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Veröffentlicht am 18.05.2024

Grenzen überwindende Liebesgeschichte mit Tiefgang, gespickt mit allerlei Lebensweisheiten

Das Ende von gestern ist der Anfang von morgen
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„Für ein selbstbestimmtes Leben hilft es, wenn man sich freimachen kann vom Urteil anderer.“: diese Textpassage entspricht für mich der Kernaussage des Buches und ist viel mehr als das…
Ein Buch mit zwei ...

„Für ein selbstbestimmtes Leben hilft es, wenn man sich freimachen kann vom Urteil anderer.“: diese Textpassage entspricht für mich der Kernaussage des Buches und ist viel mehr als das…
Ein Buch mit zwei Handlungssträngen:
der Gegenwart, die die Geschichte von Gil erzählt, die nach einer frischen Trennung von ihrem Freund endlich in eine eigene bezahlbare Mietwohnung in ein altes viktorianisches Haus in den Londoner Stadtteil Camden ziehen kann und der Vergangenheit von 1974, geprägt von der Industrialisierung, hohen Arbeitslosigkeit und Inflation, in der die schüchterne Pippa, aufgewachsen in einer reichen Politikerfamilie auf dem Land, sich auf einem Street Rock Konzert in einem Londoner Club in den Sänger Oz verliebt.
Beide Protagonistinnen haben auf ihre Art gegen familiäre und gesellschaftlichen Erwartungen zu kämpfen. Je unterschiedlicher beide Geschichten in den beiden verschiedenen Zeitebenen nicht sein können, um so ähnlicher sind sich doch beide.
Gil, ein oft unentschlossener, leichtsinniger Herzensmensch, umgeben von tollen Freunden, ist nach der Trennung auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens und der richtigen Dosis von Allem und trifft in ihrem neuem zu Hause auf den schüchternen Dokumentarfilmer Owen, der dabei noch eine wichtige Rolle einnehmen wird.
Pippa, die stark geprägt durch die politischen und gesellschaftlichen Ansichten ihres Elternhauses eigentlich dachte zu wissen, wie ihr zukünftiger Weg im Leben auszusehen hat, entwickelt durch die bedingungslose Liebe zum Punk-Sänger Oz ein nie da gewesenes Selbstwertgefühl, frei von Konventionen, Bevormundung und Oberflächlichkeiten und erfährt dabei „Ehrlichkeit, Freiheit und Emanzipation“. Das dies die ganze Fassade der Familie zum Wanken bringt, kann man nur erahnen und soll hier auch nicht weiter beschrieben werden, denn sonst würde ich spoilern.

Ich, die ehrlich gesagt, neugierig geworden durch das Cover mit dem Schmetterling, auf diese Geschichte gestoßen bin und sonst Bücher, wo Jahreszahlen auftauchen gleich unbeachtet zur Seite legt, habe mich beim Einlesen sofort in die Geschichte verliebt. Ich war Feuer und Flamme und war neugierig auf den Fortgang.
Zunächst skeptisch, ob beide Handlungsstränge Einfluss auf den Lesefluss haben könnten, konnte durch den tollen flüssigen und bildlichen Schreibstil der Autorin Kathinka Engel dass Buch kaum noch aus der Hand legen. Man hatte das Gefühl, man steht als Beobachter mittendrin im Geschehen und müsste zeitweise, überwältigt von all den ausgelösten Emotionen, in den Handlungsstrang eingreifen.

Ich fand faszinierend, wie viele Parallelen beide Protagonistinnen miteinander haben, trotz Aufwachsen in verschiedenen Zeiten und wie beide Geschichten doch miteinander verwoben sind und sich am Ende ineinander auflösen.
Ich liebe die gut verpackten Lebensweisheiten der Autorin, die mich oft selbst zum Nachdenken anregten und zeitlos allseits präsent sind. Ich habe gelernt, dass Glück für jeden etwas anderes bedeutet und ohne „Unglück“, das Wort „Glück“ an sich erst gar nicht definierbar wäre.

Die Liebesgeschichte ist keinesfalls schnulzig und für alle Altersgruppen von Lesern geeignet.
Also los einfach kaufen und lesen, es wird Euch in den Bann ziehen.

Ach ja, nochmal zum Cover: der Schmetterling, der bei der Entwicklung von der Raupe zum Schmetterling eine unglaubliche Entwicklung hinlegt, der ein Symbol von Wandel und Transformation ist. Das habe ich im Netz dazu gefunden: „Er soll uns Unbeschwertheit und Freude bringen, uns in schwierigen Situationen helfen, Probleme hinter uns zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Er hilft uns, Stillstand zu überwinden, schenkt Hoffnung und weckt die Lust auf Neues in uns. Deswegen steht er auch für Neuanfang“. Tja, wenn das nicht für‘s Buch und seine Geschichte passt.
Obwohl ein Apfel oder Apfelbaum auch passend gewesen wäre.
Warum? Findet es heraus!

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Veröffentlicht am 30.06.2025

"Messer vor Leben"

Emotional Female
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Ein leiser, tragischer Leitspruch des Romans, mit einer tiefgreifenden persönlichen-existenziellen und kritischen Bedeutung.
Er thematisiert eindrucksvoll die Spannung zwischen Berufung und persönlichen ...

Ein leiser, tragischer Leitspruch des Romans, mit einer tiefgreifenden persönlichen-existenziellen und kritischen Bedeutung.
Er thematisiert eindrucksvoll die Spannung zwischen Berufung und persönlichen Verlust.
Er wird zur bitteren Selbsterkenntnis oder sogar zu einer Anklage gegen das System, das von Chirurg:innen fordert, ihre eigenen Lebensbereiche (Familie, Freizeit, Selbstfürsorge) zugunsten ihrer Arbeit zu opfern.

Yumiko Kadota, bereits in ihrer Kindheit durch japanischen Leistungsethos geprägt, erzählt eindrücklich ihren Weg von der ehrgeizigen Medizinstudentin zur angehenden plastischen Chirurgin in Australien.
Sie schildert ihren alltäglichen Klinikalltag, geprägt von Überarbeitung, Sexismus, sexuelle Belästigung durch übergestellte „Kollegen“, Mobbing und Rassismus, stets als zu schwach - als„emotional female" abgewertet.
Durch die tagelangen 24-Stunden-Schichten und Rufbereitschaften plagten sie massive Erschöpfungszustände, Vereinsamung, geistige Unruhe und Schlafprobleme.
Sie besaß keine Zeit mehr, Beziehungen zu pflegen, pflegte kaum noch Kontakte zu Freunden, Eltern und Geschwistern, achtete kaum noch auf ihre eigene Bedürfnisse, vergaß Rechnungen zu bezahlen, aß nicht mehr vernünftig, äußert lautstark ihren Frust und ihre Unzufriedenheit, distanzierte sich psychisch von ihrer Arbeit bis hin zu Gedanken an Selbstverletzung.
Sie agierte nur noch im Überlebensmodus.
Schon beim Lesen kann man den Druck und den Stress spüren. Man fühlt sich als Leser selbst total gehetzt und aufgewühlt. Der kommende Burnout schrie einem förmlich aus dem Buch entgegen.
Zu der fehlenden beruflichen Unterstützung und beruflichen Überforderung, kamen noch Zulassungsprobleme und die damit verbundene drohende Arbeitslosigkeit und der Verlust ihres Selbstwertgefühls.
Auch die „Flucht“ in den Sport, der ihr sonst wenigstens zu etwas Hochgefühl verhalf, führte nur noch zu Misserfolgen.
Der komplette Kontrollverlust, der sonst so durchstrukturierten Yumiko Kadota führte zur Kapitulation, zur Kündigung.
Eine ehemalige vor Energie sprühende und für ihr Fach „brennende“ brilliante Assistenzärztin wird so verheizt, dass sie ihr „Ikigai“ (Lebenszweck) und ihr „Kojo“ (Mut, Entschlossenheit, Kampfgeist) verliert und in einer schweren Depressionen und Burnout landet.

Sie beschreibt anfänglich recht nüchtern und steril, stellenweise recht oberflächlich.
Das Erlebte niederzuschreiben, war für die Autorin sicherlich recht schwer und hat sicher sehr viele unangenehme Erinnerungen und negative Gefühle geweckt.
Medizinische Fachausdrücke werden aber stets einfach umschrieben und für jeden Leser gut erklärt, so dass es auch Nicht-Mediziner verstehen.
Man spürt wie die Euphorie und Hingabe zu Beginn, der inneren Leere und Abstumpfung Yumiko Kadotas bis zum Burnout weichen, bis auch sie, trotz japanisch anerzogener Zurückhaltung anfängt, für ihre Verhältnisse, nach außen “laut“ aufzubegehren. Sie beginnt einen Blog zu schreiben, aus dem auch dieses Buch heraus entstand.
Sie beschreibt ihren inneren und auch äußeren Heilungsweg, welche Rolle Familie und Freunde, aber auch das medizinische System und ihr verlorenes Vertrauen darin, spielten.
Ab da änderte sich für mich gefühlsmäßig der Schreibstil, er wirkte lockerer, losgelöster, gelassener, entspannter, flüssiger.

Mmh, was erwartet man, wie und wo sollte man das Buch einordnen?
Also wer ein Buch á la Grey’s Anatomy mit aufregenden medizinischen Fällen, ein paar schmutzige Geschichten und etwas Drama erwartet, wird enttäuscht sein.
Als ein „Weg aus dem Burnout, Anleitung zur Selbsthilfe“ ist es mit Sicherheit auch nicht zu verstehen, dazu ist es wieder zu sehr subjektiv und zu einseitig beleuchtet und bei den entsprechenden Passagen der Heilung zu oberflächlich und nicht tiefgründig genug.
Es ist geeignet für Mediziner:innen, Studierende, Angehörige im Gesundheitswesen, aber auch für alle Leser:innen mit Interesse an medizinischen Themen, Einzelbiografien und persönlicher Entwicklung.
Für ein medizinisches Sachbuch ist es natürlich zu wenig detailgetreu.
Ich hätte mir tiefergehende Erklärungen der Facharztausbildung und des australischen Gesundheitssystem gewünscht.
Ich habe die zentrale Vergabe der Assistenzarztstellen und die Zulassungskriterien für das Facharztprogramm nicht ganz verstanden bzw. waren sie für mich nicht so nachvollziehbar, hätte mir da mehr Einblicke gewünscht.
Es handelt sich für mich eher um ein „Manifest“, sie selbst bezeichnet es als ihre „Memoiren“, einen schonungslosen menschlich subjektiven Bericht über den Alltag einer Ärztin, in einer immer noch von starken Hierarchien geprägten Branche mit ihren systemischen Problemen und ihren schweren steinigen Weg aus dem Burnout, des sich Selbst-Wiederfindens, Sich-an-sich-selbst-glaubens und der Wiedererlangung des Vertrauens in andere Menschen.

Für mich ist sie eine „Emotional Female“, dass ist aber auch gut so, das macht sie menschlich.
Ihr Umgang mit ihren Patienten und ihre Hingabe zu ihren Beruf sind für mich vorbildlich, da können sich sicher einige Ärzte:innen ein „Scheibe“ von Abschneiden.

Nebenbei bemerkt fand ich die kurzweiligen Einblicke in die japanische Kultur und Traditionen sehr interessant.

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Veröffentlicht am 14.05.2025

Familientragödie im Paradies der Orkney-Inseln

Die Inselschwimmerin
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Lorraine Kelly‘s Debütroman „Die Inselschwimmerin“ nimmt uns mit auf eine emotionale Reise zu den schottischen Orkney-Inseln.
Wer wider des Titels und der Beschreibung im Bucheinband meint, hier einen ...

Lorraine Kelly‘s Debütroman „Die Inselschwimmerin“ nimmt uns mit auf eine emotionale Reise zu den schottischen Orkney-Inseln.
Wer wider des Titels und der Beschreibung im Bucheinband meint, hier einen schönen „Heimatroman“ in den Händen zu halten, der wird leider enttäuscht sein…
nichts desto trotz lohnt es sich…
Evie landet 20 Jahre, nachdem sie die Insel aufgrund eines traumatischen Ereignisses in ihrer Kindheit verlassen musste, auf den wunderschönen, smaragdgrün schimmernden Inseln mit ihrem „türkis und azurblau“ leuchtendem Meer und „weißen Stränden“, um sich mit ihrem Vater zu versöhnen.
Leider verstirbt dieser noch vor ihrer Ankunft.
Sie kommt vorübergehend bei der guten Seele der Insel und der ehemals besten Freundin ihres Vaters namens Freya (ehemals Magnus) unter.
Der Start der Geschichte in der Gegenwart und der Schreibstil brachten mich beim Lesen schnell ins Geschehen. Auch den Erzählstil in der 3. Person, fand ich geschickt gewählt. So konnte ich mir die Personen, deren Charaktere und Gefühlswelten selbst ausmalen und beleuchten.
Die Autorin nimmt den Leser mit auf eine emotionale Reise in Evies Schatten der Vergangenheit; ihrem Aufwachsen in einer durch Leid, Traurigkeit, Gleichgültigkeit und Überforderung geprägten Familie; in das Jahr des schicksalhaften Ereignisses, welches ihr zukünftiges Leben einprägsam veränderte und in dessen Aufarbeitung- alles gespickt mit atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen der Orkney-Inseln.
Schritt für Schritt, Kapitel für Kapitel arbeitet sie dabei gemeinsam mit dem Leser Evie’s Vergangenheit auf.
Dabei findet Evie Trost in der engen Gemeinschaft der hilfsbereiten Inselbewohner und einer Gruppe von Kaltwasserschwimmerinnen den „Selkies“, die ihr helfen, sich ihren inneren Dämonen zu stellen.
Dabei werden viele zeitgemäße Themen, wie Narzissmus, Sucht, Alzheimer, Transsexualität, Gaslighting, toxische Beziehung, emotionaler Missbrauch, Fehlgeburt, Traumabindung und fremdorientierter Perfektionismus mit eingewoben.
Die Geschichte ist anfänglich gut erzählt und gut aufgebaut.
Sie liest sich flüssig, ist oft sehr emotionsgeladen.
Durch die zum Ende hin vielen kleinen, für mich eher unbedeutenden, oft etwas märchenhaft wirkenden Nebenhandlungen, die gefühlt mehr Gewichtung bekommen, als der Titel, auf den zum Ende hin nur kurz Bezug genommen wird, verliert sich die Geschichte und der Spannungsbogen geht langsam verloren.
Ich hätte mir bei manchen Themen, die aufgegriffen wurden, viel mehr Tiefe gewünscht, allzumal die Selkies aus der keltischen Mythologie doch eine sehr interessante Überlieferung zu sein scheinen.

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