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Veröffentlicht am 23.04.2025

Ein bewegender Nordseeroman mit schweren Themen, sehr lesenswert.

Meerglück, friesisch blau
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"Ich atmete die salzige Luft ein, die sich heilsam um mein Herz legte. Der frische Wind weitete meine Gedanken und pustete mir die letzten dunklen Flecken von der Seele. Ja, ich würde die Hürde überwinden, ...

"Ich atmete die salzige Luft ein, die sich heilsam um mein Herz legte. Der frische Wind weitete meine Gedanken und pustete mir die letzten dunklen Flecken von der Seele. Ja, ich würde die Hürde überwinden, die mich bis heute davon abgehalten hatte, meinem Traumberuf weiter nachzugehen."
Seit einem traumatischen Ereignis schafft Liv es nicht mehr, ihren Traumberuf Möbelrestauratorin auszuüben. Ihr Mann weigert sich, in die Scheidung einzuwilligen und ihre Tage sind eintönig mit Geschäftigkeit ausgefüllt. Da lädt ihre Freundin Kristin sie nach Föhr ein. Dort betreibt diese mit Astrid eine Pension und Liv soll ihr helfen, die alten Möbelstücke wieder zum Leben zu erwecken.
In der Scheune findet Liv eine wunderschöne Skulptur und macht sich auf die Suche nach dem Besitzer. Dieser - Matthis - ist überglücklich, sie wiederzuerhalten.
Sonne, Sand, Salz, Meer und ein Geheimnis, was will man als Leserin mehr?! Liv ist eine entzückende Protagonistin mit Ecken und Kanten, die sich mühsam wieder ins Leben kämpft. Die Zeit auf Föhr tut ihr gut, auch die Beschäftigung mit den Möbeln, die Freundschaft mit Kristin - und Matthis. Wie ähnlich sich ihre Schicksale sind und wie sehr sie die Verletzungen des anderen verstehen, wird ihnen langsam klar. Und dass man, wenn man am Boden liegt, auch wieder aufstehen darf, nein, muss.
Matthis und seine entzückende Tochter kommen Liv sehr nahe, die Chemie zwischen den dreien ist greifbar und war schön mitzuerleben. Auch der Nordseeflair, mit Krabben und Fischen kommt nicht zu kurz und hat mich träumen lassen. So hat mich das Buch gut unterhalten, aber auch bewegt.
Denn auf den ersten Blick verspricht "Meerglück friesisch blau" einen locker leichten Nordsee-Roman. Doch es werden ganz schön harte Schicksale thematisiert, deshalb meine
Trigger- und Spoilerwarnung:
In diesem Buch geht es viel um Schwangerschaft, Komplikationen bis hin zur stillen Geburt. Horche gut in dich hinein, ob du dich mit diesen Themen auseinandersetzen willst.
Fazit: Ein bewegender Nordseeroman mit schweren Themen, sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Eine außergewöhnliche und lesenswerte Geschichte, voller Metaphern und skurrilen Momenten.

Der Duft des Wals
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"Eine Walkette vielleicht? Selbstgemacht, aus einem Zahn von dem Wal, der hier gestrandet ist. Eine schöne Erinnerung! Einzigartig."

Nein, die Urlauber wollen vieles, nur sicher keine Erinnerung an den ...

"Eine Walkette vielleicht? Selbstgemacht, aus einem Zahn von dem Wal, der hier gestrandet ist. Eine schöne Erinnerung! Einzigartig."

Nein, die Urlauber wollen vieles, nur sicher keine Erinnerung an den Wal ...

Hugo und Judith reisen mit ihrer Tochter Ava in ein All-inclusive-Hotel nach Mexiko, um ihre Ehe zu retten. Doch der Urlaub steht unter keinem guten Stern. Die Streitigkeiten reisen unbemerkt mit im Koffer und in der ersten Nacht im Traum-Resort strandet ein Wal - und explodiert. Über allem liegt der Geruch des verwesenden Wals, unsichtbar aber dennoch nicht abzuschütteln. Unsichtbar wie die stille Mitreisende von Flugbegleiterin Céleste, die seit einem traumatischen Erlebnis von einem Geist verfolgt wird. Um ihn und ihre Schuldgefühle loszuwerden geißelt sie sich - im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann ist da auch noch Waldemar, der die Gäste abholt und unsterblich in das Zimmermädchen Belén verliebt ist, die wiederum fällt ohne Vorwarnung immer wieder in einen Dornröschenschlaf.

Klingt skurril? Versprochen, ist es auch. Ich liebe eigenwillige Geschichten, die einen gut unterhalten und nach dem Umschlagen der letzten Seite schmunzeln und den Kopf schütteln lassen. Genau so eine Geschichte hat Paul Ruban mit "Der Duft des Wals" geschaffen.

Der Gestank des Wals als ist wohl Sinnbild für den Verfall, der Ehe, der Träume, der Vorstellungen vom Traumurlaub.

Der Roman ist abwechselnd aus den Perspektiven von Hugo, Judith, Ava, Waldemar und Céleste geschrieben - mit einem kurzen Auftritt von Belén. Das lässt einen besonders tiefen Blick in die Beweggründe der Protagonisten, verhindert aber auch ein Stück weit, dass man sich mit einem identifizieren kann. Dass diese von unterschiedlichen Sprechern dargestellt werden, sorgt für zusätzlichen Reiz.

Mein unangefochtener Liebling ist aber - ein Nasenbär! Dazu noch die Giraffenfrau - aber ich will nicht zu viel verraten.

Einzig Ava macht mir etwas Kopfzerbrechen. Einerseits porträtiert sie ihre Umgebung ständig mit ihrem Etch A Sketch (eine Variante der Zaubertafel), andererseits spricht sie oft als wäre sie viel älter. Das machte es mir schwer, ihr Alter einzuschätzen.

Das Ende hat mich nochmal eiskalt erwischt, ebenso absurd wie die ganze Geschichte, rundet es sie perfekt ab.

Alles in allem eine außergewöhnliche und lesenswerte Geschichte!

Fazit: Eine außergewöhnliche und lesenswerte Geschichte, voller Metaphern und skurrilen Momenten.

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Eine sanfte, berührende Erzählung mit vielen Einblicken ins Leben in Japan und die Kulinarik.

Das kleine Antiquariat von Tante Sango-san
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"Als ich ihm nachsah, wie er das Geschäft verließ und sich auf den Heimweg machte, merkte ich es. Wie sehr ich dieses Antiquariat und die geheimnisvolle Kraft von Büchern liebte."

Ein Jahr nach dem Tod ...

"Als ich ihm nachsah, wie er das Geschäft verließ und sich auf den Heimweg machte, merkte ich es. Wie sehr ich dieses Antiquariat und die geheimnisvolle Kraft von Büchern liebte."

Ein Jahr nach dem Tod ihres geliebten Bruders Jiro übernimmt Sango-san sein Antiquariat. Tauscht ihr ruhiges Leben in Hokkaido gegen die Vielfalt in Jimbocho, Tokyos Bücherviertel. Nachdem sie ihre Eltern gepflegt und auch danach als Pflegerin gearbeitet hat, hat Sango-san wenig Erfahrung, ist überfordert. Wie soll es mit dem beliebten Antiquariat weitergehen?

Da kommt ihre Großnichte Mikiki gelegen, eine Literaturstudentin, die noch nicht weiß, was sie nach ihrem Studium machen möchte und sie im kleinen Antiquariat unterstützt.

Dieses Buch ist abwechselnd aus der Perspektive von Sango-san und Mikiki-san geschrieben. So erfahren wir auf der einen Seite, wie sehr Sango-san ihren Bruder geliebt hat, aber auch von ihrem beschaulichen vergangenen Leben und wie es für sie ist, mit über 70 in eine Großstadt zu ziehen.

Und Mikiki, die Bücher und Literatur liebt, aber auch die Menschen. Eigentlich möchte sie genau das tun, was sie gerade macht: Mit Kunden reden, ihnen Bücher empfehlen, sie selber verschlingen.

Immer wieder kommen Kunden in das kleine Antiquariat. Dort bekommen sie neben außergewöhnlichen Buchtipps meist auch Tee oder einen kleinen Snack. Die Großherzigkeit der beiden Frauen und ihre Ratschläge waren für mich sehr besonders zu lesen. Sie zeigen ihren Kunden, wie man auch aus sehr alten Büchern neue Lehren ziehen kann. Einige der beschriebenen Bücher haben mich neugierig gemacht (auch wenn sie bei uns vermutlich schwer zu bekommen sind).

Als Bücherliebhaberin war "Das kleine Antiquariat von Tante Sango-san" natürlich ein besonderer Leckerbissen für mich! Das neben den Büchern auch das Essen eine große Rolle spielt, gab einen wunderbaren Einblick in die japanische Kultur. Egel, ob die beiden Protagonistinnen zu zweit oder gemeinsam mit Kunden regionale Leckereien verspeisten.

Ein kleiner Wehrmutstropfen: Ich habe die e-pub Ausgabe gelesen, und die kleine Zeichnung zwischen den Abschnittswechseln, die man im Print findet, wurden hier leider ersatzlos rausgenommen, ohne einen Absatz. Das heißt auch, dass ich den Perspektivenwechsel zwischen Sango-san und Mikiki-san oft erst nach einer Seite bemerkt habe, zurückblättern musste um mich zurechtzufinden.

Fazit: Eine sanfte, berührende Erzählung mit vielen Einblicken ins Leben in Japan und die Kulinarik.

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Veröffentlicht am 15.04.2025

Ein großes Drama mit vielen Aspekten wie Familienprobleme, Umweltthemen und alte Schuld. Sehr lesenswert!

Wo wir uns treffen
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"Und manchmal kommen die Käfer zur falschen Zeit raus; Blaumeisenküken schlüpfen später als die Raupen, die sie fressen ... Dann verheddert sich das ganze Netz des Lebens. Deshalb müssen wir mehr auf die ...

"Und manchmal kommen die Käfer zur falschen Zeit raus; Blaumeisenküken schlüpfen später als die Raupen, die sie fressen ... Dann verheddert sich das ganze Netz des Lebens. Deshalb müssen wir mehr auf die Fäden aufpassen."
Tag 2
Ja, das hat sich Frannie zur Aufgabe gemacht, auf diese Fäden aufpassen. Seit 10 Jahren kämpft sie mit ihrem Vater Philip für die Natur. Nun ist Philip gestorben und wir begleiten die Familie durch fünf Tage rund um sein Begräbnis. Und es sind viele Fäden, auf die wir als Leser aufpassen müssen.
Philip war ein schrecklicher Vater und Ehemann, rastlos, immer auf der Suche nach Vergnügen, hat er die Familie oft für Monate allein gelassen in dem alten, kolossalen, feuchten Landhaus auf dem riesigen Anwesen in Sussex. Vor 10 Jahren ist er ein Stück weit zur Ruhe gekommen und zurückgekehrt - um ruhelos gegen den Klimawandel anzukämpfen, das Land zu renaturieren. Bäume zu fällen, die hier nicht hingehören, um Licht zu schaffen für andere, die heimischen Vögeln wieder ein Zuhause bieten.
Doch wie ein Zuhause fühlt sich das Anwesen nicht an, weder für seine Witwe Grace, die Tochter Frannie noch seine Enkelin Rowan. Und schon gar nicht für seine weiteren Kinder: Milo, der seine Gefühle in Süchten versteckt und Isa, die Sussex den Rücken gekehrt hat, um als Lehrerin mit Mann und zwei Kindern in London zu leben. Für die Beerdigung sind auch sie nach Sussex zurückgekehrt.
In den fünf Tagen entspinnt sich ein Drama, verheddern sich Fäden, kommen alte Geheimnisse ans Tageslicht, die eine völlig neue Schuld mit sich tragen. Und in dem, über all dem, ist da auch noch Ned. Seit Philip vor 50 Jahren das legendäre Teddy Bear´s Picnic, ein ausuferndes Festival im Wald rund um das Anwesen veranstaltete, ist Ned ein Teil - des Waldes, der Familie, der Geschichte.
Er war mein stiller Held dieses Romans, immer da, wie einer der alten Bäume, standfest gab und gibt er jedem der Familienmitglieder auf seine Weise Halt.
"Wo wir uns treffen" ist ein gigantisches Familiendrama, mit dessen vielen sehr unterschiedlichen Protagonisten ich anfangs etwas zu kämpfen hatte. Viele Handlungsstränge, viele Verbindungen, die man von Beginn an ahnt, die sich teilweise aber erst kurz vor dem Ende klären.
Milo möchte auf dem Anwesen ein Retreatzentrum errichten, um für viel Geld Menschen mit magischen Pilzen zu heilen - eine Behandlung, die ihm selbst geholfen hat und die er auch seinem Vater angedeihen ließ. Gerade mit dem lockeren Umgang mit Gras und Pilzen hatte ich so mein Thema - aber es ist Teil der Geschichte.
Fazit: Ein großes Drama mit vielen Aspekten wie Familienprobleme, Umweltthemen und alte Schuld. Sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 06.04.2025

Die Geschichte eines gestrandeten Junge in einem Fischerdorf in Irland in den 70igern - bewegend und interessant.

Der Junge aus dem Meer
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"Jedes Neugeborene steht für Möglichkeiten, aber hier war eines ohne Eltern, ohne Geschichte. Ein Kind, das ganz und gar Zukunft war. Tiefe Sehnsüchte wurden geweckt, als es bei uns landete."

1973, ein ...

"Jedes Neugeborene steht für Möglichkeiten, aber hier war eines ohne Eltern, ohne Geschichte. Ein Kind, das ganz und gar Zukunft war. Tiefe Sehnsüchte wurden geweckt, als es bei uns landete."

1973, ein Neugeborenes wird am Strand gefunden, in einem aufgeschnitten Fass scheint es wie Moses in das kleine Dorf an Irlands Westküste gelandet zu sein. Der ganze Ort ist in Aufregung, alle gemeinsam kümmern sich um den kleinen Jungen - bis der Fischer Ambrose Bonnar und seine Frau Christine den Jungen aus dem Meer adoptieren. Deren Sohn Declan ist wenig begeistert von dem Kleinen, der von nun an Brandon genannt wird.

Authentisch und eindrücklich wird die Geschichte von einem auktorialen Erzähler berichtet, der uns von Brandons Aufwachsen in dem kleinen Dorf erzählt. Von den Jahren, in denen er Menschen die Hand auflegt und sie damit auch in der Seele zu berühren scheint. Aber auch von den Schwierigkeiten, die die zwangsweise zu Brüdern gewordenen Heranwachsenden miteinander haben. Von dem Leben im Dorf das in diesen Jahren vor große Herausforderungen gestellt wird. Vom physischen und finanziellen Überleben der Fischer auf See, gefährlichen Situationen, Problemen mit Booten und Fangquoten.

Für mich war es eine ebenso bewegende wie interessante Reise, in eine andere Zeit, ein anderes Land und in eine andere Welt. Erst sieht jeder etwas ganz besonderes in dem Jungen aus dem Meer, doch über die Jahre wird ein "normaler" Teenager und junger Mann, eigenbrötlerisch und mit Schwierigkeiten, seinen Platz im Leben zu finden. Declan fühlt sich verdrängt und auch er weiß nicht, wohin mit sich. Eigentlich hielt er nie viel von der Fischerei, aber er will an der Seite seines Vaters sein, auch eine Verbundenheit mit dem Meer spüren ...

Gerade die Erzählperspektive, ein unbenannter Mann aus dem Dorf, der einerseits weiß, was bei den Bonnars passiert und uns auf der anderen Seite berichtet, was der Ort über die beiden Jungen, Ambroses finanzielle Schwierigkeiten, denkt, hat nochmal eine ganz eigene Note in die Geschichte gebracht.

"Der Junge aus dem Meer" ist ebenso Abbild einer vergangen Zeit wie ein immerwährendes junger Menschen, die ihre Aufgabe suchen.

Fazit: Die Geschichte eines gestrandeten Junge in einem Fischerdorf in Irland in den 70igern - bewegend und interessant.

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