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Veröffentlicht am 16.05.2025

Ein turbulentes Leben - reflektierend erzählt an Mascha Kaléko! 👏🤩

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Vielleicht kennt Ihrs ja auch - ein Familienmitglied hat was sehr verletzendes gesagt und man möchte sich einfach nur in ein gutes Buch flüchten. Daher war ich mehr als froh Sarah Lorenz‘ Buch noch nicht ...

Vielleicht kennt Ihrs ja auch - ein Familienmitglied hat was sehr verletzendes gesagt und man möchte sich einfach nur in ein gutes Buch flüchten. Daher war ich mehr als froh Sarah Lorenz‘ Buch noch nicht gelesen zu haben (ich hatte es mir extra aufgespart für die Zeit nach meinem Examen - quasi als Belohnung) - denn es war wie man so schön sagt das richtige Buch zur richtigen Zeit für mich.

„Mit dir da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ erzählt die Geschichte von Elisa, die während sie sich durchs Leben kämpft, immer wieder mit ihren Gedanken an Mascha Kaléko wendet. Zudem wird jedes Kapitel eingeleitet mit wundervollen Zeilen der Dichterin.

„Nirgends finde ich mich so wieder wie in ihren Gedichten. Wäre ich Ärztin, so würde ich bei leichter Schwermut ein Rezept für Maschas Gedichte ausstellen.“

Ich selbst habe Mascha Kaléko mehr oder minder durch einen Zufall für mich entdeckt - es war nämlich das Büchlein „Wir haben keine andre Zeit als diese“ in der Weihnachts-Überraschungskiste meines Lieblingsantiquariats und ich hab’s so geliebt, dass ich so auch auf Sarah Lorenz mit ihrem Debüt aufmerksam geworden bin und ihr auch fortan gefolgt bin (sie heißt dort Buchischnubbel und macht die süßesten Storys - sucht uns z.B. jeden Abend die cutesten Orte zum Schlafen aus).

Als junges Mädchen zieht es Elisa von ihrer nicht mehr so wohl behüteten Heimat zur Kölner Domplatte. Zwanzig Jahre später reflektiert sie in ihrem Werk diese Zeit nicht unkritisch - das nötige Feingefühl spürt man immer wieder, wenn sie sich an Mascha wendet. Das Leben hat sie nicht verschont - und obwohl sie frohen Mutes loszog, um Punk zu werden und Heroin zu testen, sieht sie sich recht schnell konfrontiert mit der Härte solch eines Lebens. Obdachlosigkeit und die Übergriffigkeit von Männern sind nur Beispiele von den vielfältigen Grausamkeiten, die ihr auf ihrer Suche nach Geborgenheit begegnen. In Rückblicken erzählt sie uns von ihrer Zeit im Heim, dem Verhältnis zu ihren Eltern oder wie weh es tut Freundschaften zu verlieren.

„Nach der ganzen Zeit noch, Liebeskummer in Freundschaften wird unterschätzt. Der romantische vergeht eines Tages. Immer. Die Wunde über die fehlende Mutter, den fehlenden Vater, die Freundin, die keine mehr ist, diese Wunde bleibt.“

Würde ich so unterschreiben, das sind Erfahrungswerte, die das Leben schreibt und davon hat Elisa reichlich. Aber ebenso wie ihr Herz von Verlust geprägt ist, ist sie offen für die Liebe und sehnt sich schon nach einer Wiedevereinigung im Himmel, mit ihren Liebsten, die dort schon auf sie warten, und natürlich mit Mascha:

„Wenn ich dann dort eintreffe, hoffentlich erst so in ca. 50 Jahren, wird mich ein Wimmelbuch voller Menschen, die mich wirklich geliebt haben, erwarten. Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken, Mascha. Zück den Kalender!“

Mir ist dieses Buch genau im richtigen Moment in die Hände gefallen - denn es war tröstend und lebensbejahend, zudem auch eine Ode ans Lesen, denn Bücher nehmen für Elisa einen ebenso großen Stellenwert in ihrem Leben ein, wie sie es für mich tun.
Ich finde Sarah Lorenz‘ Buchidee - ihr Leben reflektierend Mascha Kaléko zu erzählen - gelinde gesagt genial, brillant, grandios!!
Wenn ich Euch nur eins der wundervollen Bücher empfehlen dürfte, die ich in letzter gelesen habe, dann dieses hier! Lest es - es ist in seinem Ton und Erzählweise einzigartig und hat es sowas von verdient gelesen und geliebt zu werden!

Abschließen möchte ich mit einem Mascha Kaléko Zitat (Elisas und vielleicht auch Buchischnubbels Lieblingssatz):

„Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.“

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Wow - grandioses Buch der Prix Goncourt Preisträgerin von 2017!

Eine feine Linie
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„Die Eintönigkeit der Schule. Die Langeweile zu Hause. Die Ödnis in der Stadt. Überall umgab mich dieses vage, unausgesprochene Gefühl, das mir die Luft abschnürte. Eine Möglichkeit, der Ödnis zu entgehen, ...

„Die Eintönigkeit der Schule. Die Langeweile zu Hause. Die Ödnis in der Stadt. Überall umgab mich dieses vage, unausgesprochene Gefühl, das mir die Luft abschnürte. Eine Möglichkeit, der Ödnis zu entgehen, war das Dazwischensein. Das Versteckspiel mit Etiketten, Identitäten, Rollen.
Eine gute Schülerin, aber befreundet mit den Versagern.
Ein Banlieue Mädchen, aber ständig in Paris unterwegs.
Eine sich entwickelnde Frau, aber in Jungsklamotten. […]
Dort sein, wo man mich nicht erwartet. Nicht dort sein, wo ich erwartet werde. Nie festgelegt , immer knapp daneben, ein treibendes Boot, das nicht weiß, wo es anlegen soll, das vergeblich dem Gesang der Sirenen folgt, den ich irgendwo in meinem Kopf selbst komponiert habe. […]
Odysseus ist wieder da. Zwischen Abreise und Anreise bin ich im Glauben, der Ödnis zu entfliehen, lediglich mir selbst entflohen.“

Einen autofiktionalen Roman hat Maryam Madjidi mit „Eine feine Linie“ verfasst, der von dem Aufwachsen einer Figur namens Maryam (wie der Name der Autorin) und des Tücken des elitären Bildungssystems erzählt, durch das sie sich als Migrantin mehr schlecht als recht kämpfen muss, denn bereits ihr Wohnort Drancy in Frankreich ist mit Vorurteilen behaftet, da er sich inmitten der Banlieue befindet. Geboren wurde die Autorin im Iran, in Teheran, und als Sechsjährige flüchtete sie gemeinsam mit ihrer Familie zunächst nach Paris.

Unsere Ich-Erzählerin Maryam hadert nicht nur mit ihrer Identität und ihrer gesellschaftlichen Rolle als Ausländerin, sondern auch mit ihrem Aussehen. Vor allem ihre Haare bereiten ihr Kopfzerbrechen und sie kämpft mit deren Struktur.

„Es war eine Qual, der ich mich freiwillig unterzog. Warum? Weil ich 13 war und aussehen wollte wie Brenda in Beverly Hills. Weil ich diese Kanakenwolle verabscheute, die meine ferne Herkunft verriet. Alle Rauheiten, Unebenheiten, jede Art von Rumpeligkeit der Ausländerin, für die dieses Haar der Inbegriff war, wollte ich abschleifen, glätten, polieren.“

Aber nicht nur das, auch der vermehrte Haarwuchs an Stellen, die sie sich als Frau lieber unbehaart wünscht tritt nun in der Pubertät vermehrt zu Tage.

„Auf einen Mund wie meinen Lippenstift aufzutragen war völlig undenkbar. Wie würde das aussehen? Wie ein Mann, der sich als Frau ausgibt? Beides zugleich? Wie eine missratene orientalische Androgyne? Dieser Damenbart konterkarierte meine entstehende, noch scheue Weiblichkeit, war ein Hemmschuh für meine sexuelle Entfaltung. Er musste weg. Ich war inzwischen fast 14 und wollte eine Frau sein.“

Mit der folgenden Rasur entdeckt sie sich selbst ganz neu, erlebt sie als Erweckungserlebnis und sieht sie als eine Art Neugeburt an, die ihre Libido wachsen lässt.

Nun kommen wir zu der Passage bzw. dem Umstand, auf den der Romantitel „Eine feine Linie“ zurückzuführen ist.

„So, wie ich gleichzeitig Französin und Iranerin war, und im Grunde keines von beiden. Dieses Dazwischen, dieser changierende, wabernde, unentschiedene Zustand machte mich verrückt. Ich war 16 und brauchte eine klare Trennlinie.“

Maryam struggelt mit ihrer eigenen Identität und Kultur, fühlt sich nirgendwo richtig zugehörig und ersehnt sich eine klarere Abgrenzung - aber eine feine Linie ist das, was sie abgrenzt von einer Französin zur Iranerin, denn sie vereint beide Kulturen in sich.

Auch gesellschaftlich fällt es ihr schwer sich zu positionieren, bzw. sich mit ihrer sozialen Rolle zu identifizieren und so macht sie ihren Vater in Gesprächen gerne vom Bauarbeiter, der er ist, gerne mal zum prestigeträchtigeren Innenarchitekten und ihre Mutter, eine Pflegehelferin, zur studierten Krankenschwester.

Maryam ist besonders intelligent und so darf sie auf eine Schule für speziell Begabte wechseln, allerdings auch nur aufgrund einer Quote, für die sie die Kriterien als Migrantin erfüllt, eigentlich ist diese Art Bildung den finanziell besser gestellten vorbehalten. Dort fühlt sie sich zum ersten Mal angekommen, denn hier verspürt sie Dank feinfühliger Lehrer, die sich ihr annehmen, Lust aufs Lernen und Weiterkommen, trotz ihrer sozialen Herkunft. Noten sieht sie lediglich als Mittel zum Zweck um irgendwann auf die andere Seite der Pariser Ringautobahn zu gelangen und teilt somit freigiebig ihre Lösungen und Hausaufgaben mit anderen Schülern.

„Ich war eine Robin Hood des Schulwesens. Eine Kommunistin des Wissens. Ich gab großzügig ab, verteilte es an jene, die es nötig hatten.“

Sie flüchtet sich gerne in Literatur, lebt in ihren Büchern und überträgt die Geschichten in Situationen ihres Lebens.

„Es war, als wäre ich in Zolas Totschläger oder in Hugos Elenden gelandet. Damals verschlang ich gerade die realistischen und naturalistischen Romane des 19. Jahrhunderts, und dies hier vor mir war die lebendig gewordene Lektüre.“

Ich könnte noch lange so weiterschreiben, noch viel mehr Zitate in meine Rezension einfügen, denn es gibt in diesem Buch unglaublich viele zitierungswürdige Stellen. Aber nun mache ich Schluss und kann Euch nur raten: Lest es, denn sowohl das Werk, als auch die Autorin haben viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Für ihr Debüt „Du springst, ich falle“ bekam Maryam Madjidi 2017 den Prix Goncourt für den besten französischen Debütroman - ist klar, dass ich das Buch nun unbedingt lesen muss, oder?! Die Prix Goncourt Gewinner-Bücher haben mich bisher noch nie enttäuscht, ich freue mich drauf

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Veröffentlicht am 15.04.2025

Emotionale Isolation in Japan! 🇯🇵 🌸

Der Einzeller
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Mit „Der Einzeller“ möchte ich Euch mal wieder eins der Werke aus meiner geliebten Japanischen Literatur vorstellen. Es war ein Zufalls-Antiquariatsfund, über den ich mehr als glücklich bin.

Aber worum ...

Mit „Der Einzeller“ möchte ich Euch mal wieder eins der Werke aus meiner geliebten Japanischen Literatur vorstellen. Es war ein Zufalls-Antiquariatsfund, über den ich mehr als glücklich bin.

Aber worum geht’s?!
Wir erfahren die Geschichte des 25-Jährigen Tokioter Agrarwissenschaftsstudenten und Vollwaisen Mikio. Mit fünf Jahren verlor er zunächst seine Mutter (an die er keinerlei Erinnerung mehr hat) und mit 16 Jahren dann schließlich seinen Vater. Das Leben macht ihn zu einem Einzelgänger und er passt somit perfekt in die heute stetig wachsende Single-Gesellschaft. Da er kein großes Erbe zum Verleben hat, hält er sich mehr schlecht als recht als Teilzeit-Nachhilfelehrer über Wasser. In seinen Gedanken ist seine Vergangenheit omnipräsent und er struggelt zunehmend mit dem Gedanken sich nach dem Tod seines Vaters komplett isoliert zu haben. Mikio verbringt nahezu seine gesamte Zeit an der Uni mit dem Ziel in ein Doktorandenprogramm aufgenommen zu werden. Leider vergeblich, denn sein Professor hat andere Pläne für seine berufliche Zukunft geschmiedet. Das gibt ihm letztlich den Anstoß, seine ganze Energie in die Fertigstellung seiner Masterarbeit investieren zu wollen - zu diesem Zwecke bucht er sich für zwei Wochen in einen Gasthof ein, in dem er sich zunächst vollends einer einzelnen Ameise zuwendet, die mit ihm sein dortiges Zimmer bewohnt. Bis schließlich vier junge Japanerinnen sich auch dort einbuchen, unter ihnen auch Ryôko, die später noch eine größere Rolle in seinem Leben spielen wird.

Doch was hat es mit dem Buchtitel „Der Einzeller“ auf sich?!
Der Begriff Einzeller wird im Japanischen auch als Synonym für „einfache Seele, einfältiger Mensch“ verwendet. Und das könnte eine sehr treffende Umschreibung für unseren Protagonisten Mikio sein. Seine Masterarbeit verfasst er über die Überlebensfähigkeit von isolierten Zellen.

„Die isolierten Zellen lebten in der Tat auch einzeln weiter, wenn alle Bedingungen stimmten, weshalb man von unabhängigen Lebewesen sprechen konnte. Doch nach einer gewissen Zeit wurden die Zellwände ungewöhnlich fleischig, das heißt die das Leben schützende Schale wurde zu dick, so dass die Zellen schließlich erstickten, weil sie keine Nährstoffe mehr von draußen aufzunehmen vermochten. Das Verdicken der Zellwände war eine übertriebene Abwehrmaßnahme, um den empfindlichen Inhalt zu schützen. Damit einhergehend verlor die Zelle auch ihre Fähigkeit zur Teilung. Das Prinzip war das gleiche wie bei einem Ei, dessen Schale zu dick geworden ist und daher nicht mehr ausgebrütet werden kann. Die isolierten Zellen starben bei dem jetzigen Stand der Dinge schon in der ersten Generation. Darüber hinaus wurden sie auch nicht alt.“

Nicht nur Zellen brauchen Gesellschaft, um überlebensfähig zu sein, Menschen ebenso. Doch was passiert, wenn ein Mensch wie ein isolierter Einzeller lebt, welche Erfahrungen er macht und welche Auswirkungen auf seine Psyche so ein Leben mit sich bringt, erzählt uns die Autorin Masuda Mizuko in „Der Einzeller“ (sie selbst studierte Agrarwissenschaften und Biochemie in Tokyo und verwebt ihre eigenen Erfahrungen in diesem Roman).

Für mich persönlich war „Der Einzeller“ eine herausragende Leseerfahrung über emotionale Isolation und die Einsamkeit einzelner Individuen in der Gesellschaft. Ich habe es geliebt, dass die Autorin auch großen Wert auf wissenschaftlich korrekte Recherche gelegt hat, denn alles was wir hier über Einzeller, die Psyche und co lesen, entspricht den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen (das kennt man von dem einen oder anderen Werk leider! auch anders, daher gibts dafür meinerseits besondere Wertschätzung).
Lest es, wenn Ihr Lust habt, Euch mit dem Thema Einsamkeit in literarischer Weise auseinanderzusetzen und dass es sich bei „Der Einzeller“ um Japanische Literatur handelt, gibt nochmal einen extra Pluspunkt, einfach weil ich den Vibe dieser Literatur so liebe!
(Es ist glaube ich nur noch antiquarisch erhältlich, aber sollte es Euch mal irgendwo begegnen: Schlagt zu!)

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Veröffentlicht am 02.03.2025

Wow - harter Tobak, wunderschön geschrieben!

Wiederholung
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„Wiederholen und erinnern und wieder erleben und wieder erzählen und wieder aufführen, denn die Kindheit hört nicht auf, die Jugend hört nicht auf, Kindheit und Jugend sind eine Zukunft, die immer wieder ...

„Wiederholen und erinnern und wieder erleben und wieder erzählen und wieder aufführen, denn die Kindheit hört nicht auf, die Jugend hört nicht auf, Kindheit und Jugend sind eine Zukunft, die immer wieder beginnt, ein andauernder Prozess.“

Es ist das Jahr 1975 und unsere Protagonistin spaziert mit ihrem Hund im Wald umher und erinnert sich währenddessen an ihre Vergangenheit, insbesondere ihre Jugendjahre. Sweet Sixteen - eigentlich das Alter der ersten Küsse, wilden Partys, vielleicht auch ersten sexuellen Erfahrungen. Doch mit einem Kontrollfreak als Mutter sieht alles anders aus - keine unbeschwerte Jugend, in der man sich selbst und das begehrte Geschlecht erkundet.

„(…) die Wiederholung ist der Ernst des Daseins.“

Dieses Zitat würde ich als sinnbildlich für das ganze Buch stehend sehen. Ein durchaus ernstes Buch, wobei man nicht genau weiß, inwieweit es autofiktional ist. Die Schwester der Autorin Vigdis Hjorth hatte vor ein paar Jahren schon mal einen Gegenentwurf zu einem ihrer früheren Bücher veröffentlicht, quasi als Richtigstellung. Von daher würde ich persönlich davon ausgehen, dass sehr viel Wahrheit in Bezug auf ihre eigene Familie in Vigdis Hjorths Büchern steckt.

„Die Wiederholung“ ist das Porträt einer dysfunktionalen Familie - ein Buch übers Schweigen, übers Vertuschen und über eine geradezu manische Kontrolle. Aus einer panischen Angst heraus, dass sie sich mit Jungs einlassen könnte, Alkohol trinken könnte oder gar Drogen konsumieren, wird die Tochter (unsere Protagonistin) permanent von der Mutter kontrolliert. Alles (meiner Meinung und Erfahrung nach) Dinge, die man in dem Alter auch gerne mal ausprobiert. Doch ebnet dieser Kontrollzwang nicht vielleicht sogar den Weg in genau diese Richtung, einfach um sich der Mutter zu widersetzen?!

Die Tochter schreibt Tagebuch, aber nicht wie man meinen würde, die Dinge, die sie erlebt hat - sondern sie schreibt, was sie demnächst erleben wird, sich wünscht zu erleben, oder eine retrospektiv korrigierte Wahrheit und zwar ins Positive, sie beschönigt die eigentlichen Ereignisse und malt sich mit ihren Worten aus, wie es hätte sein können.
Genau das wird zu einem katastrophalen Wendepunkt des Buches führen, nämlich als ihre Mutter ihre Zeilen liest. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Im Hintergrund wabert durch das ganze Buch hinweg der sexuelle Missbrauch des Vaters an unserer Ich-Erzählerin, der Tochter, der mutmaßlich im Kleinkindalter (oder noch früher?!) stattgefunden hat. Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen dem befreiten Schreiben unserer Ich-Erzählerin im Tagebuch und dem im Raum stehenden Ereignis, dem Missbrauch - denn die Eltern wissen ja genau, da war doch was.

„(…) ich war auf die Spur meines eigentlichen Traumas gebracht worden, denn intuitiv begriff ich, mit dem Körper begriff ich, dass das, was geschehen war, eine Nachwirkung von etwas Früherem war, dass in mir etwas Früheres wohnte, das ich nicht durchschaute, das mir mit Absicht verborgen und zugleich bekannt war, ich begriff, dass das, was ich empfand, das Nachbeben eines früheren und für mich noch nicht erkannten Erdbebens war.“

Als einer der wichtigsten Tage im Leben einer jungen Frau (bezüglich ihrer sexuellen Erfahrungen) gekommen ist, ihr anstehendes erstes Mal, verfasst sie einen folgenschweren Tagebucheintrag. welcher als klarer Auslöser zu sehen ist für das Nachbeben ihres früheren Missbrauchs. Die Eltern verknüpfen ihre eigene Tochter deswegen sogar als unrein.

„Wir vermieden es, einander anzusehen, sie vermieden es, mich anzusehen, in meiner Nähe zu sein, sie mieden mich, weil ich schmutzig war und stank und sie an etwas unerträglich Unbehagliches erinnerte.“

Und nun kommt ein Zitat, das mich wirklich umgehauen hat, das zeigt, dass die eigene Fantasie manchmal bedeutender sein kann, als die Realität. Es geht um besagten Tagebucheintrag, in dem sie ihr erstes Mal schildert, aber nicht, indem sie erzählt, was wirklich passiert ist, sondern ein komplett fiktives erstes Mal, vorbei an der Realität:

„Aber die Wirkung, die sie hatte, meine erste Geschichte, und das Entsetzen, das sie auslöste, lehrten mich etwas Entscheidendes: dass das, was wir erdichten, von größerer Bedeutung sein kann als das, was wahr ist, dass es wahrer sein kann.“

Kann Tagebuchschreiben auch Selbsttherapie sein?! Ich würde sagen ja (wenn man nicht gerade ein Gefühl der Überwachungverspürt , weil die Mutter kontrolliert, was man schreibt) kann es durchaus positive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben.

Mich hat zutiefst erschüttert, wie unsere Ich-Erzählerin nicht nur Opfer des sexuellen Missbrauchs durch den eigenen Vater wurde, sondern vor allem der Umgang der Mutter damit, die sich dessen bewusst war. Sie versucht die Tochter klein zu halten, indem sie sie kontrolliert, wo sie nur kann. Zudem steht sie ihr nicht bei, prangert den Vater nicht an, sondern vielmehr das Verhalten der Tochter. Schweigen hat eindeutige größere Benefits für die Mutter als zu ihrer Tochter zu stehen, denn sie hat vier Kinder und ist finanziell abhängig von ihrem Ehemann.

Das war wirklich harter Tobak, auch wenn es nie explizit wurde, schwebten die furchtbaren Missetaten an der Tochter die ganze Zeit im Raum, bzw. Buch. Trotzdem kann ich Euch die Lektüre absolut ans Herz legen, denn es ist wunderschön geschrieben und hat mich bereichert und verletzt gleichzeitig. Verletzt, da ich regelrecht mitgelitten habe mit unserer Ich-Erzählerin, bereichert durch die Schönheit der Sprache der Autorin. Da es mein erstes Buch von Vigdis Hjorth war, kann ich nicht sagen, inwieweit die beiden vorigen Bücher „Die Wahrheiten meiner Mutter“ und „Ein falsches Wort“ thematisch mit „Die Wiederholung“ verknüpft sind, ich hatte aber nicht das Gefühl, dass es mir an irgendeiner Stelle an Vorwissen mangelte. Sofern Ihr über die aktuellen psychischen Kapazitäten für diese Art Lektüre verfügt, kann ich sie Euch nur wärmstens ans Herz legen!
(Ich für meinen Teil war jedenfalls so begeistert, dass ich mir gleich die beiden Vorgängerbücher von Vigdis Hjorth gekauft habe).

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Eine Sommernovelle, die einem literarischen Kurzurlaubs in Italien gleicht - grandios! 👏🤩🇮🇹

Die Yacht
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Gerade in der jetzigen Jahreszeit hat es mich gelüstet, dem Winter etwas zu entfliehen und da kam mir Anna Katharinas Sommernovelle „Die Yacht“ gerade recht.

Martha, eine junge Dame aus London, eine ...

Gerade in der jetzigen Jahreszeit hat es mich gelüstet, dem Winter etwas zu entfliehen und da kam mir Anna Katharinas Sommernovelle „Die Yacht“ gerade recht.

Martha, eine junge Dame aus London, eine Kunsthistorikerin, geht nach Italien um dort für einige Monate an einer Kunstakademie das Malen in Öl zu lernen und taucht in das Dolce Vita ein.

„Martha lernte, welche Wirkungen die Farben aufeinander haben, wenn sie nebeneinander angelegt werden, erfuhr, wie das Nass-in-Nass Mischen, wie das Abmischen von Weiß mit Pigmenten vor sich ging, wie man Karmin in Purpur übergehen ließ, Blau in Grün. Auf der Suche nach den richtigen Farbtönen für ein Motiv, reihten sich Kobalt, Indisch Rot, Smaragdgrün, Neapelgelb, Terra di Siena, Kadmiumgelb, Karmin, Krappbraun oder Sepia als Tupfproben nebeneinander.“

Die Prämisse des Werks würde ich umkreisen mit der Frage: Wann ist das Leben lebenswert?!
Ich würde sagen, unser Leben ist lebenswert, wenn wir es selbst wie ein Kunstwerk gestalten. Hilfreich dafür wäre natürlich die Welt durch die Augen eines Malers zu sehen, ein Mensch ist dann nicht einfach nur ein Mensch, sondern ein mögliches Motiv. Die Figur der Kunsthistorikerin Martha Oberon hat genau diesen Blick, diese Gabe, und entdeckt so einen besonderen Menschen: Salvatore. Er ist seines Zeichens Dandy, eigentlich ein Scharlatan, eine abgehalfterte Figur, die von Sozialhilfe lebt, aber regelrecht aufblüht, wenn er in den Genuss von Luxus jeglicher Art kommt. Man könnte von Salvatore Spinelli auch als Lebemann, als Freigeist sprechen, doch fehlt ihm für diesen Lebensstil eigentlich schlichtweg das nötige Kleingeld. Anmütig nimmt er Martha mit nach Sizilien, nahe Palermo.

„Nach einer letzten Wendung lag das Meer vor ihnen. Vor seinem halluzinatorischen Blau hob sich auf einem Felsplateau ein weißes Haus ab. Seine Fensterläden öffneten sich als graue Flügel auf dem Wasser. Ein Vorhangsaum flatterte aus einer offenstehenden Balkontür, und ein Gärtner wässerte mit einem giftgrünen Schlauch einen Oleanderbaum. Wie ein Apollofalter schwebte sein mächtiger Körper in dem weißen T-Shirt nah über dem Kliff.
Um das einsame Haus lag der Geist des Geldes.“

Sie treffen dort auf ein französisches, superreiches Paar (man könnte hier auch von Old-Money-Vibes sprechen), Madame und Monsieur Tabarin, die voller menschlicher Kälte sind und der vordergründige Gentleman auch dunklen Machenschaften nicht abgeneigt ist.

„Madame Tabarin war weder schön noch exzentrisch, sondern eine bis ins Mark domestizierte Frau, unter deren dünner Haut das Magma einer erschreckenden Selbstliebe kochte.“

Sogar eine Yacht (=daher der Buchtitel) ankert unten in der Bucht, die Devil‘s Kiss, die wie ein Augapfel beschützt wird vom hauseigenen Butler Balthasar. Jener zieht unsere Figur Martha (leider!) magisch an. Soviel zur Story - mehr möchte ich nicht vorwegnehmen, aber Euch noch ein bisschen neugieriger machen auf die Lektüre mit den Fragen: Wo führen die Türen der Geheimnisse der Kunst hin?! Stecken wir vielleicht schon mittendrin im Paradies oder ist der Geist der Zeit längst verflogen?!

Ich verspreche Euch: Ihr werdet die Sprache von Anna Katharina Fröhlich lieben, Ihr werdet die Figuren lieben und ihr werdet das Dolce Vita Italiens, dass die Sommernovelle versprüht, lieben! Ich hatte durch die Lektüre einen wundervollen italienischen Kurzurlaub, den ich auch dringend gebraucht habe.
„Die Yacht“ spielt in der Gegenwart, aber die Lektüre fühlt sich an, wie ein Gang durch die Kunstgeschichte.

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