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Veröffentlicht am 15.10.2025

Ein Leben im Stakkato der brutalen Aussichtslosigkeit

Herz in der Faust
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„Herz in der Faust“ von Sorj Chalandon, erschienen 2025 bei dtv, ist ein wuchtig-wütender Roman, der seinen Leser:innen einiges abverlangt und brachial ehrlich das Leben in Besserungs- und Erziehungsanstalten ...

„Herz in der Faust“ von Sorj Chalandon, erschienen 2025 bei dtv, ist ein wuchtig-wütender Roman, der seinen Leser:innen einiges abverlangt und brachial ehrlich das Leben in Besserungs- und Erziehungsanstalten in den 30er Jahren zeigt. Der in Frankreich sehr erfolgreiche Roman trifft den Nerv einer Zeit, in der Ausgrenzung und unerbittliche Verfolgung wieder zunimmt, die Armen immer ärmer werden und der Faschismus, der im Roman als Randthema auftaucht, um sich greift. Wie lange kann Konformismus Regelzustand sein, wann muss er abgelöst werden durch Rebellion?

Jules Bonneau, mit Kampfnamen „Die Kröte“ genannt, wird früh in seinem Leben von seinen Eltern sich selbst überlassen und gerät auf die schiefe Bahn – nicht zuletzt, weil Zeit seines Lebens in ihm eine überdimensional große Wut tobt, die er nicht in den Griff bekommt. Eingesperrt in die Korrektionsanstalt Haute-Boulogne auf der Insel Belle-Île, erlebt Jules Machtwillkür und gezielte Demütigung tagein tagaus. Es ist ein fragiles System, in dem es kaum zu Freundschaften kommen kann unter den jungen Menschen und in dem der verliert, der Gefühle zulässt. Dennoch kommt es, eher ungeplant, zum Aufstand, bei dem insgesamt 56 Zöglinge fliehen – auch Jules, der in seine Flucht eher hineingerät. Eine Flucht, die von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen ist, denn die Insel liegt zu weit vom Festland entfernt und die Einwohner:innen: sind den jungen Insassen gegenüber nicht freundlich gesinnt. Eine Kopfprämie von 20 Franc für jeden der Ausbrecher macht die erfolgreiche Flucht endgültig zu einem Hiobskommando. Jules trifft auf seiner Flucht auf den Fischer Ronan Kardarn – ein Mann, der sich mit Vergangenheit und Geheimnissen auskennt. Die Beziehung, die sich zwischen beiden entspinnt, ist geprägt von Vorsichtigkeit und Hoffnung, zögerlicher Nähe und notwendiger Distanz.

Chalandon schreibt brachial und bringt das karge Leben auf der Insel in gedrängte, kurze Sätze, die auf die Phantasie einhacken. Hier wird nicht geschont; explizit und ohne Filter wirft er uns in die unglaubliche Brutalität und Kälte von Haute-Boulogne. Hier gibt es keine Helden, hier gibt es nur Verlierer, und der Autor scheut nicht davor zurück uns zuzumuten, dass auch Sympathiefiguren in dieser Geschichte nicht sicher sind. Die irrige Idee der 30er, Menschen durch Brechen zu besseren Menschen zu machen, wird eindrücklich erlebbar. Ein dauerhaftes Fiebern wabert durch die Sätze, die im Stakkatotakt auf die Lesenden einhämmern und durchweg wehtun. Dazwischen immer wieder wilde Traumsequenzen, die schwer von der Wirklichkeit zu trennen sind.

Die Insel und die Erziehungsanstalt werden plastisch beschrieben ohne zu große Ausführlichkeit, Die Charaktere sind klar gegriffen, es ist durchweg kalt in diesem Buch bis zur Flucht. Mit dieser und mit der Begegnung mit Kardarn und seiner Frau wechselt ganz langsam der Ton, der Dialoganteil steigt, im Bilde gesprochen wird das Meer etwas ruhiger – auch wenn der bellende Grundton bleibt. Die Beziehung und Annäherung zwischen Jules, Ronan Kardarn und der Fischermannschaft wird grandios beschrieben, es ist ein Tasten und Wagen, das sich immer mehr ausbreitet, bedroht durch Intrige und Verrat.

Besonders gut gelungen finde ich, dass durch die Tätigkeit von Kardarns Frau Sophie auch die Welt der Frauen in dieser Zeit gezeigt wird inmitten dieses „Männerromans“, in dem männliche Charaktere durchweg der Zeit und dem Ort geschuldet die Handlung dominieren. Hier gibt es niemanden, der ein leichtes Leben hat. Und auch die Polarität von Faschismus versus Kommunismus, die im Untergrund durch das Buch wabert, ist sehr gut herausgearbeitet.

Mich hat das Buch beeindruckt und mitgenommen, vor allem auch, weil Jules nie eine Chance hatte, ein anderer zu sein. Die Prägung durch Kindheit und Biographie ist offensichtlich – und im Umkehrschluss wird auch klar, wie dankbar wir für das Wunder der Psychotherapie sein dürfen. Man würde das all den Kindern wünschen, die in diesen Zeiten so brutal von sadistischen Machtmenschen gebrochen wurden.

Insgesamt zog sich für mich die Lektüre aber leider etwas. Das mag an der Häufung von Brutalität liegen, die sich mit der Zeit einfach abnutzte, oder an dem durchgehenden Stakkato, dass bei mir auf Dauer etwas Anstrengung und Unlust erzeugte. Vielleicht hätte ich mir auch nur etwas mehr Kompaktheit gewünscht, die knapp 400 Seiten hätte ich so nicht gebraucht für die Geschichte. Insofern reicht es nicht ganz für 5 Sterne, aber das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert und beachtlich.

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Vielleicht geht es nicht nur um Elefanten

Das Geschenk
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„Das Geschenk“ der neue, gerade mal 138 Seiten lange Roman von Gaea Schoeters, erschienen 2025 im Paul Zsolnay Verlag, hat es erwartbar in den großen Fußstapfen von „Trophäe“ nicht leicht und ist insofern ...

„Das Geschenk“ der neue, gerade mal 138 Seiten lange Roman von Gaea Schoeters, erschienen 2025 im Paul Zsolnay Verlag, hat es erwartbar in den großen Fußstapfen von „Trophäe“ nicht leicht und ist insofern ein achtbarer Nachfolger. Schoeters bleibt dran an der Thematik des Postkolonialismus und des white gaze und führt die Handlung diesmal sogar direkt in die deutsche Hauptstadt Berlin, so dass das Setting für deutsche Lesende mit viel Vertrautem aufwartet.

Die Handlung, die sich etwas über ein Jahr erstreckt, ist ebenso schnell beschrieben, wie sie wundervoll grotesk ist: Im politisch korrekten Deutschen Bundestag wird ein Gesetz gegen die Einfuhr von Elfenbein verabschiedet – was den Präsidenten von Botswana als Produzenten von Elfenbein sehr aufbringt, ist er doch der Auffassung, deutsche Politiker sollten sich mit deutschen Inhalten beschäftigen und nicht einfach Urteile über sein Land fällen, wenn sie die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen überhaupt nicht einschätzen können. Perfide und ein bisschen magisch hat er sich deshalb eine Lektion überlegt und lässt zwanzigtausend Elefanten in Berlin erscheinen, damit sich die Deutschen mal so richtig in die Situation einfühlen können. Und damit das Spiel auch nicht zu leicht gewonnen werden kann, gibt es noch eine Zugabe: Für jeden Elefanten, der zu Schaden kommt oder der eingesperrt wird, erscheinen zwei neue.

Was soll man sagen – „the elephant is in the room“. Was zunächst anmutet wie ein Aprilscherz wird zu einer Aufgabe, die die Mechanismen von Politik und die Arroganz westlicher Nationen paradigmatisch vorführt. Und dabei tauchen, sicher nicht zufällig, immer mehr Parallelen zur Flüchtlingsthematik und der AfD auf, was Schoeters gekonnt nicht thematisiert und auch nicht der Hauptfokus des Romans ist, vermutlich, aber es schwingt immer mit und es tut weh. Selbst das Konzept der Remigration taucht auf und wird in aller Deutlichkeit zuendegedacht. Vor allem aber wird deutlich, dass die Kulturarroganz und die postkoloniale Haltung, die in vielen Entscheidungen Europas immernoch mitschwingt, schnell an ihre Grenzen stoßen würde, wären wir selbst mit ähnlichen Voraussetzungen konfrontiert, wie die vielen unterschiedlichen Staaten in Afrika.

Gaea Schoeters schreibt dabei durchweg souverän und herrlich komisch, ihre Bildgewaltigkeit und Detailliebe ist beglückend, ihre Dialoge knackig und bissig und immer wieder ist auch Raum, noch etwas zu lernen, wie etwa Wissen über die Glass-Cliff-Theorie oder das Shifting-Baseline-Syndrom. Wie schnell aus politischen Idealen nur noch Taktik und Gewinnen wollen wird, wie wenig es Bereitschaft gibt, wirklich etwas zu verändern und Fakten Raum zu geben – das alles sind leider Realitäten und keine Fiktion. Und je länger der kurze Roman voranschritt, desto mehr mischten sich in meinem Kopf Elefanten mit Menschen, was die Bitterkeit der Handlung noch verschärfte. Eine kluge Parabel also auf unsere Zeit, auf unsere deutsche Gesellschaft, auf unsere Hochherrlichkeit und unsere Angst. Und ein erneut wacher Blick auf das Verhältnis zwischen erster und dritter Welt, das noch nie wirklich aus Hilfsbereitschaft bestand, sondern noch immer aus Herrschaftsdenken.

Dennoch fehlt etwas. Die Genialität von Trophäe bestand darin, dass wir lesend so tief in den Abgrund der Gedanken und Psyche eines Täters eingestiegen sind, dass es nicht mehr möglich war, sich davon zu distanzieren. Das Geschenk dagegen hält die Distanz durchweg aufrecht und hat zumindest bei mir zu keinem Zeitpunkt Identifikation oder emotionales Einsteigen hervorgerufen. Mir fehlen auch Lösungen. Lösungen, bei denen die Parabel nicht nur in der Parabel steckenbleibt. Lösungen, für die es keine Magie braucht, sondern Realität.

Rein literarisch habe ich den Roman oder vielleicht doch eher die Novelle? aber sehr genossen. Ein richtiger guter Snack, der auch zum Nachdenken anregt, auf jeden Fall zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 18.05.2025

Vom Träumen und Aufwachen

Dream Count
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„Dream Count“, der neue Roman von Chimamanda Ngozi Adichie, erschienen 2025 im S. Fischer Verlag, ist eine beeindruckende Erzählung über vier Frauen, die sich jede auf ihre Art in ihren Träumen verloren ...

„Dream Count“, der neue Roman von Chimamanda Ngozi Adichie, erschienen 2025 im S. Fischer Verlag, ist eine beeindruckende Erzählung über vier Frauen, die sich jede auf ihre Art in ihren Träumen verloren haben und dadurch das Träumen immer mehr verlernt haben, gebremst von einer nach wie vor zutiefst rassistischen und kolonialen Realität.

Chimamanda Ngozi Adichie schreibt gleichermaßen flüssig und hochkomplex, sieh scheut sich nicht davor, ihren Leser:innen eine Menge Inhalt zuzumuten, holt einen aber auch mit einer klaren und schwungvollen Prosa ab. Sie schreibt spannende Figuren, die es schwer als Lesende bleibt mensch ein bisschen draußen in der beobachtenden Position, was dem Gefüge sehr gut tut, da es nie gefühlig wird. Die vier Frauen, denen wir folgen, sind Chiamaka, Zikora, Kadiatou und Omelogor. Die Handlung spielt primär in Amerika, wichtig für alle Personen ist aber ein nigerianischer Hintergrund. Adichie positioniert alle Frauen zwischen Tradition und Emanzipation, zwischen Individualität und Zugehörigkeit, zeigt ihren Kampf um Autonomie und ihre Sehnsucht nach Gemeinsamkeit. Sie legt den Finger in die Wunde von toxischen Beziehungen und Alltagsrassismus, Unterdrückung und Ausbeutung der Frau, sexuelle Gewalt und Statuskampf, hinterfragt Wurzeln und Stempel, die Menschen aufgedrückt werden. Die vier Frauen sind miteinander verknüpft, auch wenn jeder ein eigener Abschnitt gehört, am Ende steht aber jede für sich allein.

Der Dream Count des Titels klingt nicht zufällig nach Body Count. Wo die einen Körper zählen, die sie berühren, zählen andere Träume, die sich ins Nichts auflösen. Was tun, wenn frau beim letzten Traum angekommen ist? Sehr verdichtet zeigt die Autorin wie patriarchale Strukturen im Großen und Kleinen wirken. Gleichzeitig lässt uns Adichie auch in komplexere, intersektionale Verbindungen blicken. Ihr Feminismus ist nicht. Sie zeigt die patriarchalen Strukturen so unaufgeregt auf, wie sie uns im Alltag begegnen.

Die Autorin reißt in ihrem Roman jedoch noch sehr viel mehr Themen an, die alle interessant sind, leider fehlt dem Roman insgesamt dadurch aber Fokus. Hier wäre weniger doch mehr gewesen, denn so bleiben Facetten der einzelnen Geschichten am Wegesrand liegen und gehen nicht in die Tiefe. So verliert sich das Buch nach vier interessanten Frauengeschichten im fünften Teil leider ein bisschen im Nirgendwo. Dennoch absolut lesenswert, wegen vier so verschiedenen Frauenfiguren, die alle auf ihre Art stumpf geworden sind an einem Leben, das sie täglich in Frage stellt – und wegen viel Learning über die Perspektive von People of Color.

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Veröffentlicht am 13.04.2025

Alles im Fluss

Flusslinien
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„Flusslinien“ von Katharina Hagena, erschienen 2025 bei Kiepenheuer und Witsch, hat mich mit seiner mäandernden Schreibweise und der Zärtlichkeit, mit der hier Figuren durch einen kurzen, aber zentralen ...

„Flusslinien“ von Katharina Hagena, erschienen 2025 bei Kiepenheuer und Witsch, hat mich mit seiner mäandernden Schreibweise und der Zärtlichkeit, mit der hier Figuren durch einen kurzen, aber zentralen Abschnitt ihres Lebens begleitet werden, begeistert.

Protagonistin des Romans ist die gerade volljährige Luzie, die nach einem traumatischen Ereignis während eines Auslandjahres in Australien zurück in Hamburg zunächst nicht wieder ins Leben findet – was nicht nur an Luzie liegt, die noch an der Bewältigung ihres Traumas zu knabbern hat, sondern vor allem auch an ihrem Umfeld, das vollkommen hilflos, teils auch grausam, mit ihr umgeht. Der einzige Mensch, dem Luzie kleine Einblicke in ihr Inneres erlaubt, ist ihre Großmutter Margrit, die in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe lebt, über 100 Jahre alt ist – und dafür noch wundervoll fit im Kopf. Luzie hat die Schule abgebrochen, verkriecht sich in einem Schuppen am Elbstrand und geht ihrem Hobby, vielleicht auch ihrer Berufsperspektive, dem Tätowieren, nach. Doch wer Tätowieren lernen will, braucht Menschen, an denen geübt werden kann – und so schlägt Margrit vor, dass Luzie sie tätowieren solle, schließlich ist die Ewigkeit, die einem Tattoo innewohnt, für Margrit ein sehr überschaubarer Zeitraum. Zwischen den beiden steht Arthur, Fahrer der Seniorenresidenz, ein junger Mann, der auch ein Trauma zu bewältigen hat, und der viel Zeit mit einem Metalldetektor am Ufer der Elbe verbringt, auf der Suche nach etwas, das er selbst nicht wirklich beziffern kann, das er aber im Wasser verloren hat. Wir tauchen immer wieder auch ab in die Vergangenheit der ganzen zugehörigen Familien, in Freundes- und Feindesbeziehungen, in die Erfahrung des Alterns, des Jungseins – und des Aushaltens von so viel Leben.

Strukturell ist das Buch nach Tagen aufgeteilt und nach den Menschen, aus deren Perspektive wir auf die Tage schauen. Die Elbe, der Fluss, zeigt sich hier vor allem von ihrer morbiden Seite, atmosphärisch sehr stark gegriffen, und auch hier ist, wie in anderen aktuellen Publikationen, die Vertiefung der Fahrrinne Thema. Der immer weiterführende Eingriff des Menschen in die Natur, er hat immer einen Backlash, dafür ist die Elbe ein wirklich gutes Beispiel. Von Anfang an wehen die Themen Tod und Verlust durch das Buch, das Altern und Erinnern, die Spuren, die das Leben in den Menschen schreibt und der Mensch in die Welt, Verlust, Traumatisierung, Einsamkeit, die Unfähigkeit zu Kommunikation über das Eigentliche, aber auch Abenteuergeist, Lebenshunger, Leidenschaft. Und eher beiläufig aber nicht minder sichtbar: historische Ereignisse, Familienstrukturen, Naturschutz im Elbe-Gebiet, der Römische Garten Hamburgs und seine Entstehungsgeschichte, die Emanzipation der Frau im Laufe der Zeit, der spirituelle Gehalt von Tattoos, die Frage nach etwas, das die Zeit überdauert. Und über allem schwebt die Stille in ihren vielen Gesichtern, mir gefällt das richtig gut.

Die Figuren sind mir alle sehr sympathisch, es sind versehrte Einzelgänger:innen, die sich da zusammenfinden zu einer Zweckgemeinschaft, die unterfüttert ist von vorsichtiger Nähe und Vertrauen. Die Autorin schreibt flüssig und klar, viele Beschreibungen machen die Szenerie und die Menschen lebendig, manchmal gibt es aber einen Hang zu etwas sehr großer Ausführlichkeit, die bei dem sowieso eher langsamen Erzähltempo zur Herausforderung werden kann. Aber das wird aufgewogen von sehr vielen sprachlich großartigen Betrachtungen, die immer wieder aufzeigen, wie sehr unsere Sprache auch patriarchal geprägt ist. Denn ganz klar ist dieses Buch auch aus einer feministischen Perspektive geschrieben. Und nimmt viele aktuelle Themen unserer Zeit beiläufig auf, ohne sie zu vertiefen, so wie Alltag stattfindet, er ist einfach da.

Mir gefällt die Symbolik des Tätowierens in diesem Buch ausnehmend. Das Leben, das noch einmal in den Körper eingeschrieben und dadurch irgendwie festgehalten wird, das Leben, dessen Linien die Enkelin dadurch nachfährt und erfährt, der Körper, der dieses Leben noch einmal spürt, bevor er geht, die Befreiung, die beide dadurch erfahren, die Inspiration, die Luzie für ihr eigenes Leben übernimmt, die gemeinsame Handlung, die Reden und Schweigen ermöglicht, das alles ist enorm gut gegriffen.
Ein großer Kritikpunkt bleibt, der dieses so schöne Buch dann, neben vielleicht doch etwas viel Phantastik und Ausführlichkeit in Seitensträngen der Story, doch einen Stern kostet: Hier schreibt wieder eine Autorin so konsequent gegen das Patriarchat anschreibt – um dann doch die Protagonistin am Ende durch einen Mann „zu retten“. Und ich finde das falsch, unnötig und ärgerlich. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Luzie nur aus sich heraus und eventuell aus der Beziehung zu den vielen starken Frauen, die ihre Wege kreuzen, die nötige Kraft gefunden hätte, ihren Weg zu gehen.

Insgesamt habe ich aber ein sehr schönes, fließendes Leseerlebnis gehabt, ein Buch, gemacht für leichte Sommerabende, mit nahbaren Figuren, toller Atmosphäre und viel Nachdenklichkeit darüber, wie wir mit unseren Alten als Gesellschaft umgehen. Lesen und dann mal dem Römischen Garten in Hamburg einen Besuch abstatten!

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Ein actionreicher Female Roadtrip zur Fuggerzeit

Im Auftrag der Fugger - Der Burgunderschatz
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„Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“ von Peter Dempf, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, ist ein mitreißender historischer Roman, bei dem der Autor einmal mehr all seine Stärken souverän ausspielt. ...

„Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“ von Peter Dempf, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, ist ein mitreißender historischer Roman, bei dem der Autor einmal mehr all seine Stärken souverän ausspielt.

Wir befinden uns in Augsburg, im Jahr 1503, als die junge, verwaiste Bettlerin Afra eine besondere Zeichnung in die Hände bekommt und so davon erfährt, dass eine Delegation aus Basel versucht, den wichtigsten Kaufleuten aus Basel extrem wertvolle Kleinode zu verkaufen – einen Teil des Burgunderschatzes, bestehend aus dem Federlin, dem Gürtelin, der Rose und den Drei Brüdern. Dieser Zufall ist der Ausgangspunkt für eine wilde Reise und Verfolgungsjagd auf Leben und Tod, bei der Afra im Auftrag Jakob Fuggers, des wohl berühmtesten Kaufmanns aus Augsburg, nach dem eine Ära benannt wurde, gemeinsam mit dessen Boten Herwart, dem Afra ebenfalls schon zuvor zufällig begegnet ist, nach Basel und zurückreist, um auf dem Hinweg viel Geld und auf dem Rückweg den Schatz zu transportieren. Natürlich sind die beiden nicht die einzigen, die von diesen Preziosen Kenntnis haben, so dass sich der Botendienst immer mehr zu einer Hatz ausweitet.

Dempf schreibt sehr kenntnisreich und atmosphärisch, er hat ein Händchen für die Charaktere – sowohl für die sympathischen als auch für die fiesen. Lebendig lässt er die Zeit um 1500 auferstehen mit vielen Details, so dass die Reise in die Schweiz und zurück gleichzeitig auch eine Lehrstunde in Geschichte ist – aber immer unterhaltsam und handlungsgebunden. Dabei arbeitet er besonders gut die Situation von Frauen im angehenden 16. Jahrhundert heraus und beschönigt hier nichts – außer bei seiner Heldin Afra, die manchmal schon fast zu Wonder Woman mutiert.

Es gibt so einige Plottwists und zwischenzeitlich wähnt man sich fast eher in einem Actionmovie oder Krimithriller als in einem historischen Roman und ja, auch für etwas Romance ist gesorgt, dankenswerterweise ohne zu viel Spice. Pikante Details finden sich eher bei sehr kreativen Versteckmethoden, doch hier soll nicht zu viel verraten werden.
Insgesamt waren es mir aber doch ein paar Verfolgungsjagden zu viel und gerade gegen Ende der Geschichte häufen sich die unwahrscheinlichen Zufälle und Rettungen doch etwas sehr, so dass sich die Handlung gegen Ende etwas zog. Daher kann ich leider nicht ganz die 5 Sterne geben, die ich für die erste Hälfte auf jeden Fall gesehen hätte. Aber in jedem Fall liegt hier ein rasanter historischer Roman mit starken Frauenfiguren vor, der wirklich gut zu lesen ist! Und wittere ich am Ende sogar einen zweiten Band? (Keine Sorge, der Roman ist in sich geschlossen.) Den würde ich ganz bestimmt lesen. Auch unbedingt noch zu erwähnen ist ein knackiges Nachwort, in dem Dempf noch einmal historische Fakten einordnet und ergänzt, bei historischen Romanen immer sehr gern von mir gesehen. Dieses hat auch eine perfekt gewählte Länge, was auch nicht selbstverständlich ist. Eine runde Leistung also, der nicht viel zum fünften Stern fehlt.

Ein großes Dankeschön an lesejury.de und Bastei Lübbe für das Rezensionsexemplar!

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