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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.10.2025

Bezaubernder Schreibstil

Grand Hotel Avalon
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Das Grand Hotel Avalon ist der Inbegriff des Luxus. Reiche Menschen verbringen hier einige Wochen im Jahr und alle ihre Bedürfnisse werden von ihren Lippen abgelesen. Dafür ist June zuständig. Sie ist ...

Das Grand Hotel Avalon ist der Inbegriff des Luxus. Reiche Menschen verbringen hier einige Wochen im Jahr und alle ihre Bedürfnisse werden von ihren Lippen abgelesen. Dafür ist June zuständig. Sie ist die Hotelleitung und sorgt dafür, dass ihre Gäste sorglos glücklich sind, ohne zu sehen, wie viel Aufwand das Personal dafür aufbringt. Doch der Zweite Weltkrieg macht auch vor ihnen nicht halt. Bald müssen June und ihr Personal jede Menge Diplomaten der Achsenmächte einquartieren. Das ist nicht nur für das Personal herausfordernd, sondern auch für das sensible Ökosystem, von dem das Avalon Teil ist. Nun ist es an June die Balance zu halten.

Maggie Stiefvater ist meine absolute Lieblingsautorin. Sie hat einen ganz bezaubernden Schreibstil und ihre Bücher können mich immer wieder begeistern. Folglich hatte ich beängstigend hohe Ansprüche an das Buch. Ich kann hiermit zufrieden behaupten, dass sie erfüllt wurden.
Auch in diesem Buch sind die Beschreibungen von Charakteren und Gegenden so unheimlich poetisch, dass es einfach eine reine Freude ist, dieses Buch zu lesen. Mit nur wenigen Worten schafft Maggie Stiefvater es, ein umfassendes und lebendiges Bild ihrer Charaktere zu zaubern.
Beim Thema des Buches war ich erst etwas skeptisch, aber es wurde herrlich umgesetzt. Die Autorin schafft es, die furchtbaren Schrecken der Nazis darzustellen und sie trotzdem zu vermenschlichen, sodass man die seelische Zerrissenheit der Charaktere im Buch gut nachempfinden kann. Es setzt sich auch mit Klassismus auseinander und wie sich das vor allem in dieser luxuriösen Welt auswirkt. Mir hat gefallen, dass das Buch sich mit Ableismus beschäftigt, was ja vor allem im Hinblick auf die Nazis erschreckend prävalent ist.
Der Fantasy Aspekt der Geschichte hat mir gut gefallen. Es ist zugleich magisch und bedrückend und hat sich sehr gut mit den restlichen Themen ergänzt.

Maggie Stiefvaters Bücher sind wie Magie und auch dieses ist wieder etwas ganz Besonderes.

Veröffentlicht am 05.09.2025

Berührendes Buch mit interessanten Wendungen

Die Verlorene
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Im Buch geht es um Laura und ihre Familie. Ihre Großmutter Änne ist nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien geflohen. Über diese Zeit redet ihre Großmutter nicht gerne. Nach einem Sturz kommt sie ins ...

Im Buch geht es um Laura und ihre Familie. Ihre Großmutter Änne ist nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien geflohen. Über diese Zeit redet ihre Großmutter nicht gerne. Nach einem Sturz kommt sie ins Krankenhaus und es sieht aus, als ob weder Laura noch Ellen, Lauras Mutter, sie nach ihrer Vergangenheit fragen können. Kurzerhand entschließt sich Laura, auf den Gutshof zu fahren, auf dem Änne den ersten Teil ihres Lebens verbracht hat.

Das Buch wird in zwei Zeitsträngen erzählt. Wir sehen die Gegenwart, in der Laura und Ellen sich mit dem Mysterium ihrer Herkunft auseinandersetzen, und die Vergangenheit, wie Änne mit ihrer Familie auf dem Hof lebt und die Zeit erlebt, bis sie fliehen muss. Das Buch hat mich von seinem Aufbau an “Sehnsucht nach Licht” erinnert. Auch in diesem Buch haben wir eine berührende Familiengeschichte, die sich an den tragischen Ereignissen der Vergangenheit entlang hangelt.
Durch den Aufbau erhält man als lesende Person mehr Informationen als die Menschen in der Gegenwart, was der Suche nach der Wahrheit eine ganz besondere Perspektive gibt. Ich fand es beeindruckend, mit welcher Sensibilität die Autorin über die Schrecken der damaligen Zeit geschrieben hat. Es gab immer wieder hochinteressante Eröffnungen, die der Geschichte wieder und wieder eine ganz neue Dynamik verliehen haben, sodass das Buch konstant einen hervorragenden Spannungsbogen hatte.

Das Buch war für mich ein Überraschungshit und ich kann diese ergreifende und berührende Familiengeschichte nur empfehlen.

Veröffentlicht am 06.07.2025

Sehnsucht

Die Geschichte des Klangs
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Im Buch geht es um Lionel, der in einem Frühling David kennenlernt. Sie verbringen den schönsten Sommer ihres Lebens zusammen, in dem sie Lieder auf Wachswalzen sammeln, und sehen sich danach nie wieder. ...

Im Buch geht es um Lionel, der in einem Frühling David kennenlernt. Sie verbringen den schönsten Sommer ihres Lebens zusammen, in dem sie Lieder auf Wachswalzen sammeln, und sehen sich danach nie wieder. Eines Tages tauchen die Wachswalzen in einem Paket bei Lionel auf und er schwelgt in den Erinnerungen dieses unvergesslichen Sommers.

Der Schreibstil des Buches ist wunderschön poetisch. Er hat mich in seinen Bann gezogen und trotz der Kürze des Buches absolut verzaubert. Der Autor schafft es mit ganz wenigen Worten, ein tiefes Gefühl der Nostalgie entstehen zu lassen nach vergangenen besseren Tagen. Nach diesem einen wunderschönen Lebens definierenden Sommer, nach dem sich der Hauptcharakter immer sehnen wird.
Im zweiten Teil lesen wir von Annie, die diejenige ist, die die Wachswalzen wiederentdeckt. Zuerst fand ich den Umschwung sehr irritierend, weil ich gerade von diesem Mann gelesen habe, der eine unbeschreibliche Nostalgie fühlt, und jetzt plötzlich von dieser Frau, die eben diesen Mann im Fernsehen sieht. Der Autor hat es jedoch geschafft, starke Parallelen zu der Sehnsucht zu ziehen, die beide Figuren erfasst hat.

Das Buch beschreibt Sehnsucht und Nostalgie so greifbar, dass ich ungeheuer beeindruckt war.

Veröffentlicht am 17.05.2025

Besuch im Matriarchat

Urlaub vom Patriarchat
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Die Autorin dieses Buches braucht Urlaub. Urlaub vom Patriarchat, wie sie selbst sagt. Und wo kann man das besser als in einem der wenigen Matriarchate der Welt? Daher fliegt sie nach Juchitan, einer Stadt ...

Die Autorin dieses Buches braucht Urlaub. Urlaub vom Patriarchat, wie sie selbst sagt. Und wo kann man das besser als in einem der wenigen Matriarchate der Welt? Daher fliegt sie nach Juchitan, einer Stadt in Mexiko, die als Stadt der Frauen bezeichnet wird. Ob die Stadt wirklich ein Matriarchat ist und inwieweit sie sich vom Patriarchat unterscheidet, ist das Thema dieses Buches.

Ich habe inzwischen schon einige feministische Bücher gelesen und bin immer wieder auf der Suche nach einigen, die nicht nur generell über Feminismus sind, sondern einen konkreteren Fokus haben.
Und dieses Buch verspricht genau das. Es hält außerdem, was es verspricht. Das Buch beschäftigt sich vor allem mit dem Matriarchat in Juchitan und macht dabei aber immer wieder kleinere Ausflüge und erklärt uns, welche anderen Matriarchate es gibt, Studien zur Korrelation zwischen Frauenrechten und regressiven Idealen und wie Sprache die Wahrnehmung von Geschlechterverhältnissen beeinflusst.
Das Thema war unheimlich interessant. Es ist spannend zu sehen, was die Autorin über Juchitan herausgefunden hat. Die Dichotomie der Tatsache, dass Frauen “das Sagen” haben und trotzdem tief patriarchale Ideale in ihrer Kultur existieren.

Das Buch ist wirklich lesenswert für jeden, den das Thema interessiert. Alle die feministische Literatur suchen, die nicht immer dasselbe ist, finden hier ein großartiges Buch.

Veröffentlicht am 26.03.2025

Erschreckend, erschütternd, hoffnungsvoll

Tuberkulose
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“Nichts ist so privilegiert wie die Annahme, die Geschichte wäre Vergangenheit.” (S. 14)
Ebenso wie der Autor hatte ich angenommen, dass Tuberkulose oder auch Schwindsucht eine Sache der Vergangenheit ...

“Nichts ist so privilegiert wie die Annahme, die Geschichte wäre Vergangenheit.” (S. 14)
Ebenso wie der Autor hatte ich angenommen, dass Tuberkulose oder auch Schwindsucht eine Sache der Vergangenheit ist. Dass es eine furchtbare Krankheit in der Geschichte der Menschheit ist, die wir zu unser aller Erleichterung heilen können und die der Vergangenheit angehören. In diesem Buch lernen wir, dass diese Annahme leider naiv ist und wieder einmal die schlechtesten Seiten der Menschheit außer Acht lässt: Klassismus, Rassismus, Kolonialismus.

Genau darauf konzentriert sich das Buch folglich. Es zeigt den Klassismus und Rassismus in unserer Welt auf, der historisch bedingt besteht, aber auch noch heute seine hässlichen Seiten zeigt. Dafür angeln wir uns an der Geschichte Henrys entlang, der in Sierra Leone lebt, Tuberkulose hat und in einem Krankenhaus um sein Überleben kämpfen muss. Es zeigt dabei den Blick auf eine westliche Gesellschaft, die in anderen Ländern zum Teil nicht hilft, weil es sich ja nicht lohnt. Das Buch ist sehr aufrüttelnd und erschütternd.
Der geschichtliche Teil am Anfang des Buches liest sich wahnsinnig absurd, weil die Sicht auf Tuberkulose geprägt war von Aberglauben und Vorurteilen. Und wenn man denkt, na immerhin wissen wir heute, dass es eine bakterielle Infektion ist und wie man sie heilt, zeigt der Autor, was für schreckliche Vorurteile auch heutzutage noch bestehen.
Tatsächlich endet das Buch dann aber so ermutigend, dass ich wirklich große Hoffnung habe, dass dank größerer Aufklärung und der wertvollen Arbeit aller AktivistInnen und ÄrztInnen das Problem angegangen werden kann.

Das Buch zeigt ein wirklich wichtiges und in Europa bisher medial wenig behandeltes Thema, das wir unbedingt angehen müssen. Wie das Buch aufgebaut ist, spricht dabei von einer großen Kunstfertigkeit und ich kann es wirklich nur empfehlen.