebt mit ihrem Mann in einer schicken Wohnung in Wien. Die andere lebt ein ursprüngliches Leben in den Bergen. Früher hat die eine der anderen beigebracht, wie ...

Marie und Johanna sind Cousinen. Die eine lebt mit ihrem Mann in einer schicken Wohnung in Wien. Die andere lebt ein ursprüngliches Leben in den Bergen. Früher hat die eine der anderen beigebracht, wie man klarkommt. Heute ist es umgekehrt. Marie muss fliehen, ausbrechen und Schutz suchen bei Johanna. Und wir erfahren nach und nach, wie die beiden Mädchen zu den Frauen wurden, die sie heute sind.

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Was für eine Wucht! Die Hütte auf der Tiroler Alm eingebettet in die bebende Natur, die so mächtig ist, dass sie alles verschlingen könnte, wenn sie nur will. Beschrieben hat Katharina Köller alles so lebendig, dass ich es fühlen kann - das eiskalte Brunnenwasser, den kriechenden Nebel, die tippelnden Mäusefüsschen, das pieksende Stroh und das wilde Wuchern.

Wenn ich Herzklopfen und schwitzige Hände bekomme, weil mich Maries Schicksal so mitnimmt, wenn ich mit ihr den Berg hinauf hetze und versuche, Wurzeln zu schlagen auf der Alm. Und wenn die Tränen laufen, weil der Grund für Johannas Schweigen mich mitten ins Herz trifft. Was für eine Sprache - so nah, so echt, so intensiv, so packend.

Dieser Roman ist bitter und erbarmungslos, so ungerecht und brutal wie das Leben. Und ganz unvermittelt bekomme ich vor Augen geführt, was Genugtuung bedeutet. Warm und zäh fließt das Gefühl über meine Seele, ebnet alle Narben und verschließt die Wunden.

Warum Marie in die Berge flieht, erfahren wir ganz zum Schluss. Und glühend heiß brennt dann die Frage zwischen den Zeilen: Wer schreibt die Regeln? Wer beschließt, was richtig ist und was falsch? Das Leben passt nicht zu diesem Konzept. Das Muster verschiebt sich, es zeichnet sich neu mit jedem einzelnen Moment, in dem wir handeln - oder zur Handlung gezwungen sind.

Was für eine Wucht! Ich werde dieses Buch und Johannas Hütte auf der Tiroler Alm nicht vergessen - als wäre ich selbst dort gewesen.

Veröffentlicht am 29.03.2025

Ausweglos und zauberhaft

Die Oberfläche des Chaos
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Elli lebt irgendwie zwischen den Welten. Zwischen Schimmel und den banalen Wünschen eines Kindes, zwischen Müll, Urinstein und Unausgeprochenem. Ihre Welt wirkt einsam, ist aber nie leer - und die vermüllte ...

Elli lebt irgendwie zwischen den Welten. Zwischen Schimmel und den banalen Wünschen eines Kindes, zwischen Müll, Urinstein und Unausgeprochenem. Ihre Welt wirkt einsam, ist aber nie leer - und die vermüllte Messi-Wohnung ist ihr Universum. Darin begleiten wir sie für knapp 10 Jahre ihrer Kindheit und erleben zusammen mit ihr das Durchhalten und Überleben.

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Jedes Kapitel ist ein kleines Wunder. Denn Elli schafft es, mich mit ihrem verblüffenden Wesen jedes Mal aufs Neue zu verzaubern. Schimmelpilze werden zu Aquarellen, Bücher werden zum Ausweg in andere Welten. Elli hat diese Gabe: Trotz ihrer durchaus erschreckenden Kindheit findet sie Schönheit im Hässlichen und Zartheit im Verborgenen.

Die Sprache des Romans hat mich sehr beeindruckt. Denn irgendwie ist sie wie Elli selbst: leise und kraftvoll, tabulos und liebevoll. Sie kommt mir ganz nah, ohne mich zu erdrücken. Und es gelingt ihr, die Welt zu beobachten, ohne sie zu verurteilen.

Trotz all dem Zauber schwebt die Traurigkeit immerzu über der Kulisse. Was würde ich Elli einen Ausweg wünschen - eine Person, die sie aus dieser Wohnung holt und vor ihrer Mutter schützt. Doch sie schafft das alles allein, empfindet trotzdem Liebe und eine unerschütterliche Fürsorge für ihre Mutter. Und in ihrem Herzen pocht das Leben, hartnäckig und trotzig.

Ein Lichtblick ist der Nachbarsjunge Jo. Trotz seiner Ecken und Kanten und trotz seines eigenen Schicksals hat Jo etwas tröstendes an sich. Für mich sind diese Passagen so intensiv, dass ich Jos Hände fühlen kann.

Alles in allem tut das Buch weh, da möchte ich nichts schön reden. Und genau deshalb lohnt es sich. Es macht sichtbar, was wir sonst übersehen. Von mir gibt es eine große Leseempfehlung für ein mutiges Buch, das mit Tabuthemen bricht und das liebe ich an Büchern am meisten. Und letztendlich sind im Chaos manchmal die größten Wunder zu finden.

Übrigens können wir uns nach dem Lesen auf Teil 2 und 3 freuen!

Veröffentlicht am 25.03.2025

Ein Geisterschimmel im Watt

Halbinsel
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Die Flut strömt heran und aus dem endlos wirkenden Wattenmeer werden winzige Sandinseln, die vom Meer umschlossen sind. Und innerhalb von wenigen Minuten sind auch diese verschwunden.

Das endlos wirkende, ...

Die Flut strömt heran und aus dem endlos wirkenden Wattenmeer werden winzige Sandinseln, die vom Meer umschlossen sind. Und innerhalb von wenigen Minuten sind auch diese verschwunden.

Das endlos wirkende, junge Glück von Annett, Linn und Johan versank ebenfalls innerhalb von wenigen Minuten. Mutter und Tochter blieben allein zurück - damals vor 20 Jahren. Wie die beiden Frauen heute zueinander stehen und neu zueinander finden, was vom Schrecken übrig ist und ob sie ihr Schicksal aufarbeiten konnten, erfahren wir im Roman „Halbinsel“.

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Dieses Buch ist eine Ode an meine Mama, auch wenn uns zum Glück ein Schicksalsschlag erspart geblieben ist. Doch wir haben gemeinsam eine schlimme Krankheit durchstehen müssen - sich anschließend frei und unbefangen zu entwickeln, ist wohl fast nicht möglich.

Die liebevolle Art von Annett, die für ihre Tochter alles tut, hat mich unglaublich bewegt. Es sind die kleinen Dinge: sich auch als erwachsene Frauen noch aneinander kuscheln, im Krankenhausbett neben der Tochter schlafen, noch immer das Kind in der erwachsenen Tochter sehen und dieser unbändige Stolz auf das Wesen, das aus dem Kind geworden ist.

Obwohl die Thematik des Buchs im ersten Moment sehr schwer wiegt, übernimmt der Alltag das Zepter des Romans. Zum einen bringt das diese wundervolle Leichtigkeit mit sich, die ich auch in Kristine Bilkaus Roman „Nebenan“ so mochte. Zum anderen macht es aber auch deutlich, wie sehr wir auch die kleinen Dinge schätzen dürfen: ein Mosaik aus alten Fliesen legen, die Veranda mit eine Lichterkette schmücken, sich trauen, allein schwimmen zu gehen.

Wie Magnete finden die beiden Frauen zueinander, als das Leben erneut ins Wanken gerät. Das ist für mich einfach nur herzerwärmend. Auch wenn beide Fehler machen, ist es so ergreifend zu verfolgen, wie sie daran wachsen - und größer und schöner erblühen, als je zuvor. Große Leseempfehlung für einen Roman, mit dem ich mich sehr gut identifizieren konnte. Ich wünschte, die Buchseiten hätten nie geendet.

Veröffentlicht am 21.03.2025

Das unendliche Bemühen des Genugseins

Alles, was du wolltest
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Hochglanzschrankfronten, Swimmingpool im Garten, Ahornböden, Regendusche - alles gehört Viktoria. Alexandra darf es mitbenutzen, mitbewohnen, denn die beiden sind ein Paar. Alexandra bekommt von Viktoria ...

Hochglanzschrankfronten, Swimmingpool im Garten, Ahornböden, Regendusche - alles gehört Viktoria. Alexandra darf es mitbenutzen, mitbewohnen, denn die beiden sind ein Paar. Alexandra bekommt von Viktoria ihr heiß ersehntes eigenes Massagestudio, dafür kann Alexandra auch mal einkaufen, die Wäsche waschen, Perlenohrstecker tragen, Staub saugen und kochen. Das klingt irgendwie nicht gleichberechtigt? Ist es auch nicht.

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Was ist eigentlich eine toxische Beziehung? Sind Gegenleistungen fair? Da sollte sie sich doch mal revanchieren - sie lebt doch ein Leben ohne Sorgen und hat alles, was sie immer wollte! Das hat sie alles ihr zu verdanken! Wtf?

Macht. Viktoria hat die Macht, sie nutzt die Macht. Viktoria ist die Überlegenere, sie hält die Fäden in der Hand. Die Fäden, die Alexandra kontrollieren, die sie fesseln und die sie binden.

Der Roman von Christina König ist so wundervoll normal. Scheinbar passiert nichts Schlimmes, aber es ist das Ungetane, das so viel ausmacht. Und es ist das Ungesagte, was zwischen den Zeilen heraus brüllt, sodass man Alexandra am liebsten wachrütteln möchte. Es ist ein so normales Beispiel dafür, was nicht normal sein sollte.

Ich habe „Alles, was du wolltest“ verschlungen, die Sprache ist so echt und angenehm zu lesen. Es ist beeindruckend, wie es der Autorin gelingt, von Seite zu Seite eine immer größere Spannung aufzubauen. Und recht bald wird klar, dass alles einstürzen wird.

Doch wie geht die Geschichte aus? Und damit folgt mein Highlight des Romans: Christina König gibt uns verschiedene Varianten mit auf den Weg, wie die Gechichte enden könnte. Das klingt ungewöhnlich, aber in meinen Augen hat es hervorragend funktioniert!

Große Leseempfehlung für einen neugedachten, aufregenden Roman, der die Lesenden tief mit hineinzieht und nicht mehr loslässt, bevor der letzte Satz endet. Die Thematik ist unfassbar eindringlich und zeigt den Schrecken einer Beziehung zwischen Dominanz und dem unendlichen Bemühen des Genugseins.