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Nilchen

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Veröffentlicht am 24.05.2025

Liebe in luftiger Höhe – Wenn eine Nacht das Leben zerreißt

dreimeterdreißig
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dreimeterdreißig ist ein absolut beeindruckendes Debüt – ein Roman, der tief ins Herz trifft und uns, die Leserschaft, nicht mehr loslässt. Jaqueline Scheiber erzählt hier von einem ungleichen Paar, Klara ...

dreimeterdreißig ist ein absolut beeindruckendes Debüt – ein Roman, der tief ins Herz trifft und uns, die Leserschaft, nicht mehr loslässt. Jaqueline Scheiber erzählt hier von einem ungleichen Paar, Klara und Balázs, das gerade dabei ist, sich in einer Wiener Altbauwohnung mit den hohen, fast majestätischen drei Meter dreißig hohen Wänden ein gemeinsames Leben aufzubauen. Doch was folgt, ist eine einzige Nacht, die alles verändert – eine Nacht, die mit einem Schlag das Leben zum Stillstand bringt und Klara vor die existenziellen Fragen von Liebe, Verlust und Erinnerung stellt.
Dieses Buch ist mehr als nur eine Geschichte über Liebe – es ist ein schmerzhaft schönes, poetisches Kammerspiel, das zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt und so die innersten Gefühlswelten der Figuren erschließt. Scheiber zeigt uns, wie zerbrechlich und doch unendlich kraftvoll Liebe sein kann. Ihre Sprache ist dabei zart, brutal und gleichzeitig meisterhaft konstruiert – jede Seite pulsiert vor emotionaler Tiefe.
Was dreimeterdreißig so besonders macht, ist der intensive Blick auf zwei so unterschiedliche Lebensgeschichten: Klara, die aus einem wohlhabenden, behüteten Umfeld kommt, und Balázs, der mit einer ganz anderen, geprägt von Erinnerungen an Ungarn und den Nachwirkungen der kommunistischen Vergangenheit aufwächst. Durch diese Kontraste entsteht eine feinsinnige Erzählung, die auch subtil Gesellschaftliches und Klassismus beleuchtet, ohne dabei jemals belehrend zu wirken.
Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise durch das Zusammenspiel von Erinnerung und Gegenwart, von Glücksmomenten und Schmerz, die das Ende einer Liebe unvermeidlich machen. Man spürt förmlich das knarzende Parkett, die offenen Flügeltüren und das leise Ticken der Uhr, während Klara verzweifelt versucht, die Zeit anzuhalten oder zumindest das Unvermeidliche zu verstehen.
Ein weiteres besonderes Highlight ist der wunderschöne, kunstvoll gestaltete Farbschnitt des Buches, der nicht nur optisch überzeugt, sondern auch die emotionale Atmosphäre des Romans unterstreicht – eine perfekte Symbiose von Inhalt und Design, die zeigt, wie viel Liebe zum Detail hier steckt. Dass dieses außergewöhnliche Werk beim renommierten, kleinen österreichischen Leykam Verlag erschienen ist, unterstreicht deren exzellentes Gespür für literarische Perlen, die man nicht verpassen darf.
Für alle, die sich auf eine tiefgründige, literarisch kunstvolle Reise einlassen wollen, ist dreimeterdreißig ein absolutes Muss. Ein Buch, das erdet und gleichzeitig schwerelos macht, das mit jeder Seite mehr berührt und mit seinem vielschichtigen Psychogramm von Klara und Balázs nachhallt.
Mein Fazit: dreimeterdreißig ist ein kraftvolles, berührendes und sprachlich meisterhaftes Romandebüt, das von einer Liebe erzählt, die nicht endet, auch wenn das Leben es tut. Ein wunderschön gestaltetes Buch, das man am liebsten mit der Hand auf dem Herzen liest – und das einen lange begleitet. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 21.05.2025

Zwischen Türen und Tabus

Das Haus der Türen
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Als jemand, der asiatische Literatur sehr schätzt, war Das Haus der Türen von Tan Twan Eng für mich eine rundum gelungene Lektüre. Der Roman überzeugt mit einer durchdachten Struktur, vielschichtigen Figuren ...

Als jemand, der asiatische Literatur sehr schätzt, war Das Haus der Türen von Tan Twan Eng für mich eine rundum gelungene Lektüre. Der Roman überzeugt mit einer durchdachten Struktur, vielschichtigen Figuren und einer Sprache, die ruhig und atmosphärisch ist, ohne je ins Pathetische zu kippen. Wirklich gut!
Die Handlung spielt vor der Kulisse des kolonialen Malaysia der 1920er Jahre. In den Mittelpunkt stellt der Autor Lesley Hamlyn, eine Frau der britischen Kolonialgesellschaft, deren Leben durch den Besuch des bekannten Schriftstellers W. Somerset Maugham eine unerwartete Wendung nimmt. Zwischen ihr und Maugham entsteht ein vorsichtiges Vertrauensverhältnis, in dem sie beginnt, über persönliche Erlebnisse und ihre Vergangenheit zu sprechen – darunter eine Beziehung die etwas heikel ist sowie eine Verwicklung in einen Mordfall (der wohl auf realen historischen Ereignissen basiert).
Tan Twan Eng gelingt es, historische Fakten, politische Umbrüche und persönliche Schicksale sehr präzise miteinander zu verknüpfen. Besonders interessant fand ich, wie das koloniale Machtgefüge, gesellschaftliche Rollenbilder und die eingeschränkten Handlungsspielräume von Frauen thematisiert werden. Geschichtlich spannend für mich.
Auch stilistisch hat der Roman überzeugt: Die Sprache ist klar, stellenweise poetisch, aber nie überladen. Die Beschreibungen der tropischen Landschaft, des Lichts, der Geräusche – all das schafft eine stimmige Atmosphäre, die sich gut mit der inneren Welt der Figuren verbindet. WOW! Lesley ist keine idealisierte Figur, sondern glaubwürdig gezeichnet – mit inneren Widersprüchen, Unsicherheiten und leisen Formen von Widerstand.
Erwähnenswert ist auch der literarische Kunstgriff, Somerset Maugham als Figur einzubauen. Er bleibt distanziert, aber aufmerksam, und dient gewissermaßen als Katalysator für die Erzählung – auch das sehr gelungen umgesetzt.
Nicht alle Handlungsstränge fand ich gleich spannend, manche Themen hätten für meinen Geschmack etwas gestraffter sein können. Dennoch überwiegt am Ende ein sehr positives Gesamtbild: ein Roman mit Tiefe, guter Beobachtungsgabe und einer historischen wie emotional glaubwürdigen Erzählweise.
Fazit: Das Haus der Türen ist ein ruhiger, intelligenter Roman mit gesellschaftlichem und politischem Hintergrund, gut eingebettet in eine persönliche Geschichte. Für Leserinnen und Leser mit Interesse an südostasiatischer Geschichte, britischer Kolonialzeit und fein erzählten Figurenbeziehungen absolut empfehlenswert.
Uneingeschränkte Empfehlung.

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Zartes Gefühl, harter Preis

Wut und Liebe
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Was haben ein mittelloser Künstler, eine karrierebewusste Buchhalterin und eine wohlhabende, alte Dame gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts – doch in Martin Suters neuem Roman Wut und Liebe kreuzen sich ...

Was haben ein mittelloser Künstler, eine karrierebewusste Buchhalterin und eine wohlhabende, alte Dame gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts – doch in Martin Suters neuem Roman Wut und Liebe kreuzen sich ihre Lebenswege in einer Geschichte über emotionale Abhängigkeiten, moralische Abgründe und die verzweifelte Suche nach Kontrolle über das eigene Leben.
Noah ist Anfang dreißig, ein Maler mit Talent, aber ohne wirtschaftlichen Erfolg. Seine Freundin Camilla – Buchhalterin, rational, zukunftsorientiert – trägt die finanzielle Last der Beziehung. Als sie sich trennt, wirkt es wie eine kluge Entscheidung: „Ich liebe dich, aber nicht das Leben mit dir.“ Eine nüchterne Trennung – oder doch eine Flucht vor einem Leben, das nicht den Erwartungen entspricht?
Was folgt, ist keine klassische Liebesgeschichte. Es ist vielmehr ein Roman über das, was nach dem Liebes-Aus bleibt: Wut, Leere, der Drang, sich zu beweisen – und eine fast groteske Hoffnung, durch materielle Sicherheit die Liebe zurückzugewinnen. Genau an diesem Punkt tritt Betty Hasler auf den Plan. Alt, scharfzüngig und reich, bietet sie Noah einen „Deal“ an, der auf Rache basiert – und auf ein Millionenvermögen. Moralisch fragwürdig? Absolut. Doch Suter macht deutlich: In der Grauzone zwischen verletzter Würde und menschlichem Verlangen gibt es selten eindeutige Entscheidungen.
Was Suter in diesem Roman wieder mal gelingt, ist die Balance zwischen psychologischer Tiefe und leichter, eleganter Erzählweise. Die Figuren wirken nie wie Stereotype – oft verwirrend, manchmal töricht, aber immer nachvollziehbar in ihren Widersprüchen. Besonders Noah, der zwischen Hilflosigkeit, kreativer Sehnsucht und wachsender Wut schwankt, entwickelt sich im Laufe der Geschichte zu einer tragischen Figur – nicht, weil er scheitert, sondern weil er glaubt, mit dem richtigen Einsatz die Liebe zurückkaufen zu können.
Auch Camilla ist mehr als nur die „kalte Berechnende“. Im zweiten Handlungsstrang gewinnt sie an Profil, versucht sich selbst zu behaupten – und verfängt sich dabei in einer eigenen Spirale aus Täuschung, Ernüchterung und Selbstinszenierung. Das Besondere: Auch sie wird von ihrer Version der Liebe angetrieben, aber in einer ganz anderen Tonlage als Noah.
Zwischen den Kapiteln entfaltet sich allmählich ein Beziehungs- und Gesellschaftsdrama, das sich gegen Ende zu einem fast thrillermäßigen Wirtschaftskrimi zuspitzt. Mit einem Gespür für Tempo und Timing lässt Suter die Handlung Fahrt aufnehmen, verwebt Kunstwelt mit Finanzskandalen, persönliche Niederlagen mit struktureller Ungerechtigkeit. Und dabei bleibt stets die titelgebende Ambivalenz: Wut und Liebe – beide Gefühle bedingen einander, nähren sich gegenseitig, fließen ineinander über.

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Ein feministischer Roman über Wissenschaft, Mutterrollen und die stille Weitergabe von Traumata

Die Summe unserer Teile
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Paola Lopez’ Debütroman Die Summe unserer Teile ist mehr als ein feinfühliges Familiendrama: Es ist ein feministisch grundierter, literarisch vielschichtiger Roman über drei Generationen von Frauen, deren ...

Paola Lopez’ Debütroman Die Summe unserer Teile ist mehr als ein feinfühliges Familiendrama: Es ist ein feministisch grundierter, literarisch vielschichtiger Roman über drei Generationen von Frauen, deren Leben nicht nur durch familiäre Bande, sondern durch eine gemeinsame Leidenschaft für die Wissenschaft miteinander verwoben sind – und die dennoch über Jahrzehnte voneinander entfremdet wurden. Die Geschichte spannt sich über achtzig Jahre und drei Kontinente – von Polen über den Libanon bis nach Deutschland – und berührt dabei zentrale Themen wie Selbstbestimmung, Rollenerwartungen und die Weitergabe (und den Bruch) generationsübergreifender Prägungen.
Drei Frauen, drei Wissenschaften – ein Kampf um Autonomie
Lopez erzählt von der Chemikerin Lyudmila, die als junge Frau aus dem vom Krieg zerstörten Polen in den Libanon flieht, wo sie sich eine wissenschaftliche Karriere in einem männlich dominierten Umfeld erkämpft – eine stille feministische Pionierleistung, für die sie jedoch einen hohen Preis zahlt: emotionale Kälte, soziale Isolation, Schweigen. Ihre Tochter Daria, geprägt von dieser Härte, wird Ärztin, Mutter, Ehefrau – und reproduziert in neuem Gewand jene Härten, unter denen sie selbst gelitten hat: Überforderung, Überbehütung, Übertragung unerfüllter Träume. Die jüngste Generation, Lucy, ist Informatikstudentin in Berlin – und sie ist es, die durch einen Zufall (der Lieferung des alten Konzertflügels ihrer Kindheit) beginnt, die Bruchstücke dieser komplizierten Familiengeschichte zusammenzufügen.
Diese Konstellation von drei Naturwissenschaftlerinnen ist kein Zufall – sie ist eines der feministischen Kernstücke des Romans. Lopez wählt ganz bewusst kein traditionelles "Frauenberufsfeld", sondern siedelt ihre Figuren in jenen Disziplinen an, in denen weibliche Stimmen über Jahrzehnte marginalisiert wurden. Dabei gelingt es ihr, nicht nur die strukturellen Hürden und unausgesprochenen Kompromisse sichtbar zu machen, sondern auch die inneren Spannungen zwischen Selbstverwirklichung und familiärer Verantwortung. Hier zeigt sich ein zentrales Motiv des Romans: die Frage, wie viel Platz einer Frau im Leben eigentlich zusteht – und wer diesen Platz definiert.
Mutterschaft zwischen Kontrolle, Verlust und Erbe
Lopez entwirft in Die Summe unserer Teile ein differenziertes Bild von Mutterschaft, das sich jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Die Mütter in diesem Roman lieben – aber sie überfordern, projizieren, schweigen oder verletzen. Die Autorin kratzt – wie Mareike Fallwickl treffend formulierte – „verkrustete Glaubenssätze über Mutterschaft“ auf und zeigt, wie mühsam es ist, sich von den Erwartungen der eigenen Herkunft zu befreien. Besonders deutlich wird das im Verhältnis zwischen Daria und Lucy: Die eine will das Beste für ihr Kind, überhäuft es mit Möglichkeiten, während sie zugleich emotionale Nähe nicht zulassen kann. Die andere rebelliert, bricht den Kontakt ab – und sucht doch sehnsüchtig nach einem Stück Zugehörigkeit.
Diese Darstellung von Mutterschaft ist feministisch im besten Sinne: Sie entlarvt gängige Narrative und zeigt die Ambivalenz, die Überforderung, den Versuch, es "richtig" zu machen – und dabei sich selbst und die Beziehung zum Kind zu verlieren. Keine der Figuren wird idealisiert, aber jede wird ernst genommen in ihrer Verletzlichkeit und Unvollkommenheit. Lopez macht deutlich: Mutterschaft ist keine biologische Selbstverständlichkeit, sondern eine komplexe soziale Praxis – voller Brüche, Widersprüche und ungelebter Sehnsüchte.
Sprachlosigkeit und das Schweigen zwischen den Generationen
Ein weiterer feministischer Aspekt des Romans liegt in seiner eindringlichen Darstellung intergenerationeller Traumata und der "vererbten Sprachlosigkeit". Lopez zeigt, wie Konflikte nicht aus dem Nichts entstehen, sondern sich über Generationen hinweg aufschichten: unausgesprochene Verletzungen, Tabus, Missverständnisse. Die weiblichen Figuren tragen nicht nur die Last ihrer individuellen Biografien, sondern auch das Schweigen ihrer Mütter und Großmütter – und beginnen, daran zu zerbrechen oder sich davon zu befreien.
Besonders Lucy steht exemplarisch für eine junge Generation, die versucht, nicht nur Antworten zu finden, sondern sich die Geschichte selbst zu erschließen. Ihre Reise nach Sopot ist auch eine Reise zu einem möglichen Neubeginn. Sie steht für einen leisen, aber entschlossenen Bruch mit den Mustern der Vergangenheit – ohne die Wurzeln zu kappen. Der Roman endet nicht mit einer vollständigen Versöhnung, aber mit einem tastenden, glaubwürdigen Schritt in diese Richtung.
Fazit: Ein vielstimmiger, feministisch geprägter Generationenroman
Die Summe unserer Teile ist ein bemerkenswerter Roman, der das Persönliche mit dem Politischen verwebt – leise, aber eindringlich. Paola Lopez gelingt es, Fragen nach Identität, Herkunft und Selbstverwirklichung mit einem feministischen Blick auf weibliche Lebenswege zu verbinden. Ihre Figuren sind glaubwürdig, ihre Konflikte real, ihre Entwicklung offen genug, um Spielraum für eigene Deutungen zu lassen.
Wer sich für Geschichten interessiert, in denen Frauen nicht nur über etwas, sondern für sich selbst sprechen, wird in diesem Roman eine starke literarische Stimme entdecken. Lopez erzählt nicht von Heldinnen – sondern von Frauen, die sich selbst und ihre Geschichte zurückerobern. Und das ist vielleicht das Feministischste, was Literatur leisten kann.

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Ein Herz für Nachbarn

Ms Darling und ihre Nachbarn
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Nachdem mich Freya Sampson bereits mit Menschen, die wir noch nicht kennen tief berührt und begeistert hat, war ich gespannt auf ihren neuen Roman Ms Darling und ihre Nachbarn. Und was soll ich sagen? ...

Nachdem mich Freya Sampson bereits mit Menschen, die wir noch nicht kennen tief berührt und begeistert hat, war ich gespannt auf ihren neuen Roman Ms Darling und ihre Nachbarn. Und was soll ich sagen? Auch diese Geschichte hat mich vom ersten Kapitel an nicht mehr losgelassen. Es ist ein Roman über Einsamkeit und Zusammenhalt, über Vorurteile und zweite Chancen – und über die Kraft, die in einer echten Gemeinschaft steckt.
Im Mittelpunkt steht Dorothy Darling, 77 Jahre alt, akribisch, streng – und auf den ersten Blick alles andere als liebenswert. Mit Argusaugen überwacht sie das Geschehen in Shelley House, protokolliert jede kleine Ordnungswidrigkeit, schreibt Beschwerdebriefe und lässt keine Gelegenheit aus, ihre Mitmenschen an Regeln zu erinnern, die oft nur in ihrem eigenen Kopf existieren. Dorothy scheint ein Relikt vergangener Zeiten zu sein – ein Mensch, der sich hinter Regeln und Routinen versteckt.
Doch dann zieht Kat ein, 25, laut, bunt, impulsiv – und, aus Dorothys Sicht, das Chaos in Person. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch zwingt ein gemeinsames Ziel sie dazu, ihre Vorurteile zu hinterfragen und aufeinander zuzugehen: Das geliebte Shelley House soll abgerissen werden, um Luxusapartments zu weichen. Als dann auch noch der hilfsbereite Nachbar Joseph Opfer eines brutalen Überfalls wird, ist klar – es braucht Zusammenhalt, wenn sie ihr Zuhause retten wollen.
Freya Sampson versteht es meisterhaft, Figuren zum Leben zu erwecken. Die Bewohner von Shelley House sind liebevoll gezeichnet – schrullig, verletzt, manchmal unnahbar, aber durchweg glaubwürdig. Mit jeder Seite wachsen sie einem mehr ans Herz. Was anfangs wie eine leichte Sommerlektüre wirkt, entwickelt schnell emotionale Tiefe. Jeder einzelne Charakter trägt seine eigene Geschichte mit sich, seine eigene Verletzlichkeit. Die leisen Töne, die Traurigkeit hinter der Fassade, der langsame Aufbau von Vertrauen – all das ist feinfühlig und warmherzig erzählt.
Besonders hervorzuheben ist auch die Übersetzung von Claudia Voit. Sie trifft den Ton der Originalfassung wunderbar und bewahrt die feinsinnige Balance zwischen Humor, Melancholie und Hoffnung, die Freya Sampsons Schreibstil so besonders macht.
Ms Darling und ihre Nachbarn ist ein Roman, der berührt, ohne kitschig zu sein. Er erzählt davon, wie schnell man Menschen abstempelt – und wie heilsam es sein kann, ihnen dennoch eine Chance zu geben. Wie aus Fremden Freunde werden können, wenn man bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen.
Mein Fazit:
Ein wunderbares Buch über Gemeinschaft, Mut und die Magie des zweiten Blicks. Ideal für alle, die Geschichten über ungewöhnliche Freundschaften, stille Helden und die Kraft des Zusammenhalts lieben. Perfekt für den Sommer – oder für jeden Tag, an dem man sich ein wenig Hoffnung und Herzenswärme wünscht. Absolute Leseempfehlung!

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