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Veröffentlicht am 07.04.2025

Offenlegung der Unmenschlichkeit

Berchtesgaden
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Berchtesgaden, 1945. Deutschland hat kapituliert und die Alliierten übernehmen die Regierung. Der bayerische Alpenort Berchtesgaden ist für sie schon allein deswegen interessant, weil sich hier der Führer ...

Berchtesgaden, 1945. Deutschland hat kapituliert und die Alliierten übernehmen die Regierung. Der bayerische Alpenort Berchtesgaden ist für sie schon allein deswegen interessant, weil sich hier der Führer am liebsten aufhielt. Viele Nazigrößen hatten hier ihre prachtvollen Villen mit dementsprechend vielen Kunstgegenständen. Diese ziehen nun Plünderer an. Die US-amerikanischen Truppen haben Mühe, sich durchzusetzen. Sie konfiszieren das Haus, in dem Sophie mit ihrer Familie lebt. Die Eltern mit den beiden Töchtern ziehen ins Gartenhäuschen. Ihr Bruder, ein ehemaliger Offizier, versteckt sich vor den Soldaten in einer Hütte. Sophie erkennt, dass sich die Zeiten geändert haben, und entscheidet sich für das Richtige: Sie lernt Englisch und bewirbt sich beim Military Government. Die Einblicke, die sie nun in die Akten bekommt, verändert ihren Blick auf die Menschen.

Carolin Otto hat sich für ihr Romandebüt einen interessanten Blickwinkel auf die Ereignisse der Nachkriegszeit gewählt. Sie lenkt den Fokus auf die Zivilbevölkerung, die sich nach Kriegsende der Prüfung durch die alliierten Truppen stellen muss. Sie waren nicht an der Front und haben auf andere Menschen geschossen, aber sie haben zu Hause auch nichts dagegen getan. Den Standpunkt der Amerikaner kann ebenso nachvollziehen, wie den der Dorfbewohner. Diese lernen wir kennen, wie sie aus einer Villa Wertgegenstände stehlen. Die Zeiten waren hart und man musst irgendetwas haben, um Lebensmittel einzutauschen. Es wurde kein Gedanke daran verschwendet, dass die Sachen vorher jüdischen Familien weggenommen wurden. Der Roman lässt diesen bitteren Gedanken auch erst im Nachhall zu. Das ist eine große Stärke in der Erzählweise, dass die grauenvollen Befehle und ihre Auswirkungen durch Sophies Perspektive nie wie ein Fingerzeig erscheinen. Vielmehr folgt man ihren Gedanken und erfasst die Geschehnisse portionsweise. Am 8. Mai feiern wir 80 Jahre Kriegsende. In acht Jahrzehnten und vier Generationen weiter sollte das braune Gedankengut aus den Köpfen der Menschen verbannt sein. Dass das aber nicht so ist, zeigt die aktuelle politische Lage. Von daher lege ich jedem schon aus Gründen der Zeitgeschichte dieses wichtige Buch ans Herz.

Unwissenheit, Schuld und Hoffnung
Die Figuren sind für die Handlung gut gewählt. Sophie und ihre Freundin Magda sind junge Frauen, die seit Kindertagen unter dem Nazi-Regime gelebt haben. Sie hatten damals noch keine eigene Meinung und haben am Fuße des Obersalzberges die mächtigen Männer aus der Nähe gesehen. Von Kindern kann man sicher nicht erwarten, dass sie diese Männer mit der Ermordung von sechs Millionen Juden in Verbindung bringen. Anders denkt hingegen der GI Frank Rosenzweig, der nur überlebte, weil seine Familie frühzeitig aus der Heimat ausreiste. Er nutzt seinen Aufenthalt in Deutschland, um überlebende Verwandte zu finden. Gar nicht zufrieden ist Sophies Bruder Max mit der Situation. Wenn er könnte, wie er wollte, würde er weiter für den Endsieg kämpfen. Außerdem bekommt der GI Sam eine Stimme. Er ist durch seine Hautfarbe in den USA benachteiligt. Als GI in Deutschland ist er allerdings willkommen, weil er Aufträge ausführt, die seine weißen Vorgesetzten nicht machen wollen.

Sophie bekommt durch das Protokollieren der Befragungen einen ungeschönten Einblick, der ihr die Kriegszeit plötzlich ganz anders erscheinen lässt. Sollte wirklich niemand etwas von den Vernichtungslagern gewusst haben? Ganz sicher hat sich niemand mehr Gedanken um das Verschwinden der jüdischen Nachbarn und politischer Gegner der NSDAP gemacht. Sie hat durchaus ein Rechtsbewusstsein, möchte aber auch ihren Bruder schützen, der als Angehöriger der Waffen-SS eine Strafe zu erwarten hätte. Ihre Zerrissenheit ist spürbar und hebt den Spannungsbogen sogar noch an. Otto lässt durch die wenigen Charaktere einen größtmöglichen Rundumblick durch die Vielschichtigkeit der Gesellschaft zu. Sie zeigt die einzelnen Parteien und lässt auch dem Leser Raum. Der Roman liest sich wunderbar und lässt die Drehbucherfahrung der Autorin erkennen. Die große Herausforderung der Zeit wird deutlich, eine Verwaltung neu zu besetzen, die frei vom nationalsozialistischen Gedanken ist.

Carolin Otto wirft in Berchtesgaden einen eindrucksvollen Blick auf das Ende des Zweiten Weltkriegs – nicht aus Sicht der Mächtigen, sondern durch die Augen der Zivilbevölkerung, die sich plötzlich vor einer neuen Ordnung rechtfertigen muss. Mit ihrer Protagonistin Sophie gelingt der Autorin ein authentischer Zugang zu moralischen Grauzonen und der inneren Zerrissenheit einer jungen Frau zwischen Loyalität und Gewissen. Der Roman erzählt nicht nur von Aufarbeitung und Neubeginn, sondern hält uns auch heute den Spiegel vor. Gerade zum 80. Jahrestag des Kriegsendes ist dieses Buch ein literarisch wertvoller und emotionaler Beitrag zur Erinnerungskultur.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.09.2016

Kein Wasser, ein toter Hund und eine Leiche in den Weinbergen

Tante Poldi und die Früchte des Herrn
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Tante Poldi, die eigentlich Isolde Oberreiter heißt, hatte bereits im ersten Band um die sizilianischen Löwen ihren Umzug ins schöne Torre Archirafi überstanden. Mit Hilfe ihres Neffen, der sie fortan ...

Tante Poldi, die eigentlich Isolde Oberreiter heißt, hatte bereits im ersten Band um die sizilianischen Löwen ihren Umzug ins schöne Torre Archirafi überstanden. Mit Hilfe ihres Neffen, der sie fortan eine Woche im Monat besucht, hat sie sich in der Via Baronessa schon heimisch eingerichtet. Doch nun hat ihr jemand das Wasser abgestellt, was im heißen Sizilien eine Katastrophe ist. Gleich am Anfang wird obendrein auch noch der Hund ihrer Freundin vergiftet, was für Aufregung sorgt. Ein neuer Fall wartet aber, als in den Weinbergen die Leiche einer Staatsanwältin gefunden wird, die gegen die Mafia vorging. Sie wurde – wie passend - mit einer Weinflasche ermordet. Schnell finden sich ein paar Verdächtige wie der Winzer, ein Wahrsager und sogar Poldi selbst. Kommissar Montana hat also wieder alle Hände voll zu tun, beruflich sowie mit Poldi, die weiterhin von seinen hübschen Unterarmen fasziniert ist.

Mit der urbayerischen Poldi hat Mario Giordano eine Ermittlerin geschaffen, die zum einen spannende Fälle löst, mit ihrer Art aber auch Gemütlichkeit vermittelt, die im Kontrast zur Handlung steht. Der 60-jährigen purzeln die Verbrechen wie zufällig vor die Füße. Als Leser kann man lange miträtseln, was nun hinter dem Mord steckt. Da Poldi sowieso ein Faible für den attraktiven Kommissar Montana hat, ist man ganz nah am Geschehen. Die beiden kommen sich auch in diesem Teil der Serie wieder näher und leben auf Sizilianische Art ihr Temperament aus. Das Ambiente und vor allem die Mentalitäten sind fein beobachtet und bildhaft wiedergegeben. Es macht Spaß, den eigenwilligen Charakteren zu folgen.

Der Kriminalfall an sich tritt manchmal etwas in den Hintergrund, wenn Poldi im Rückblick erzählend vom Thema abschweift. Sie hat in ihrem Leben viel erlebt und gibt hier auch wieder Anekdoten mit Prominenten wieder. Als Neffe kann man da wirklich nur staunen. Poldi ist lebenslustig, aber manchmal auch melancholisch und stellt sich oft die Frage, ob eine Flasche Grappa nicht besser wäre, um der Schwermut zu entfliehen. Ihre drei Schwägerinnen haben da jedoch ein ausgeklügeltes System, um über sie zu wachen. Dabei wird jede Menge Lokalkolorit versprüht und Sympathie für die Geschichte aufgebaut.

Der Schreibstil ist passend leicht und doch unterhaltsam gewählt, sodass sich das Buch förmlich als Urlaubslektüre aufdrängt. Der Humor kommt beim Ermitteln nicht zu kurz. Mit einem gepflegten Rotwein und anderen Leckereien würde das sicher auch Poldi begeistern. Jedoch sei vor dem Cliffhanger am Ende gewarnt. Eine neue Figur erscheint auf der Bildfläche und möchte am liebsten gleich weiterlesen. Bei einem solchen Ende beruhigt es zumindest, dass es bestimmt noch mehr von der vespafahrenden Seniorin zu lesen gibt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Das Spielzeug auf dem höfischen Parkett

Der König der Schelme
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Jozéf Boruwłaski ist neun Jahre alt und nur wenig größer als ein Säugling als er als lebendes Spielzeug an den Hof der Starostin von Polen und Freundin der Mutter kommt. Sie ist von dem Jungen begeistert ...

Jozéf Boruwłaski ist neun Jahre alt und nur wenig größer als ein Säugling als er als lebendes Spielzeug an den Hof der Starostin von Polen und Freundin der Mutter kommt. Sie ist von dem Jungen begeistert und nennt ihn liebevoll Joujou. Jozéf lernt die Gepflogenheiten des Adels kennen und bekommt an verschiedenen Höfen Unterricht in Musik und Tanz. Der kleine Graf ist talentiert und begeistert die europäischen Häuser des Adels. In Wien kommt es sogar zum Konkurrenzkampf mit einem anderen Kleinwüchsigen, bei dem er fast sein Leben lässt. Joujou wird überall bejubelt und bestaunt, vor allem aber auch im Erwachsenenalter von den Damen auf den Schoß genommen.

Eve de Castro widmet sich in ihrem zweiten historischen Roman dem Leben des kleinwüchsigen Jozéf Boruwłaski. Sie schaut in dieser Biografie hinter die Fassade und vermittelt das Empfinden, das der verarmte Graf seiner Umwelt gegenüber gehabt haben dürfte. Sie wagt sich respektvoll an die Psyche des Mannes heran und beschreibt sein Anderssein mit den Vor- und Nachteilen. Da Jozéfs Geist nicht mit seiner körperlichen Größe gleichzusetzen war, gab es unweigerlich nach der Pubertät Probleme. Als er sich im Alter von 40 Jahren in die Französin Isalina verliebt, möchte er nicht nur Ehemann, sondern auch Vater sein. Im Laufe seines 98jährigen Lebens hatte er es nicht immer leicht und musste die fehlende Körpergröße mit Können und Intelligenz kompensieren.

Das Hofleben der europäischen Monarchen wird nur oberflächlich beschrieben. Vielmehr gibt die Autorin die Sicht frei, was sich hinter den Kulissen zur Unterhaltung der Monarchen abgespielt hat. Jozéf lernt sie alle kennen und bleibt doch im Hintergrund. Seine Gönner ermöglichen ihm ein angenehmes Leben, solange seine Auftritte erwünscht sind. Die Nebenfiguren sind in dieser Handlung teilweise selber die Prominenten ihrer Zeit wie die Baronin von Cavendish, Marie Antoinette oder Maria Theresia. Der Roman entstand größtenteils durch die aufgeschriebenen Memoiren und vermittelt so Authentizität. Die Fakten werden geschickt mit Emotionen verbunden, sodass man als Leser das Gefühl hat, dabei gewesen zu sein. De Castro schafft eine Lebendigkeit der vergangenen Zeit, die beim Leser eine Reihe von Emotionen hervorruft.

Der Schreibstil ist gesetzt und vermittelt trotz der fast ein ganzes Leben andauernden Reise Ruhe. Die Sprache ist so weit es ging der Zeit angepasst und mit französischen und italienischen Phrasen ergänzt, die zusätzlich für die richtige Stimmung sorgen. Alles zusammen zeichnet ein Porträt der höfischen Gesellschaft aus dem Blickwinkel eines Andersartigen. Die französische Schriftstellerin wurde mit diesem zweiten Roman mit dem Prix Montesquieu 2015 ausgezeichnet.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Es tanzt der Bi-Ba-Butzemann um unser Haus herum

Die Henkerstochter und das Spiel des Todes (Die Henkerstochter-Saga 6)
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Es ist Mai 1670 und die Oberammergauer bereiten ihre seit 36 Jahren stattfindenden Passionsspiele vor. Die Rollen sind unter den Bewohnern verteilt und die Proben fallen schon zufriedenstellend aus. Auch ...

Es ist Mai 1670 und die Oberammergauer bereiten ihre seit 36 Jahren stattfindenden Passionsspiele vor. Die Rollen sind unter den Bewohnern verteilt und die Proben fallen schon zufriedenstellend aus. Auch Simon, der Bader aus Schongau ist unterwegs nach Oberammergau. Er bringt seinen Sohn Peter zu seinem ehemaligen Professor und Freund aus Ingolstadt, der sich nun der Bildung des Jungen annimmt. Auf dem Weg dorthin bemerken die beiden, dass zwischen den Bäumen jemand aus dem Dorf flüchtet. Erst als sie ankommen und erfahren, dass der Schauspieler mit der Hauptrolle gekreuzigt wurde, kommt ihnen das Verhalten verdächtig vor. Als Simon kurz darauf ein lukratives Angebot vom Bürgermeister erhält, sowohl zeitweise die Aufgaben des verstorbenen Baders zu übernehmen als auch Ermittlungen zum Todesfall anzustellen, sagt er ohne zu zögern zu.

Währenddessen hat es auch Jakob Kuisl in seiner Heimat nicht leicht. Der Gerichtsschreiber zwingt ihn, mit ihm nach Oberammergau zu gehen, um den Mord zu klären. Während die Herren der Henkersfamilie nun also fern des heimischen Herds sind, wähnt sich Barbara ungestört und liest in den Büchern ihres Vorfahrens über die Hexenprozesse. Als sie einen Verehrer verärgert und der sie beim Büttel anzeigt, werden diese sogenannten Hexenbücher im Haus der Kuisls gefunden. Barbara wird nun also in den Kerker gebracht und der Hexerei angeklagt. Die Folter soll Henker Hans vornehmen, der noch eine Rechnung mit Kuisl offen hat. Es wird also höchste Zeit, dass Magdalena ihren Vater und ihren Ehemann wieder nach Hause holt.

Oliver Pötzsch schafft es auch mit seinem sechsten Band aus der Serie um die Henkersfamilie aus Schongau, einen spannenden fiktiven Kriminalfall in eine authentische Umgebung der Vergangenheit zu platzieren. Wie schon in seinen Vorgängern, folgt der Spannungsaufbau dem bekannten Muster. Die Kuisls geraten den Bösewichten des 17. Jahrhunderts unfreiwillig zu nahe und müssen ihr Wissen und ihre Erfahrung bald gegen den Lauf der Zeit einsetzen, um nicht selber Schaden zu nehmen. Während sie fieberhaft nach einem Mörder suchen, lässt der Autor seine Leser immer mal wieder einer falschen Fährte folgen. Er steigert die Anzahl der Verdächtigen und lässt so unzählige Vermutungen zu, die vom wahren Übeltäter ablenken. Die aufgenommenen Handlungsstränge sind oft nicht auf den ersten Blick schlüssig, sondern fügen sich erst am Ende zu einem Gesamtbild.

Hier wird mit Tinkturen gemixt, Aberglaube verbreitet oder eben auch die glühende Zange angesetzt. Das Leben und Wirken einer Dorfgemeinschaft und der Umgang mit einer unehrlichen Familie wird bildhaft dargestellt. Die mächtige Statur des Henkers ist zwar furchteinflößend, aber hat eben auch Empfindungen. Er nimmt nicht nur Verurteilten das Leben, sondern ist auch Familienvater, Großvater und Witwer. Alles zusammen rundet den Charakter ab und schafft Empathie. Ebenso passt die Sprache zur Epoche und zu den Figuren. Der Henker flucht und grollt, seine Tochter schimpft und zeigt ihre Besorgnis um ihre Familie und sein Schwiegersohn kann manchmal nicht aus seiner Haut, drückt sich aber immer gewählt aus.

Eine hervorzuhebende Stärke des Romans ist die umfassende Recherche der Historie, die oft nur mit einer Kleinigkeit beginnt, wie hier der Wille der Oberammergauer, ihre Festspiele vorzuziehen. Auch die Gegend rund um den grummelnden Kofel wird exakt geschildert und lädt sogar zu eigenen Wanderungen ein. Im Anhang sind wie immer Tipps abgedruckt, wie Leser auf den Spuren des Henkers wandeln können. Hier erfährt man auch, was auf Tatsachen beruht und was der dichterischen Phantasie entsprungen ist. Von daher sollten Leser den Ratschlag beherzigen und das Nachwort wirklich erst zum Schluss lesen. Der Aufenthalt des Henkers in Oberammergau ist wieder einmal ein Lesetipp, der sicher auch ohne Kenntnis der anderen Bücher Spaß macht. Um die Entwicklung der Figuren, ist das Einhalten der Chronologie natürlich ratsamer. Es kommt einem dann so vor, als sei man zu Besuch bei alten Freunden.

Veröffentlicht am 01.02.2018

Ein begabtes Kind, ein gestohlener Maserati und der Neffe macht den Moonwalk

Tante Poldi und der schöne Antonio
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Eigentlich wollte Tante Poldi in ihrem Haus in der Via Baronessa auf Sizilien mal in Ruhe über ihr Leben nachdenken und vielleicht ein paar schöne Stunden mit dem ansässigen Kriminalkommissar Montana verbringen. ...

Eigentlich wollte Tante Poldi in ihrem Haus in der Via Baronessa auf Sizilien mal in Ruhe über ihr Leben nachdenken und vielleicht ein paar schöne Stunden mit dem ansässigen Kriminalkommissar Montana verbringen. Daraus wird aber nichts, weil plötzlich ihr Ehemann John aus Tansania vor der Tür steht? Moment mal ... Ja. Die Poldi war mal verheiratet. Nicht nur Montana möchte darüber mehr erfahren. Aber nun ist ihr Schwager Thomas verschwunden und ein afrikanischer Gangsterboss möchte zu gern seinen Koffer wiederhaben. Zehn Millionen Dollar locken allerdings auch die Mafia an. Eine PS-starke Jagd kreuz und quer durch Sizilien beginnt und immerzu taucht ein schöner Antonio auf.

Mario Giordano hat mit seiner urbayerischen Poldi eine Ermittlerin geschaffen, die manchmal zwar schwer zu durchschauen ist, aber hinterher immer alle Fäden entwirrt hat. Die 60-jährige genießt die südländische Lebensart, lässt sich von Montana nicht nur erobern, sondern vor allem auch immer wieder in spannende Ermittlungen hineinziehen. Wo die Polizei nicht weiterkommt, hat garantiert Poldi eine innovative Idee. Immer dabei ist ihr Neffe, dem manche Situation gerne vermeiden würde und der Fahrstil seiner Tante sowieso zu gefährlich ist. Bekanntlich fährt Poldi ja sogar ihren Cinquecento wie einen Boliden und nun hat sie sogar einen Maserati.

In diesem dritten Band bleibt der Autor seinem Erzählstil treu. Aus Sicht des Neffen wird der Fall eingeleitet, bevor es dann schnell die erste Leiche gefunden wird. Mit jeder Seite taucht man als Leser tiefer in die sizilianische Atmosphäre ein. Es wird Wein getrunken, typische Gerichte kommen auf den Tisch und immer wieder kommt die Lebensweise ins Spiel. Einschübe in italienischer Sprache sorgen für noch mehr Lokalkolorit. Gestört wird die Idylle lediglich durch das Verbrechen. Die Jagd nach den Tätern zieht sich durch die gesamte Handlung, wobei auch die Lösung wunderbar italienisch ist. Immer wieder wird der Leser durch Wendungen auf falsche Fährten geschickt. Die Lösung kommt daher recht überraschend.

Die Krimis um die lebenslustige, manchmal auch melancholische Seniorin sind trotz Ritualmorde unblutig. Humorvoll werden die Beweise gesammelt bis aus dem Pulk von Verdächtigen der Mörder identifiziert ist. Zu den Hauptfiguren kann man schnell Sympathie aufbauen. Selbst dem Tod fehlt der Schrecken, wenn er mit seiner Liste mit am Tisch sitzt. Der Schreibstil ist temporeich, leicht und unterhaltsam. Poldi lässt auch immer wieder an ihren Lebensweisheiten und Anekdoten teilhaben. Alles in allem eignet sich die Krimiserie als Urlaubslektüre.