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Veröffentlicht am 16.04.2025

80 Jahre nach Kriegsende immer noch und immer wieder brandaktuell

Der blinde Fleck
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Die Autoren Stephan Lebert und Louis Lewitan haben sich mit Vehemenz auf ein Thema eingelassen, das auch mich schon seit Jahren beschäftigt. In diesem (Hör)-Buch geht es aber vor allem um das Schweigen ...

Die Autoren Stephan Lebert und Louis Lewitan haben sich mit Vehemenz auf ein Thema eingelassen, das auch mich schon seit Jahren beschäftigt. In diesem (Hör)-Buch geht es aber vor allem um das Schweigen der Täter und ihrer Nachkommen. Ich gehöre zu jenen, die im Buch als die mit einem Kaleidoskop an Vorfahren verschiedenster Prägung – jedoch überwiegen bei mir die Opfer– bezeichnet werden. Und ich gehöre zu jenen, die versucht haben, das Schweigen und Verschweigen in der Familie zu durchbrechen, was sich mittlerweile als Lebensaufgabe herausgestellt hat. Für mich also genau das richtige Buch.
Dass es mittlerweile immer mehr Nachfahren von Opfern wie auch von Tätern gibt, die ihre Familiengeschichte aufarbeiten möchten, ist ein gutes Zeichen. Die Autoren dieses Buches haben sich mehrheitlich auf die „Täter“-Nachfahren konzentriert, die Traumata des Krieges sind jedoch wesentlich weiter verbreitet. Und oftmals ist die Unterscheidung von Täter und Opfern auch schwierig, man denke nur an die Millionen Vertriebenen aus den sogenannten Ostgebieten und anderen früheren Wohnorten der Deutschen, wie aus dem Sudetenland oder anderen Ländern wie Ungarn oder Rumänien. Da wird es wohl nicht wenige gegeben haben, die (Mit-)Täter in der Familie hatten und selbst zu Opfern wurden.
Jetzt, kurz vor dem 8. Mai, an dem wieder jede Menge wohlmeinender Reden gehalten werden, denke ich an das, was die Autoren als kollektive Scham und Schmach bezeichnen. Noch immer hört man von “Nestbeschmutzern“, für viele ist es nach wie vor kein Feiertag, der Tag der Befreiung. Vorsichtshalber wurde das Gedenken der Deutschen aus ihrem Leben vertrieben. Eines der Kapitel berichtet von Christiane Hoffmann, der die Aufarbeitung durch einen langen Marsch entlang der Fluchtroute ihres Vaters geschafft hat. Ihren Roman „Alles was wir nicht erinnern“ kann ich als ergänzende Lektüre (egal ob Buch oder Hörbuch) sehr empfehlen.
Die Autoren haben eine Vielzahl an Nachfahren befragt, nicht nur bekannte Persönlichkeiten, sondern auch völlig unbekannte Menschen, die ihnen von der Schwierigkeit der Aufarbeitung der Vergangenheit und vom Verschweigen in den eigenen Familien berichteten. Von Karl-Theodor zu Guttenberg über Klaus-Michael Kühne und Ida Ehre bis hin zu Erwin Strittmatter, Ute Scheub oder Charlotte Link begegnet man Menschen, die auf verschiedenste Weise mit dem Schweigen über ihre Vorfahren und eine Verflechtung mit den Taten der Nationalsozialisten zurechtgekommen sind oder es zumindest auf ihre Art versuchen. Der besondere, ich könnte auch schreiben, besonnene Blick auf die Lage in der DDR, in der ja offiziell keine Nazis mehr waren, es offiziell keinen Antisemitismus gab, offiziell die Deutsch-Sowjetische Freundschaft über allem stand, das hat mir noch einmal einen Rückblick gegeben, dem ich hier nur voll zustimmen kann. Dass es im Gegensatz zur DDR in der BRD aber auch ein beharrliches Verschweigen und Vertuschen gab, das wird hier auch thematisiert. Allein diese Ost-West-Aspekte würden ein weiteres Buch ergeben mit Analysen, wie und warum die ehemals zwei deutschen Staaten nun vereint immer noch gern verschweigen und vertuschen. Zumindest ist klar, nicht jede Wahrheit verbessert die Reputation.
Eine interessante Art der Verantwortungsübernahme bietet das Beispiel ZDF, das mittlerweile seine Krimi-Serie Derrick im Giftschrank verrotten lässt, anstatt sich vernünftig mit Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Der Umgang mit der Nazivergangenheit ist immer noch verlogen. Bloß nicht dran rühren. Horst Tappert ist nach seinem Tod zur persona nongrata geworden, Herbert Reinecker soll auch zu Lebzeiten besser ruhig bleiben.
Zufällig wurde gerade als ich dieses Hörbuch hörte, in einem Beitrag des Historikers Thomas Gruber erstmals die NSDAP-Mitgliedschaft des bekannten Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld öffentlich gemacht. Unseld ist bereits 2002 verstorben, die Mitgliedskarte, die den Beitritt mit 18 Jahren belegt, war ein „Recherchebeifang“, mit dem wohl auch der Historiker nicht gerechnet hatte. Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch hier nun ein Schweigen aufgebrochen wird, das 80 Jahre lang und über den Tod Unselds hinaus gehalten hat. Wäre der Fund etwas früher geschehen, wäre er sicherlich als Kapitel in dieses Buch eingegangen.
Die Autoren sagen sinngemäß „Verdrängung sei ein Filter, den Menschen dringend brauchen“. Nur durch Verdrängung ist es aber vielen, Opfern wie Tätern einschließlich der Nachfahren, seit 80 Jahren möglich, ein normales Leben zu führen. „Man wird seine Geisterbibliothek nicht mehr los“, aber man kann sich auch nicht Tag und Nacht zerfleischen. Viele haben sich dafür entschieden, nie etwas zu sagen oder zu fragen, einige verarbeiten die ambivalenten Gefühle durch das Schreiben, das Drehen von Dokumentarfilmen oder das Sprechen über das Erlebte vor Publikum. In diesem Buch lernen wir unterschiedlichste Sichtweisen kennen, das macht das Zuhören (bestimmt auch das Lesen) sehr spannend. Z. B. Niklas, der Mann mit den verschlungenen Pfaden seiner Vorfahren ist ein gutes Beispiel für das komplizierte Geflecht aus Verschweigen, Erinnern und die Wahrheit suchen und finden. Wobei Wahrheit ein sehr dehnbarer Begriff bei der Familienforschung ist.
In die Kapitel eingebaut wurden die „Zwischenrufe“ des Psychologen Louis Lewitan, der Nachkomme von Schoah-Überlebenden ist. Als Expert für Stress(bewältigung) erklärt er sehr gut verständlich die sich herausbildenden, auch krankhaft werdenden Traumata. Im Buch wird auch der Unterschied zwischen Schoah (hebräisch für "große Katastrophe") und Holocaust (altgriechisch holókaustos, deutsch für „vollständig verbrannt“) sehr umfangreich erklärt. Die Sicht der Autoren ist wissenschaftlich gesehen sicher zutreffend, umgangssprachlich jedoch wird zumeist von Holocaust und Holocaust-Opfern gesprochen und geschrieben. Auch ich verwende diese Bezeichnung und empfinde sie nach wie vor nicht als falsch.
Der Epilog hat eine andere Autorin: Joëlle Lewitan, die 1999 geborene Tochter von Louis Lewitan, die auch Psychologie studiert hat. Sie bezeichnet sich selbst als Angehörige der Generation Z und sie lässt einen Blick zu auf die Befindlichkeiten der heutigen jüdischen jungen Leute. Und sie macht unumwunden klar, die NS-Zeit ist ein Teil ihrer Biografie. Ihr unverfälschter Blick auf die Ereignisse um den 7. Oktober 2023 in Israel und auf die Entwicklung antisemitischer Haltungen danach spricht Bände. Besonders bewegte mich die Frage, ob und wie offen sie ihre Kette mit dem Davidstern denn in unserem Land, in Europa, in der Welt überhaupt noch tragen kann.
Obwohl zu Beginn des Buches davon die Rede ist, dass die Autoren sich „meist“ für das grammatische, generische Maskulinum entschieden hätten, haben mich die vielen Wiederholungen der „Jüdinnen und Juden“ oder auch „Bürgerinnen und Bürger“ genervt. Die anderen „geschlechtergerechten“ Wortfindungen erwähne ich erst gar nicht. Es ist einfach unschön, beim Hören wie beim Lesen, es stört den Satz, es stört mich beim Denken, weil ich mich jedes Mal von Neuem darüber ärgere. Im Gegensatz zu dieser kleinen Kritik hat mir der Schreibstil ebenso gut gefallen, wie die Lesung von Thomas Dehler. Hier hätte ich gleich einen Vorschlag für den nächsten Hörbuchpreis!
Das Cover passt perfekt zum Thema, das Blaugrau des Fotos mit dem Wehrmachtsangehörigen und dem Mädchen erinnert sehr an die Dramatik der Weltkriegszeit. Entweder fiel der Vater oder er kam in Gefangenschaft, viele Kinder sind so ohne ihre Väter aufgewachsen. Und wenn dann einer nach Hause kam, war er meist nicht mehr der alte, es begann das Schweigen, das Verschweigen, die Traumata in der Familie.
Fazit: Ein aktuelles Thema, das die letzten 80 Jahre überdauert hat und wohl auch noch weitere Generationen beschäftigen wird. Das Buch trägt aus meiner Sicht sehr dazu bei, sich auch in der heutigen Zeit gedanklich nicht über die Vorfahren zu erheben. Niemand weiß, wie er gehandelt hätte, wäre er in der Lage der Väter, Großväter usw. gewesen, egal ob sie Täter oder Opfer oder beides waren. Egal ob Hörbuch oder Buch, ich spreche eine Empfehlung aus, sich mit der Thematik zu beschäftigen, die Stephan Lebert und Louis Lewitan in eine sehr gut rezipierbare Fassung gebracht haben, interessant und aufschlussreich von Anfang bis Ende. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 05.04.2025

Anni und Tristan – Zwillinge fühlen sich auch in der Ferne verbunden

Maikäferjahre
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Sarah Höflich hat mich mit ihrem Roman überrascht und begeistert. Ich weiß viel über die Nazizeit, den Holocaust, den Krieg, die Nachkriegsjahre, habe selbst für eigene Bücher recherchiert und kann hier ...

Sarah Höflich hat mich mit ihrem Roman überrascht und begeistert. Ich weiß viel über die Nazizeit, den Holocaust, den Krieg, die Nachkriegsjahre, habe selbst für eigene Bücher recherchiert und kann hier bestätigen, dass die Autorin an Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, an Empathie und beim Erzählen einer tragischen Familiengeschichte dem Leser nichts erspart. Eben aus meinen eigenen Erfahrungen zum Thema empfinde ich alle Ereignisse und die psychischen Belastungen als echt und unverfälscht. Es gibt tatsächlich die unwahrscheinlichsten Zufälle, die in diesen schwarzen Jahren des 20. Jahrhunderts von den Menschen erlebt wurden.
Erzählt wird die Familiengeschichte der Baumgartners, einer bürgerlichen Familie, die in Dresden auch im Krieg noch verhältnismäßig gut leben kann, ihren Ältesten aber schon an den Krieg verloren hat. Die Zwillinge Anni und Tristan, zwei die im Inneren zusammengeschweißt sind fürs Leben, versuchen diesen Krieg zu überleben, jeder auf seine Art und jeder mit furchtbaren Erlebnissen. Anni ist 1944 frisch verheiratet mit Fritz Angerer, ihrer großen Jugendliebe, und erwartet ein Kind, Tristan ist Bomberpilot am Ärmelkanal. Der Roman unterteilt sich in Kapitel, die jeweils von einem der beider erzählen und sie begleiten, Anni und ihr Baby Clara durch die Bombennächte von Dresden, Tristan durch die Hölle des Abschusses und der Kriegsgefangenschaft. Und dann ist da noch Adam, der begnadete Geiger und Halbjude, der von Annis Vater wider besseres Wissen, ohne Rücksicht auf sich selbst oder die Familie, versteckt und so gerettet wird. Anni aber verliert dadurch erst den geliebten Vater, dann auch die Mutter. Wie sie mit Adam zusammen dem Inferno Dresdens entkommt, ist eine sehr berührende Geschichte. Mehr will ich zum Inhalt aber nicht schreiben, die Spannung wuchs bei mir jedenfalls von Seite zu Seite.
Sarah Höflich hat in diesem zweiten Roman, nach „Heimatsterben“, einen Schreibstil gefunden, der sehr gut lesbar ist, ohne Schnörkel, ohne abgehackte Sätze auskommt und mich bei Weitem mehr gefesselt hat.
Besonders der Konflikt den Tristan erlebt, der als deutscher Kriegsgefangener in England dem Hass seiner (ehemaligen) Feinde ausgesetzt ist, aber auch Empathie und Solidarität erlebt, sogar Liebe, das ist sehr berührend. Mich lässt es an den gegenwärtigen Krieg in der Ukraine denken, an die Feindschaften und den abgrundtiefen Hass, der Jahrzehnte, wenn nicht ein Jahrhundert dauern wird, ehe er sich auf beiden Seiten vielleicht wieder abschwächt. Mir wird das insbesondere dann bewusst, wenn ich zum Beispiel in Frankreich oder Polen im Urlaub bin, es gibt zwar keine offene Ablehnung der Deutschen, das würde der Tourismusbranche sicher nicht gut zu Gesicht stehen, aber jenseits der touristischen Pfade, bei Unterhaltungen mit Landsleuten werden die Ressentiments immer wieder deutlich. Wie muss es da erst kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen sein, als alle Wunden noch offen waren? Das Vernarben dauert sehr lange.
Die andere Problematik ist der Hass, die Abneigung und Ausgrenzung von Adam, der im Roman der zurückhaltendste Protagonist ist. In sich gekehrt, vorsichtig und feinfühlig, aber auch todesmutig kümmert er sich um Anni und die kleine Clara. Und wieder kommen mir auch hier Gedanken an das Heute, den aufschäumenden Antisemismus seit dem 7. Oktober 2023, der für viele Juden den Tod bracht, einige sind noch immer Hamasgeiseln und vom Tode bedroht, anderen ist die Welt auf den Kopf gestellt worden. Die sogenannte deutsche „Staatsräson“ hat aus meiner Sicht einen tiefen Riss bekommen, wenn die Täter mehr unterstützt werden als die Opfer, wenn Universitäten und Hochschulen zulassen, dass jüdische Studenten ausgegrenzt, geschlagen und verletzt werden, aber gleichzeitig Pro-Palästina-Demos und -Camps unterstützt werden. Das jüdische Volk wird diese Haltung nicht vergessen, so wie nach 1945 auch der Holocaust nicht vergessen werden konnte. Manches ist niemals aus und vorbei.
Gut gefallen haben mir die historischen Überblicke über die jeweiligen Zeitabschnitte 1944, Februar 1945 bis hin zum Sommer 1947. Ich glaube, dass der Roman für jüngere als mich ein guter Einstieg sein kann, wenn etwa der Geschichtsunterricht lange her ist oder die Themen gar nicht behandelt wurden. Mit dieser Faktenklammer, die immer vom persönlichen Erlebnis des Romanteils beendet wird, werden die Probleme von Anni, Tristan, Adam und ihren Familien auf eine gemeinsame Ebene gestellt.
Der hervorragend gelungene Schutzumschlag würde mich im Buchladen sofort einfangen, auch die Typografie gefällt mir gut. Die Aldus Nova als Schrift ist sehr gut lesbar, einzig die Briefe, die sich mit ihrer Schreibschrift vom Text abheben sollen, sind nicht ganz gelungen. Besonders die fette (für Tristans Schreiben) liest sich schlecht, die feine Variante (für Annis) ist etwas augenfreundlicher. Wären alle Briefe in etwas größerer Schriftgröße gesetzt, wäre es angenehmer, zumindest für mich als Brillenträger. Was mich aber sehr gefreut hat, ist das graue Lesebändchen, das die Farbe der Blüten auf dem Umschlag wieder aufnimmt und einen schönen Kontrast zum Orange des Bucheinbandes wie des Umschlags bildet.
Am Ende des Romans angekommen hatte ich nun einen Gedanken, den ich der Autorin ans Herz legen möchte: Dieser Roman schreit förmlich nach einem Folgeband! Was wird im Laufe der Jahre aus Anni, Clara, Tristan, Rosalie, Fritz, Adam oder Jonathan und ihren Verwandten und Freunden? Können sie das Erlebte und Erlittene hinter sich lassen und ein ganz neues Leben leben? So sehr sind mir die Protagonisten ans Herz gewachsen, dass ich fast vergessen konnte, dass sie einem Roman entsprungen, dass die Personen fiktional sind.
Fazit: ein Roman, der sich mit der deutschen Geschichte und ihren tragischen Auswirkungen auf jeden einzelnen Menschen auseinandersetzt, und das in einer fesselnden und Mut machenden Art, die man selten findet. Unbedingt 5 Sterne!

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Hannas Blumen für Machdeborch

Schwebende Lasten
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Bisher hatte ich noch kein Buch von Annett Gröschner gelesen, nun denke ich, das war ein Fehler. Denn „Schwebende Lasten“ hat nicht umsonst schon einige Vorschusslorbeeren bekommen, auch die großen Tageszeitungen ...

Bisher hatte ich noch kein Buch von Annett Gröschner gelesen, nun denke ich, das war ein Fehler. Denn „Schwebende Lasten“ hat nicht umsonst schon einige Vorschusslorbeeren bekommen, auch die großen Tageszeitungen (WELT, FAZ) ließen es sich nicht nehmen, schon zum Erscheinen sehr umfangreiche und positive Rezensionen zu veröffentlichen. Dass dabei auch jede Menge Spoiler das Licht der Welt erblickten, ließ mich schlagartig zu diesem Buch greifen, das ich nach mehreren Anläufen seit Wochen als Rezensionsexemplar „vor mir hergeschoben“ habe. Und ich wurde nicht enttäuscht. Meine Vorliebe für Familiengeschichte, historische Romane und Geschichte im Allgemeinen, deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ganz besonders, wird von diesem Buch tatsächlich voll erfüllt.
Hanna, geboren 1913, aufgewachsen ohne Eltern, aber mit ganzen und halben Schwestern, wird Blumenbinderin, sie bevorzugt auch später noch diese Bezeichnung, Floristin will ihr nicht über die Lippen. Sie wird für einige Zeit nach Berlin vermittelt, wird Haushaltshilfe bei ihrer „halben“ Schwester Margarete und schnuppert dort in den frühen 1930er Jahren die Großstadtluft. Wieder zurück in Magdeburg, heiratet sie und hat einen kleinen Blumenladen in der ärmsten Gegend der Stadt, gleich an der Johanniskirche. So wird dann auch ihr Erstgeborener Johannes heißen, Johannis war für den Standesbeamten nichts.
Das erste bisschen Wärme und Zuneigung, die sie in ihrem Leben erfährt, kommt tatsächlich von ihrer Schwiegermutter Sibylle, der eigene Mann ist da wesentlich zurückhaltender. Was aber nicht verhindert, dass Hanna insgesamt sechs Kinder bekommen wird. Sie quält sich mit dem täglichen Leben und Überleben ab, Karl, ihr Ehemann hilft, mehr oder weniger begeistert, besorgt Blumen, fährt Blumen aus. Nur mit der Kindererziehung hat er es nicht so. Beim Großen hat er den Verdacht, dass der von den Großeltern zu sehr „verpimpelt“ wird. Diesen herrlichen Ausdruck habe ich schon ewig nicht gehört, kenne ihn aber aus meiner Kindheit noch gut.
Hanna ist eine Frau mit starkem Willen, mit Humor und Durchsetzungskraft, was ihr nicht nur in den langen Kriegsjahren hilft, auch später wird sie sich nie unterbuttern lassen. Wer, wie ich die erste Hälfte des Lebens in der DDR gelebt hat, wird vieles wiedererkennen oder entdecken, woran er lange nicht gedacht hat. Zum Beispiel der Tag des Lehrers, 12. Juni, den hätte ich fast vergessen. Nun sehe ich aus Blumenhändlersicht, der Tag war wirklich günstiger für einen hübschen Blumenstrauß als der 8. März. Da gab es, wenn überhaupt, eigentlich nur Tulpen.
Die Geschichte der Tochter Judith hat mir persönlich besonders gut gefallen, mich sehr bewegt, ich heiße auch so, bin aber fünf Jahre jünger. Mit einem Republikgeburtstag kann ich nicht mithalten, aber ich kann mir das Leben dieser Judith sehr gut vorstellen. Hier wird die DDR geschildert, wie sie von normalen Leuten eben wahrgenommen wurde. Und das war oftmals sehr ambivalent. Annett Gröschner bietet dem Leser hier die DDR pur und live an. Hanna hat ihr Kreuz damit.
Fast alle Kapitel hat Annett Gröschner mit einem Blumennamen versehen und die Beschreibung mitgeliefert. Erst im Laufe des Lesens kam ich hinter das Geheimnis dieses Blumenarrangements, und da ich nicht glaube, dass alle schon die oben erwähnten Spoiler gelesen haben, will ich das Geheimnis um die Blumenvielfalt hier nicht lüften. Ich fand es wunderschön und sehr poetisch, so wie sich im Buch immer wieder auch Poesie einschleicht in den lakonischen, teilweise auch ironischen Ton der Tatsachenbeschreibungen.
Fazit: Annett Gröschner hat ein Buch geschrieben, das ohne Zweifel auf das oberste Treppchen eines Literaturpreises gehört. Mir hat dieser Roman außergewöhnlich gut gefallen, Hanna bleibt mir gewiss lange in Erinnerung. Unbedingt 5 Sterne!

SchwebendeLasten

NetGalleyDE

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Veröffentlicht am 14.03.2025

Generationen auseinander und doch zusammen

Die Summe unserer Teile
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Die Thematik begegnet mir immer wieder, immer wieder anders. Die Frage, woher komme ich, woher kamen meine Vorfahren, wo sind die Geschichten verborgen, die ich noch nicht einmal erahne. Das fragt sich ...

Die Thematik begegnet mir immer wieder, immer wieder anders. Die Frage, woher komme ich, woher kamen meine Vorfahren, wo sind die Geschichten verborgen, die ich noch nicht einmal erahne. Das fragt sich auch Lucy, die hier im Debütroman von Paola Lopez das sucht, was ihr immer verschwiegen wurde. Lucy ist eine junge Frau, die in einer WG lebt, mit ihrer besten Freundin Phil und Oliver, und die plötzlich einen Flügel – einen Steinway! – mitten in ihrem Zimmer vorfindet. Es ist der Flügel, auf dem sie als Kind spielte, spielen musste. Nur ihre Mutter Daria konnte es sein, die ihr dieses unerwünschte Geschenk geschickt haben kann. Nur, sie kann ihre Mutter nicht fragen, Funkstille seit drei Jahren, die will sie nicht unterbrechen. Auch wenn sie deshalb nicht fragen kann, warum als Absender ein polnischer Name angegeben wurde. Daria Krawczyk. Weit hinten in ihrem Gehirn wohnt das Wissen, dass ihre Großmutter Polin war, im Krieg aus Polen flüchtete und im Libanon studierte und eine angesehene Chemikerin wurde, verheiratet mit einem Libanesen, ihrem Doktorvater. Sie kennt diese Großeltern nicht, weiß nichts über ihr Leben, auch nicht von ihrem Tod.
Der Roman spielt in Berlin, im Jahr 2014, ist Ausgangspunkt für die Rückblicke nach Beirut und München und für Lucys Reise. Nach einem Streit macht sie sich, die eigentlich Lyudmiła heißt, so wie ihre Großmutter, kurzerhand auf den Weg nach Polen. In Sopot will sie nun endlich einmal mit eigenen Augen sehen, wo ihre Wurzeln sind, will fühlen, wie es ist, dieses unbekannte Polen.
Die Autorin erzählt die Geschichte der drei Frauen in einzelnen Kapiteln, verknüpft mit Ereignissen bestimmter Jahre, die die Frauen verbinden. Man erfährt über Lyudmiła in Beirut, wie sie ihren Mann Amin kennenlernt, über ihr Studium, ihr Leben, ihre Arbeit und den Absturz in die psychische Tiefe nach der Geburt von Daria. Man ist dabei, wie sie ihre Tochter Daria in München besucht, um ihr Enkelkind zu sehen. Das ist die kleine Lyudmiła, kurz Lucy genannt. Das Miteinander ist selbst an den paar Besuchstagen nicht ganz einfach, aber die Großmutter freut sich dann doch. Und Daria und ihr Mann Robert sind im Endeffekt froh, die Besichtigung überstanden zu haben. Merkwürdigerweise setzen sich Missverständnisse und Zwiespälte zwischen den Generationen aber auch bei Daria und Lucy fort. Schwierig, über den eigenen Schatten zu springen.
Fazit: Lucys Reise nach Polen nimmt einen vollkommen anderen Verlauf, als sie sich das vorgestellt hat. Ich konnte den Sand zwischen den Zehen spüren und das leichte Schlagen der Ostseewellen auf dem Weg von Sopot nach Gdynia. Mir haben Lucys Gefühle, ihre Gedanken und all die Erlebnisse in Sopot sehr gefallen. Paola Lopez hat einen angenehmen Erzählstil, unterhaltsam, aber nicht beliebig. Manchmal nachdenklich, traurig und dann träumerisch oder ironisch. Das hat mich bis zum Schluss an diesen wunderbaren Roman gefesselt, den ich gerne mit fünf Sternen bewerte.

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Veröffentlicht am 06.03.2025

Wie Träume überleben können

Bis ans Meer
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Oder sollte ich lieber als Titel „Wie Menschen überleben können“ wählen? Beides würde zu diesem hinreißenden Roman gut passen. Ich kannte die Autorin Peggy Patzschke bis zu diesem Buch nicht, obwohl ich ...

Oder sollte ich lieber als Titel „Wie Menschen überleben können“ wählen? Beides würde zu diesem hinreißenden Roman gut passen. Ich kannte die Autorin Peggy Patzschke bis zu diesem Buch nicht, obwohl ich viele Reportagen und Dokus im MDR und bei 3Sat gesehen habe, war ihr Gesicht mir unbekannt. Sie könnte meine Tochter sein, ist nur zwei Jahre älter als meine Älteste, ich könnte ihrer Mutter begegnet sein, als ich Anfang der 1970er in Leipzig Buchhändler lernte. Alles fiktiv. Aber es interessiert mich schon, woher Autoren kommen, was sie zu solch tiefgreifenden und die eigene Familie betreffenden Büchern bewegt. Über Eltern, Großeltern, Verwandte zu schreiben, auch über Verstorbene, Gefallene, Vermisste, das erfordert schon eine Menge Mut und auch Durchhaltevermögen, so jedenfalls meine eigene Erfahrung. Und so ein Buch schreibt sich nicht über Nacht. Ich bewundere die Autorin, die nicht nur Fakten recherchiert und aufgeschrieben hat, sondern darum einen ganzen, bewegenden und sehr gut lesbaren Familienroman entstehen und auch ihre eigene Geschichte mit einfließen ließ. Peggy Patzschke hat es jedenfalls geschafft, den „Reißverschluss der Seelen“ zu öffnen.
Ich habe zuerst nur das Hörbuch gehört und bin dann immer wieder zwischen Buch und Hörbuch hin- und hergewechselt, die letzten Kapitel habe ich nur gelesen. Beides hat mich absolut gefesselt. Egal, ob es ihre Großmutter Frieda, ihre Mutter Erika, der Großvater Karl oder Freunde und Verwandte sind, alle Romanfiguren werden von Peggy Patzschke mit liebevoller Zuneigung und Respekt gezeichnet. Wie die Großmutter mit ihrer damals noch kleinen Tochter auf die Flucht aus dem schlesischen Brieg gehen muss, wie sie tatsächlich noch einmal ins eigene Haus zurückkehren können, was die sowjetische Besatzung und die neue polnische Bevölkerung ihnen auch antun, sie kämpfen sich durch. Dass nicht jeder Sowjetsoldat ein Vergewaltiger oder herzlos und schlecht war, beruhigt ein wenig. Besonders, wenn man, wie ich, aus der eigenen Familie auch schreckliche Erlebnisse erfahren hat. Dieses harte Leben nach der Kapitulation Nazideutschlands und der Verlust der Heimat sind fürchterliche Dinge, mich haben die Erzählungen auch in diesem Buch wieder sehr bewegt und mir viele nachdenkliche und traurige Stunden beschert.
Wer die deutsche Geschichte kennt, über Flucht und Vertreibung sehr viel weiß, den wird dann auch nicht verwundern, dass Großmutter Frieda und die Kinder noch ein zweites Mal ihr Zuhause verlieren und vertrieben werden. In Ostdeutschland werden sie als zuerst unbeliebte und verabscheute „Umsiedler“ dann doch ein neues und dauerhaftes Zuhause finden. Die Sehnsucht nach Brieg wird ihnen bleiben. Und die alles verzehrende Liebe zu Ehemann und Vater Karl, den sie nach dem Krieg schmerzlich vermissen.
Mehr zum Inhalt will ich nicht verraten, dieser Roman birgt für den Leser aber noch jede Menge an Überraschendem, an Traurigkeit und trotzdem auch Glück. Also hier kein Spoiler!
Diese Familiengeschichte birgt aber auch das, was heute als das „Kriegsenkeltrauma“ beschrieben wird. Es gibt unterdessen zahlreiche Romane, Biografien, Sachbücher zu diesem Thema. Peggy Patzschke erlebt(e) es am eigenen Leib, wie die Traumata von Großmutter und Mutter in ihr selbst wieder auferstehen. Misstrauen und Angst, mangelndes Selbstbewusstsein oder zu viel davon, es treibt sie um, die Erkenntnis um die Ursachen ist überaus schmerzlich. Sie gibt einiges davon in ihren Heute-Kapiteln und im wundervollen Epilog preis. Sehr offen und mutig.
Ich kann vieles in diesem Roman mit meiner eigenen Familiengeschichte vergleichen, obwohl die Ausgangspunkte sehr unterschiedlich sind, finde ich viele Schnittlinien. Ob es der Gedanke der Autorin ist, mit Mutter und Großmutter bis ans Meer zu reisen oder ob ich mit meinem Mann und meiner Mutter in ihre jetzt polnische Heimatstadt gefahren bin, wir haben langgehegte Wünsche erfüllt.
Fazit: Ein spannender und emotional bewegender Familienroman, die Geschichte der Autorin Peggy Patzschke lässt keine Wünsche offen. Das Hörbuch ist durch die Sprecherin Jana Kozewa wie ein Film in meinem Kopf abgelaufen. Mein Lieblingszitat dieses Buches ist „Ja, man hängt sehr am Leben, egal wie erbärmlich es ist.“
Buch und Hörbuch bekommen von mir volle 5 Sterne.

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