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Veröffentlicht am 31.12.2017

Am Ende aller Tage

Wie Wölfe im Winter
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Vor sieben Jahren ist die Welt, wie man sie kannte, endgültig kaputt gegangen. Nach jahrelangen Kriegen und dann einer Grippepandemie, welche den Großteil der Bevölkerung dahinraffte und die Überlebenden ...

Vor sieben Jahren ist die Welt, wie man sie kannte, endgültig kaputt gegangen. Nach jahrelangen Kriegen und dann einer Grippepandemie, welche den Großteil der Bevölkerung dahinraffte und die Überlebenden noch immer tötet, leben viele nur noch in kleinen Familienverbänden. Lynn gehört zu so einer Familie, sie lebt im stets kalten und verschneiten Yukongebiet. Ihr Überleben sichern sie durch den Anbau von Kartoffeln und Möhren in den wenigen warmen Wochen, ansonsten gehen sie auf die Jagd. Lynn beherrscht einen Compoundbogen, stellt Fallen. Eines Tages begegnet sie einem hungrigen Mann und nimmt ihn mit, obwohl ihre Familie dagegen ist. Plötzlich tauchen noch mehr Fremde auf und Lynn erfährt, dass ihr Vater eine bedeutende Rolle im Entwickeln der Grippe spielte, und dass es mehr Geheimnisse um sie und den Untergang der Welt gibt, als sie je geglaubt hat.

Ich mag ja so dystopisch angehauchte Romane, zumal wenn sie recht authentisch wirken. Die Story ist interessant entwickelt und auch angenehm erzählt. Skurrile Leute wie Jerryl, aber auch einige aus dem Forschungsteam gefielen mir, weil sie nicht gar so 08/15 waren und Persönlichkeit besaßen. Womit ich die meiste Zeit ein bisschen ein Problem hatte, war Lynn selbst. Natürlich darf sie mit ihren 23 Jahren auch ein bisschen naiv sein, immerhin hatte sie ja auch vor dem Untergang nicht so richtig eine gescheite Bildung erhalten. Aber ich finde, jemand, der schon so lange Zeit in größter Kälte und mit der Jagd überlebt, der müsste mehr Bad Ass sein. Lynn jedoch versagt irgendwie ständig, weiß sich selten allein zu helfen und war mir auch so nicht richtig sympathisch. Ich kann nicht mal genau festmachen, woran das liegt. Irgendwie wirkte sie unter all den authentischen Typen am wenigsten authentisch, vielleicht deshalb. Alles in allem eine solide Geschichte, aber kein Buch, das lange im Gedächtnis haften bleiben wird. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 29.12.2017

Nachkriegskälte

Echo der Toten. Ein Fall für Friederike Matthée (Friederike Matthée ermittelt 1)
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Der 2. Weltkrieg ist gerade anderthalb Jahre vorbei, wir befinden uns im Januar 1947. Klirrende Kälte beherrscht Deutschland, doch auch in den Herzen der Menschen ist es nicht gerade wärmer. Noch immer ...

Der 2. Weltkrieg ist gerade anderthalb Jahre vorbei, wir befinden uns im Januar 1947. Klirrende Kälte beherrscht Deutschland, doch auch in den Herzen der Menschen ist es nicht gerade wärmer. Noch immer stecken viele Menschen im Nazigedankengut fest, viele buckeln vor der britischen Besatzungsmacht, treten dafür nach den Zwangsarbeitern, von denen sich noch immer viele in der Gegend aufhalten. Da geschieht ein Mord und Richard Davies von den britischen Truppen soll die Ermittlungen aufnehmen. Er fordert eine deutsche Polizistin an, um mit einem verstörten, kleinen Jungen zu reden und ihm wird Friederike Matthee geschickt, die kurz davor steht, ihren Job zu verlieren. Gemeinsam kommen sie auf die Spur von Schwarzmarkthändlern, alten Nazi-Seilschaften und geraten selbst in Lebensgefahr.


Um ehrlich zu sein, hat mich der Fall selbst nicht wirklich überzeugt, schon gar nicht die Auflösung, die ein wenig aus dem Hut gezaubert wurde. Doch dieses Buch lebt auch gar nicht so sehr von dem Krimianteil als vielmehr von der Atmosphäre, die geschaffen wird. Man spürt geradezu die beißende Kälte, den wühlenden Hunger, die Verzweiflung der vielen Menschen, die sich nur durch Schwarzmarktgeschäfte über Wasser halten können. Das übliche Russenbashing hätte man sich sparen können (sehr kontrastreiche Darstellung zwischen den fast vornehmen Engländern und den primitiven, vergewaltigenden Russen), aber das gehört bei Büchern aus dieser Zeit fast schon genauso zum guten Ton wie die Vergewaltigungen in Mittelalterromanen. Ich finde, dieses Buch hat Potenzial, und falls aus ihm eine Reihe wird, werde ich den Nachfolger lesen. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 15.12.2017

Wellenwölfe

Grischa 2: Eisige Wellen
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Alina und ihrem superperfekten Maljen ist die Flucht vor dem Dunklen gelungen. Vorerst. Denn überraschend schnell werden sie wieder eingefangen und dazu gezwungen, dem Dunklen zu helfen, das zweite arme ...

Alina und ihrem superperfekten Maljen ist die Flucht vor dem Dunklen gelungen. Vorerst. Denn überraschend schnell werden sie wieder eingefangen und dazu gezwungen, dem Dunklen zu helfen, das zweite arme Vieh der magischen Kräftevermehrer zu erlegen, einen Seedrachen, der so geheim und verborgen lebt, dass man ihn innerhalb weniger Seiten zu finden vermag. Doch wieder gelingt Alina die Flucht, dieses Mal mit der Hilfe des megacoolen Sturmhonds und seiner coolen Bande aus Piraten. Sorry, Sturmhond, ich meine natürlich Freibeuter! Durch gewisse Umstände schaffen es diese durch das Schicksal Zusammengewürfelten an den Zarenhof, wo Alina das Kommando über die Grischa übernimmt und sich darauf vorbereiten muss, in einer Schlacht gegen den Dunklen anzutreten.

Ich formuliere es mal so: Hätte Bardugo nicht diesen extrem geilen Schreibstil, ich hätte das Buch in der Mitte abgebrochen. Mal davon abgesehen, dass Alina und Maljen übelst genervt haben, was ihre Beziehung angeht, erwiesen sie sich Sturmhond und seinen Gefährten gegenüber als äußerst undankbar. Dieses ewige Rumgezicke ging mir dermaßen auf den Sack - doch immer wieder schaffte es die Autorin, mich durch ihren Stil und einige Ideen zu fesseln. Eine mega Leistung! Sturmhond hat das Buch eindeutig gerettet, denn Alina und Maljen konnten es nicht tragen. Maljen konnte ich schon in Band 1 nicht leiden, und hier hatte ich mir an einer gewissen Stelle gewünscht, dass der eine Grischa, mit dem er einen Kampf ausgetragen hat, ihn einfach mal mit dem Kopf voran gegen die Wand schlägt. Mehrmals. Apropos Grischa: Natürlich hat Maljen keine magischen Gaben, ganz klar. Ist ja völlig normal, dass ein normaler Typ immer merkt, wo sich supermagische Viecher aufhalten. Ja, ja. Wäre Alina irgendwie normal, hätte sie den Typen in die Wüste geschickt und Sturmhond genommen, der glatt ein Verwandter von Kaz Brekker sein könnte, vom Coolnessfaktor her. Aber ich fürche, dazu wird es nicht kommen. Egal. Der Schreibstil ist wieder richtig gut und das Ende konnte einiges rausreißen. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 13.12.2017

Flammenmädchen

Grischa 1: Goldene Flammen
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Alina ist ein Waisenmädchen, klein, mager, im Schatten ihres übelst gut aussehenden besten Freundes Maljen stehend, der einfach alles kann: nett sein, fantastisch aussehen, Spuren lesen wie kein zweiter. ...

Alina ist ein Waisenmädchen, klein, mager, im Schatten ihres übelst gut aussehenden besten Freundes Maljen stehend, der einfach alles kann: nett sein, fantastisch aussehen, Spuren lesen wie kein zweiter. Sie dienen in der Armee des Zaren. Bei der Durchquerung der "Schattenflur", einem Landstrich ohne Licht und voller Gefahren, stellt sich heraus, das Alina eine Grischa ist - eine magisch begabte Person. Sie kommt in die Obhut des "Dunklen", des obersten Grischa, der sie ihre Gaben lehren und in einem Palast wohnen lässt. Doch Alina kommt einer Verschwörung auf die Spur, und sie muss sich entscheiden, wie sie handeln will.

Man kann bereits hier die Ideen, das Können und auch den guten Schreibstil hervorblitzen sehen, die mich im "Das Lied der Krähen" fast aus den Socken gehauen haben. Allerdings lässt sich die Autorin hier noch sehr von Klischees leiten: das unscheinbare Harry-Potter-Mädchen, der Mega-Freund, der alles kann und in den sie natürlich unsterblich verliebt ist, ein paar Bösewichte rechts und links des Weges, die bösartig Steine in den Weg werfen. Aber man merkt auch, dass sie ab und zu schon mal gern aus der Klischeekiste ausbricht. Der Oberbösewicht ist nicht nur böse, er hat sich von seiner Macht korrumpieren lassen - logisch, es ist egal, ob so einer tötet, weil er ein hehres Ziel hat oder weil er es kann, aber ich mochte seine Charakterisierung jedenfalls lieber als die von Maljen, dessen fast durchgehendes Superkönnen mir dezent auf die Nerven ging. Ein guter Beginn, schnell zu lesen. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 15.11.2017

Vom Unterhosenträger zum Millionär

Das Geheimnis der Psyche
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Leon Windscheid ist ein Macher. Er kann einem sympathisch sein oder nicht, das ändert nichts daran, dass er bei Jauch eine Million abgeräumt hat, weil er cool geblieben ist, sich intensiv vorbereitete ...

Leon Windscheid ist ein Macher. Er kann einem sympathisch sein oder nicht, das ändert nichts daran, dass er bei Jauch eine Million abgeräumt hat, weil er cool geblieben ist, sich intensiv vorbereitete und natürlich auch das nötige Quäntchen Glück hatte. Als Psychologiestudent hat er vielleicht einen kleinen (psychologischen) Vorsprung den anderen Kandiaten gegenüber, denn eins ist mal Fakt: Er weiß ansatzweise, wie Menschen ticken. Weil er das im Studium gelernt hat und weil er sich dafür interessiert.

Falls jemand so dumm war zu glauben, er bekäme mit diesem Buch eine Anleitung "Wie gewinne ich eine Million bei Jauch", wird er vielleicht enttäuscht. Auch wird er nicht viel über Jauch in Unterhosen erfahren - oder vielleicht doch. Jauch ist jedenfalls kein großes Thema. Dafür wird hier locker-lässig ein bisschen an der psychischen Oberfläche gekratzt und man lernt zum Beispiel auch das ein oder andere, wenn man aufpasst. Zum Beispiel, das einfache Rechenaufgaben auf Grundschulniveau vielleicht gar nicht so Grundschulniveau sind. Oder dass unser Gehirn ein bisschen anders arbeitet, als wir das gern hätten. Ab und zu gibt es für meine Begriffe ein bisschen zu viel Leon Windscheid und zu wenig Tiefe, aber wer das populärwissenschaftliche Buch eines über Nacht berühmt gewordenen Psychologiestudenten liest, sollte vielleicht nicht neue Erkenntnisse eines Nobelpreisträgers erwarten. Von daher kann ich es als interessante Lektüre für zwischendurch gut empfehlen; Spaß zu lesen macht's allemal.