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Veröffentlicht am 17.04.2025

Ein Märchen darüber, anders zu sein und zu sich zu stehen

Hunger und Zorn
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"Hunger und Zorn", von der erst 2002 geborenen Alice Renard geschrieben, ist ein ungewöhnliches Buch, wie ich noch keines gelesen habe. Es funktioniert nicht sehr gut auf der Ebene des logischen Verstandes ...

"Hunger und Zorn", von der erst 2002 geborenen Alice Renard geschrieben, ist ein ungewöhnliches Buch, wie ich noch keines gelesen habe. Es funktioniert nicht sehr gut auf der Ebene des logischen Verstandes und des Hinterfragens, aber es ist ein zauberhaftes Märchen über eine ungewöhnliche junge Frau.

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, die sich stark voneinander unterscheiden.

Im ersten Abschnitt lernen wir die Perspektive der Mutter und des Vaters auf ihre andersartige Tochter Isor kennen. Die beiden lieben ihre Tochter sehr, doch machen sie sich auch große Sorgen, weil sie so anders ist und nicht spricht. In ehrlichen, direkten Worten kommen die Eltern abwechselnd zu Wort, z.B.:

Mutter: "Mein Küken, mein Kleines, ich habe dich im Rhythmus der Geheimnisse meines Bauches geschaffen und schließlich heranwachsen sehen. Trotz aller Widerstände. Ungeachtet all der unerklärlichen Dinge, die sich dir in den Weg gestellt haben."

Vater: "Ich war nicht dafür gemacht, der Vater eines solchen Kindes zu sein. Heute, bald, in absehbarer Zeit ist sie gar kein Kind mehr. Sie wird langsam groß. Aber ich bin noch immer nicht dafür gemacht, ihr Vater zu sein." (S. 7)

Schon in diesen Aussagen, ganz am Anfang des Buches, zeigt sich, dass der Vater noch ein Stückchen mehr als die Mutter damit hadert, diesem ungewöhnlichen Kind ein passender Elternteil zu sein.

Die Eltern konsultieren viele Spezialisten, die alle das Kind aus ihrer jeweiligen berufsspezifischen Brille betrachten. Ist es eine Autismus-Spektrums-Störung? Oder ein Gendefekt? Könnte Yoga helfen? Eine spezielle Ernährung? Doch wirklich helfen kann der Familie keiner. Ein Experte meint einmal zu den Eltern, dass das Kind durchaus sprechen könnte, wenn es wollte. Aber "sie will nicht". Später im Buch wird sich zeigen, ob er damit Recht behalten wird.

Nun ist das Kind in der Pubertät, spricht immer noch nicht, aber ist zunehmend dabei, sich abzunabeln, unternimmt etwa nachts stundenlange einsame Ausflüge durch Paris. Die Eltern können das nicht verhindern und stehen weiterhin ratlos diesem besonderen Kind gegenüber.

Dann endet der erste Abschnitt und im zweiten kommt es zu der Begegnung und bald intensiv werdenden Freundschaft zwischen dem alten Nachbarn Lucien und Isor. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und scheinen sich ohne Worte zu verstehen. Diesen Abschnitt erleben wir stark aus Luciens Sicht. Er ist ein weiser und geduldiger alter Mann: "Der Unterschied zwischen ihren Eltern und mir ist, dass ich niemand bin, der schnell in Panik gerät - ich meine: das Schweigen, die Wut, die Freude, der Schmerz, damit kenne ich mich aus. Das kann ich ertragen, ohne in die Knie zu gehen. Ich bin daran gewöhnt. Es ist wie Musik hören." (S. 84)

Tja, und dann der dritte Abschnitt, der wieder völlig anders ist und in dem es zu einer großen und unerwarteten Überraschung kommt und wir noch einmal eine ganz neue Perspektive auf das bisher Erzählte kennen lernen.

"Hunger und Zorn" ist insgesamt ein ganz zauberhaftes Buch, das danach ruft, sich emotional voll und ganz darauf einzulassen. In dem Buch steckt eine tiefe Weisheit darüber, was es bedeuten kann, anders zu sein und wie die Gesellschaft damit umgeht. Aber auch darüber, wie flüchtig unsere Identitäten und Selbstkonzepte sein können und wie sehr das, was wir aus uns selbst herausholen und anderen zeigen können und wollen, stark von unserem jeweiligen Gegenüber und unserer Umgebung abhängt. Von den Menschen, mit denen wir sind, davon, wie sie uns begegnen und was sie in uns sehen... wie wir uns ineinander spiegeln und was das mit der Beziehung und mit allen Beteiligten macht. Das ist etwas, was grundsätzlich für alle Menschen gelten kann, aber hier im Kontakt der verschiedenen Menschen mit der andersartigen Isor ganz besonders stark herauskommt.

Außerdem ist es ein Buch über Liebe und Freundschaft, über die Liebe der Eltern zu ihrem andersartigen Kind, über eine tiefe Freundschaft zwischen zwei sensiblen und einsamen Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensaltern, und über die Liebe zum Leben und zu den Erfahrungen, und den tiefen Hunger danach, mit aller Andersartigkeit auf die ganz eigene Art Teil dieser Welt zu sein.

Das Buch ist kein authentischer Erfahrungsbericht über das Leben mit einem andersartigen Kind... dafür ist es viel zu märchenhaft... und nicht alle Entwicklungen sind auf logischer Ebene gut hinterfragbar. Aber als Märchen mit einer einzigartigen Botschaft und einer ganz besonderen Sprache und vielfältigen Perspektiven funktioniert es sehr gut. Es ist ein ganz besonderes Buch, das einen dauerhaften Platz in meinem Herzen einnehmen wird. Ich empfehle es allen, die bereit sind, sich emotional darauf einzulassen und ihr Herz für dieses ganz besondere Märchen zu öffnen. Auf weitere Bücher der Autorin freue ich mich schon.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Ein ganzes Frauenleben, vor, in und nach der DDR - bewegend und authentisch

Schwebende Lasten
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"Schwebende Lasten" von Annett Gröschner ist ein Roman, der bei mir noch stark nachwirkt, nachdem ich ihn vor etwa einer Woche fertig gelesen habe. Nüchtern und sachlich, aber gerade dadurch auch emotional ...

"Schwebende Lasten" von Annett Gröschner ist ein Roman, der bei mir noch stark nachwirkt, nachdem ich ihn vor etwa einer Woche fertig gelesen habe. Nüchtern und sachlich, aber gerade dadurch auch emotional enorm berührend, wird das Leben der fiktiven Hanna Krause geschildert, die prototypisch für so viele Frauen ihrer Generation aus dem ehemaligen Ostdeutschland stehen könnte. Hanna ist um 1913 geboren und sie stirbt irgendwann nach der Wende. Wie viele Zeitenwandel, Krisen und Katastrophen, wie viele Umbrüche und vor allem wie viel Leid hat diese tapfere Frau erlebt!

Ich selbst bin aus Österreich und habe mit der DDR nichts zu tun... doch dieses Buch hat mir auch die Sprachlosigkeit meiner eigenen Vorfahren nahegebracht, von denen manche eine ähnliche Generation wie Hanna waren. Diese multiplen Traumen, die sie erlebt haben... dazu die Not und das Elend und eine Zeit, die erforderlich machte, hart und stark zu sein und anzupacken, um selbst und mit der eigenen Familie zu überleben - kein Wunder, dass da noch wenig Zeit und Raum für Traumaverarbeitung und die Konfrontation mit der eigenen verwundeten Seele war... und oft auch wenig Raum dafür, sich noch einmal auf tiefe Beziehungen einzulassen, wenn man mal mehrere geliebte Menschen verloren hatte.

Für diese Rezension habe ich nach passenden Zitaten aus dem Buch gesucht und dabei noch einmal bemerkt, über was für eine eindringliche Sprache dieses Buch verfügt, z.B.

S. 42: "An solchen Abenden musste er auf der Küchenbank schlafen. Eine bessere Form der Geburtenkontrolle kannte Hanna nicht."

Hanna arbeitet erst als junges Mädchen als Aushilfe im Blumenladen ihrer halben Schwester, dann heiratet sie jung und bekommt die ersten Kinder. Verhütung gibt es nicht, Abtreibung ist verboten (Hanna wird dennoch mehrere haben), regelmäßiger Geschlechtsverkehr wird erwartet und so folgt eine Schwangerschaft auf die nächste, auch in Zeiten von Krieg und Not, in denen nicht klar ist, wie ein weiteres Kind durchgebracht werden soll. Insgesamt wird Hanna sechs Kinder zur Welt bringen, von denen nur vier das Erwachsenenalter erreichen.

Dann im Krieg, S. 109: "Das war noch nicht alles, dachte Hanna in der Notunterkunft, da kommt noch mehr, und sie sollte recht behalten. Das war erst der Anfang."

Durch das ganze Buch und durch Hannas Leben zieht sich die Liebe zu den Blumen. Passend dazu wird jedes Kapitel mit der Vorstellung einer Blumenart eingeleitet. Zwar kann Hanna nur ganz am Anfang ihres Lebens tatsächlich als Blumenhändlerin arbeiten, doch findet sie immer wieder Wege, sich dennoch mit dem Thema zu beschäftigen und ihr Wissen dazu weiter zu kultivieren und einzubringen, etwa durch die Pflege eines Gemeinschaftsgartenstückchens nahe ihrer Wohnung im Plattenbau in der DDR. Und auch im Krieg und im Angesicht von Zerstörung, Tod und tiefstem Elend ist die Verbindung zu den Blumen das, was Hanna aufrecht hält: "Hanna existierte. Nicht mehr und nicht weniger. Sie hatte versucht, über das Menschsein nachzudenken, war aber zu keinem Ergebnis gekommen, außer dass Blumen ihr menschlicher vorkamen als ihre eigene Gattung." (S. 126)

In der DDR ergreift Hanna einen ursprünglich typischen Männerberuf, denn mit diesem kann sie mehr Geld für ihre Familie verdienen. Sie wird Kranfahrerin, hier zeigt sich der Bezug zum Titel des Buches, und wir erleben auch diesen Arbeitsalltag von ihr mit: "Die Kranbahn über ihr, die daran befestigten grünen Lampen, die Meisterbude rechts unten, die Drehmaschinen, die Werkstücke, die Gabelstapler und die Männer mit den Helmen, die zu ihr heraufwinkten. Sie war die einzige Frau, sie verteidigte bei der Prüfung ihr Geschlecht, sie war dabei, ins kalte Wasser zu springen." (S. 167)

Auch hier zeigt sich wieder eine klassische Qualität Hannas: sie ist anpackend, tüchtig und mutig, scheut nicht vor Herausforderungen zurück und ist bereit, sich beruflich in neue Gebiete vorzuwagen und sich zu entwickeln. Das sind Eigenschaften, die sie in ihrem Privat- und Berufsleben zeigt.

Sonderlich politisch ist Hanna aber nicht und lehnt sich weder gegen das NS-Regime auf noch setzt sie sich in der DDR für mehr Freiheit ein. Ambitionen, die DDR zu verlassen, hat sie auch keine. Sie ist eine, die sich auch sehr gut mit dem herrschenden System arrangieren kann und damit insgesamt eine ambivalente Persönlichkeit. Ein bei ihr kurz verstecktes jüdisches Mädchen schickt sie auf die Straße, nachdem der Blockwart sie darauf angesprochen hat. Später aber gibt sie hungernden Arbeiterinnen aus Polen und der Ukraine Brot. So zeigt sich in Summe eine Frau, wie es sie viele gegeben haben könnte, mit ihren menschlichen Stärken und Schwächen. Genau diese Authentizität macht das Buch in Summe auch aus.

Außerdem mochte ich an dem Buch, wie deutlich es die vielen politischen und ökonomischen Umbrüche aufzeigt, die Menschen dieses Geburtsjahrganges erlebt haben - das muss eine unglaubliche Anpassungsleistung erfordert haben.

Als Hanna schon eine alte Frau von fast 80 Jahren ist, kommt es zur Wende und damit zur Wiedervereinigung. Wieder ein Systemwechsel für Hanna. Ihr ganzes Leben lang hat sie geübt, sich mit den wechselnden Umständen abzufinden und sich anzupassen und so nimmt sie es auch jetzt hin, als Investoren aus dem Westen die Blockbauten mitsamt ihrer Wohnung kaufen, renovieren und die Miete erhöhen möchten und ihren liebevoll angelegten Blumengarten vernichten: "Als die Mietergärten verschwanden, wehrte sie sich nicht. Sie blieb einfach auf dem Sofa sitzen und sah sich bei ausgestelltem Ton die Showsternchen im Fernsehen an. Sie zog die Vorhänge zu, hörte aber, wie die Gartenarbeiter die Pflanzen mit der Wurzel ausrissen."

Mit jeweils wenigen Worten gelingt es der Autorin damit, ein eindringliches Bild der jeweiligen Zeit zu malen. Viele Details, aber vor allem die Atmosphäre dieses beeindruckenden Buches wirken in mir tief nach. Es sind viele harte Bilder, von Tod und Zerstörung, einem Magdeburg, das dem Erdboden gleich gemacht wurde, vielen Jahren der Entbehrung, einem langsamen Aufschwung und zaghafter Hoffnung, wirtschaftlich etwas besseren Zeiten mit wenig Freiheit und doch hin und wieder ein bisschen Raum für Individualität, wie beim Anlegen der Blumengärten. Ganz viel Sich-Abfinden mit den Umständen, Akzeptieren und das Beste aus dem machen, was möglich ist.

Es ist ein wichtiges Buch, ein besonderes Buch, das dazu beitragen kann, Verständnis und Empathie zwischen den Generationen zu fördern und uns allen noch einmal anders spürbar zu vermitteln, woher unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern kommen und was sie geprägt haben könnte, sodass sie so wurden, wie wir sie erlebt haben und sie schlussendlich uns geprägt haben. Hanna steht hier als Beispiel für ganz viele. Danke für dieses Buch!

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Veröffentlicht am 09.04.2025

Wunderschön gestaltet und mit vielen hilfreichen Tipps für neurodivergente Menschen

Dein ADHS-Wohlfühl-Guide
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In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für Neurodiversität sehr angestiegen und immer mehr Menschen finden auf der Suche nach Erklärungen für die Herausforderungen, die sie schon ihr ganzes Leben mit ...

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für Neurodiversität sehr angestiegen und immer mehr Menschen finden auf der Suche nach Erklärungen für die Herausforderungen, die sie schon ihr ganzes Leben mit sich tragen, zu Informationen über ADHS, das autistische Spektrum, Hochsensibilität und Hochbegabung und vieles mehr, erkennen sich als neurodivergent wieder. Auch im psychologischen und medizinischen Bereich steigt die Nachfrage nach Diagnostik, Beratung und Behandlung in diesem Bereich.

Mit dem ADHS-Wohlfühl-Guide gibt die Autorin, selbst ADHS-Betroffene und erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, Betroffenen ein sehr ansprechendes, buntes und übersichtlich gestaltetes, inspirierendes Werkzeug-Buch in die Hand. Darin können sie Tipps und Tools für verschiedenste Herausforderungen finden, mit denen sie im Alltag zu tun haben.

Eingeteilt ist das Buch in sieben große Kapitel. Im ersten geht es um die Grundlagen und darum, was ADHS überhaupt ist, welche verschiedenen Unterkategorien davon es gibt, warum es sich bei Mädchen und Frauen oft anders äußerst als bei Jungen und Männern und erstere deshalb oft unterdiagnostiziert bleiben, sowie um Gemeinsamkeiten mit anderen Neurodivergenzen wie Hochsensibilität oder dem autistischen Spektrum. Auch auf typische ADHS-assoziierte Herausforderungen im Alltag wie die ADHS-Paralyse, den Tunnelblick oder Brain Fog wird eingegangen.

In den restlichen sechs Kapiteln steht jeweils ein ADHS--spezifisches Schwerpunktthema im Vordergrund, das erklärt wird und für das es dann verschiedene praktische Tipps, Tools und Übungen gibt, um die damit verbundenen Herausforderungen zu überwinden. Die Kapitel heißen (bis auf das letzte) "Ich brauche..." und dann folgt z.B. "Ruhe & Entspannung", "Sicherheit & Geborgenheit", "Fokus & Klarheit", "Inspiration & Lebensfreude" oder "Energie und Motivation". Im letzten Kapitel geht es darum, in Balance zu kommen und zu bleiben. Jedes Kapitel ist in einer anderen Trägerfarbe gestaltet, sodass man leicht erkennt, wo im Buch man sich gerade befindet.

Sehr sympathisch an diesem Ansatz ist der positive Fokus: wer dieses Buch liest, wird nicht ständig daran erinnert, was mit einem selbst falsch sein könnte, sondern kommt in Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen und Ressourcen. Dabei legt das Buch insgesamt einen Schwerpunkt auf den für ADHS-Betroffene oft herausfordernden Übergang zwischen Stimulation und Entspannung und gibt viele wertvolle Tipps für Experimente zu diesem Thema.

Vieles, was im Buch an Methoden vorgestellt wird, sind allgemein Tipps für eine gesunde, balancierte und entspannte Lebensführung, von denen auch Menschen ohne ADHS profitieren können, z.B. Achtsamkeitsübungen, das bewusste Wählen wohltuender Hobbys, eine gesunde Ernährung, die Gestaltung einer angenehmen Umgebung, wertschätzende Rituale für sich selbst, Verbundenheit mit anderen pflegen, Journaling, Visionboards und vieles mehr. Damit sind das inhaltlich überwiegend keine unbekannten oder neuartigen Methoden - der neuartige Ansatz ist, sie in den ADHS-Kontext zu stellen und bewusst nach ADHS-spezifischen Bedürfnissen und Themen zu gliedern.

Sehr ansprechend habe ich auch gefunden, dass die Autorin immer wieder kleine Einblicke in ihre eigene Geschichte und ihren Umgang mit dem Thema gibt, das macht das Buch persönlich und nahbar. Beispielsweise ist es ihr gelungen, trotz ADHS nicht nur ein Studium, sondern sogar eine Promotion zu absolvieren, auf ihre ganz eigene, individuelle Weise und mit anderen Arbeitstechniken als sonst dafür üblich sind.

Insgesamt ist es ein wunderschön gestaltetes, inspirierendes, persönliches und wohltuendes Buch, das ich allen ADHS-Betroffenen, aber auch sonst neurodivergenten Menschen und auch allen, die sich insgesamt für Tools zur balancierten und gesunden Lebensgestaltung interessieren, bestens empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 05.04.2025

Tiefgründige Darstellung eines Milieus, in dem Narzissmus floriert

Der Einfluss der Fasane
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Hervorragend geschriebene Bücher, solche von Autorinnen und Autoren, die Buchpreise gewinnen, zeichnen sich meist durch ihre Vielschichtigkeit aus. Sie wirken emotional und intellektuell noch länger nach, ...

Hervorragend geschriebene Bücher, solche von Autorinnen und Autoren, die Buchpreise gewinnen, zeichnen sich meist durch ihre Vielschichtigkeit aus. Sie wirken emotional und intellektuell noch länger nach, bieten Stoff für tiefgehende Diskussionen, bilden und regen zum Nachdenken an. Manchen dieser Bücher gelingt es dann auch noch, zusätzlich angenehm und unterhaltsam zu lesen zu sein.

"Der Einfluss der Fasane", das neue Buch der Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2021, Antje Rávik Strubel, ist so ein Buch. Vordergründig liest sich die Geschichte leicht, schnell und unterhaltsam, doch regt sie gleichzeitig tief zum Nachdenken und Diskutieren an.

Worum geht es? Hella Renata Karl hat beruflich im Leben viel erreicht, sie ist Feuilletonchefin einer großen Zeitung und bewegt sich souverän auf dem gesellschaftlichen Parkett. Bei einer lieblosen Mutter in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, hat sie den großen Aufstieg geschafft: eine intelligente, selbstbewusste und erfolgreiche Frau. Doch nun ist ihre Position bedroht: sie hat aufgedeckt, dass ein beliebter Theaterdirektor, Kai Hochwerth, seine Geliebte geschwängert hatte und diese zur Abtreibung drängen wollte, und darüber einen Artikel verfasst. Kurz darauf nimmt sich der Beschuldigte das Leben, und die Medienlandschaft und das Internet fallen über Hella her und meinen, in ihr die Schuldige für den Suizid gefunden zu haben. Sie bekommt anonyme Drohungen und wird beruflich von ihrem Posten erst einmal auf unbestimmte Zeit beurlaubt.

Soweit zur wichtigsten Rahmenhandlung. Wirklich interessant an diesem Buch finde ich aber die Psychogramme sowohl Hellas als auch des Verstorbenen und weiterer sich im beruflichen Umfeld zwischen Theater und Medien bewegender Menschen. Das Buch zeichnet ein deutliches Bild der Scheinwelt, die gerade in höheren gesellschaftlichen Kreisen herrscht: wie wichtig Status, Auftreten und der schöne Schein sind und wie schnell man nach einem scheinbar kleinen Fauxpas sehr tief fallen kann... das betrifft sowohl Hella als auch Hochwerth.

Überhaupt spiegeln sich beide sehr stark ineinander, Hochwerth ist ein offenkundiger Narzisst, der andere Menschen für seine Zwecke ausnützt, auch sexuell, und manipuliert, während sich Hellas narzisstische Tendenzen erst auf den zweiten Blick offenbaren. Doch erlebt man ihre Gedanken und Handlungsmotive mit, so wie wir das als Lesende des Buches können (denn das ganze Buch ist aus ihrer Innenperspektive geschrieben), so erleben wir sie als eine vom Wunsch nach Erfolg und Status Getriebene mit gleichzeitig instabilem Selbstwert, die mit anderen Menschen nur oberflächliche Beziehungen eingeht, zu wahrer Intimität kaum fähig ist, und ebenfalls dazu neigt, andere auf ihre Funktion für sich zu reduzieren. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die beiden sich durchaus sympathisch waren... zumindest bis zu Hellas Artikel über Kai Hochwerth.

Besonders interessant finde ich an dem Buch aber nicht nur die Frage, ob und in welchem Ausmaß diese beiden nun narzisstisch sind oder nicht, sondern die weitergehende Perspektive, inwieweit das Milieu, in dem sie sich bewegen, Narzissten regelrecht anzieht, heranzieht und fördert bzw. gewisse Persönlichkeitstendenzen in diese Richtung möglicherweise sogar erforderlich sind, um eine solche Karriere zu machen. Auch das wird in dem Buch sehr anschaulich dargestellt, wie ich finde. Somit regt es auch zur Reflexion über die Wechselwirkung zwischen individueller Persönlichkeitsentwicklung und dem jeweiligen Milieu an, genauso wie darüber, welche Werte wir in unserer medien- und darstellungszentrierten Gesellschaft fördern (möchten) und welche nicht.

Damit ist es insgesamt ein nicht nur angenehm lesbares und unterhaltsames, sondern auch sehr intelligentes und tiefgründiges Buch, das ich allen Interessierten sehr empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 04.04.2025

Horizonterweiternd, spannend und vielschichtig

Dream Count
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"Dream Count", das neue Buch von Chimamanda Ngozi Adichie, ist ein faszinierendes Buch, das zu vielseitigen Diskussionen einlädt, in dem ich viel über Nigeria gelernt habe und das eine unglaubliche Fülle ...

"Dream Count", das neue Buch von Chimamanda Ngozi Adichie, ist ein faszinierendes Buch, das zu vielseitigen Diskussionen einlädt, in dem ich viel über Nigeria gelernt habe und das eine unglaubliche Fülle an Themen in spannende Geschichten vier afrikanischer Frauen verpackt, die miteinander verwoben sind.

Eingerahmt wird die Geschichte und auch das Frauengespann von Chiamaka: Tochter reicher Eltern aus Nigeria, sehr privilegiert aufgewachsen, lebt in großen Villen, hat eine Hausangestellte, reist um die Welt und träumt von der Selbstverwirklichung als erfolgreiche Reiseautorin... und von dem einen perfekten Mann, mit dem sie die perfekte Beziehung führen könnte, in der sie sich wirklich gesehen und erkannt fühlen würde. Von ihr und ihren Träumen leitet sich auch der Titel des Buches ab: Dream Count statt Body Count, jeder neue Mann, auf den sie sich einlässt, verkörpert einen Traum von ihr, dass sie nun den Richtigen gefunden haben könnte.

Nahbar aus der Ich-Perspektive geschrieben, lernen wir Chiamakas Leben und Sicht der Dinge in einem langen Kapitel am Anfang und einem kürzeren am Ende ausgiebig kennen und begleiten sie durch ihre Zeit zwischen ihren frühen 20ern bis etwa Anfang 40 durch verschiedene, nicht immer chronologisch erzählte, Episoden mit unterschiedlichen Männern, die die verschiedensten Hintergründe in Bezug auf geografische Herkunft und Race haben, und Chia mehr oder weniger gut behandeln. Deutlich wird dabei auch, wie stark die gesellschaftlichen sozialen Erwartungen, einen guten Mann zu finden, zu heiraten und Kinder zu kriegen, in Nigeria auch heutzutage noch sind, auch für eine privilegierte Frau, und wie Chia diese internalisiert hat und zu verwirklichen versucht.

Auf die eine oder andere Weise nah mit Chia verbunden sind auch die anderen drei Frauen, deren Leben ausführlich porträtiert wird. Da gibt es die Anwältin Zikora, zwei Jahre älter als Chia und in der Nähe dieser in Nigeria aufgewachsen, lebt sie nun auch in den USA, wo die beiden Frauen enge Freundinnen geworden sind. Leider erfährt man im Roman so gut wie nichts über Zikoras praktische Anwaltstätigkeit, auch in diesem Kapitel liegt der Schwerpunkt auf Zikoras Wunsch nach Familie. Dieser erfüllt sich, wenn auch anders als geplant und mit einer großen Enttäuschung verbunden... am Ende steht Zikora als Single-Mutter alleine da, nähert sich dafür aber ihrer eigenen Mutter wieder an. Ausführlich und authentisch wird auch Zikoras Erfahrung bei der Geburt ihres Sohnes geschildert. Dieses Kapitel ist interessanterweise nicht aus der Ich-Perspektive, sondern aus der dritten Person geschrieben und macht sehr nachdenklich über die Einschränkungen und inneren Zwänge, denen auch sehr gebildete und beruflich erfolgreiche Frauen noch unterliegen können.

Die dritte Frau, Kadiatou, stammt nicht wie die drei anderen aus einer Igbo-Familie aus Nigeria, sondern ist aus Guinea. Doch das ist nicht der einzige Unterschied: außerdem ist sie in bitterer Armut aufgewachsen, hat schon früh Vater und Schwester verloren, bald nach ihrer Hochzeit auch den Ehemann, wurde als Kind beschnitten, später Opfer von sexuellen Übergriffen und hat es schließlich geschafft, gemeinsam mit ihrer Tochter Asyl in den USA zu bekommen, wo sie fleißig als Chias Hausangestellte sowie in einem Hotel als Zimmermädchen arbeitet. Die offene, herzliche Chia sieht Kadia als Freundin an, während letztere sich der Ungleichheit der Positionen beider deutlich bewusster ist. Das stellt die interessante Frage nach der Möglichkeit und Gestaltung von Freundschaft bei so unterschiedlich privilegierten Ausgangspositionen. Kadiatou wird bei der Arbeit im Hotel Opfer eines sexuellen Übergriffs eines sehr mächtigen Mannes, und von Arbeitskollegen dazu gedrängt, ein Gerichtsverfahren gegen diesen anzustreben, was sie auch macht, und wobei sie von Chia und den anderen beiden Frauen unterstützt wird. Auch dieses Kapitel ist aus der 3.-Person-Perspektive geschrieben.

Die vierte Frau, Omelogor, ist Chias Cousine, und sie lebt überwiegend in Nigeria, wo sie im Bankenbereich tätig ist, dabei zwiespältige Geschäfte unterstützt, in moralische Konflikte gerät und versucht, diese zu bewältigen, indem sie von den Reichen Geld abzweigt und dieses armen Frauen für Mikrozuschüsse für ihre Geschäfte zukommen lässt. Omelogor ist, neben der benachteiligten Kadiatou, eine der interessantesten Personen dieses Romans: sie ist hochintelligent, unabhängig, gestaltet ihr Leben nach ihren eigenen Wünschen, kann sich in einer rauen Männergeschäftswelt ausgezeichnet behaupten und hat dabei aber immer noch eigene ethische Vorstellungen, die sie nicht komplett über Bord wirft. Zwar wird auch sie immer wieder von ihrer Verwandtschaft unter Druck gesetzt, ein Kind zu bekommen, oder, wenn sie irgendwann zu alt dafür sei, zumindest eines zu adoptieren, doch gelingt es ihr letztlich sehr gut, wieder zu sich zurückzufinden und zu spüren, was sie wirklich von ihrem Leben will. Ihr Kapitel ist wiederum aus der Ich-Perspektive geschrieben.

Sehr interessant an dem Buch sind die verschiedenen Stimmen und wie wir die Leben und Freundschaften der Frauen aus unterschiedlichen Perspektiven kennen lernen. Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass etwa Chia zum Romantisieren und Verklären neigt - nicht nur in Bezug auf ihre Männerbekanntschaften, sondern auch auf die Natur der Freundschaft des Viererfrauengespanns. Zikora und Omelogor wiederum können sich eigentlich gegenseitig gar nicht so gut leiden und werden nur durch Chia lose miteinander verbunden. Und in Bezug auf Kadiatou spielt eben der sehr unterschiedliche soziale Hintergrund und die Tatsache, dass diese Chias Hausangestellte ist, ebenfalls eine prägende Rolle in der Beziehung.

Das Buch regt also zum Nachdenken über Frauenfreundschaften, Partnerschaften, Kinder-Kriegen oder nicht, Emanzipation, Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung, Träume, Privilegien, Klassenunterschiede, Race, Rassismus und vieles mehr an, und behandelt damit überraschend universale Themen, die so nicht nur im nigerianischen Umfeld, sondern überall auf der Welt eine Rolle spielen. Damit zeigt es die Universalität der grundlegenden Menschheitserfahrung an, und wirkt damit auch empathieschaffend und verbindend. Gleichzeitig sind aber in die Geschichten auch viele Hintergrundinformationen über Nigeria eingebunden und ich habe bei der Lektüre wie nebenbei viel über die dort herrschende Gesellschaftsstruktur mit ihren vielfältigen Ethnien und Religionen gelernt.

Besonders interessant war für mich der "Blick von außen" auf so einige scheinbare Gewissheiten, die wir im globalen Norden und in westlich sozialisierten Ländern zu haben scheinen, etwa, wenn Omelogor für einige Zeit in die USA zieht, um dort ein Masterstudium zu machen und Pornographie zu untersuchen, und die sehr starren und einheitlichen Vorstellungen der liberalen, aber wenig lebenserfahrenen, jungen amerikanischen Studierenden kritisch hinterfragt. Da wird so einiger Scheinheiligkeit ein Spiegel vorgehalten, wie auch an so manchen anderen Stellen im Buch.

Sprachlich ist das Buch sehr unterhaltsam, dabei aber auf durchaus hohem sprachlichem Niveau, geschrieben und ich habe immer gerne und mit Spannung weitergelesen, mit den Frauen mitgefiebert und war neugierig, wie es weitergeht. Auf mehr als 500 Seiten habe ich mich nie gelangweilt.

Chimamanda Ngozi Adichie gehört für mich insgesamt zu den großen Stimmen der Literatur und ich schätze es besonders, wie sie mir einen für mich sehr unbekannten Kulturkreis mit ihren Romanen nahebringt. Große Leseempfehlung, und ich möchte demnächst alle weiteren Bücher von ihr lesen!

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