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Veröffentlicht am 10.10.2025

Verschickungskinder

Der Sommer am Ende der Welt
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Eva Völler rückt mit ihrem bewegenden Roman „Der Sommer am Ende der Welt“ ein bislang wenig beachtetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte in den Fokus. Damals gab es in Westdeutschland ca. 870 ...

Eva Völler rückt mit ihrem bewegenden Roman „Der Sommer am Ende der Welt“ ein bislang wenig beachtetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte in den Fokus. Damals gab es in Westdeutschland ca. 870 Kinderkurheime, in denen die Kinder Gewalt und Missbrauch erdulden mussten. Eva Völler erzählt auf 2 Zeitebenen. In der Vergangenheit berichtet eine Betroffene der Journalistin Hanna von ihren Erlebnissen. Das ist teilweise sehr schwer auszuhalten. In der Gegenwart begleite ich Hanna bei ihren Recherchen auf Borkum.

Aber Hanna deckt nicht nur Ungeheuerliches aus der Vergangenheit auf, sondern verliebt sich in den Inselarzt Ole. Neben all dem Leid der Verschickungskinder ist es anfangs schön und erholsam, Hanna und Ole bei ihrem Kennenlernen zu begleiten und dabei gleichzeitig auch die Insel ein bisschen zu erkunden. Das ist der Gegenpol zu den Grausamkeiten aus der Vergangenheit, aber mir war die Sprache zu flapsig. Zunächst empfand ich die Liebesgeschichte als wohltuenden Gegenpol zu den dunklen Geheimnissen, die Hanna nach und nach aufdeckt, aber dann war es mir zu kitschig und zu überladen.

Eva Völler erzählt abwechselnd aus der Sicht von Hanna und Ole, was mir gut gefällt. Es gelingt ihr, die dunkle Vergangenheit der Kurheime und auch die erschreckend rechte Geschichte Borkums kritisch einzubinden. Ich wusste beispielsweise nicht, dass Borkum bereits zur Jahrhundertwende eine Hochburg der Antisemiten war. Ganz grausam finde ich das Borkumlied, welches ich bisher auch nicht kannte. Eva Völler hat einiges in ihren Roman gepackt, was mir manchmal etwa viel wurde.

Trotz einiger Kritikpunkte ist „Der Sommer am Ende der Welt“ ein wichtiges und authentisches Buch, das zum Nachdenken anregt und ein weiteres dunkles Kapitel unserer Vergangenheit thematisiert.

Mein Lieblingssatz: Heimat, das war immer da, wo man bleiben und nicht mehr wegwollte.

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Veröffentlicht am 29.08.2025

Nervenaufreibender Locked Car Thriller

Der Stau
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Ein endloser Stau vor den Toren von London, eine Kommissarin kurz vor dem Ruhestand und ein Mörder, der ebenso wie seine potenziellen Opfer im Verkehrschaos gefangen ist. Das ist das Setting von „Der Stau“ ...

Ein endloser Stau vor den Toren von London, eine Kommissarin kurz vor dem Ruhestand und ein Mörder, der ebenso wie seine potenziellen Opfer im Verkehrschaos gefangen ist. Das ist das Setting von „Der Stau“ und ich wurde sofort neugierig.

Schon der Einstieg zieht mich unweigerlich in die beklemmende Szenerie. Belinda Kidd – genannt Billy, vom Jetlag gezeichnet und eigentlich nach einer Auszeit in Australien auf dem Weg nach Hause, wird von der plötzlichen Explosion im Tunnel und der damit verbunden Sperrung der Autobahn genau wie alle anderen zum Anhalten gezwungen, denn nichts geht mehr. Die Idee, dass niemand entkommen kann – weder die Ermittlerin, noch der Täter – erzeugt ein konstantes, greifbares Spannungsfeld. Die Autorin spielt mit der Dynamik des Stillstandes.

Jo Furniss versteht es, die Figuren mit wenigen, prägnanten Kapiteln vorzustellen und so nach und nach ein Kaleidoskop menschlicher Abgründe, Ängste und Hoffnungen zu entwerfen. Extremes Setting, extreme Reaktionen: Ausnahmesituationen fördern bei allen Beteiligten überraschende Seiten zutage, sei es Misstrauen, Panik oder auch unerwartete Solidarität. Besonders Billy wird dabei nicht nur zur Ermittlerin, sondern auch zur Getriebenen ihrer eigenen Vergangenheit. Furniss gelingt es, die inneren Konflikte und Dämonen ihrer Hauptfigur schrittweise zu enthüllen, sei es durch Selbstgespräche oder Rückblicke in die Vergangenheit.
Der Schreibstil mag für manch einen etwas rau oder derb wirken; für andere passt er jedoch ausgezeichnet zu der düsteren, angespannten Atmosphäre, die über der gesamten Handlung liegt.

Ein besonderes Lob verdient die detailverliebte Ermittlungsarbeit: Billy setzt im Kopf und mit scharfem Blick Mosaiksteinchen um Mosaiksteinchen zusammen. Die Spannung entsteht nicht durch wilde Verfolgungsjagden, sondern durch akribische Beobachtung und das allmähliche Entschlüsseln menschlicher Verhaltensmuster.

Insgesamt hat mir „Der Stau“ gut gefallen. Die raffinierte Konstruktion, die vielschichtigen Charaktere und die konsequent durchgehaltene Stimmung machen das Buch lesenswert und spannend.

Fazit: Eine coole Idee, packend umgesetzt – und definitiv ein Thriller, der nachwirkt, denn wir alle geraten mal in einen Stau ...

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Veröffentlicht am 11.04.2025

Solider Cold case

Dunkle Asche
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Eine Partynacht im Badeort Kalifornien an der Ostsee endet mit dem Mord an der jungen Sanna. Sie wird mit zwölf Messerstichen getötet und anschließend im Ferienhaus ihrer Eltern verbrannt. Dreißig Jahre ...

Eine Partynacht im Badeort Kalifornien an der Ostsee endet mit dem Mord an der jungen Sanna. Sie wird mit zwölf Messerstichen getötet und anschließend im Ferienhaus ihrer Eltern verbrannt. Dreißig Jahre später versuchen die Kommissarinnen Gudrun Möller und Judith Engster von der Cold Case Unit der Landeskriminalpolizei, den Fall erneut aufzurollen, nachdem ein sterbender Zeuge seine Tochter beschuldigt.

Das klingt und ist zunächst sehr spannend. Die Atmosphäre ist düster, die Ermittlungsarbeit wird detailliert und nachvollziehbar geschildert. Der Schreibstil ist fesselnd. Gudrun und Judith arbeiten zum ersten Mal zusammen und müssen sich erstmal beschnuppern. Dabei geben sie gegenseitig ihre Geheimnisse nicht preis. Die von Gudrun erfahre ich ziemlich schnell, für sie ist ein Heimspiel, denn sie hat damals auch in Kalifornien gefeiert.

In Rückblicken erfahre ich so nach und nach die Hintergründe zu dem, was damals passiert ist. Gleichzeitig werde ich Zeuge, wie der Täter von damals die Ermittlungen beobachtet. Das könnte spannend sein, ist es aber nicht. Zwischenzeitlich zieht sich die Handlung etwas und als man den vermeintlichen Täter gefasst hat, waren einfach noch zu viele Seiten übrig und ich wusste dann, dass da noch mehr kommen muss. Das hat mir nicht gefallen.

Gegen Ende hat Jona Thomsen den Spannungsbogen noch mal gestrafft, aber dennoch lässt mich „Dunkle Asche“ etwas unzufrieden zurück. Motiv und Täter waren zwar eine große Überraschung, mit der ich nicht gerechnet habe, aber dennoch konnte mich der Thriller nicht wirklich begeistern. Ich habe schon weitaus bessere und auch spannendere Cold Cases verfolgt.

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Veröffentlicht am 03.02.2025

Kupernikus ermittelt

Mord im Himmelreich
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Andreas Winkelmann ist bekannt für seine spannenden Thriller hat sich nun an ein neues Genre gewagt: Cosycrime oder besser gesagt, Campingcrime. Denn die ganze Geschichte spielt sich auf einem Campingplatz ...

Andreas Winkelmann ist bekannt für seine spannenden Thriller hat sich nun an ein neues Genre gewagt: Cosycrime oder besser gesagt, Campingcrime. Denn die ganze Geschichte spielt sich auf einem Campingplatz in der Nähe von Berlin ab. Da bekommt der ehemalige Schauspieler Björn Kupernikus die Rolle seines Lebens und ich als Leser jede Menge Schmunzelmomente. Denn Humor hat der liebe Andreas Winkelmann!

Kupernikus und seinen 30 Jahre alten Camper mag ich sofort und damit bin ich nicht alleine, denn die Künstlerin Annabelle ist auch ganz angetan von ihm. Sie lockt ihn sehr oft aus der Reserve und dann ermitteln beide in dem Mordfall, bei dem die ortsansässige Polizei nicht wirklich weiter kommt. Das Trio komplett macht Pinguin, die kleine Hündin, die Kupernikus rettet und dann auch bei sich behält.

Wie es sich für einen Cosy-Krimi gehört, geht es ganz gemächlich zu und Wortwitz und Spannung gehen einher. In der Tat ist es auch spannend, aber nicht so sehr, dass ich es kaum aushalten kann.

Mord im Himmelreich ist ein Wohlfühlbuch mit netten und auch ein paar bösen Menschen und es hat einfach Spaß gemacht, Annabelle und Björn bei ihren Annäherungsversuchen aber auch bei ihren Ermittlungen zu begleiten.

Etwas ungewöhnlich ist der Aufbau, denn die einzelnen Kapitel (insgesamt 4) sind noch mal in Szenen unterteilt. Am Ende gibt es dann noch 2 Rezepte und ein schönes Nachwort.

Mir hat es gefallen, ich wurde gut unterhalten mit einer komplexen Story und vielen lustigen und spannenden Momenten!

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Veröffentlicht am 14.05.2026

Still und beklemmend

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tolkien ist ein Buch, das weh tut. Nicht laut oder dramatisch, sondern auf eine stille, beklemmende Weise, die sich beim Lesen immer tiefer festsetzt. Gerade ...

Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tolkien ist ein Buch, das weh tut. Nicht laut oder dramatisch, sondern auf eine stille, beklemmende Weise, die sich beim Lesen immer tiefer festsetzt. Gerade weil der Roman so autofiktional wirkt und vieles ungeschönt erzählt, entfaltet er eine enorme Authentizität. Ich war selbst jung in dieser Zeit und habe erschreckend vieles wiedererkannt – diese Atmosphäre aus Orientierungslosigkeit, Sehnsucht und gleichzeitigem Absturz. Genau das macht das Buch so schwer auszuhalten.

Der Roman erinnert mich stellenweise stark an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: dieselbe rohe Ehrlichkeit, dieselbe emotionale Kälte und dieses Gefühl, Jugendlichen beim langsamen Verschwinden zuzusehen. Besonders gelungen fand ich die dichte, bedrückende Atmosphäre. Manche Szenen haben mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt.

Trotzdem war es für mich kein literarisches Highlight. Der sehr einfache Schreibstil passt zwar zur kindlichen Perspektive und verstärkt die Direktheit vieler Situationen, konnte mich aber auf Dauer nicht ganz tragen. Mir fehlte sprachlich manchmal die Tiefe oder eine besondere erzählerische Kraft, die über die reine Wucht der Erlebnisse hinausgeht. Auch die kindliche Erzählstimme hat mich emotional nicht immer erreicht, obwohl ich den Ansatz nachvollziehen kann.

Und doch halte ich dieses Buch für wichtig. Weil es nichts beschönigt. Weil es zeigt, wie fragil junge Menschen sein können. Und weil manche Geschichten nicht dafür da sind, „schön“ zu sein, sondern wahr.

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