Profilbild von Ambermoon

Ambermoon

Lesejury Star
offline

Ambermoon ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Ambermoon über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.07.2019

Gelungene Anthologie mit versch. Genres und Autoren zum Thema Flug-Horror

Flug und Angst
0

Nichts ist Stephen King ein größerer Gräuel, als fliegen zu müssen. Zusammen mit Mitherausgeber Bev Vincent teilt er nun seine Flugangst mit seinen Lesern. Die Anthologie versammelt alles, was gründlich ...

Nichts ist Stephen King ein größerer Gräuel, als fliegen zu müssen. Zusammen mit Mitherausgeber Bev Vincent teilt er nun seine Flugangst mit seinen Lesern. Die Anthologie versammelt alles, was gründlich schiefgehen kann, wenn man sich auf 30.000 Fuß Höhe mit 500 Knoten in einem Metallgefährt (einem Sarg?) durch die Lüfte bewegt. Flugreisen verwandeln sich hier schnell in Albträume, auf die man nie im Leben gekommen wäre. Da überlegt man es sich lieber zweimal, ob der Weg zum Ziel nicht in einer letzten Reise mündet ... (Klappentext)

☠☠☠☠☠

"Falls ihr eine Reise mit Delta, American, Southwest oder einer anderen Fluggesellschaft vorhabt, seid ihr gut beraten, wenn ihr ein Buch von John Crisham oder Nora Roberts mitnehmt statt dieses. Aber selbst wenn ihr euch auf sicherem Boden befindet, solltet ihr euch gut anschnallen."
(S. 16)

Hier hält man eine Anthologie von Horror- und Thriller-Storys in den Händen, welche sich rund um das Thema Flugreise drehen, ergo - die ideale Sommerlektüre kurz vor oder während einer geplanten Flugreise, um so richtig in Stimmung zu kommen
g.

Eingeleitet werden diese Kurzgeschichten durch ein Vorwort von Stephen King, neben Bev Vincent der Herausgeber dieses Buches. Hier wird übrigens schnell klar, dass King alles andere als ein Freund von Flugreisen ist. Die einzelnen Storys werden ebenfalls von einem kurzen Vorwort von King eingeleitet, quasi ein Mini-Klappentext aus der Feder des Master of Horror.

Und nun möchte ich Euch jede einzelne Story grob vorstellen, damit Ihr wisst was Euch erwartet.

☠☠☠☠☠
1. "Cargo" von E. MIchael Lewis

Wir schreiben das Jahr 1978 und befinden uns an Board eines Lastflugzeuges, welches normalerweise Soldaten, Fallschirmspringer und militärische Ausrüstung der Amis transportiert. Diesmal ist die Fracht etwas anderes, denn es werden Särge von Panama in die USA geflogen. Mit dabei Hernandez, ein junger Mann, der seinen ersten Auslandseinsatz hinter sich hat und mit einer postraumatischen Belastungsstörung in die USA zurückgebracht wird, die Krankenschwester Pemry und der Ich-Erzähler Tech Sergeant Davis, der für die Bewachung der Ladung zuständig ist. Hernandez scheint auf dem Flug durchzudrehen, denn er ist sich sicher die Toten aus den Särgen singen zu hören. Doch liegt es an seinem psych. Trauma oder ist die Fracht wirklich lebendiger als angenommen?
- Hier habe ich mir etwas mehr erwartet.

☠☠☠
2. "Das Grauen der Höhe" von Sir Arthur Conan Doyle

Der Schöpfer von Sherlock Holmes hat sich auch gerne mit paranormalen Themen und Erfindungen beschäftigt und so erschuf er auch die ein oder andere Schauergeschichte, welche beides verband.
Diese Erzählung erschien 1913, als Flugzeuge noch nicht höher als 12.000-18.000 Fuß flogen und er sich vorstellte was in noch größerer Höhe existieren könnte und was passiert, wenn ein Flugzeug mit diesem zusammentreffen würde.
- Doyle wäre auch ein genialer SciFi-Autor gewesen.

☠☠☠
3. "Albtraum auf 20.000 Fuß" von Richard Matheson

Auch dies ist ein Klassiker, wenn auch jüngeren Alters. Diese Story erschien ursprünglich 1961 und beinhaltet DEN Flughorror schlechthin. Ein Wesen, welches sich an der Tragfläche zu schaffen macht ... oder war es doch nur eine Wahnvorstellung aufgrund eines Nervenzusammenbruchs?
- Eine wirklich furchterregende Story

☠☠☠
4. "Die Flugmaschine" von Ambrose Bierce

Nur eine halbe Seite auf der ersichtlich ist, wie skeptisch Bierce gegenüber Flugmaschinen war.
- Kurz und knapp, trotzdem bekommt man einen guten Eindruck in das Denken der Menschen von früher.

☠☠☠
5. "Luzifer!" von E.C. TUBB

Was würdet Ihr machen, wenn Ihr mit einem Klick die Zeit um 1 Minute zurückdrehen könntet? Zu jeder Zeit und immer wieder? In 60 Sekunden kann so manches passieren und so manches kann man rückgängig machen. Unser Protagonist hat so einen Gegenstand und was das mit Flug und Angst zu tun hat lest Ihr am besten selbst.
- Es sei nur so viel gesagt: Abgefahren!
☠☠☠
6. "Die fünfte Kategorie" von Tom Bissell

Ein Anwalt der Regierung, welcher für die Gesetze der "erweiterten Verhörmethoden" in bestimmten Fällen zuständig war und sich dadurch mit Menschenrechtsaktivisten rumschlagen muss, bekommt seine Gesetzesentwürfe zu spüren ... auf dem Rückflug nach einer dieser Sitzungen für Menschenrechte.
- Eine äußerst beklemmende Story

☠☠☠
7. "Zwei Minuten fünfundvierzig Sekunden" von Dan Simmons

Eine Story von Dan Simmons darf in so einer Anthologie natürlich nicht fehlen. Dieser Autor ist in fast jedem Genre zu Hause. In dieser Story beschäftigt sich jemand mit Höhenangst, was sich in dieser Zeit ereignen könnte, während eines Fluges bis ... An was würdet Ihr eigentlich denken, wenn ein Flugzeug mit Euch an Board ...?
-Atmosphärisch und beklemmend zugleich; ein Simmons eben.

☠☠☠
8. "Diablitos" von Cody Goodfellow

Ruyan Rayborn III. ist Kunstschmuggler. Diesmal hat er ein ganz besonderes Artefakt in seiner Reisetasche, welches er durch den Zoll und somit in die Staaten schmuggelt. Wenn er gewusst hätte, welch gefährliches Ding in seinem Besitz ist, hätte er es sich 3x überlegt. Damit ist er nun ein äußerst gefährlicher Fluggast - gefährlich für alle anderen und tödlich.
- Danach beobachtet man wohl jeden Fluggast um sich äußerst skeptisch.

"Eilig stopfte Ryan seine Tasche voll, steckte sein Bargeld ein, wandte sich um, hastete die kaputte Rolltreppe hinauf und lief schließlich durch ein langgestrecktes, größtenteils unbeleuchtetes Terminal zu seinem Flugsteig, bevor er bemerkte, dass seine Papiere von Speichel verklebt und mit Blut besprenkelt waren."
(S. 182)

9. "Luftangriff" von John Varley

"Luftangriff" ist ein SciFi-Klassiker aus dem Jahr 1977, welcher 1983 zum Roman "Millenium" ausgebaut und 1989 verfilmt wurde. Manchen dürfte die Story also als "Millenium - Die 4. Dimension" bekannt sein. Eine geniale SciFi-Story über Zeitreisende aus der Zukunft und eine Flugzeugkollision in der Gegenwart.
- Nach dieser Story MUSS ich das Gesamtwerk unbedingt lesen"

☠☠☠
10. "Freigabe erteilt" von Joe Hill

Der Sohn von Stephen King hat diese Kurzgeschichte eigens für "Flug und Angst" geschrieben und die hat es wirklich in sich. Stellt Euch vor Ihr sitzt im Flugzeug und unter Euch bricht der 3. Weltkrieg aus...
- Geniale Story, genialer Schreibstil!

☠☠☠
11. "Kriegsvögel" von David J. Schow

Auch hier ist Krieg das Thema. Es erzählt uns ein alter Mann, einst Mitglied des 44. Bombengeschwaders der Air-Force, wie es im 2. Weltkrieg war und was dieser aufgeweckt hat. Hier bekommt man nicht nur eine detailierte Darstellung der Bombenflüge über Deutschland, welche selbst mich fesseln konnte. Es versteckt sich eine traurige Message zwischen den Zeilen.
- fesselnd und beklemmend

☠☠☠
12. "Die Flugmaschine" von Ray Bradbury

Ray Bradbury ist wohl jedem ein Begriff, der im Genre SciFi und Phantastik liest. Der Autor von "Fahrenheit 451" und "Die Mars-Chroniken" beweist mit dieser kleinen Story, dass er selbst auf nur 8 Seiten die Leserschaft zu fesseln weiß.
- Spannend und nachdenklich stimmend

☠☠☠
13. "Zombies im Flugzeug" von Bev Vincent

Natürlich darf auch keine Zombieapokalypse fehlen und hier ist ein Flug in ein sicheres Land der letzte Ausweg einer kleinen Gruppe. Diese Kurzgeschichte ist von einem der Herausgeber.
- Die Story hätte ruhig etwas länger ausfallen können, denn als diese endet, scheint es erst so richtig spannend zu werden.

☠☠☠
14. "Alt werden sie nicht" von Roald Dahl

Roald Dahl ist vor allem für seine Kinderbücher, wie z.B. "Charlie und die Schokoladenfabrik" bekannt, doch er war allgemein ein begnadeter Geschichtenerzähler, wie diese Story beweist. In dieser ist ein Kampfpilot zwei Tage verschollen. Jeder war sich sicher er wäre abgeschossen worden, als er plötzlich landete als wäre nichts geschehen. Seiner Meinung nach hat er jedoch nur eine Stunde für den Erkundungsflug gebraucht.
- Tolle Erzählkunst

"Es herrschte Spannung im Raum, eine feine, hohe Spannung, weil es hier zum ersten Mal um etwas ging, was weder mit Kugeln noch mit Feuer, noch mit Motorkotzen oder geplatzen Reifen oder Blut in der Kabine, weder mit gestern noch mit heute oder auch mit morgen etwas zu tun hatte."
(S. 342)

☠☠☠
15. "Mord im Himmel" von Peter Tremayne

Ein hochrangiger Firmenchef scheint auf der Boardtoilette eines Flugzeugs Suizid begangen zu haben. Dem Flugkapitän kommt dies jedoch etwas merkwürdig vor, denn die Waffe ist unauffindbar. Zum Glück sind der Kriminologe Dr. Fane und sein Freund Dr. Ross, Pathologe, unter den Fluggästen und sie nehmen sich dieses Falls an.
- Klassischer Krimi mit überraschender Auflösung

☠☠☠
16. "Ein Fachmann für Turbolenzen" von Stephen King

Auch Stephen King hat eigens für dieses Buch eine Story verfasst und dies ist eine typische King-Story (wenn auch nicht mit seinen früheren Kurzgeschichten zu vergleichen). Man weiß nicht wohin einem der Autor führt bis man mitten drin steckt und einem am Ende eine überraschende Auflösung erwartet.
- Haltet Eure Kotztüten bereit, denn es wird turbolent

☠☠☠
17. "Im Fall" von James Dickey

Lyrik über eine Stewardess, welche sich im freien Fall befindet. Wer hätte gedacht, dass Lyrik schön und beklemmend zugleich sein kann.
- Das hat mich regelrecht mitgerissen


☠☠☠☠☠☠

Wie Ihr also seht tummelt sich hier eine bunte Mischung an klassischen und zeitgenössischen Autoren und einige davon sind uns Lesern durchaus bekannt. Nicht jedoch diese Schmankerln an Kurzgeschichten, welche von den beiden Herausgebern Stephen King und Bev Vincent ausgegraben wurden.
Weiters ist hier für jeden Geschmack etwas dabei - Horror, Sci-Fi, Phantastik und Weird Fiction, Thriller and Crime und sogar ein lyrisches Werk. Für Gänsehaut und spannende Unterhaltung ist hier also gesorgt.

Im Anschluß ist noch ein Nachwort von Bev Vincent und ein ausführliches Quellenverzeichnis enthalten.

Fazit:
Zugegeben, nicht jede einzelne Story konnte mich völlig mitreißen oder mir die Nackenhaare aufstellen, doch ich fühlte mich durchwegs gut unterhalten und huschte von einer Story zur nächsten. Wer also keinen Bock auf eine happypeppi Sommerlektüre hat und stattdessen Spannung uns Gänsehaut bevorzugt, ist mit diesem Buch gut bedient.
Ich empfehle dieses Buch am besten vor oder während eines Fluges zu lesen. Wenn schon Nervenkitzel, dann richtig
g*.

"Ach, und falls ihr mal sehen solltet, wie jemand dieses Buch in einem Flughafen oder - noch besser - in einem Flugzeug liest, macht bitte ein Foto und schickt es uns."
(S. 431)_

© Pink Anemone (inkl. Leseprobe)

Veröffentlicht am 07.06.2019

Völlig anders als erwartet und dennoch interessant, ergreifend und vor allem informativ.

Die Menschheit hat den Verstand verloren
0

Astrid Lindgren hat unsere Kindheit geprägt. Mit Pippi Langstrumpf und Wir Kinder aus Bullerbü hat sie unseren Blick auf die Welt verändert. Ihre Geschichten handeln von Mut, Hoffnung, Liebe und Widerstand. ...

Astrid Lindgren hat unsere Kindheit geprägt. Mit Pippi Langstrumpf und Wir Kinder aus Bullerbü hat sie unseren Blick auf die Welt verändert. Ihre Geschichten handeln von Mut, Hoffnung, Liebe und Widerstand. Lange bevor diese Bücher entstanden, schrieb sie ihre Gedanken über das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts nieder: den Zweiten Weltkrieg. In ihren Tagebüchern schildert sie, wie Europa von Faschismus, Rassismus und Gewalt vergiftet wird. Nachdenklich und betroffen, aber auch mit dem so unverwechselbaren Tonfall stellt Astrid Lindgren in ihren Tagebüchern wichtige Fragen, die heute wieder von erschreckender Aktualität sind: Was ist gut und was ist böse? Was tun, wenn Fremdenfeindlichkeit und Rassismus das Denken und Handeln der Menschen bestimmen? Wie kann jeder Einzelne von uns Stellung beziehen? Neben dem Kriegsgeschehen erzählt sie von ihrem Familienleben und den ersten Schreibversuchen: 1944 schenkt sie ihrer Tochter das Manuskript von Pippi Langstrumpf zum Geburtstag. Das persönliche Zeitdokument einer sehr klugen Frau, die schon immer den Blick für das große Ganze hatte.... (Klappentext)

✠✠✠✠✠

"Im Augenblick herrscht Verdunkelung in der Stadt, und es ist tausend Mal schlimmer als beim letzten Mal, denn da glaubte man ja nicht, dass es jemals ernst werden würde."
(1940 - S. 49)


Astrid Lindgren begleitete mich schon als Kind mit ihren Büchern. Doch nicht Pippi Langstrumpf war meine Lieblingsfigur und Heldin, auch nicht Madita oder der kleine Michl. Zu meinen Lieblingen zählte damals Ronja Räubertochter. Vermutlich weil ich mich mit diesem Wildfang am ehesten identifizieren konnte.
Diese Autorin schuf wunderbare Kinderbücher mit starken und eigenwilligen Kinder- und vor allem Mädchenfiguren. Mädchen mit eigenen und starken Persönlichkeiten und die selbstbestimmt ihren Weg gehen und sich nicht unterkriegen lassen, auch nicht von Erwachsenen.

Astrid Lindgren war jedoch nichtt nur eine begnadete Schriftstellerin, sondern vor allem eine Frau, die sich für Frauenrechte stark machte, öffentlich das damalige Gesellschaftsbild bezüglich Frauen anprangerte und vor allem trat sie für Frieden, Gerechtigkeit und die Rechte von Kindern ein.

Dieses Buch habe ich im Rahmen einer Klassiker-Leserunde gelesen und es ist völlig anders als erwartet. Hier erhält man keine allzu persönlichen Einblicke in Astrid Lindgrens Leben während der Zeit des 2. Weltkrieges, sondern in die historischen Ereignisse aus Sicht einer Unbeteiligten.

"Krieg und Krieg und wieder Krieg und das ständige Leiden der Menschheit. Und NIEMALS lernt sie etwas daraus, sie begießt die Erde nur immer weiter mit Blut, Schweiß und Tränen."
(1941 - S. 117)


Das Buch beginnt mit einem äußerst interessanten Vorwort, welches allgemeine Einblicke in Schwedens Situation und Stellung während des 2. Weltkrieges gewährt, aber auch kurz auf das Leben und Schaffen von Astrid Lindgren eingeht. Das Vorwort sollte man also auf keinen Fall skippen.
Die Tagebucheintragungen hingegen lassen einen tieferen Blick auf die damaligen Geschehnisse werfen, inklusive der eigenen Gedanken der schwedischen Schrifststellerin. Wie Schweden als neutrales Land zwischen den Fronten der Alliierten, Deutschland und Russland stand, die Angst vor dem Einmarsch der Russen, welche größer war, als die vor den Deutschen und welche Auswirkungen hatte der Krieg zu Beginn auf Schweden? Wie verlief der 2. Weltkrieg allgemein in den skandinavischen Ländern Norwegen, Finnland und Dänemark? Man erfährt aber auch vieles über das allgemeine Kriegsgeschehen. Im Grunde liegt einem hier nichts anderes vor als ein Kriegstagebuch.

Auch in Schweden wurde bereits ab Januar 1940 die Briefzensur vom Parlament genehmigt. Astrid Lindgren war damals in der sogenannten SNUSKAVDELNINGEN beschäftigt, einer Briefzensur der Postkontrollanstalt. Dadurch wanderten viele Briefe, welche Lindgren "filzen" musste, durch ihre Hände und sie bekam tiefe Einblicke in Schicksale fremder Menschen. Dies ist ebenfalls ein Grund, weshalb sie über so manche Geschehnisse besser Bescheid wusste als so manch anderer und dieses Wissen schreibt sie auch in diesen Tagebüchern nieder.

In private Ereignisse der Schrifstellerin erhält man nur spärlich Einblick und obwohl sie durchaus über ihre Gefühle zu diesen Ereignissen Stellung nimmt, bleibt sie hierbei doch sehr distanziert. Sie konzentrierte sich ausschließlich auf die Ereignisse des 2. Weltkrieges. Privates wie z.B. die Erschaffung von Pipi Langstrumpf, welche in diese Zeit fällt, wird kurz und fast nur am Rande erwähnt. Astrid Lindgren dürfte die Tagebücher als reine Erinnerung an den 2. Weltkrieg für die Familie verfasst haben, vielleicht auch bereits hier mit dem Hintergedanken diese irgendwann der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dies würde auch die Zurückhaltung bezüglich ihres Privatlebens erklären.

"Der Frühling in diesem Jahr ist so sonderbar; man muss sich einfach über ihn freuen, aber gleichzeitig ist es noch unerträglicher, daran zu denken, dass Menschen einander töten, während die Sonne scheint und die Blumen sprießen."
(1940 - S. 56)


Das Buch ist reich bebildert und diese Bilder bestehen aus zahlreichen Zeitungsartikeln und Briefabschriften aus ihrer Zeit als Angestellte in der Abteilung für Briefzensur des schwedischen Nachrichtendienstes, wodurch sie sich strafbar machte, da diese niemals kopiert werden durften.
Diese Bilder sind an die Einträge des entsprechenden Jahres angehängt. Die Übersetzung dieser Faksimiles befinden sich dann direkt dahinter.

Weiters sind noch vereinzelt bisher unveröffentlichte Familienfotos, ein Nachwort von Karin Nyman, der Tochter von Astrid Lindgren, ein Quellenverzeichns, sowie ein Personenregister im Anhang enthalten.

Doch auch die Aufmachung des Buches muss hier Erwähnung finden. Es ist qualitativ hochwertig und mit Lesebändchen versehen. Auch ohne Schutzumschlag ist dieses Buch, aufgrund des klassischen Touch, eine kleine Augenweide. Zudem wurde die Aufmachung des schwedischen Originals beibehalten.

Fazit:
Wer hier persönliche Einblicke, sowie Einblicke in das Privatleben der Schrifstellerin Astrid Lindgren erwartet wird wohl enttäuscht sein. So mancher hat das Buch in der Leserunde aufgrund dessen abgebrochen. Ich hingegen, bekennender Geschichts-Geek, fand es äußerst interessant einen Blick aus "unbeteiligter" Sicht auf den 2. Weltkrieg zu werfen. Obwohl ich schon viel zu dieser Thematik gelesen habe, war mir die Situation und Stellung der skandinavischen Länder nahezu unbekannt. Es ist also ein äußerst informatives aber auch berührendes Kriegstagebuch aus Sicht des neutralen Schwedens, geschrieben von der bekanntesten Kinderbuchautorin. Dies gestaltet sich gerade deswegen als sehr flüssig zu lesen, da die Autorin bereits vor ihrer Zeit als Autorin den Leser zu fesseln weiß.
Wer also Persönliches von Astrid Lindgren erfahren möchte, ist mit einer Biographie besser bedient. Wer hingegen einen anderen Blick auf die historischen Ereignisse des 2. Weltkrieges werfen möchte, kann sein Wissen diesbezüglich mit diesem Buch bereichern und vor allem erinnert es daran, welch furchtbare Zeit es war, die man gerade aufgrund dieser Gräuel niemals vergessen sollte.

"Der Frieden kann den Müttern nicht ihre Söhne zurückgeben, Kindern nicht ihre Eltern, den kleinen Hamburger und Warschauer Kindern nicht das Leben. Der Hass ist nicht zu Ende an jenem Tag, an dem der Friede kommt, jene, deren Angehörige in deutschen Konzentrationslagern zu Tode gequält wurden, vergessen nichts, nur weil Frieden ist, und die Erinnerung an Tausende von verhungerten Kindern in Griechenland wohnt immer noch in den Herzen ihrer Mütter, falls die Mütter selbst überlebt haben...."
(1943 - S. 242)


© Pink Anemone (mit vielen Bildern, Leserprobe und Autoren-Info)

Veröffentlicht am 21.04.2019

Eine wunderbare Reise nach Longbourn und in die Zeit der Regency-Ära

Im Hause Longbourn
0

Ein Millionenpublikum liebt Jane Austens Stolz und Vorurteil. Doch keiner weiß, was sich in Küche und Stall des Hauses Longbourn abspielt: Hier müht sich die junge Sarah mit Wäsche und Töpfen ab, immer ...

Ein Millionenpublikum liebt Jane Austens Stolz und Vorurteil. Doch keiner weiß, was sich in Küche und Stall des Hauses Longbourn abspielt: Hier müht sich die junge Sarah mit Wäsche und Töpfen ab, immer noch hoffend, dass das Leben mehr für sie bereithält. Ist die Ankunft des neuen Butlers James ein Zeichen? Während Elizabeth und Mr. Darcy von einem Missverständnis ins nächste stolpern, nimmt in Longbourn noch ein anderes Liebesdrama seinen Lauf – denn James hütet ein großes Geheimnis. Jo Baker erzählt Jane Austens bekanntesten Roman neu: aus Sicht der Dienstboten. Und zeigt, dass deren Dramen jenen der Herrschaften in nichts nachstehen...(Klappentext)

☙☙☙☙☙

"Die ersten Aufgaben des Tages: Holz und Wasser holen, die Feuerstellen ausfegen und die Herdplatte schwärzen, danach Ruß und Schwärze von den Händen schrubben, damit sie sauber für die eigentliche Arbeit des Tages waren. Draußen wartete der eisige Pumpenschwengel auf Sarah. Lieber noch hätte sie glühende Kohlen aus dem Feuer geholt."
(S. 51)


Wer Jane Austens "Stolz und Vorurteil" kennt, dem ist auch das Haus Longbourn wohl bekannt. Doch in dem vorliegenden Buch stehen nicht die Bennets im Mittelpunkt, sondern deren Personal. Man darf sich also keine zweite Version von "Stolz und Vorurteil" im Stile von Jane Austen erwarten, sondern begibt sich Downstairs und schaut dem Personal über die Schultern, vor allem über die von Sarah, dem Mädchen für alles.
Während sie sich die Hände wund schrubbt, den Kamin fegt und die Bennets still aus dem Hintergrund bedient, träumt sie von einem aufregenden Leben und fernen Ländern. Als ein neuer junger Hausdiener eingestellt wird, sorgt er gleichzeitig für etwas Abwechslung. Unter all der Schrubberei des dreckigen Saums von Elizabeth und der Leier von Mrs. Bennet über ihre Nerven, passiert nun endlich etwas interessantes. Sarah hat nämlich den Verdacht, dass James ein Geheimnis verbirgt und ist fest entschlossen dieses aufzudecken und nach und nach beginnt sie sich in ihn zu verlieben ohne es selbst zu bemerken, denn es gibt da noch diesen aufregenden und exotischen Diener von Mr. Bingley.

Es wird hauptsächlich aus der Sicht von Sarah erzählt, aber auch in Mrs. Hills und James' Perspektive erhalten wir Einblick. Aufgrund dessen wird schnell klar, dass James wirklich etwas zu verbergen hat und dies nicht nur eine Phantasie von Sarah ist, um endlich etwas Aufregendes zu erleben. Natürlich spinnt sich Sarah wahre Schauergeschichten bezüglich James zusammen, ähnlich wie Catherine in "Northanger Abbey".

Es mag nun etwas merkwürdig klingen, aber genau aufgrund ihrer Naivität mochte ich Sarah, womit wir bei der Charakterzeichnung wären und diese ist der Autorin durchaus gelungen.
Sarah ist eine einfach gestrickte junge Frau, die noch nicht viel vom Leben weiß, es jedoch gerne würde. Sie hat keinerlei Lebenserfahrung, geschweige denn bezüglich Männer und kennt nur das arbeitsreiche Leben einer Dienstmagd, daher ist sie natürlich in gewisser Weise naiv und sieht viele Dinge anders, ist aber auch eine sehr liebenswerte Person, welche im Storyverlauf eine große Entwicklung durchläuft.
Doch auch die Nebencharaktere sind authentisch und gut gezeichnet. Da wäre Mrs. Hill, die gute Seele des Hauses, ihr Mann Mr. Hill, ein schrulliger, alter Mann, für alle grobe Arbeiten zuständig und teilt sich mit seiner Frau ebenfalls ein Geheimnis.
Polly, das aufgeweckte, kleine Dienstmädchen, welches gerne vor sich hin träumt, ihren Kindermund nicht immer im Zaum hat und mich daher so manches Mal schmunzeln ließ. Und natürlich James, der geheimnisvolle Neue, der vor etwas davonzulaufen scheint und sich dadurch regelrecht in die Arbeit stürzt. Im Verlauf der Geschichte erhalten wir auch Einblick in seine Vergangenheit und gleichzeitig in die Sicht eines Soldaten zur Zeit der napoleonischen Kriege.

">>Die schnarchen beide wie die Schweine! Und Mr. Hill ist ein fürchterlicher Knallfurzer.<<
>>Polly!<<
>>Wenn's doch wahr ist! Dem gehen mehr Winde ab als einem Pferd.<<"
(S. 118)


Die Bennets nehmen keinen großen Raum ein und man sieht das Geschehen von "Stolz und Vorurteil" aus dem Blickwinkel des Personals. Aufgrund dessen mögen hier die Charaktere auch anders erscheinen als Jane Austen-Kenner sie aus dem besagten Klassiker kennen. Mr. Collins wird zum Beispiel von Sarah und Mrs. Hill durchaus positiv wahrgenommen, während Wickham sogar ein noch viel größerer Unmensch ist.

Der Schreibstil ist einfach gehalten und flüssig, daher huscht man nur so durch das Buch. Man darf sich also keineswegs einen Schreibstil a la Jane Austen erwarten, was eventuell auch überhaupt nicht zu Sarahs Perspektive passen würde, ist sie doch eine einfache Magd und dies kein Roman einer Schriftstellerin aus der Regency-Zeit.

"Das Leben war so willkürlich und unbeeinflussbar wie das Wetter, und wenn man noch dazu so sehr von den Launen und Bedürfnissen anderer Menschen abhängig war, dann war es ihrer Meinung gar kein richtiges Leben mehr."
(S. 227)


Die kurzen Kapitel begünstigen das flotte Lesen und nur zu oft wird man dazu verleitet zu sagen: "Ach, nur noch ein Kapitel".
Zudem wird jedes Kapitel mit einem Zitat aus "Stolz und Vorurteil" eingeleitet, was nicht nur eine wunderbare Idee ist, sondern man als Jane Austen-Leser erkennt was sich gerade Upstairs abspielt. Zudem hat die Autorin einige Wendungen eingebaut, sodass die Story, trotz der ein oder anderen Länge, interessant bleibt.

Fazit:
Dieser historische Roman beinhaltet viel mehr als eine Liebesgeschichte, welche übrigens alles andere als kitschig daherkommt. Man erhält einen authentischen Blick auf das Leben des Dienstpersonals zur Zeit der Regency-Ära und in das Leben eines einfachen Soldaten. Ich habe diesen Roman innerhalb kürzester Zeit gelesen und habe mich nur zu gern Downstairs von Longbourn aufgehalten, James auf seinem Weg als Soldat begleitet und hinter die Kulissen der Bennets geblickt. Dieses Buch ist natürlich nicht nur für Jane Austen-Liebhaber geeignet, doch vor allem diese werden es lieben wieder zu den Bennets zurückzukehren und Longbourn aus einem ganz anderen Blickwinkel kennenzulernen.

© Pink Anemone

Veröffentlicht am 04.03.2019

Eine beklemmende, spannende und zugleich philosophische Novelle.

Und dein Leben, dein Leben
0

»Du bist Schriftstellerin. Dann orchestriere meinen Mord doch fiktiv. Wie würdest du es machen, mh?«
Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich nicht zurück.
»Es ist ganz leicht«, sagte er. »Man muss nur ...

»Du bist Schriftstellerin. Dann orchestriere meinen Mord doch fiktiv. Wie würdest du es machen, mh?«
Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich nicht zurück.
»Es ist ganz leicht«, sagte er. »Man muss nur wissen, wie. Schau.« Er nahm ihre Hand und legte sie sanft auf seine pochende Halsschlagader. Er schwitzte leicht. Mit sanftem Druck führte er sie zu seinem Herzen....
(Klappentext)

〥〥〥〥〥

"Doch die Perversion ist in uns verankert, in uns allen.
Sie können sich einen Anzug, eine Fliege und teure Schuhe anziehen, sich rasieren und parfümieren,
aber das mörderische Tier kriegen sie niemals aus sich heraus."
(S. 55)


Gleich zu Beginn sollte erwähnt werden, dass dieser Roman nicht ohne Trigger-Warnung auskommt und dieses Buch daher nicht für jeden geeignet sein könnte.
Trigger: Die Geschichte thematisiert Mord, sexuellen Missbrauch, Selbstmord und Gewalt im Elternhaus.

Carmen lebt in einem Bootshaus und zelebriert, umgeben von Wald und Gewässer die Einsamkeit. Sie liebt das Morbide und Makabere und freut sich, wenn sie sich ängstigt oder zufällig über eine Leiche stolpert, um dieses Erlebnis sogleich beruflich zu verarbeiten. Carmen ist Krimiautorin und das mit Leidenschaft und schreiben ist ihr Leben. Eines Tages scheinen jedoch die Geschichten ihrer Bücher real zu werden. Ein Mörder findet den Weg in ihr Bootshaus und da ganz und gar nicht zufällig. Aus dieser Begegnung entspinnt sich ein faszinierendes Gespräch, welches hinter die Fassade von Carmen blicken lässt und diese ist äußerst düster.

"Sie hatte sich angewöhnt, manchmal Selbstgespräche zu führen, um die Stille zu vertreiben.
So sehr sie die Einsamkeit liebte, manchmal fürchtete sie sich vor dem Wahnsinn."
(S. 11)


Diese Story kommt mit nur wenigen Figuren aus, diese sind jedoch mit einer Tiefe gezeichnet, die man nur selten in Büchern findet.
Eine Schriftstellerin und ein Serienkiller, beide vom Charakter her von gesellschaftlichen Normen abweichend, beide grundverschieden und doch haben sie so manches gemein. Diese beiden, und allen voran der Serienkiller, werden nicht ver- oder beurteilt, sondern regen den Leser an über das Böse im Menschen zu sinnieren. Ja, selbst das Böse ist hier nicht das Böse. Es ist was es ist - eine menschliche Eigenschaft, die in jedem von uns schlummert und sich mehr oder weniger im Laufe des Lebens entwickelt, bzw. entwickeln KANN.

"Sie war irre!
Aber sie wollte sich nicht dagegen wehren, denn sie war, wie sie war
und es gab nichts Schöneres, als das zuzugeben."
(S. 78)


Die Story selbst ist spannend, düster und ebenso fern des Mainstreams wie die Charaktere selbst. Es fängt, meiner Meinung nach, zwar etwas holprig an, entwickelte sich im Verlauf jedoch zu einem packenden Pageturner und endet mit einer völlig unerwarteten Wendung. Schade eigentlich, denn diese beiden Charaktere beinhalten Stoff für einen ganzen Roman. Zu gerne wäre ich mit ihnen noch im Bootshaus verweilt und hätte ihnen gelauscht. Dies ist vor allem auch dem Schreib- und Erzählstil der Autorin geschuldet. Flüssig und klar, inklusive unglaublicher Wortgewalt mit teils philosophischen Zügen in beklemmender Atmosphäre, führt die Autorin den Leser durch diese Geschichte, welche einen auch nach dem Schließen des Buches nicht mehr loslässt.

Fazit:
Das Buch, bzw. die Story hat mich regelrecht mitgerissen und lässt mich auch jetzt noch nicht los. Diese Novelle hat eine fesselnde Story, tiefsinnige Charaktere fern von 08/15, eine beklemmende Atmosphäre und philosophische Wortgewalt, welche einen zum Nachdenken anregt. Ich will mehr! Mehr von solchen Stories, mehr von dieser Autorin!!

© Pink Anemone

Veröffentlicht am 31.01.2019

Genialer und actionreicher Thriller, der tief in die Machenschaften der russischen Mafia blicken lässt.

Tannenstein
0

Zeit der Rache
Wenn der Wanderer kommt, sterben Menschen. Elf in Tannenstein, einem abgelegenen Ort nahe der tschechischen Grenze. Ein Tankwart im Harz, eine Immobilienmaklerin aus dem Allgäu. Der Killer ...

Zeit der Rache
Wenn der Wanderer kommt, sterben Menschen. Elf in Tannenstein, einem abgelegenen Ort nahe der tschechischen Grenze. Ein Tankwart im Harz, eine Immobilienmaklerin aus dem Allgäu. Der Killer kommt aus dem Nichts, tötet ohne Vorwarnung und verschwindet spurlos.
Der Einzige, der sich ihm in den Weg stellt, ist Alexander Born: ein Ex-Polizist mit besten Kontakten zur Russenmafia. Einst hatte der Wanderer seine Geliebte getötet, jetzt will Born Rache – und wird Teil einer Hetzjagd, die dort endet, wo alles begann: Tannenstein....
(Klappentext)

☠☠☠☠☠

"Er passierte eine kleine Brücke, die über einen Bachlauf führte. Schmal und in keiner Weise bemerkenswert.
So, als ob diese Straße irgendwann im Nirgendwo endete, weil ihren Erbauern klar geworden war, dass sowieso niemand diesen Weg nahm.
Es gab keine Straßenschilder, keine Wegweiser -
als wollte Tannenstein sich inmitten der umliegenden Wälder und der Außenwelt verstecken."
(S. 155)


Ein kleines Dorf nahe der tschechischen Grenze in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, in dem Neulinge misstrauisch beäugt und zugezogene lange nicht dazu gehören. Dort begegnen wir dem Wanderer zum ersten Mal und dort scheint alles seinen Anfang genommen zu haben. Die Kneipe von Tannenstein, so der Name des Dorfes, wurde zum Ort einer Hinrichtung mit nur einem Überlebenden. Danach begab er sich nach Berlin, tötete eine Frau und dann ... dann verschwand der Wanderer, denn es war getan.
Doch für die Polizei ist Tannenstein nicht vergessen und jemand möchte, dass sie es auch nicht vergessen, denn seit 3 Jahren bekommen sie am Jahrestag dieser Hinrichtung eine Postkarte geschickt. Das Postkartenmotiv - ein Wanderer. Norah Bernsen, Polizeikommissarin in Berlin, rollt den Fall neu auf und wendet sich an den letzten Ermittler von damals - Alexander Born. Dieser ist jedoch auch kein unbeschriebenes Blatt. Ein krimineller Ex-Polizist, der gerade 3 Jahre im Gefängniss saß und ein persönliches Interesse hat diesen Wanderer zu schnappen. Die getötete Frau in Berlin war nämlich seine Lebensgefährtin. Es gilt also eine Rechnung zu begleichen.
Währenddessen wandert der Wanderer weiter und tötet.

Der Wanderer: Ruhig, überlegt, ein Einsamer auf Wanderschaft, der einen Auftrag zu erfüllen hat

Alexander Born: Ein Getriebener der auf Rache sinnt, jedoch ebenso ruhig und überlegt agiert wie der Wanderer, aber auch manchmal seinen Emotionen freien Lauf lässt - ein Pitbull der von der Leine gelassen wurde

Norah: Sprüht vor jugendlichem Elan und Neugierde und genau Letzteres führt dazu, dass sie sich in diesen Fall verbeisst und nicht locker lässt.

Im Verlauf der Story dringt man tief in die Machenschaften der Russenmafia ein und erhält Einblick in jedes kleine Rädchen, welches sich darin dreht. Vom Oberhaupt angefangen, über Händler bis hin zur Prostituierten. Nun stellt sich die Frage, ob der Wanderer einer von ihnen ist oder den Russen mit seinen Taten ans Bein pisst.

"Er würde den Mann jagen, der es gewagt hatte, ihm das Wertvollste zu rauben, das er je besessen hatte.
Ihn hetzen und aufspüren.
Ihn fühlen lassen, was wahres Leid bedeutete."
(S. 24)


Hier eröffnete sich mir ein ebenso genialer, wie auch actionreicher Thriller, welcher jedoch auch durchaus ruhige Töne anschlägt.
Der Autor legt sein Augenmerk sowohl auf die Handlung, als auch auf die Charakterisierung der Figuren. Dadurch erhält man eine Story bei der die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, nicht alles ist wie es scheint und die Charaktere verschiedene Grauschattierungen aufweisen. Dies beschränkt sich nicht nur auf die drei Protagonisten, sondern schließt auch die Nebenfiguren mit ein.
Dabei legt der Autor eine unglaubliche Sprachgewalt an den Tag. Diese Sprachgewalt, kombiniert mit dem atmosphärischem und bildhaftem Schreib- und Erzählstil, führt zu einem Kopfkino par excellance.
Zusätzlich kann der Thriller auch mit einigen überraschenden Wendungen punkten, denn wie schon erwähnt ist hier nicht immer alles so wie es im ersten Augenblick erscheint.
Für allzu schwache Nerven ist dieser Thriller trotzdem nur bedingt zu empfehlen, denn wo die russische Mafia sägt, fallen nicht nur Späne. Hier wird ge- und erschossen und auf sehr kreative Art und Weise gefoltert.

"Sein erster Schuss traf mitten in die Stirn des Mannes, der der Tür am nächsten saß.
Die folgenden Schüsse die beiden Männer dahinter.
Knochensplitter flogen durch die Luft, Gehirnmasse trat aus,
ein warmer Sprühnebel färbte das Gesicht einer etwa vierzigjährigen Frau rot.
Sie starb als Vierte."
(S. 11)


Das einzig Störende an dem ansonst perfekten Thriller ist, dass die Protagonisten durch die Bank gut aussehend sind und dies auch immer wieder mal gerne betont oder hervorgehoben wird.
Und natürlich finden sich Norah und Born anziehend, natürlich landen sie in der Kiste und natürlich entsteht daraus eine Liebesbeziehung. Dies nimmt zwar, zum Glück, nicht viel Raum ein, aber immerhin so viel, sodass es mich störte. Und wieder einmal frage ich mich, wieso so gut wie jeder Thriller/Krimi eine Liebesbeziehung beinhalten muss. Wieso ist es für so viele Autoren/-innen nicht vorstellbar, dass Frauen und Männer ganz normal zusammenarbeiten können, ohne irgendwann über sich herzufallen? In manchen Krimis kann so etwas eventuell von der nicht vorhandenen Handlung ablenken und das Buch in der Seitenzahl strecken. Der vorliegende Thriller hätte dies jedoch am allerwenigsten nötig gehabt.

Fazit:
Bis auf das oben erwähnte Manko bescherte mir dieser Auftakt einer neuen Thriller-Reihe ein tolles Leseerlebnis. Ein Thriller voller Vielschichtigkeit, actionreicher Spannung und atmosphärischem Kopfkino. Dies ist mein zweiter Thriller des Autors und wird mit Sicherheit nicht mein letzter gewesen sein.

© Pink Anemone