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Veröffentlicht am 19.05.2020

Lange Einleitung zu Band zwei

Das Buch der gelöschten Wörter - Der erste Federstrich
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​Was geschieht wohl mit all den Wörtern, die wir im Laufe unseres Lebens löschen? Dieser Frage geht Mary E. Garner in ihrer Reihe "Das Buch der gelöschten Wörter" nach. Protagonistin ist dabei die Londonerin ...

​Was geschieht wohl mit all den Wörtern, die wir im Laufe unseres Lebens löschen? Dieser Frage geht Mary E. Garner in ihrer Reihe "Das Buch der gelöschten Wörter" nach. Protagonistin ist dabei die Londonerin Hope Turner. In ihrem Job für eine Partnervermittlung verhilft sie einsamen Herzen zu einem Happy End - sie selbst ist nun jedoch schon seit einigen Jahren Single. Eines Tages rettet sie sich vor dem Regen in eine Buchhandlung, in der sie einen seltsam vertrauten Duft wahrnimmt und in der ein mysteriöser Mann quasi vor ihren Augen verschwindet. Dann lernt sie auch noch Rufus Walker kennen, der ihr Unglaubliches offenbart: Die Buchhandlung ist ein Portal in die Welt der Bücher, in der sowohl Menschen als auch Romanfiguren miteinander leben. Und Hope selbst hat eine wichtige Fähigkeit, die das Überleben dieser Welt sichern kann.

Die Idee des Romans klingt zunächst großartig, wenn auch nicht ganz neu. Eine Welt, in der all unsere liebsten Charaktere zum Leben erwachen, welche Leseratte wünscht sich das nicht? Und so ist Hope auch ganz aufgeregt, als sie zum ersten Mal in die Welt von Jane Austen reist. Nach und nach lernt sie immer mehr Figuren kennen und entwickelt sogar eine Freundschaft zu Guinevere aus der Artussage, die sich hier ganz modern Gwen nennt und von ihrem Lancelot die Nase voll hat. Aber auch Lassie und die Grinsekatze, Pinocchio und Gepetto, Robin Hood und König Löwenherz und viele andere sind mit von der Partie. Leider gelingt es der Autorin nicht, dieses eigentlich tolle Konzept richtig umzusetzen. Die Charaktere sind oft nur Schatten ihrer selbst, Persiflagen auf Kosten eines schnellen Lachers oder ohne jegliche Kontur. Nur Gwen, die sich nach einem Ausbrucht aus ihrer Rolle sehnt oder Anna Karenina, die ihre eigenen Ziele verfolgt, bilden hier eine Ausnahme.

Zunächst war ich auch angenehm überrascht, dass mit Hope einmal eine Frau jenseits der dreißig im Fokus steht. Leider verliert diese sich bald in kindischen Schwärmereien für den mysteriösen Unbekannten, einem sentimentalen Aufeinandertreffen mit ihrem Ex-Freund sowie in Streitereien mit Mentor Rufus. Der entspricht in seiner Darstellung als immer grummeliger, bärtiger, höchst geheimnisvoller Mann jedem Klischee. Hinter all diesen Nebenschauplätzen tritt der eigentliche Kern der Geschichte immer mehr zurück. Zudem liest sich der gesamte Band wie das, was er eigentlich auch ist: eine lange Einleitung zu Band zwei. Denn gerade, als es richtig spannend wird und die Handlung endlich Fahrt aufgenommen hat, ist das Buch auch schon zu Ende. Übrig bleibt ein fieser Cliffhanger, der natürlich zum Weiterlesen verführen soll. Seltsamerweise schafft die Autorin trotz aller Kritikpunkte genau das: Ich will weiterlesen, meine eigenen wilden Theorien überprüfen und mehr über diese verlockende Welt erfahren. Und das ist doch auch etwas wert, oder?

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Veröffentlicht am 23.03.2020

Mehr Historie, weniger Fantastik, bitte!

Der Wassertänzer
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Schon seit seiner Geburt ist der junge Hiram Walker Sklave auf der Plantage Lockless. Als unehelicher Sohn des weißen Plantagenbesitzers erfährt er jedoch eine etwas bessere Behandlung als seine Leidensgenossen ...

Schon seit seiner Geburt ist der junge Hiram Walker Sklave auf der Plantage Lockless. Als unehelicher Sohn des weißen Plantagenbesitzers erfährt er jedoch eine etwas bessere Behandlung als seine Leidensgenossen und zieht schließlich sogar in das Herrenhaus ein, um seinem Halbruder als Diener zur Seite zu stehen. Dort bemerkt man seine Intelligenz und seinen besonderen, wachen Verstand und so wird er in Zukunft auch vom Hauslehrer Mr. Fields unterrichtet. Hiram ist zwiegespalten: außer Vater und Halbbruder besitzt er keine leibliche Familie mehr. Von seiner Mutter, die bereits vor Jahren verkauft wurde, ist ihm nur eine besondere, übernatürliche Fähigkeit geblieben, die in Zukunft noch mehrmals sein eigenes Leben und das anderer Menschen retten soll. Als ihn dann eines Tages die Sklavin Sophia, in die er heimlich verliebt ist, zur Flucht anstiftet, stürzt dies Hiram in einen Konflikt: Kann er einfach seine Ziehmutter Thena zurücklassen, um sich selbst ein besseres Leben zu verschaffen? Und was bedeutet es eigentlich, wirklich frei zu sein?

Der Grundtenor von Ta-Nehisi Coates' neuestem Roman ist sicherlich interessant. In "Der Wassertänzer" verbindet er eine klassische Geschichte aus dem Zeitalter der Sklaverei in den USA mit einem fantastischen Element. Dieses mag zwar in dem Glauben der so genannten "Verpflichteten" verankert sein, wirkt aber etwas fehl am Platze. Möglicherweise hätte der Autor sich hier besser auf einen Aspekt der Handlung beschränkt, den historischen oder den übersinnlichen - so bleibt diese über lange Strecken verwirrend, an anderer Stelle hingegen wiederholen sich immer gleiche Elemente. Der Protagonist Hiram soll sich durch seine Art zu denken plakativ von den anderen Sklaven unterscheiden, seine Handlungen jedoch sprechen eine andere Sprache. Er bleibt hinter den Erwartungen des Lesers zurück, lässt sich zu viel von anderen um ihn herum beeinflussen und redet oft altklug daher. Zu einigen Menschen ist er bedingungslos (und unverdient?) loyal, andere lässt er immer wieder im Stich. Das mag natürlich auch seinem jugendlichen Alter geschuldet sein, dennoch wirkt er inkonsequent gestaltet.

Überhaupt erscheint in diesem Roman viel Potenzial verschenkt. Interessant ist einzig Hirams Flucht von der Plantage und seine anschließende Zeit im "Untergrund" - zumindest so lange, bis auch hier sich immer gleiche Szenen und Gespräche wiederholen. Es stellen sich zudem die verschiedensten Fragen: Ist Hiram in seinem neuen Leben wirklich so viel freier als zuvor? Ist es in Ordnung, im Zuge seiner Freiheit, auch Mitgefühl für andere und ein Stück weit auch seine Moral hinter sich zu lassen? Eine befriedigende Antwort gibt Ta-Nehisi Coates hier nicht, sondern ergeht sich vor allem gegen Ende in rührseligen spirituellen Szenen, in der unser Protagonist endlich zu seiner vererbten Superkraft findet. Mehr Historie, weniger Fantastik - das hätte diesem Roman gutgetan.

Fazit: Ein Buch mit großem Potenzial, das am Ende zu viel auf einmal will

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Veröffentlicht am 01.12.2019

Der schwächste Band bisher

Die Spiegelreisende 3 - Das Gedächtnis von Babel
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Fast drei Jahre sind vergangen, seit Ophelia Thorn das letzte Mal gesehen hat. Drei Jahre, seit dem Tag, an dem er ihr endlich seine Liebe gestanden hat. Nun ist Ophelia wieder nach Anima zu ihrer Familie ...

Fast drei Jahre sind vergangen, seit Ophelia Thorn das letzte Mal gesehen hat. Drei Jahre, seit dem Tag, an dem er ihr endlich seine Liebe gestanden hat. Nun ist Ophelia wieder nach Anima zu ihrer Familie zurückgekehrt und verbringt ihre Zeit nur noch lesend im Bett. In ihrem geliebten Archiv hat sich so viel verändert, dass sie dort nicht mehr arbeiten kann und auch den Kontakt zu ihren Verwandten beschränkt unsere Protagonistin auf ein Minimum.

Doch dann tauchen eines Tages Archibald, Gwenael und Reineke bei Ophelia auf, ihre alten Freunde aus der Himmelsburg und wollen sie überreden, gemeinsam mit ihnen einen Weg zur Arche Erdenbogen zu suchen. Die jedoch entscheidet sich, stattdessen allein zur Arche Babel zu reisen, wo sie sich Informationen zu Gott, der Entstehung der Archen und vor allem zum Aufenthaltsort von Thorn erhofft. Dort angekommen schleicht Ophelia sich unter dem Decknamen Eulalia in die örtliche Akademie der "Guten Familie" ein, um Vorbotin zu werden und Zugang zu den geheimen Archiven zu erhalten. Von nun an hat sie mit Neidern, strengen Lehrmeistern und vor allem mit ihrer Einsamkeit zu kämpfen.

"Die Spiegelreisende" hat sich in diesem Jahr definitiv zu meinen liebsten Reihen gesellt, aber ich muss zugeben, dass Band drei leider der bisher schwächste ist. Die Handlung fühlt sich mehr wie ein Füllwerk an, der Hauptstrang wird nicht nennenswert vorangetrieben. Außerdem leidet die Geschichte, meiner Meinung nach, darunter, dass Ophelia alle lieb gewonnenen Charaktere zurücklässt. Archibald, Gwenael, Reineke, Roseline und Berenilde - sie alle sind zu blassen Randfiguren degradiert. Es werden zwar durchaus auch neue Figuren eingeführt, die können aber mit ihren Vorgängern nicht mithalten.

Ophelia selbst ist gewohnt unsicher und stellt sich ständig die Frage, ob sie für diese oder jene Aufgabe "gut genug" sei. Eine Eigenschaft, die sie nach zwei Bänden Abenteuern langsam ablegen könnte. Auch bleibt ihr ganzes Handeln weitestgehend unverständlich: In der Himmelsburg hat sie andauernd Heimweh nach Zuhause; auf Anima würdigt sie ihre Familie dann aber kaum eines Blickes. Dann sehnt sie sich kapitellang nach Thorn, nur um dann, als sie ihn endlich findet, vollkommen zu verstummen. Noch dazu verwandelt sich unsere Heldin von diesem Punkt an in ein liebes Frauchen, das nur noch gefallen möchte, anstatt dem verschwundenen Ehemann eine schallende Ohrfeige zu verpassen.

Spannend liest sich "Das Gedächntnis von Babel" allemal, für Band vier wünsche ich mir aber wieder mehr von den Zutaten, die Band eins und zwei so grandios gemacht haben: Abenteuer, gute Freundschaften und ein bißchen Romantik.

Veröffentlicht am 29.10.2025

Leider nicht überzeugend

HEN NA IE - Das seltsame Haus
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Ein junger, auf Okkultismus spezialisierter Autor wird von einem Freund gebeten, sich vor einem Kauf den Grundriss eines Hauses anzusehen. Der wiederum zieht den Architekten Kurihara hinzu. Gemeinsam analysieren ...

Ein junger, auf Okkultismus spezialisierter Autor wird von einem Freund gebeten, sich vor einem Kauf den Grundriss eines Hauses anzusehen. Der wiederum zieht den Architekten Kurihara hinzu. Gemeinsam analysieren die beiden die Anordnung der Zimmer und schon bald fallen ihnen Ungereimtheiten auf. Warum hat das Haus einen versteckten Geheimraum? Warum ist das Kinderzimmer so seltsam geschnitten? Als schließlich eine Frau auftaucht und behauptet, ihr Ehemann sei vermutlich aus genau diesem Haus verschwunden, müssen die beiden unbedingt die Wahrheit herausfinden.

„HEN NA IE. Das seltsame Haus“ ist bereits der zweite Band aus der Feder des japanischen Autors Uketsu (deutsche Übersetzung: Heike Patzschke), der jedoch in Japan zuerst veröffentlicht wurde. Das erklärt auch, warum sein Stil noch sehr ungeschliffen klingt und warum die Technik, rund um bestimmte Objekte zu erzählen, hier noch nicht sehr ausgereift ist. Der Autor selbst hat den Roman mit seiner heutigen Erfahrung noch einmal neu überarbeitet, eine japanische Version kann man auf einer Website kostenfrei nachlesen.

Eines vorweg: „Seltsame Bilder“ mochte ich wirklich sehr gern. Mir gefiel die Idee, anhand von Zeichnungen Kriminalfälle aufzulösen und am Ende waren allen Handlungsstränge geschickt verbunden. An „Das seltsame Haus“ habe ich leider einiges zu bemängeln. Die Geschichte wird an insgesamt drei Grundrissen erzählt, die immer wieder wiederholt werden. In diese Grundrisse interpretieren der Erzähler und Kurihara die wildesten Mordgeschichten hinein, die sich am Ende auf magische Weise als Wahrheit herausstellen.

Es ist dabei nicht nur die Tatsache, dass es unmöglich erscheint, all das aus einem Grundriss herauszulesen, sondern auch die Motivation, die hinter den begangenen Verbrechen stehen soll, ist absolut unglaubwürdig. Zudem bleiben leider kleine Logiklücken, die nicht aufgelöst werden. Schade, aber dieser Band war leider nichts für mich – ich hoffe, dass sich das in zukünftigen wieder ändern wird, denn das Konzept finde ich wirklich spannend!

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Veröffentlicht am 15.05.2025

Viel Rant, wenig Lösung

Entromantisiert euch!
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„Entromantisiert euch!“ ist das zweite Sachbuch der Autorin und Kulturwissenschaftlerin Beatrice Frasl. Im ersten von insgesamt drei Kapiteln beleuchtet sie die romantische Liebe im Allgemeinen, im zweiten ...

„Entromantisiert euch!“ ist das zweite Sachbuch der Autorin und Kulturwissenschaftlerin Beatrice Frasl. Im ersten von insgesamt drei Kapiteln beleuchtet sie die romantische Liebe im Allgemeinen, im zweiten geht es dann um die heterosexuelle Normbeziehung und wie sie Frauen schadet, während der dritte Teil Lösungsvorschläge liefert.

Im Grundsatz stimme ich vielem zu, was die Autorin aufzeigt und kritisiert. Die romantische Beziehung zwischen Menschen steht in der Gesellschaft klar im Fokus und wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass jeder um uns herum eine solche Beziehung führen will. Wir empfinden sie als das große Glück und legen auf sie oft einen größeren Wert als auf lebenslange Freundschaften. Auch die Beobachtungen aus Kapitel zwei waren mir nicht neu: In Beziehungen profitieren Männer mehr als Frauen; Männer sind in der Ehe am glücklichsten, Frauen als Singles. Hinzu kommen Themen wie Gewalt in Beziehungen und ungleich verteilte Care-Arbeit – alles ganz klar, hier gibt es für mich keinen Diskussionsbedarf.

Was ich kritisieren möchte, ist die Herangehensweise der Autorin an ihr Thema. Das beginnt schon damit, dass sie im Prinzip im Vorwort schreibt: wer mein Buch kritisiert, ist doof. Sie spricht von Beginn an als Feministin anderen Feministinnen ab, eine gleichberechtigte romantische Partnerschaft führen zu können. Das gehe, so Frasl, nicht. Punkt. Genauso trifft sie viele weitere absolute Aussagen: über Männer, über Frauen, über Disney-Prinzessinnen – und schon beim Lesen weiß ich, ich kann zu vielem Gegenbeispiele nennen. Das macht die Autorin auch, aber ganz versteckt und kurz im dritten Kapitel. Dieses für mich wichtigste Kapitel, das eigentlich Lösungen aufzeigen soll, sagt einfach ganz lapidar: „Lol, habt einfach keine romantischen Beziehungen mehr, zumindest nicht als Frau mit einem Mann.“

Genau das ist für mich auch ein weiteres Manko, denn wenn Frasl über DIE romantische Liebe spricht, meint sie Männer und Frauen. Queere Menschen und ihre Beziehungen werden nur dann eingebracht, wenn sie den Punkt unterstreichen, den die Autorin gerade machen will. Dazu kommen Argumente wie „Schon im Mittelalter wurde die Liebe als Krankheit angesehen“ – ja gut, aber da wurden auch Frauen als Hexen verbrannt, was soll mir das in Bezug auf moderne romantische Beziehungen sagen? Oder auch: „Verliebtheit ist nur der Wunsch nach Reproduktion“ – und wie erklärt das Verliebtheit zwischen gleichgeschlechtlichen Partner
innen?

Fazit: Wichtige Ansätze, aber eigentlich nur ein langer Rant über das Patriarchat ohne echte Lösungen.

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