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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.10.2025

Mehr als “true crime”

Protokoll eines Verschwindens
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Weniges in diesem Buch ist erfunden, aber diesen Roman als “true crime” zu bezeichnen, wäre auch nicht ganz richtig. Der Titel trifft in diesem Fall den Nagel auf den Kopf. Autor und Kriminaljournalist ...

Weniges in diesem Buch ist erfunden, aber diesen Roman als “true crime” zu bezeichnen, wäre auch nicht ganz richtig. Der Titel trifft in diesem Fall den Nagel auf den Kopf. Autor und Kriminaljournalist Alexander Rupflin verdichtet einen Zeitraum von wenigen Jahren auf weniger als 290 Seiten.

Natürlich erzählt er nicht jeden Tag und Stunde genau nach, dennoch üben die “Bruchstücke” dieses real passierten Verbrechens eine ganz spezielle Magie auf den Leser aus. Noch greifbarer wird das Geschehene durch viele Einblicke in das Leben und die Gefühlswelt vieler direkt und indirekt Betroffener: Familie, Freunde, Bekannte von Opfer und Täter, andere Opfer, Zufallsbekanntschaften, einfach viele Personen, die zumindest kurz den Weg einers der Beteiligten gekreuzt haben.

Gerade, wenn es weniger um Fiktion und vielmehr um Tatsachen geht, muss minutiös recherchiert werden. In kleinen Momenten, zwischen Zitaten aus offiziellen Unterlagen und der Aufarbeitung bekannter Geschehnisse, blitz durch, wie viel Zeit und Sorgfalt in diesem Buch stecken.

Der Autor war nicht nur beim zweiten Gerichtsprozess anwesend, sondern sprach auch mit vielen Beteiligten mehrfach persönlich und besuchte zahlreiche Originalschauplätze. Dass, wie im Vorwort angesprochen, Namen, Eigenschaften und Abläufe zugunsten der Privatsphäre verändert werden mussten, stört überhaupt nicht.

Veröffentlicht am 20.09.2025

Kurzweilig, spannend, nicht zu blutig

Verschworen
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Angesichts der tollen Krimireihe von Eva Björg Ægisdóttir bin ich froh, dass es in der deutschen Sprachen viele Adjektive mit “ver-” gibt. Das ist zwar nur ein Kniff für die deutschen Übersetzungen, aber ...

Angesichts der tollen Krimireihe von Eva Björg Ægisdóttir bin ich froh, dass es in der deutschen Sprachen viele Adjektive mit “ver-” gibt. Das ist zwar nur ein Kniff für die deutschen Übersetzungen, aber es wäre schade, wenn die Reihe dieses Merkmal verlieren würde.

Weitere, viel wichtigere, Merkmale sind natürlich die (angenehm “normalen”) Hauptfiguren und ihre kleinen Alltagssorgen sowie die oft mit Wendungen gespickten Krimigeschichten. Die Autorin versteht es, aktuelle Fälle mit einer Begebenheit in der Vergangenheit zu verknüpfen und lässt den Leser zwischendurch auch immer zurückblicken. So lässt es sich gut selbst ermitteln, auch wenn Kommissarin Elma und ihr Chef Hörður grundsätzlich schon wissen, was zu tun ist.

Wer schon die vorangegangenen Bände der Reihe kennt, freut sich immer auf ein Wiedersehen mit den bekannten Figuren - dieses Mal ganz besonders, denn Elma ist nach der Elternzeit wieder im Dienst zurück. Sie freut sich auf ein paar ruhigere Tage im Dezember, doch die erste große Ermittlung wartet schon.

Ein Mann wurde ermordet und das Motiv scheint weiter in dessen Vergangenheit zu liegen, als man zuerst vermutet. Da Elma nun wieder aktiv ist, ist ihr Partner und Kollege Sævar beim Kind zuhause. Die Autorin findet dennoch eine schöne Möglichkeit, ihn auch ins Buch und die Ermittlungen miteinzubinden, ohne ihn zu viel machen zu lassen.

Alles in allem ist “Verschworen” (abseits des Musters hier ein sehr passender Titel!) ein klassischer Islandkrimi rund um jugendliche Täter und die Frage, wie weit Eltern gehen dürfen, um Kinder zu schützen.

Veröffentlicht am 14.09.2025

Tanzen in Tampere

Eisblau
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Tobias Quast war mir bisher unbekannt, mich sprach an diesem Buch natürlich an, dass es ein Krimi ist und Finnland als Schauplatz ist eigentlich auch nie verkehrt. Durch seine fast 480 Seiten wirkt der ...

Tobias Quast war mir bisher unbekannt, mich sprach an diesem Buch natürlich an, dass es ein Krimi ist und Finnland als Schauplatz ist eigentlich auch nie verkehrt. Durch seine fast 480 Seiten wirkt der Krimi erst einmal sehr “wuchtig”, trotz Taschenbuchausgabe. Aber man kommt gut voran, weil die klar getrennten Kapitel großteils nicht extrem lange sind.

Wir lernen die Münchnerin Sarah Fuchs kennen, sie ist Tangofan und eine modebewusste, in Scheidung befindliche Blondine. In kleinen Anspielungen merkt man, dass es vor “Eisblau” schon Bücher mit ihr gegeben haben muss, aber der Geschichte kann man auch so wunderbar folgen.

Besagte Geschichte beginnt auf dem Tanzparkett in Tampere, wohin Sarah zum Tangotanzen reist. Es gibt dafür Festivals, man lernt nie aus. Bald wird sie, wie könnte es anders sein, in einen mysteriösen Todesfall verstrickt und beginnt gemeinsam mit ihrer finnischen Freundin Ilvi ein bisschen zu ermitteln.

Einige mehr oder weniger beteiligte Personen tauchen auf und allzu viele davon scheinen Dreck am Stecken zu haben. Auch bei der Polizei läuft wohl nicht alles so sauber, wie es sollte.

Sarah und Ilvi bilden ein ziemlich unkonventionelles Duo, aber gerade das macht einen gewissen Reiz aus. Sie stolpern manchmal in heikle Situationen, aber haben letztlich auch oft das, was man das “Glück des Tüchtigen” nennt.

In die Haupthandlung eingebunden gibt es einige Nebenschauplätze und ihre zugehörigen Charaktere, die fast allesamt gut herausgearbeitet und speziell sind. Dagegen bleiben die Hauptfiguren sogar manchmal ein wenig blass - die müssen sich ja aber auch um die großen Probleme kümmern sozusagen.

Die schnellen Kapitel und Sprünge zwischen den verschiedenen Schauplätzen machen den Krimi abwechslungsreich und halten, trotz ein wenig Längen in der zweiten Hälfte, die Spannung auf einem guten Niveau. Es braucht nicht immer die absoluten Pageturner, bei denen man zwischendrin dann nicht einschlafen kann, weil der Puls unmerklich immer ein bisschen zu hoch geht.

Dieses Krimi-Genre (ohne cozy zu werden) bedient “Eisblau” perfekt und nebenbei gibt es noch ein paar finnische Worte und Ausdrücke zu lernen. Vielleicht könnte man, wenn es mehr wird, für künftige Krimis auch ein kleines Glossar andenken.

Veröffentlicht am 18.05.2025

Ein arbeitsreiches Wiedersehen mit Anna und Hendrik

Nordweststurm
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Auch während eines heißen Sommers lässt für Ermittlerin Anna Wagner in St. Peter-Ording die Arbeit nicht nach. Statt entspannt am Strand heißt es bald Leiche im Industriegebiet. Im 5. Band der Reihe von ...

Auch während eines heißen Sommers lässt für Ermittlerin Anna Wagner in St. Peter-Ording die Arbeit nicht nach. Statt entspannt am Strand heißt es bald Leiche im Industriegebiet. Im 5. Band der Reihe von Svea Jensen gibt es noch einige wichtige Schauplätze rund um das Nordseedorf.

Annas Ex-Kollege Hendrik Norberg arbeitet nun im K4 in Itzehoe. Das Dezernat für Komplexermittlungen ermittelt zusammen mit der Mordkommission im Fall eines ermordeten Strichers. Mitten in diese Arbeit platzt die Nachricht, dass Hendriks Vater einen befreundeten Journalisten vermisst. Der Schwede hatte sich zuletzt in St. Peter-Ording aufgehalten.

Vermisste Personen zu finden, gehört zu Annas Spezialaufgaben und damit ist unser gewohntes Ermittlerduo - wenn auch nur temporär - wieder vereint. Nach und nach werden die Geheimnisse des Vermissten aufgedeckt und es scheint Verbindungen zu dem Fall aus Itzehoe zu geben.

Damit nicht genug: So beschaulich St. Peter-Ording auch wirkt, der Ort kämpft dennoch oft mit den selben Problemen wie größere Städte. Eine Einbrecherbande, bestehend aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ist im Ort unterwegs und bereitet Annas Kollegen zusätzlich Arbeit. Und dann finden sich Fingerabdrücke im Haus des Vermissten, die zu dieser Bande führen…

Anna und Hendrick müssen in "Nordweststurm" an vielen Ecken gleichzeitig ermitteln. Dazu kommen wie gewohnt auch private Episoden. Auch das Verhältnis der beiden zueinander ist ein Auf und Ab. Dabei lässt die Autorin die Charaktere vielleicht nicht immer 100% logisch, aber in jedem Fall meist sehr menschlich erscheinen. Niemand ist perfekt, auch (oder vor allem) jene, die beruflich sehr erfolgreich sind, dürfen manchmal Schwächen offenbaren.

"Nordweststurm" ist wie gewohnt spannende, solide Krimiunterhaltung. Dieses Mal mit ein bisschen weniger Lokalkolorit, was aber angesichts der vielen Ereignisse nicht so sehr auffällt.

Veröffentlicht am 27.04.2025

Den vollen Genuss gibt’s nur chronologisch

Thanatopia
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Ich lese eher wenig Sci-Fi oder verwandte Genres, dennoch werde ich bei Tom Hillenbrand öfter schwach. Ich weiß schon vor der ersten Seite, dass mich diese ganz eigene Form des Realismus innerhalb fiktiver ...

Ich lese eher wenig Sci-Fi oder verwandte Genres, dennoch werde ich bei Tom Hillenbrand öfter schwach. Ich weiß schon vor der ersten Seite, dass mich diese ganz eigene Form des Realismus innerhalb fiktiver Begebenheiten in der (näheren wie weiteren) Zukunft in ihren Bann ziehen wird. Dazu gibt es noch spannende Erzählstränge und interessante Charaktere.

Auch wenn man die Bücher einzeln lesen könnte, empfehle ich für die Hologrammatica-Reihe wärmstens, alles chronologisch zu lesen. Es gibt zwar Glossare am Ende des Buches, aber die Geschichten sind eng verknüpft und vieles Grundlegende wird meines Gefühls nach in Band 1 am besten erklärt bzw. überhaupt genauer angesprochen.

Ist man mit dem Vokabular vertraut, findet man in “Thanatopia” viele alte Bekannte wieder. Namen, Begebenheiten und Schauplätze tauchen wieder auf. Einerseits birgt die Geschichte dadurch viel Vertrautes, man erfährt aber auch Dinge, die frühere Geschehnisse erst so richtig verständlich machen. Das klingt furchtbar kryptisch, aber würde ich an dieser Stelle auf alles eingehen, wäre das nicht weniger verwirrend.

In “Thanatopia” treffen wir (wieder) auf Galahad, diesmal erfahren wir etwas über seine Kindheit und die Erfahrungen, die ihn zu dem Mann machten, der uns in “Hologrammatica” begegnet und im Nachfolger “Qube” zum Weltretter wird.

Abgesehen von diesem “Rückblick” spielt “Thanatopia” aber ein paar Jahre nach “Qube”. Soweit so verständlich. Der Umweltaspekt und warum die Menschheit überhaupt jene Super-KI erschaffen hat, die nun Probleme macht, stehen in diesem Band weniger im Mittelpunkt. Der Fokus liegt hier mehr auf den Thanatonauten. Diese Individuen erforschen (teilweise illegal) die Grenze zwischen Leben und Tod. Wie das geht, ist in der Welt der Hologrammatica leicht erklärt, würde hier aber den Rahmen sprengen.

“Thanatopia” ist ein weiterer faszinierender Thriller in dieser Reihe. Wird es eine Fortsetzung geben? Falls ja, werde ich sehr wahrscheinlich wieder in die Welt der Cogits, Braincrashes und Schwammköpfe eintauchen.