Ein Märchen darüber, anders zu sein und zu sich zu stehen
Hunger und Zorn"Hunger und Zorn", von der erst 2002 geborenen Alice Renard geschrieben, ist ein ungewöhnliches Buch, wie ich noch keines gelesen habe. Es funktioniert nicht sehr gut auf der Ebene des logischen Verstandes ...
"Hunger und Zorn", von der erst 2002 geborenen Alice Renard geschrieben, ist ein ungewöhnliches Buch, wie ich noch keines gelesen habe. Es funktioniert nicht sehr gut auf der Ebene des logischen Verstandes und des Hinterfragens, aber es ist ein zauberhaftes Märchen über eine ungewöhnliche junge Frau.
Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, die sich stark voneinander unterscheiden.
Im ersten Abschnitt lernen wir die Perspektive der Mutter und des Vaters auf ihre andersartige Tochter Isor kennen. Die beiden lieben ihre Tochter sehr, doch machen sie sich auch große Sorgen, weil sie so anders ist und nicht spricht. In ehrlichen, direkten Worten kommen die Eltern abwechselnd zu Wort, z.B.:
Mutter: "Mein Küken, mein Kleines, ich habe dich im Rhythmus der Geheimnisse meines Bauches geschaffen und schließlich heranwachsen sehen. Trotz aller Widerstände. Ungeachtet all der unerklärlichen Dinge, die sich dir in den Weg gestellt haben."
Vater: "Ich war nicht dafür gemacht, der Vater eines solchen Kindes zu sein. Heute, bald, in absehbarer Zeit ist sie gar kein Kind mehr. Sie wird langsam groß. Aber ich bin noch immer nicht dafür gemacht, ihr Vater zu sein." (S. 7)
Schon in diesen Aussagen, ganz am Anfang des Buches, zeigt sich, dass der Vater noch ein Stückchen mehr als die Mutter damit hadert, diesem ungewöhnlichen Kind ein passender Elternteil zu sein.
Die Eltern konsultieren viele Spezialisten, die alle das Kind aus ihrer jeweiligen berufsspezifischen Brille betrachten. Ist es eine Autismus-Spektrums-Störung? Oder ein Gendefekt? Könnte Yoga helfen? Eine spezielle Ernährung? Doch wirklich helfen kann der Familie keiner. Ein Experte meint einmal zu den Eltern, dass das Kind durchaus sprechen könnte, wenn es wollte. Aber "sie will nicht". Später im Buch wird sich zeigen, ob er damit Recht behalten wird.
Nun ist das Kind in der Pubertät, spricht immer noch nicht, aber ist zunehmend dabei, sich abzunabeln, unternimmt etwa nachts stundenlange einsame Ausflüge durch Paris. Die Eltern können das nicht verhindern und stehen weiterhin ratlos diesem besonderen Kind gegenüber.
Dann endet der erste Abschnitt und im zweiten kommt es zu der Begegnung und bald intensiv werdenden Freundschaft zwischen dem alten Nachbarn Lucien und Isor. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und scheinen sich ohne Worte zu verstehen. Diesen Abschnitt erleben wir stark aus Luciens Sicht. Er ist ein weiser und geduldiger alter Mann: "Der Unterschied zwischen ihren Eltern und mir ist, dass ich niemand bin, der schnell in Panik gerät - ich meine: das Schweigen, die Wut, die Freude, der Schmerz, damit kenne ich mich aus. Das kann ich ertragen, ohne in die Knie zu gehen. Ich bin daran gewöhnt. Es ist wie Musik hören." (S. 84)
Tja, und dann der dritte Abschnitt, der wieder völlig anders ist und in dem es zu einer großen und unerwarteten Überraschung kommt und wir noch einmal eine ganz neue Perspektive auf das bisher Erzählte kennen lernen.
"Hunger und Zorn" ist insgesamt ein ganz zauberhaftes Buch, das danach ruft, sich emotional voll und ganz darauf einzulassen. In dem Buch steckt eine tiefe Weisheit darüber, was es bedeuten kann, anders zu sein und wie die Gesellschaft damit umgeht. Aber auch darüber, wie flüchtig unsere Identitäten und Selbstkonzepte sein können und wie sehr das, was wir aus uns selbst herausholen und anderen zeigen können und wollen, stark von unserem jeweiligen Gegenüber und unserer Umgebung abhängt. Von den Menschen, mit denen wir sind, davon, wie sie uns begegnen und was sie in uns sehen... wie wir uns ineinander spiegeln und was das mit der Beziehung und mit allen Beteiligten macht. Das ist etwas, was grundsätzlich für alle Menschen gelten kann, aber hier im Kontakt der verschiedenen Menschen mit der andersartigen Isor ganz besonders stark herauskommt.
Außerdem ist es ein Buch über Liebe und Freundschaft, über die Liebe der Eltern zu ihrem andersartigen Kind, über eine tiefe Freundschaft zwischen zwei sensiblen und einsamen Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensaltern, und über die Liebe zum Leben und zu den Erfahrungen, und den tiefen Hunger danach, mit aller Andersartigkeit auf die ganz eigene Art Teil dieser Welt zu sein.
Das Buch ist kein authentischer Erfahrungsbericht über das Leben mit einem andersartigen Kind... dafür ist es viel zu märchenhaft... und nicht alle Entwicklungen sind auf logischer Ebene gut hinterfragbar. Aber als Märchen mit einer einzigartigen Botschaft und einer ganz besonderen Sprache und vielfältigen Perspektiven funktioniert es sehr gut. Es ist ein ganz besonderes Buch, das einen dauerhaften Platz in meinem Herzen einnehmen wird. Ich empfehle es allen, die bereit sind, sich emotional darauf einzulassen und ihr Herz für dieses ganz besondere Märchen zu öffnen. Auf weitere Bücher der Autorin freue ich mich schon.