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Veröffentlicht am 02.05.2025

Lügen tragen freche Flipflops

Horror-Date
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Sebastian Fitzek hat es wieder einmal geschafft und mich – auch dank Simon Jägers herrlicher Lesung – zu amüsieren, zu unterhalten, mich zum Lachen zu bringen. Und im Hintergrund lässt er doch auch immer ...

Sebastian Fitzek hat es wieder einmal geschafft und mich – auch dank Simon Jägers herrlicher Lesung – zu amüsieren, zu unterhalten, mich zum Lachen zu bringen. Und im Hintergrund lässt er doch auch immer ein wenig Psychologie und Menschenkenntnis durchblitzen.
Worum es in der Geschichte geht, steht auf dem Cover. Dass es ein Hörbuch ist, dass man auf keinen Fall verpassen sollte, schreibe ich hier.
Wortwitz und Situationskomik gepaart mit leiser Ironie und lauter Boshaftigkeiten der Protagonisten machen aus den sechseinhalb Stunden ein äußerst kurzweiliges Vergnügen. Wer Elternabend gehört hat, wird schon vorher wissen, was ich meine.

Fazit: Viel Spaß!

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Wovor soll ich noch Angst haben,

Mit dir steht die Welt nicht still
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könnten die Worte von Nanette Blitz, der wundervollen Hauptperson in diesem Buch, gewesen sein, wenn sie über ihre Traumata hätte sprechen wollen. Wovor soll ich noch Angst haben, diese Worte stehen sinnbildlich ...

könnten die Worte von Nanette Blitz, der wundervollen Hauptperson in diesem Buch, gewesen sein, wenn sie über ihre Traumata hätte sprechen wollen. Wovor soll ich noch Angst haben, diese Worte stehen sinnbildlich für das ganze Buch, für Nannes ganzes Leben. Für ihre Vergangenheit und ihre Zukunft.
Die Autorin Melissa Müller war mir bisher kein Begriff, nun las ich im Ankündigungstext, dass sie die Geschichte von Anne Frank schon 1998 erzählt hat (2013 in einer Neuauflage erschienen) und dass ihre Interviews mit Hitlers Sekretärin zuerst zu einem Buch und dann zum wohl bekanntesten deutschen Film über das Ende der Hitlerdiktatur, zu „Der Untergang“ wurden. Mich hat das neue Buch in der Ankündigung schon sehr angesprochen, die Geschichte zweier Holocaustüberlebender, die sich nach dem Krieg fanden und ein Leben lang zusammenblieben. Die Autorin hat selbst die Übersetzungen vorgenommen, dadurch hat dieses Buch einen ganz unverwechselbaren Stil bekommen, sehr tief in Gedanken, melancholisch, ironisch, frech und manchmal verzagt, lässt sie ihre Protagonisten in das Herz des Lesers vordringen.
Das Cover mit dem Foto einer jungen Frau (nirgends ist es vermerkt, aber es wird wohl Nanette Blitz sein), die melancholisch und scheu in die Kamera blickte, sprach mich direkt an. Es erinnerte mich an erste Fotos meiner Mutter nach dem Krieg, auch sie eine, die dem Holocaust entgangen ist, auch sie traumatisiert bis zum Tod.
Melissa Müller legt hier ein Buch vor, das wahrscheinlich bewusst auf eine Einordnung als Roman, Dokumentation o. ä. verzichtet. Aber ihr ist es gelungen, mich mit ihrem Buch so zu fesseln, als wäre es ein Roman. Sie verwendet Briefe vor allem von Nanette Blitz und John Konig, Interviews, Dokumente, Erzählungen von Zeitzeugen und es gelingt ihr auf sehr literarische Weise die Verknüpfung aller Quellen zu einem homogenen Ganzen. Für mich ist es eine Romanbiografie, ja, für mich ist es eine wundervolle Lektüre gewesen.
Der Leser lernt die Protagonisten kennen, Nanette Blitz und John Konig, ihre Familien, ihre Herkunft, die tragischen Begebenheiten, die beide nach dem Krieg als Waisen in der Welt lassen. Nanne kommt aus einem bürgerlichen jüdischen Elternhaus in Amsterdam, John ist ungarischer Jude und schon vor Kriegsbeginn in England wohnhaft. Nanne wird wie die Mehrzahl der niederländischen Juden mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Westerbork ins Lager gebracht, Zwischenstation für die Deportationen nach Sobibor, Auschwitz und in andere KZ. Und nach Bergen-Belsen. Für wenige sollte es dort einen Austausch geben gegen gefangene deutsche Wehrmachtsoldaten oder andere Personen. Ihr Vater versuchte bis zu seinem plötzlichen Tod auf der Lagerstraße, die Familie zu retten. Alles Geld, Gold und Diamanten halfen nicht. Dass er mit seiner naiven Zuversicht vor Beginn der deutschen Besetzung der Niederlande jeden Gedanken an Emigration ablehnte, wird er sich nie verziehen haben. Denn das war eigentlich das Todesurteil für die ganze Familie. Nannes Mutter und Bruder Bernard werden in den Tod geschickt. Nanne ist die einzige Überlebende, als Bergen-Belsen befreit wird. Dass das sechzehnjährige Mädchen zu diesem Zeitpunkt nur noch dreißig Kilogramm wiegt und dem Tod viel näher ist als dem Leben, realisiert sie erst später während der Rekonvaleszenz. Es findet sie ein englischer Offizier, dem sie sich anvertrauen kann, weil sie englisch spricht. Er wird ihr das Leben retten. Erst Jahre später wird Nanne nach London zu Verwandten ziehen und dort ein zweites Leben beginnen. Aber sie ist schwer traumatisiert und sehr fragil.
1951 lernt Nanne auf einer Feier John Konig kennen, der gerade im Begriff ist, seine Zelte in England abzubrechen und nach Brasilien auszuwandern. Sechs Wochen und einige Zufälle später sind sie zwar noch kein Paar, aber sie werden für zwei lange Jahre ein – wunderbare Liebesbriefe schreibendes – Paar. Bis zum Happyend dieser Fernbeziehung erfährt man im Buch die ganze Geschichte dieser beiden so vollkommen verschiedenen Menschen, ihre Sorgen, ihre Träume, ihre Vorurteile, ihre Hoffnungen. „Solange der Mensch lebt, hat er Hoffnung, heißt es im Talmud.“ Danach richtet sich vor allem John, er ist ein unverbesserlicher Optimist, aber er bezeichnet sich selbst auch als einen „realist Romantic oder einen romantic Realist“. Diese Selbsteinschätzung findet in seinen Briefen beredten Ausdruck.
Für beide, die als Holocaustüberlebende ganz andere Sorgen und Nöte haben als ihre nichtjüdischen Kollegen, Bekannten oder Freunde, egal ob in England, in den Niederlanden oder in Brasilien, stellt sich immer wieder die Frage „Warum ausgerechnet ich?“, Warum habe ich überlebt? Besonders Nanne kann die Gräuel von Bergen-Belsen nie ganz vergessen, kaum jemals aus dem Alltag verdrängen. Das war in London so und so wird es auch in Brasilien bleiben, die Vergangenheit zieht auch mit um die halbe Welt.
So sträubt sich Nanne selbst bei ihren eigenen Kindern, die im Laufe der Jahre heranwachsen, auf Fragen nach dem „früher“ zu antworten. Sie verschließt sich oft und es wird viele Jahre dauern, bis sie bereit ist als Zeitzeugin in der Öffentlichkeit aufzutreten. Da ist sie schon über 70. Das erinnert mich an meinen Vater, der zwar vor Schulklassen und Arbeitskollektiven über seine zehnjährige Haft in Hitlers Zuchthäusern und KZs berichtet hat, aber mir als Tochter niemals auch nur ein einziges schreckliches Erlebnis erzählte. Das Muster ist immer gleich, die eigenen Kinder sollen nicht belastet werden von der Vergangenheit. Davon berichten auch viele Nachkommen in Israel, die erst nach dem Tod der Eltern das ganze Ausmaß des Schreckens erkunden.
Die zeitliche Abfolge der Briefe, die eingeschobenen Erinnerungen und Rückblicke, zusammengestellt aus Interviews und anderen Quellen, die Gedanken der Autorin, die all das ordnen und in einen rezipierbaren Text für die Leser bringen will, haben mir sehr gefallen. Schmunzeln musste ich bisweilen über den österreichischen Klang, den ich auch von anderen österreichischen Autoren kenne. Früher dachte ich teilweise, es wären Fehler, aber ein wenig anders als die Grammatik in Deutschland verwendet wird, ist es tatsächlich. Ich habe mich in diesem Buch jedoch wirklich zu Hause gefühlt, das passiert nicht oft.
Über die Judenverfolgung in den Niederlanden gibt es viele Bücher, einige sind mir in Erinnerung geblieben, besonders „Das Versteck unter Feinden“ von Roxane van Iperen. Das Buch von Mellissa Müller reiht sich ein in eine Erinnerungsliteratur, die das Andenken bewahrt und unbedingt gelesen werden muss. Zu oft hört man, dass junge Leute in Interviews bekennen, dass sie über Holocaust und Weltkrieg sehr wenig wissen oder wissen wollen. Hier setzt nicht nur die Verantwortung der Eltern und Lehrer ein, auch Schriftsteller wie Melissa Müller sind es, die diese Wissenslücken schließen können. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit viel Wissen, mit Gefühl und Verständnis.
Ich rezensiere hier das eBook, im gedruckten Buch gibt es laut Titelei (Leseprobe) noch einen zusätzlichen Bildteil. Ich habe im Internet einige Fotos zu Nanette Blitz gefunden, schade dass diese nicht im eBook erscheinen. Die eBook-Gestaltung ist aus meiner Sicht gut gelungen, Fußnoten- und Zitatelinks funktionieren einwandfrei. Sehr interessant fand ich die Auflistung der Unterstützer und der Archive, die Melissa Müller für dieses Buch hatte bzw. aufsuchte. Was mir etwas gefehlt hat, sind die Stammbäume der Familien Blitz und Konig. Gerade die erwähnten Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen konnte ich bisweilen nicht gleich richtig einordnen in den Familienbezug.
Fazit: Ein sehr emotionales Leseereignis, das mich stark und lange bewegt hat. Ich gebe gern eine uneingeschränkte Leseempfehlung und unbedingt fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Wut verfliegt, aber Liebe ist niemals egal

Wut und Liebe
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Martin Suter ist einer meiner liebsten Romanschriftsteller des deutschsprachigen Raums. Er füllt seit Jahren immer wieder mein Bücherregal und meine iCloud, nicht nur „Allmen“ und „Weynfeldt“ gefielen ...

Martin Suter ist einer meiner liebsten Romanschriftsteller des deutschsprachigen Raums. Er füllt seit Jahren immer wieder mein Bücherregal und meine iCloud, nicht nur „Allmen“ und „Weynfeldt“ gefielen mir, auch die unabhängigen Romane. Nie schreibt Suter zu lang, zu ausführlich, immer mit feinen Beschreibungen und Dialogen, die so echt wirken wie Sprachaufnahmen von Gesprächen. Nun also ein neuer Suter, neue Figuren, neue Probleme, viel Wut, viel Liebe.
Die zu Beginn: eine gescheiterte Liebes- und Wohnbeziehung zwischen dem Künstler Noah und Camilla, die in einem ungeliebten Beruf mehr verdient als ihr Geliebter. Camilla hat keine Lust mehr, Noah durchzufüttern, also beschließt sie, sich einen reichen Mann zu suchen, der sie mit Liebe und Geld überschüttet. Da man so einen Mann natürlich nicht auf dem Flohmarkt oder beim Bäcker um die Ecke kaufen kann, erweist sich das Vorhaben doch nicht als so einfach wie gedacht.
Noah, voller Liebeskummer, lernt Betty kennen, die ältere Witwe mit den Mordgedanken, mit dem unstillbaren Wunsch, ihren Mann zu rächen, der aus seinem Unternehmen gedrängt und bis in den Tod getrieben wurde. So sieht es jedenfalls die Witwe. Gegenspieler und Ex-Partner ihres Mannes ist Zaug, der Buhmann schlechthin. Da Noah, der brotlose Künstler, unter ständiger Geldnot leidet, scheint ein bezahlter Mord doch der ideale Weg aus der Misere. Jedenfalls in Gedanken.
Camilla erfährt bei ihrer Suche nach dem Glück schnell und auf die harte Tour, dass Geld machen auch ein glückliches Händchen braucht und dass gute Freunde sich als solche stets beweisen müssen. Das merkt auch Noah, und dessen viele, sich sehr ähnelnden Triptychons machen die Misere auch nicht besser. Ob es ihm noch gelingt, eine Million zu verdienen? Egal. Das verrate ich hier ebenso wenig, wie den Ausgang der Geschichte. Nur so viel, das Hören wie das Lesen bis zum letzten Satz lohnt sich. Gert Heidenreich als schon früher (z. B. bei „Allmen und Herr Weynfeldt“, „Elefant“ oder „Der letzte Weynfeldt“) bewährter Sprecher der Bücher von Martin Suter ist beim Hörbuch das zusätzliche Vergnügen.
Fazit: Vergnügliche Stunden mit der Erkenntnis, „Herz und Verstand, das sind natürliche Feinde“. Man folgt einem Hin und Her der Gefühle, der Liebe, der Wahrheiten und jeder Menge Lügen. Das Sahnehäubchen kommt von Gert Heidenreich als genialer Suter-Interpret. Gute Unterhaltung und eine klare Hör- oder Leseempfehlung, je nach Wunsch!
Uneingeschränkte 5 Sterne, gern noch mehr.

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Veröffentlicht am 17.04.2025

„S’s brennt, briderlech, s’brennt“

Wir spielen Alltag
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Der 7. Oktober 2023 hat sich mir tief in die Seele gefressen, mit allem, was damit zusammenhängt, was ich höre, lese, anschaue und fühle. Ja, auch Hass gegen die Hamas gehört dazu. Nun habe ich mit Lizzie ...

Der 7. Oktober 2023 hat sich mir tief in die Seele gefressen, mit allem, was damit zusammenhängt, was ich höre, lese, anschaue und fühle. Ja, auch Hass gegen die Hamas gehört dazu. Nun habe ich mit Lizzie Doron eine Seelenverwandte gefunden, die das aus der Sicht einer Jüdin, einer Israelin zum Ausdruck bringt. Sie ist nur ein Jahr älter als ich, 1953 geboren und Nachkomme von Holocaustopfern. Schon 2011 schrieb die Journalistin Cornelia Rabitz „Doron hat ihr Thema gefunden. Es sind die Albträume der Davongekommenen, die Gespenster der Vergangenheit - aber auch die Grotesken des Alltags.“ (Zitat Wikipedia) und meinte damit Dorons Buch „Das Schweigen meiner Mutter“. Doron hat viele Romane veröffentlich, das Thema ist immer das jüdische Leben und Überleben. Nun legt sie einen schmalen Band vor, der ihre Gedanken und Gefühle, ihren Schmerz und ihre Trauer, ihre Wut und ihre Ohnmacht seit jenem 7. Oktober, seit dem unsäglichen, menschenunwürdigen Massaker der Hamas in Israel ausdrückt.
Und in all dem Chaos, was sich über Israel wie ein schwarzes Tuch ausgebreitet hat, da fragt sie sich „Und ich? Was empfinde ich?“ – die Frage beantwortet dieses Buch, das auf ungeschminkte Weise, aber doch sehr poetisch und emotional beschreibt, wie ein Mensch weiterleben kann in diesem Horror. Ist sie wirklich auf der „Schokoladenseite“, nur weil ihr Haus noch steht, ihre Lieben alle unversehrt sind? Schwer zu sagen, wenn jedes Kaffeetrinken von einem Luftalarm unterbrochen wird, wenn Demonstranten gegen Israel schreien, wenn eigene Landsleute im Kugelhagel sterben, wenn eigene Landsleute meinen, Israel begeht Genozid an den Palästinensern? Wie fühlt man sich als Israeli, wenn Touristen sensationslüstern die Kibbuze besichtigen, die niedergebrannt wurden, wo die Menschen erschlagen und vergewaltigt wurden?
Trotzdem vergeht der Autorin nicht der Humor, mit leiser Ironie blickt sie auf Verwandte und Freunde und schreibt auch mal „Na, die hat ihr Rezept zur Maximierung der eigenen Erschütterung gefunden, denke ich.“ Ich vermute, das Lakonische und Ironische ihrer Betrachtungsweise hält sie am Leben, hält sie ab und zu auch auf Abstand, wenn alles Äußere dem Herzen zu nahekommt.
Ich erhielt einen viel tieferen Einblick in die „israelische Seele“ und das tägliche Leben als es durch die Medien hier in Deutschland je vermittelt werden könnte, auch die Ambivalenzen werden nicht ausgespart. Noch kommt die Autorin (gern?) nach Deutschland, das ihr beinahe zur zweiten Wohnstatt wurde. Heimat will ich es nicht nennen. Hoffentlich aber kann und will sie auch in Zukunft noch unser Land besuchen, in dem der Ton seit dem 7. Oktober 2023 gegenüber Juden sehr viel rauer geworden ist, wo pro-palästinensische Demonstrationen zu Israels Vernichtung aufrufen und empfohlen wird, in der Öffentlichkeit keine Kippa und keinen Davidstern zu tragen. Für mich wäre es unerträglich, müsste ich als Israeli unser Land unter diesen Vorzeichen besuchen. Aber ich lebe hier und muss es aushalten und dagegenhalten.

Fazit: Jeder Mensch ist verschieden beim Bewältigen von Trauer, Tragödien und Horror. „Jedem sein eigener Krieg.“ Und auch seine eigene Freiheit, damit umzugehen. Lizzie Doron hat mich mit diesen nur 160 Seiten tief beeindruckt. Absolute Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

80 Jahre nach Kriegsende immer noch und immer wieder brandaktuell

Der blinde Fleck
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Die Autoren Stephan Lebert und Louis Lewitan haben sich mit Vehemenz auf ein Thema eingelassen, das auch mich schon seit Jahren beschäftigt. In diesem (Hör)-Buch geht es aber vor allem um das Schweigen ...

Die Autoren Stephan Lebert und Louis Lewitan haben sich mit Vehemenz auf ein Thema eingelassen, das auch mich schon seit Jahren beschäftigt. In diesem (Hör)-Buch geht es aber vor allem um das Schweigen der Täter und ihrer Nachkommen. Ich gehöre zu jenen, die im Buch als die mit einem Kaleidoskop an Vorfahren verschiedenster Prägung – jedoch überwiegen bei mir die Opfer– bezeichnet werden. Und ich gehöre zu jenen, die versucht haben, das Schweigen und Verschweigen in der Familie zu durchbrechen, was sich mittlerweile als Lebensaufgabe herausgestellt hat. Für mich also genau das richtige Buch.
Dass es mittlerweile immer mehr Nachfahren von Opfern wie auch von Tätern gibt, die ihre Familiengeschichte aufarbeiten möchten, ist ein gutes Zeichen. Die Autoren dieses Buches haben sich mehrheitlich auf die „Täter“-Nachfahren konzentriert, die Traumata des Krieges sind jedoch wesentlich weiter verbreitet. Und oftmals ist die Unterscheidung von Täter und Opfern auch schwierig, man denke nur an die Millionen Vertriebenen aus den sogenannten Ostgebieten und anderen früheren Wohnorten der Deutschen, wie aus dem Sudetenland oder anderen Ländern wie Ungarn oder Rumänien. Da wird es wohl nicht wenige gegeben haben, die (Mit-)Täter in der Familie hatten und selbst zu Opfern wurden.
Jetzt, kurz vor dem 8. Mai, an dem wieder jede Menge wohlmeinender Reden gehalten werden, denke ich an das, was die Autoren als kollektive Scham und Schmach bezeichnen. Noch immer hört man von “Nestbeschmutzern“, für viele ist es nach wie vor kein Feiertag, der Tag der Befreiung. Vorsichtshalber wurde das Gedenken der Deutschen aus ihrem Leben vertrieben. Eines der Kapitel berichtet von Christiane Hoffmann, der die Aufarbeitung durch einen langen Marsch entlang der Fluchtroute ihres Vaters geschafft hat. Ihren Roman „Alles was wir nicht erinnern“ kann ich als ergänzende Lektüre (egal ob Buch oder Hörbuch) sehr empfehlen.
Die Autoren haben eine Vielzahl an Nachfahren befragt, nicht nur bekannte Persönlichkeiten, sondern auch völlig unbekannte Menschen, die ihnen von der Schwierigkeit der Aufarbeitung der Vergangenheit und vom Verschweigen in den eigenen Familien berichteten. Von Karl-Theodor zu Guttenberg über Klaus-Michael Kühne und Ida Ehre bis hin zu Erwin Strittmatter, Ute Scheub oder Charlotte Link begegnet man Menschen, die auf verschiedenste Weise mit dem Schweigen über ihre Vorfahren und eine Verflechtung mit den Taten der Nationalsozialisten zurechtgekommen sind oder es zumindest auf ihre Art versuchen. Der besondere, ich könnte auch schreiben, besonnene Blick auf die Lage in der DDR, in der ja offiziell keine Nazis mehr waren, es offiziell keinen Antisemitismus gab, offiziell die Deutsch-Sowjetische Freundschaft über allem stand, das hat mir noch einmal einen Rückblick gegeben, dem ich hier nur voll zustimmen kann. Dass es im Gegensatz zur DDR in der BRD aber auch ein beharrliches Verschweigen und Vertuschen gab, das wird hier auch thematisiert. Allein diese Ost-West-Aspekte würden ein weiteres Buch ergeben mit Analysen, wie und warum die ehemals zwei deutschen Staaten nun vereint immer noch gern verschweigen und vertuschen. Zumindest ist klar, nicht jede Wahrheit verbessert die Reputation.
Eine interessante Art der Verantwortungsübernahme bietet das Beispiel ZDF, das mittlerweile seine Krimi-Serie Derrick im Giftschrank verrotten lässt, anstatt sich vernünftig mit Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Der Umgang mit der Nazivergangenheit ist immer noch verlogen. Bloß nicht dran rühren. Horst Tappert ist nach seinem Tod zur persona nongrata geworden, Herbert Reinecker soll auch zu Lebzeiten besser ruhig bleiben.
Zufällig wurde gerade als ich dieses Hörbuch hörte, in einem Beitrag des Historikers Thomas Gruber erstmals die NSDAP-Mitgliedschaft des bekannten Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld öffentlich gemacht. Unseld ist bereits 2002 verstorben, die Mitgliedskarte, die den Beitritt mit 18 Jahren belegt, war ein „Recherchebeifang“, mit dem wohl auch der Historiker nicht gerechnet hatte. Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch hier nun ein Schweigen aufgebrochen wird, das 80 Jahre lang und über den Tod Unselds hinaus gehalten hat. Wäre der Fund etwas früher geschehen, wäre er sicherlich als Kapitel in dieses Buch eingegangen.
Die Autoren sagen sinngemäß „Verdrängung sei ein Filter, den Menschen dringend brauchen“. Nur durch Verdrängung ist es aber vielen, Opfern wie Tätern einschließlich der Nachfahren, seit 80 Jahren möglich, ein normales Leben zu führen. „Man wird seine Geisterbibliothek nicht mehr los“, aber man kann sich auch nicht Tag und Nacht zerfleischen. Viele haben sich dafür entschieden, nie etwas zu sagen oder zu fragen, einige verarbeiten die ambivalenten Gefühle durch das Schreiben, das Drehen von Dokumentarfilmen oder das Sprechen über das Erlebte vor Publikum. In diesem Buch lernen wir unterschiedlichste Sichtweisen kennen, das macht das Zuhören (bestimmt auch das Lesen) sehr spannend. Z. B. Niklas, der Mann mit den verschlungenen Pfaden seiner Vorfahren ist ein gutes Beispiel für das komplizierte Geflecht aus Verschweigen, Erinnern und die Wahrheit suchen und finden. Wobei Wahrheit ein sehr dehnbarer Begriff bei der Familienforschung ist.
In die Kapitel eingebaut wurden die „Zwischenrufe“ des Psychologen Louis Lewitan, der Nachkomme von Schoah-Überlebenden ist. Als Expert für Stress(bewältigung) erklärt er sehr gut verständlich die sich herausbildenden, auch krankhaft werdenden Traumata. Im Buch wird auch der Unterschied zwischen Schoah (hebräisch für "große Katastrophe") und Holocaust (altgriechisch holókaustos, deutsch für „vollständig verbrannt“) sehr umfangreich erklärt. Die Sicht der Autoren ist wissenschaftlich gesehen sicher zutreffend, umgangssprachlich jedoch wird zumeist von Holocaust und Holocaust-Opfern gesprochen und geschrieben. Auch ich verwende diese Bezeichnung und empfinde sie nach wie vor nicht als falsch.
Der Epilog hat eine andere Autorin: Joëlle Lewitan, die 1999 geborene Tochter von Louis Lewitan, die auch Psychologie studiert hat. Sie bezeichnet sich selbst als Angehörige der Generation Z und sie lässt einen Blick zu auf die Befindlichkeiten der heutigen jüdischen jungen Leute. Und sie macht unumwunden klar, die NS-Zeit ist ein Teil ihrer Biografie. Ihr unverfälschter Blick auf die Ereignisse um den 7. Oktober 2023 in Israel und auf die Entwicklung antisemitischer Haltungen danach spricht Bände. Besonders bewegte mich die Frage, ob und wie offen sie ihre Kette mit dem Davidstern denn in unserem Land, in Europa, in der Welt überhaupt noch tragen kann.
Obwohl zu Beginn des Buches davon die Rede ist, dass die Autoren sich „meist“ für das grammatische, generische Maskulinum entschieden hätten, haben mich die vielen Wiederholungen der „Jüdinnen und Juden“ oder auch „Bürgerinnen und Bürger“ genervt. Die anderen „geschlechtergerechten“ Wortfindungen erwähne ich erst gar nicht. Es ist einfach unschön, beim Hören wie beim Lesen, es stört den Satz, es stört mich beim Denken, weil ich mich jedes Mal von Neuem darüber ärgere. Im Gegensatz zu dieser kleinen Kritik hat mir der Schreibstil ebenso gut gefallen, wie die Lesung von Thomas Dehler. Hier hätte ich gleich einen Vorschlag für den nächsten Hörbuchpreis!
Das Cover passt perfekt zum Thema, das Blaugrau des Fotos mit dem Wehrmachtsangehörigen und dem Mädchen erinnert sehr an die Dramatik der Weltkriegszeit. Entweder fiel der Vater oder er kam in Gefangenschaft, viele Kinder sind so ohne ihre Väter aufgewachsen. Und wenn dann einer nach Hause kam, war er meist nicht mehr der alte, es begann das Schweigen, das Verschweigen, die Traumata in der Familie.
Fazit: Ein aktuelles Thema, das die letzten 80 Jahre überdauert hat und wohl auch noch weitere Generationen beschäftigen wird. Das Buch trägt aus meiner Sicht sehr dazu bei, sich auch in der heutigen Zeit gedanklich nicht über die Vorfahren zu erheben. Niemand weiß, wie er gehandelt hätte, wäre er in der Lage der Väter, Großväter usw. gewesen, egal ob sie Täter oder Opfer oder beides waren. Egal ob Hörbuch oder Buch, ich spreche eine Empfehlung aus, sich mit der Thematik zu beschäftigen, die Stephan Lebert und Louis Lewitan in eine sehr gut rezipierbare Fassung gebracht haben, interessant und aufschlussreich von Anfang bis Ende. 5 Sterne.

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