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Veröffentlicht am 15.05.2025

Viel Rant, wenig Lösung

Entromantisiert euch!
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„Entromantisiert euch!“ ist das zweite Sachbuch der Autorin und Kulturwissenschaftlerin Beatrice Frasl. Im ersten von insgesamt drei Kapiteln beleuchtet sie die romantische Liebe im Allgemeinen, im zweiten ...

„Entromantisiert euch!“ ist das zweite Sachbuch der Autorin und Kulturwissenschaftlerin Beatrice Frasl. Im ersten von insgesamt drei Kapiteln beleuchtet sie die romantische Liebe im Allgemeinen, im zweiten geht es dann um die heterosexuelle Normbeziehung und wie sie Frauen schadet, während der dritte Teil Lösungsvorschläge liefert.

Im Grundsatz stimme ich vielem zu, was die Autorin aufzeigt und kritisiert. Die romantische Beziehung zwischen Menschen steht in der Gesellschaft klar im Fokus und wir gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass jeder um uns herum eine solche Beziehung führen will. Wir empfinden sie als das große Glück und legen auf sie oft einen größeren Wert als auf lebenslange Freundschaften. Auch die Beobachtungen aus Kapitel zwei waren mir nicht neu: In Beziehungen profitieren Männer mehr als Frauen; Männer sind in der Ehe am glücklichsten, Frauen als Singles. Hinzu kommen Themen wie Gewalt in Beziehungen und ungleich verteilte Care-Arbeit – alles ganz klar, hier gibt es für mich keinen Diskussionsbedarf.

Was ich kritisieren möchte, ist die Herangehensweise der Autorin an ihr Thema. Das beginnt schon damit, dass sie im Prinzip im Vorwort schreibt: wer mein Buch kritisiert, ist doof. Sie spricht von Beginn an als Feministin anderen Feministinnen ab, eine gleichberechtigte romantische Partnerschaft führen zu können. Das gehe, so Frasl, nicht. Punkt. Genauso trifft sie viele weitere absolute Aussagen: über Männer, über Frauen, über Disney-Prinzessinnen – und schon beim Lesen weiß ich, ich kann zu vielem Gegenbeispiele nennen. Das macht die Autorin auch, aber ganz versteckt und kurz im dritten Kapitel. Dieses für mich wichtigste Kapitel, das eigentlich Lösungen aufzeigen soll, sagt einfach ganz lapidar: „Lol, habt einfach keine romantischen Beziehungen mehr, zumindest nicht als Frau mit einem Mann.“

Genau das ist für mich auch ein weiteres Manko, denn wenn Frasl über DIE romantische Liebe spricht, meint sie Männer und Frauen. Queere Menschen und ihre Beziehungen werden nur dann eingebracht, wenn sie den Punkt unterstreichen, den die Autorin gerade machen will. Dazu kommen Argumente wie „Schon im Mittelalter wurde die Liebe als Krankheit angesehen“ – ja gut, aber da wurden auch Frauen als Hexen verbrannt, was soll mir das in Bezug auf moderne romantische Beziehungen sagen? Oder auch: „Verliebtheit ist nur der Wunsch nach Reproduktion“ – und wie erklärt das Verliebtheit zwischen gleichgeschlechtlichen Partner
innen?

Fazit: Wichtige Ansätze, aber eigentlich nur ein langer Rant über das Patriarchat ohne echte Lösungen.

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Veröffentlicht am 03.04.2025

Hält nicht, was das Marketing verspricht

Magritte und Georgette
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Der Maler René Magritte sieht an der Tramhaltestelle eine junge Frau, die ihn sofort fasziniert. Zuhause angekommen, muss er sie einfach malen – was seiner Frau Georgette gar nicht gefällt. Schließlich ...

Der Maler René Magritte sieht an der Tramhaltestelle eine junge Frau, die ihn sofort fasziniert. Zuhause angekommen, muss er sie einfach malen – was seiner Frau Georgette gar nicht gefällt. Schließlich war sie bisher immer seine Muse. Doch dann der Schock: In der Impasse du Cheval wurde eine Frauenleiche gefunden und es ist Madeleine, die junge Frau von der Haltestelle. Magritte will nun unbedingt selbst ermitteln und stürzt sich mit Georgettes Hilfe auf den Fall. Doch Madeleine soll nicht das einzige Opfer bleiben.

„Magritte & Georgette“ ist der erste Band der Reihe um den bekannten Maler und seine Frau aus der Feder der belgischen Autorin Nadine Monfils. Die deutsche Übersetzung fertigte Sabine Schwenk an, im Original umfasst die Reihe bereits 8 Bände. Erzählt wird der Roman aus unterschiedlichsten Perspektiven, immer in der dritten Person und der Vergangenheitsform. Mal folgen wir Magritte, mal seiner Frau, dann aber auch den Opfern, so dass die Handlung von allen Seiten beleuchtet wird.

Dieses Buch hat – meiner Meinung nach - nicht gehalten, was das Marketing mir versprochen hat. Dort ist von einem „humorvollen Krimi mit Pommes frites, belgischem Bier und viel Brüssel-Flair“ die Rede, also Cozy Crime, oder? Bekommen habe ich einen Serienmörder mit einem grausamen Hintergrund und ein Ermittlerduo, das nicht recht harmoniert. Magritte liebt seine Frau angeblich heiß und innig, hechelt aber jeder halbwegs schönen jungen Frau hinterher und denkt an sie, wenn er morgens im Bett liegt – rein platonisch natürlich. Das lässt für mich keinerlei Sympathie aufkommen und ich kann hier auch keinen Humor entdecken.

Die eigentliche Kriminalhandlung nutzt mal wieder ein übliches Motiv, das ich leider nicht nennen kann, ohne zu spoilern. Aber es wird wieder einmal sinnlose Grausamkeit genutzt, um Täterschaft zu erklären. Darüber hinaus treten im Roman so viele Zufälle ein, die Täter und Opfer verbinden, dass die Auflösung einfach nur konstruiert und hanebüchen wirkt. Zwischendurch ist in meiner Ausgabe dann auf einmal von Matisse statt Magritte die Rede, das hätte im Lektorat auffallen können. Schade!

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Veröffentlicht am 08.01.2025

Viel Potenzial verschenkt

A Bookboyfriend for Christmas
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Mia ist überglücklich, als sie bei einem Gewinnspiel ein Weihnachten in der Buchhandlung gewinnt. Mehrere Tage soll sie dort eingeschlossen werden – für Mia ein absoluter Traum. Sie will die Zeit mit Lesen ...

Mia ist überglücklich, als sie bei einem Gewinnspiel ein Weihnachten in der Buchhandlung gewinnt. Mehrere Tage soll sie dort eingeschlossen werden – für Mia ein absoluter Traum. Sie will die Zeit mit Lesen und Snacks verbringen und alles mit ihren Followerinnen auf Booktok teilen. Doch statt der Besitzerin selbst, erscheint ihr Bruder Nick, um die Buchhandlung aufzuschließen und beide werden gemeinsam dort eingeschneit. Wird der grimmige Arzt nun Mias perfektes Weihnachtsfest verderben?

Die Prämisse von „A Bookboyfriend for Christmas“ von Freya Miles klang für mich perfekt, denn welche Leseratte möchte nicht einmal ganz ausgiebig und ungestört in einer Buchhandlung herumstöbern? Auch der Blick auf Mia als Booktokerin versprach interessant zu werden. Leider tritt das Setting schon bald in den Hintergrund und überhaupt sind weder Bücher, noch Mias Account ein zentrales Thema. Dafür geht es fast ausschließlich an um das Verhältnis zwischen den beiden und der anfängliche Schlagabtausch entwickelt sich schon bald (zu bald?) zu einem Flirt.

Generell war die Anziehung zwischen Mia und Nick nur schwer zu greifen. Er ist ein erfolgreicher Arzt, der nur für den Job lebt und sich ziemlich arrogant verhält. Mia hingegen ist lebensfroh, auch wenn ihr Booktok-Account ihr mehr Freude bereitet, als ihr eigentlicher Job als Rechtsanwaltsgehilfin. Die Verbindung der beide ergibt sich nur aus Traumata, die beide erlebt haben und das wirft für mich die Frage auf, ob eine Beziehung auf so einer Basis stabil stehen kann. Auch Nicks Verhaltensänderung scheint nicht plausibel. Er kann sich also einer Fremden gegenüber auf einmal liebe- und verständnisvoll benehmen, zuvor war ihm das aber weder bei seiner Schwester, noch bei langjährigen Kolleg
innen möglich?

Der weitere Handlungsverlauf wirkt dann auch recht konstruiert, einschließlich eines Einbrechers, der plötzlich zum Helfer wird und eines guten Samariters aus der Nachbarschaft. Mir fehlt hier einfach Tiefe; was den Verlauf der Geschichte betrifft und besonders in Bezug auf die Charaktere. So bleiben Mia und Nick leider blass und ihr Schicksal lässt mich einfach kalt – schade, hier wurde viel Potenzial verschenkt!

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Veröffentlicht am 10.07.2024

Ein Roman, der zu vieles sein will

Ein Sommer am Ufer des Dnjepr
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Sommer 1979. Oma Mina will der Hitze der Stadt entfliehen und fährt mit Anton von Kiew aufs Land, wo sie in der Datsche eines befreundeten Generals wohnen. Anton ist 9,5(!) Jahre alt und hochbegabt. Er ...

Sommer 1979. Oma Mina will der Hitze der Stadt entfliehen und fährt mit Anton von Kiew aufs Land, wo sie in der Datsche eines befreundeten Generals wohnen. Anton ist 9,5(!) Jahre alt und hochbegabt. Er liebt klassische Musik und möchte Dirigent werden, mit anderen Kindern kann er wenig anfangen. Doch dann trifft er auf den elfjährigen Timur und die 15-jährige Lina, die in einer Punkband spielt. Beide Begegnungen sollen sein Leben für immer verändern.

„Ein Sommer am Ufer des Dnjepr“ ist bereits der zweite Roman des Autors André Bergelt, der selbst viele Sommer mit seiner Großmutter in Kiew verbrachte. Erzählt wird die Handlung von Protagonist Anton in der Ich- und Vergangenheitsform. Der fiktive Rahmen ist hierbei, dass er als Erwachsener seine Tante und Großmutter in Kiew besucht und weil Mina ihn nicht mehr erkennt, ihr zur Beruhigung eine Geschichte aus seiner Kindheit erzählt, als die drei einen Sommer zusammen verbrachten.

Wenn ein Kind die Handlung erzählt, ist das für mich meistens ein zweischneidiges Schwert. Hier haben wir durch Antons Hochbegabung einen Widerspruch zwischen seiner einerseits kindlichen Naivität und seinem Humor und ausufernden Vorträgen über klassische Musik oder seine Bewunderung für Lenin andererseits – was für mich auch die Frage nach der Zielgruppe aufwirft, die, meiner Meinung nach, auch nicht klar bestimmt ist. Das lässt den Roman ziellos wirken, weil er zu vieles gleichzeitig sein will: Coming of Age-Story, Liebesgeschichte, historischer und gesellschaftlicher Kommentar.

Mein größter Kritikpunkt am Roman ist jedoch die Darstellung von Kindern und ihrer Sexualität. Wir haben einen 9-Jährigen, dessen Geschlechtsteile unbedingt in die Handlung eingebaut werden müssen; zudem mehrere Beziehungen, die einen großen Altersunterschied aufweisen und nicht entsprechend eingeordnet werden. Zudem weiß ich nicht, wie glaubhaft ich es finden soll, dass ein 9-Jähriger sich in den späten Siebzigern so äußert und auslebt, wie Anton es tut. Ich möchte dem Autor hier nicht etwas absprechen, was vielleicht auf eigenen Erlebnissen beruht, hier wäre aber mehr Sensibilität vonnöten gewesen.

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Veröffentlicht am 18.04.2022

Layout yeah, Handlung meh

Monster auf der Couch
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Was haben Dr. Jekyll, Carmilla, Viktor Frankenstein und Dorian Gray gemeinsam? Sie alle sind literarische Figuren und sitzen auf der Couch der Psychologin J. Die ist nun spurlos verschwunden und in ihrer ...

Was haben Dr. Jekyll, Carmilla, Viktor Frankenstein und Dorian Gray gemeinsam? Sie alle sind literarische Figuren und sitzen auf der Couch der Psychologin J. Die ist nun spurlos verschwunden und in ihrer Praxis bleiben Akten über ihre vier berühmten Patienten zurück: Gesprächsprotokolle, Analysen, Zeichnungen, Briefe – und Spuren von Blut. Was ist geschehen?

In „Monster auf der Couch“ gehen Jenny Jägerfeld und Mats Strandberg der Frage nach, was berühmte Charaktere der Literatur erzählen würden, befänden sie sich in Therapie. Diese grundsätzlich spannende Idee wird nicht in klassischer Romanform präsentiert, sondern setzt sich aus den Akten der Psychologin zusammen. So entsteht ein Buch mit interessantem Layout, handschriftlichen Anmerkungen und schönen Zeichnungen.

Leider kann jedoch der Inhalt nicht einhalten, was das Äußere verspricht. Die psychologischen Analysen wirken amateurhaft (und das bei einer Autorin vom Fach) und plump, alles wird entweder auf verdrängte Emotionen oder ein Trauma in der Kindheit bezogen. Während Dr. Jekyll zu einem verklemmten Jammerlappen mit Identitätsstörung verkommt, wird Dorian Gray als völliger Psychopath dargestellt. Und natürlich fühlen sich beinahe alle Patient/-innen zu unserer Psychologin hingezogen. (Und dann zieht unsere Protagonistin noch über die Psychologin Jenny Jägerfeld vom Leder – albern!)

Große Schwierigkeiten hatte ich auch mit der Logik der Handlung: J. behandelt große Figuren der Literaturgeschichte, scheint sie und ihren Hintergrund aber nicht zu kennen; gleiches gilt jedoch nicht für ihre Mentorin P., welche sie regelmäßig um Rat bittet. Hier wird, meines Erachtens, eine große Chance verschenkt, die Romanfiguren in Bezug zu ihrer Zeit, ihrer Darstellung und ihren Schöpfer/-innen zu setzen und zudem ist es mehr als unrealistisch, dass eine Psychologin in der heutigen Zeit wirklich keine von ihnen kennen soll.

Das Ende liefert, auch wenn man eigene Schlüsse ziehen kann, leider nicht die gewünschten Antworten auf offene Fragen. Was „Monster auf der Couch“ jedoch gelingt: Ich möchte alle Vorlagenwerke unbedingt (noch einmal) lesen!

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