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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.05.2025

Auf der Suche nach der verlorenen Mitte

Merz
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Mariam Lau ist Zeit-Korrespondentin und Buchautorin. Sie hat schon über Angela Merkel und Harald Schmidt geschrieben.
Das hier vorliegende Buch ist jedoch keine Biografie im eigentlich Sinne, sondern ...

Mariam Lau ist Zeit-Korrespondentin und Buchautorin. Sie hat schon über Angela Merkel und Harald Schmidt geschrieben.
Das hier vorliegende Buch ist jedoch keine Biografie im eigentlich Sinne, sondern beleuchtet die politischen Vorgänge der letzten Zeit, vordergründig im Zusammenhang mit Friedrich Merz Wahlkampf und Kanzlerschaft. Der Untertitel ist treffend gewählt.

Über Friedrich Merz wurden in letzter Zeit schon ein paar Bücher veröffentlicht, die hohe Qualität haben, aber Mariam Laus Buch ist das erste, nachdem Merz wirklich Kanzler geworden ist. Sie hat es mit spürbarer guter Schreiblaune gemacht und man wird von ihr kenntnisreich durch die Ereignisse der letzten Monate gewirbelt.
Dabei ist die Frage der politischen Position, die die neue Regierung und vorrangig Merz suchen, wichtig. Und das innen- wie außenpolitisch.

Immer wieder gibt es auch bemerkenswerte Rückblicke und man liest im Zusammenhang auch von anderen Politikern.

Mariam Lau spart nichts aus, bleibt aber fair.
Das Buch bietet pure Lesefreude und vielleicht ist Laus Merz-Buch daher das bisher beste.

Veröffentlicht am 22.05.2025

Noch einmal kurz grandios

Der Kaiser der Freude
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Nach „Auf Erden waren wir kurz grandios“ kommt Ocean Voungs zweites Prosawerk. Wieder ein Werk von Niveau.

Ocean Vuong zeichnet ein raues Amerika-Bild und schon mit wenigen Sätzen entstehen starke Bilder ...

Nach „Auf Erden waren wir kurz grandios“ kommt Ocean Voungs zweites Prosawerk. Wieder ein Werk von Niveau.

Ocean Vuong zeichnet ein raues Amerika-Bild und schon mit wenigen Sätzen entstehen starke Bilder im Kopf des Lesers. Es beginnt schon mit der Passage, als der junge Hai auf der Brücke in East Gladness steht und überlegt zu springen. Doch dann hält ihn eine ältere Frau davon ab. Sie lässt ihn bei sich wohnen, dafür soll er sich um sie kümmern und sie leidet an Demenz. Die beiden sind dennoch ein gutes Team.
Hai findet schließlich einen Job in einem Schnellimbiß, lernt einige Leute kennen, die auch am Rande leben und wird so gewissermaßen ein Teil einer Gesellschaft, auch wenn es schwer bleibt.
Es gibt in der Mitte ein paar Längen, doch das Buch führt den Leser gut durch die Jahreszeiten und viele Passagen gehen unter die Haut.

Veröffentlicht am 14.04.2025

Die Deutsche Revolution 1848

Im Wind der Freiheit
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Von Tanja Kinkels historischen Romanen habe ich immer viel gehalten, da sie ein gutes Niveau hält, was nicht selbstverständlich ist im Genre historischer Roman. Zudem recherchiert sie gut für ihre Bücher.
Ihr ...



Von Tanja Kinkels historischen Romanen habe ich immer viel gehalten, da sie ein gutes Niveau hält, was nicht selbstverständlich ist im Genre historischer Roman. Zudem recherchiert sie gut für ihre Bücher.
Ihr lang ersehnter neuer Roman Im Wind der Freiheit erfüllt diese Kriterien erfreulicherweise auch. Zugleich lässt sich der Roman gut lesen.
Die Handlung erstreckt sich von 1835 bis 1849 und zeigt u.a. die Deutsche Revolution 1848.
Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen. Zum einen die sozialkritische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Louise Otto (1819-1895) sowie die in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsene Arbeiterin Susanne.
Beide Frauen treffen aufeinander. Die eine etwas hochmütig, aber gerecht. Die andere forsch, aber auch verbittert.
Tanja Kinkel wird beiden Figuren gerecht und zeichnet sie unter den Bedingungen, die die Frauen geprägt hat.
Ein großartiger historischer Roman.

Veröffentlicht am 23.03.2025

Drawing Hands

Wackelkontakt
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Wolf Haas ist bekannt für seine Ironie und Originalität seiner Bücher und das gilt für Wackelkontakt im ganz besonderen.
Das Buch hat Leichtigkeit und eine anspruchsvolle Konstruktion gleichzeitig. Es ...

Wolf Haas ist bekannt für seine Ironie und Originalität seiner Bücher und das gilt für Wackelkontakt im ganz besonderen.
Das Buch hat Leichtigkeit und eine anspruchsvolle Konstruktion gleichzeitig. Es ist sehr gut lesbar und überrascht den Leser vielfach.

Es gibt zwei gleichwertige Hauptfiguren, die im Plot des Romans eng miteinander verbunden sind.
Franz Escher ist Trauerredner und begeisterter Puzzler sowie Leser von Mafia-Bücher.
In einem seiner Bücher kommt jemand vor, der im Zeugenschutz ist, da er gegen die Mafia aussagte.
Dieser Mann wiederum liest ein Buch, in dem ein Franz Escher wegen einem Wackelkontakt auf einen Elektriker wartet.
Der Roman hat zwei Teile, betitelt ON und OFF.
Beide Handlungsebenen werden stark miteinander verquickt und nähern sich immer näher aneinander an. Die Spannung steigt.
Die Romankonstruktion erinnert an M.C.Eschers bekanntes Werk Drawing hands, indem zwei Hände sich gegenseitig zeichnen. Ein solcher ausgeklügelter, raffinierter Plot ist selten.
Ein grandioses Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 22.03.2025

Clash of cultures

Hundert Wörter für Schnee
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Hundert Wörter für Schnee ist kein konventioneller historischer Roman, obwohl Franzobel Ereignisse 1893 bei einer Expedition nach Grönland erzählt. Er benutzt einen modernen Erzählstil und findet schnell ...

Hundert Wörter für Schnee ist kein konventioneller historischer Roman, obwohl Franzobel Ereignisse 1893 bei einer Expedition nach Grönland erzählt. Er benutzt einen modernen Erzählstil und findet schnell einen Ton für den Roman, der auch einiges mit dem Figuren zu tun hat. Hauptfigur ist Robert E. Peary, ein Egozentriker, der zusammen mit seiner Frau Josephine eine Reise nach Grönland macht und dort die Inughuit trifft. Da ist Minik eine zentrale Figur, der ab seiner Geburt gezeigt wird und später Peary auf die Rückreise in die USA begleitet. Für beide Seiten wird es ein Clash of cultures und Franzobel arbeitet das sehr feinfühlig und mit einer Portion Ironie heraus.
Minik wird nachdem er Grönland als Junge verlassen musste, sich stets als Heimatloser fühlen.

Peary ist kein Sympathieträger, aber doch so eine interessante Figur, dass er den Roman tragen kann.

Franzobel findet viele Details, die er in die Handlung einbringt. Dennoch hat man als Leser nie das Gefühl, dass es überfrachtet wird. Das Buch macht wirklich Spaß!