Hitlers Vermächtnis
Goebbels' SchattenHans-Peter de Lorent hat einen Tatsachenroman geschrieben, große Teile orientieren sich an der historischen Wahrheit, sehr viele Dokumente sind in das Buch eingeflossen. Es gibt aber auch fiktionale Teile, ...
Hans-Peter de Lorent hat einen Tatsachenroman geschrieben, große Teile orientieren sich an der historischen Wahrheit, sehr viele Dokumente sind in das Buch eingeflossen. Es gibt aber auch fiktionale Teile, von denen man sich aber vorstellen kann, dass es sich so oder ähnlich zugetragen hat.
Das Buch widmet sich zunächst einmal den letzten Tagen des Nazi-Regimes im Führerbunker. Das Propagandaministerium gibt immer noch Durchhalteparolen an die Bevölkerung weiter, obwohl doch jeder sehen kann, dass die Russen täglich näherkommen und der Krieg verloren ist. Dennoch darf die Wahrheit nicht laut gesagt werden, nur unter der Hand bereiten sich auch die Nazi-Größen auf ihre Flucht oder ihren Freitod vor.
Die Geschichte der letzten Tage war mir durchaus bekannt, nicht bekannt war mir der Name Dr. Werner Naumann, der zweite Mann hinter Goebbels und sein designierter Nachfolger im Propagandaministerium. Als seine Bemühungen, die Nazis wieder an die Macht zu bringen, 1953 scheiterten, war das vor meiner Zeit und später wurde es sehr ruhig um ihn.
Die Passagen, die über die allgemein bekannte Lektüre hinausgehen, waren durchaus lesenswert. Die Jugend Goebbels, der sich erst selbst vom Schreiber zum Redner ausbilden musste, seine Probleme mit seinen Altersgenossen, das war interessant. Auch die Passagen über die Filmgrößen und Schriftsteller der damaligen Zeit waren aufschlussreich.
Nach dem Freitod von Hitler und Goebbels wendet sich das Buch dann dem eigentlichen Thema zu, dem Werdegang von Werner Naumann, seiner Flucht aus dem Führer-Bunker, seinem Untertauchen und seiner „Auferstehung“ Anfang der 50er Jahre. Sein Erleben der letzten Tage mit Hitler und Goebbels versieht ihn in den Augen seiner ehemaligen Kollegen und Mitarbeiter mit einem „Heiligenschein“. Wer kann schon von sich sagen, bis zuletzt dabei gewesen zu sein und Hitlers Vermächtnis entgegen genommen zu haben. Diese letzten Worte Hitlers an ihn „Ich setze auf Sie…. die Leute, die uns treu ergeben sind, wieder zusammenzubringen“ sind für Naumann für sein weiteres Leben bestimmend.
Nach den aufsehenerregenden Prozessen in Nürnberg hätte man damit gerechnet, dass sich die Besatzungsmächte auch in der zweiten Reihe umsehen würden und Täter zur Rechenschaft ziehen würden. Ganz im Gegenteil: nach den schon Ende der 40er Jahre sichtbar werdenden Problemen mit den Russen, war es den Amerikanern wichtiger, das Land schnell wieder regiert zu wissen und dafür griff man auch auf Verwaltungsleute und Juristen aus der Nazi-Zeit zurück. Mir drängte sich der Verdacht auf, dass lediglich die Engländer darauf achteten, die früheren Machthaber nicht wieder zu Ehren kommen zu lassen.
Für mich war „Goebbels‘ Schatten“ ein lesenswertes Buch, das mich dazu anspornt, mich zu den im Buch genannten Namen einmal weiter zu informieren und mir entsprechende Bücher zu besorgen. Beispielsweise hätte ich Hanns-Martin Schleyer in der Riege der alten Kollegen und Seilschaften nie erwartet.
Das Ende kam etwas abrupt, einige Worte mehr zu Naumanns weiterem Werdegang, der doch immerhin Geschäftsführer in mehreren Unternehmen der Quandt-Gruppe wurde, wären für mich noch wünschenswert gewesen. Auch zu seiner Familie, die aber sowieso nur am Rande eine Rolle spielt, gibt es keine weiteren Informationen.