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Veröffentlicht am 08.05.2025

Gestohlene Leben

Beeren pflücken
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Die Geschichte spielt in der Grenzregion zwischen den USA und Kanada. In den frühen 60er Jahren kommt eine indigene siebenköpfige Familie wie jedes Jahr nach Maine, um Beeren zu pflücken. Eines Tages verschwindet ...

Die Geschichte spielt in der Grenzregion zwischen den USA und Kanada. In den frühen 60er Jahren kommt eine indigene siebenköpfige Familie wie jedes Jahr nach Maine, um Beeren zu pflücken. Eines Tages verschwindet in der Mittagspause die vierjährige Ruthie. Die intensive Suche der Familie nach ihr bleibt vergebens, und ihr Fehlen verursacht Wunden, die niemals heilen. Insbesondere ihr Bruder Joe, zwei Jahre älter, der sie als Letzter sah, kommt nie darüber hinweg.

Das Buch erzählt die Geschichte aus zwei Perspektiven, die sich kapitelweise abwechseln. Joe blickt am Ende seines Lebens zurück, und anhand seiner Erinnerungen wird nachvollziehbar, wie einzelne Ereignisse die Weichen stellen können für ein ganzes Leben. Sie zeigen aber auch, dass seine Geschwister und Eltern ihre eigenen Wege gefunden haben, um mit Trauer und Verlust umzugehen.
Die andere Perspektive ist die von Norma, einer Frau, die zeitlebens spürt, dass irgendetwas nicht stimmt. Ihre wiederkehrenden Träume fühlen sich real an wie Erinnerungen, und das Verhalten ihrer Eltern ist mehr als seltsam.

Durch die gewählte Erzählweise und den Inhalt des Prologs ist bereits von Anfang an relativ klar, was mit Ruthie passiert ist, und auch, wie die Geschichte wohl ausgehen wird. Spannung kommt daher beim Lesen keine auf. Der sehr ruhig und einfühlsam erzählte Roman legt den Fokus eher auf andere Aspekte: Was macht der Verlust eines Familienmitgliedes mit dem Leben der anderen, wie stark sind familiäre Bande, selbst wenn man nichts von dieser Familie weiß? Und wie geht eine andere Familie mit einem ungeheuerlichen Geheimnis um? Auch die Diskriminierung, der Indigene ausgesetzt waren klingt immer wieder an, wenn auch eher am Rande. So zeigt die US-Polizei im Maine kein Interesse, nach Ruthie zu suchen, und auch die kanadischen Residential Schools, in denen die Kinder der First Nations zwangsweise untergebracht wurden, werden erwähnt.

Insbesondere der Erzählstrang um Joe hat mich sehr berührt, und ich konnte seine Verlorenheit, seine Rastlosigkeit und seine Wut beim Lesen spüren. Bei Norma war ich hin- und hergerissen. Es gab bereits früh Hinweise, die sie hätten stutzig machen können, denen sie aber nicht weiter nachgegangen ist. Das ist auf den ersten Blick seltsam, aber aus eigener Erfahrung im familiären Umfeld weiß ich, dass diese Reaktion durchaus nicht ungewöhnlich ist. Weniger greifbar war für mich die Gleichmut, mit der Norma später alles hinnimmt. Ich hätte mit Wut, mit Verzweiflung, mit massiven Vorwürfen gerechnet. Normas Reaktion erschien mir wenig glaubhaft.

Angesichts des enormen Erfolgs ins Kanada, mit dem auch hier das Buch beworben wurde, hatte ich mir noch etwas mehr erwartet. Dennoch habe ich „Beeren pflücken“ sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Abwechslung auf dem Familientisch

SOS Familienküche
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Wie in vielen Familien ist auch bei uns oft die Zeit knapp, und möglichst schnell soll ein warmes Essen auf den Tisch, das nicht nur abwechslungsreich und gesund ist, sondern auch noch allen schmeckt. ...

Wie in vielen Familien ist auch bei uns oft die Zeit knapp, und möglichst schnell soll ein warmes Essen auf den Tisch, das nicht nur abwechslungsreich und gesund ist, sondern auch noch allen schmeckt. SOS Familienküche hat mich also sofort neugierig gemacht.
Das Buch beginnt mit einigen Tipps zur effizienten Familienküche, die mir allerdings großteils schon bekannt waren. Hier wird auch klar, dass die Autorinnen keine Berührungsängste haben, Fertigteige, Würzpasten, Mischungen für Bratlinge, Tiefkühlgemüse, Fertigsaucen oder sogar fertig gegarten Reis aus dem Supermarkt zu integrieren. Für ganz schnelle Küche sicher praktisch, für Puristen eher nicht geeignet. Ich muss auch sagen, dass ich selbst keine Fertigprodukte nutze, da mir da einfach zu viele Zusatzstoffe drin sind. Natürlich kann auch jede und jeder eigene Teige für die Rezepte nutzen, aber dann dauert die Zubereitung eben entsprechend länger und der SOS-Charakter passt dann nur noch bedingt. Apropos Zubereitungszeit: Mit den angegebenen Zeiten bin ich teilweise nicht ausgekommen, zum Teil habe ich fast doppelt so lange gebraucht, obwohl ich schon lange koche.
Das Buch beginnt mit den gerade dem Zeitgeist entsprechenden One-Pot-Gerichten, die auf mich manchmal etwa bemüht wirken, wie zB die One-Sheet-Pasta mit Hackfleischbällchen, die komplett auf einem Backblech zubereitet wird. Nudeln auf einem Blech gar zu bekommen, wäre mir doch zu umständlich, da spüle ich im Anschluss lieber einen zusätzlichen Topf.
Es waren einige Gerichte dabei, die in unserer Familie nicht so gut ankommen würden, zB Gerichte mit Shrimps, Kabeljau, Tofu oder asiatisch angehaucht, das trifft einfach nicht unseren Geschmack. Andere empfand ich als so einfach, dass ich dafür kein Kochbuch bräuchte, etwa eine Suppe, die im Wesentlichen aus TK-Gemüse und Buchstabennudeln bestand. Sehr lecker fanden wir den Schupfnudelauflauf mit Rosenkohl, den Flammkuchentoast und die Grillgemüsepfanne mit Halloumi. Auch das Kräuter-Parmesan-Schnitzel mit selbst gemachten Süßkartoffelpommes wird es sicher wieder geben. Unser Liebling ist das Zupfbrot a la Pizza Salami, benötigt allerdings selbst mit Fertigteig mindestens eine Stunde. Wir haben den Hefeteig selbst gemacht, damit ist es für die schnelle Küche schon nicht mehr geeignet.
Sehr gut gefallen haben mir die Topping-Ideen, mit denen man manches Gericht aufpeppen oder ihm einen leckeren Crunch verleihen kann. Auch die Einbindung von veganen Hackalternativen wie Sojaschnetzel oder Sonnenblumenhack finde ich sehr positiv.
Insgesamt würde ich das Buch all jenen empfehlen, die kein Problem damit haben, auch mal ein Convenience-Produkt in die Mahlzeit zu integrieren und Abwechslung für den Familientisch suchen.

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Veröffentlicht am 25.04.2025

Aufwühlend

Das Echo der Sommer
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Seit ich letztes Jahr von Ann-Helen Laestadius „Zeiten im Sommerlicht“ gelesen habe, interessiere ich mich für die Geschichte der Samen. Diese wurden über Jahrhunderte systematisch diskriminiert, und die ...

Seit ich letztes Jahr von Ann-Helen Laestadius „Zeiten im Sommerlicht“ gelesen habe, interessiere ich mich für die Geschichte der Samen. Diese wurden über Jahrhunderte systematisch diskriminiert, und die Samen kämpfen zum Teil bis heute um Anerkennung und den Erhalt ihres Lebensraumes.

„Das Echo der Sommer“ thematisiert die rücksichtslose Flutung samischer Dörfer in Schweden, um den steigenden Energiebedarf des Landes durch Wasserkraft zu decken. Immer wieder werden zwischen 1923 und 1972 Staudämme errichtet und erhöht. Die Auswirkungen auf die Samen sind massiv: Weidegrund für die Rentiere verschwindet, der Fischfang als Lebensgrundlage gerät in Gefahr, da sich die Gewässer verändern, und die Dörfer mit den traditionellen Koten versinken im gestauten Wasser. Entschädigungen gibt es keine bzw. erst ab 1972, und diese sind minimal.
Bei der Lektüre dieses Buches bin ich durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen. Es hat mich richtig wütend gemacht zu lesen, wie herablassend und respektlos die Samen behandelt wurden. Entscheidungen würden über ihre Köpfe getroffen, und sie hatten (als gesamtes Dorf) sogar einen gesetzlichen Vormund, der ihre Interessen „vertrat“. Jeglicher Fortschritt wurde ihnen verwehrt, insbesondere auch der Anschluss an das Elektrizitätsnetz, für das sie so viel opfern mussten. Auch wurde ihnen untersagt, in rechteckigen Häusern zu wohnen, sogar Fenster waren verboten. Das ist aus heutiger Sicht unfassbar, massiv diskriminierend und widerspricht jeglichem Gerechtigkeitsempfinden.

Gleichzeitig war ich sprachlos, wie gelassen und geradezu demütig die Samen diese Behandlung hinnahmen und als gottgegeben akzeptierten. Wer protestierte und sich zur Wehr setzte, wurde zum Außenseiter bzw. zur Außenseiterin in der Gemeinschaft. Es fiel mir daher schwer, mich in die Protagonistinnen hineinzuversetzen, da mir diese Ergebenheit völlig fremd ist. Gerade Inga, die junge Tochter, hätte ich manchmal am liebsten wachgerüttelt: Wo bleibt ihr Kampfgeist? Was ist mit ihrer Lebensplanung? Warum organisiert man sich nicht strategisch über die Dörfer hinweg zu einem großen konzertierten Protest, macht international auf sich aufmerksam? (Zumindest in den späteren Jahren, bei den Flutungen in den 1940ern war durch den Zweiten Weltkrieg der Fokus der Allgemeinheit auf den Krieg gerichtet). Aber vermutlich ist meine Denkweise viel zu modern geprägt und setzt auch ein gewisses Maß an Bildung und Rechtswissen voraus, das den Samen ebenfalls verwehrt wurde. Der innere Widerstand ihrer Mutter Ravdna war für mich viel besser verständlich, aber auch bei ihr habe ich einen echten Plan, eine Strategie, vermisst.

Elin Anna Labba schreibt in einer sehr poetischen Sprache, Schilderungen der Natur nehmen großen Raum ein und in jedem Satz ist die tiefe Verbundenheit zwischen den Samen und der Natur, ihrer Demut gegenüber der Schöpfung spürbar. Ich muss gestehen, dass mir das manchmal zu viel wurde und ich lieber in einer etwas nüchterneren Sprache mehr über die Flutungen, die weiteren Lebensumstände und die rechtliche Situation der Samen in Schweden erfahren hätte. Das Buch fokussiert vor allem auf die Wahrnehmungen und Empfindungen von Ravdna und Inga, selbst ihr Alltag als Samen bleibt relativ vage.

Der Text ist immer wieder durchsetzt von samischen Sätzen und Begriffen. Hier hätte ich mir ein Glossar am Ende des Buches mit Erklärungen gewünscht.

Fazit: Ein sehr aufwühlendes Buch, das die Diskriminierung der Samen im 20. Jahrhundert thematisiert und den Samen eine Stimme gibt. Insbesondere für alle, die ein Faible für poetische Sprache haben, ein sehr lesenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Skurril, mit abgründigem Humor

Der Duft des Wals
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Hugo, seine Frau Judith und die ca. zehnjährige Tochter Ava verbringen ihre Ferien in einem mexikanischen 5-Sterne-Ressort am Meer – ein letzter Versuch, um die kriselnde Ehe zu retten. Céleste, die Stewardness, ...

Hugo, seine Frau Judith und die ca. zehnjährige Tochter Ava verbringen ihre Ferien in einem mexikanischen 5-Sterne-Ressort am Meer – ein letzter Versuch, um die kriselnde Ehe zu retten. Céleste, die Stewardness, verbindet ihren Flug mit einem anschließenden Urlaub im selben Hotel. Der erhoffte Traumurlaub wird empfindlich gestört, als eines Nachts ein Wal strandet und aufgrund der Fäulnisgase im Inneren explodiert. Der Gestank, der sich über die gesamte Hotelanlage ausbreitet, ist übelkeitserregend und penetrant. Das Hotelpersonal müht sich erfolglos, den Geruch zu übertünchen. Zwei der Angestellten sind der Fahrer Waldemar und das Zimmermädchen Belén.

Hugo, Judith, Ava, Céleste, Waldemar und Belén erzählen die Geschichte abwechselnd aus ihrer Perspektive. Jede und jeder trägt sein Päckchen mit sich herum und reagiert unterschiedlich auf die Lage. Insbesondere die Blickwinkel der drei Familienmitglieder fand ich sehr interessant, da sie zeigen, wie jede:r von ihnen die eigene familiäre Situation beurteilt und mit den Gegebenheiten umgeht. Die Charaktere sind teilweise sehr skurril, insbesondere die tiefgläubige, sich selbst geißelnde Céleste und Ava, die ständig alles mit ihrem Etch A Sketch zeichnet und durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist.

Was ich etwas schade fand ist, dass sich die einzelnen Erzählperspektiven kaum in ihrem Sprachduktus unterscheiden. Das hätte die Charaktere für mich noch greifbarer gemacht. Bei Ava passt der sehr erwachsene, abgeklärte Ton meines Erachtens auch nicht so gut zu einer Zehnjährigen.
Insgesamt sind Handlung und Figuren sehr skurril, mit abgründigem Humor, und ich habe viel darüber nachgedacht, was mir der Autor damit sagen möchte. Manches bleibt mir unklar, an anderen Stellen lässt sich relativ leicht Gesellschaftskritik herauslesen. Auch der achtlose Umgang mit der Natur, ihre Ausbeutung und Zerstörung werden thematisiert – und die Folgen werden von den Menschen so lange ignoriert und symptomatisch behandelt, bis die Natur eines Tages zurückschlagen wird.

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Veröffentlicht am 28.03.2025

Eher kein Handbuch

Das Geheimnis der Wolken. Handbuch zum Lesen des Himmels
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„Das Geheimnis der Wolken“ von Vincenzo Levizzani trägt den Untertitel „Handbuch zum Lesen des Himmels“, und aufgrund dessen hatte ich ein Buch erwartet, das leicht verständlich und prägnant in die Welt ...

„Das Geheimnis der Wolken“ von Vincenzo Levizzani trägt den Untertitel „Handbuch zum Lesen des Himmels“, und aufgrund dessen hatte ich ein Buch erwartet, das leicht verständlich und prägnant in die Welt der Wolken einführt und auch als übersichtliches Nachschlagewerk dienen kann, wenn man Näheres über ein Himmelsphänomen wissen möchte. Diese Erwartung wurde nicht erfüllt.

Levizzani ist Wolkenphysiker, und dies merkt man seinem Buch auch deutlich an, da er sehr physikalisch-wissenschaftlich formuliert. Ob Sahara-Staub, Hagel, Gewitterzellen oder die Entstehung und Größe von Regentropfen - Levizzani erklärt fundiert, detailliert und ausführlich. Etwas trocken empfand ich seine Ausführungen zu den wichtigsten historischen Wolkenphysikern.

Positiv hervorheben möchte ich die zahlreichen Fotos, Diagramme und Illustrationen, die den Text sehr gut ergänzen und das Geschriebene veranschaulichen. Auch das kleine Glossar am Buchende ist hilfreich.

Wer sich eingehend mit Wolken und ihrer Physik auseinandersetzen möchte, findet hier das perfekte Buch. Wer das im Untertitel versprochene Handbuch mit Nachschlagwerkcharakter sucht, wird eher nicht fündig.

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