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Veröffentlicht am 13.01.2019

Cormoran Strike

Weißer Tod
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Zum vierten Mal lässt Robert Galbraith ( J.K. Rowlings) ihren Privatdetektiv Cormoran Strike ermitteln. Neben seinen üblichen Aufträgen weckt der Besuch eines jungen Mannes sein besonderes Interesse, Billy ...

Zum vierten Mal lässt Robert Galbraith ( J.K. Rowlings) ihren Privatdetektiv Cormoran Strike ermitteln. Neben seinen üblichen Aufträgen weckt der Besuch eines jungen Mannes sein besonderes Interesse, Billy ist offensichtlich schwer psychisch gestört und ist sich sicher, dass er als Jugendlicher einen Mord an einem Kind mitangesehen hat. Bevor Cormoran mehr Details erfahren kann, flüchtet der junge Mann in Panik.
Nach einigen spektakulären Erfolgen hat Strikes Detektei eine gewisse Berühmtheit erlangt und so erreicht ihn auch der Auftrag des konservativen Ministers Chiswell. Der wird erpresst und Strike und seine Assistentin Robin nehmen den Auftrag an, besonders da der Name des Ministers auch in Billys Dunstkreis fällt.
Die Ermittlungen führen Cormoran in verschiedene Kreise, in die exklusive englische Oberschicht ebenso wie ins Umfeld des britischen Parlaments und in die Welt der Hardcore-Sozialisten. Dabei verblüfft mich die genaue Beschreibung der jeweiligen Milieus. Absolut stimmig ist die Darstellung der abgeranzten WG Zimmer in Londons armen Vierteln, wie auch das schäbige Büro Strikes und seiner ebenso schäbigen Zwei-Zimmer-Absteige im Stockwerk darüber. Genauso stimmig auch die Welt der Oberschicht in ihren schön restaurierten kleinen Häusern mit hübschen Vorgärten in den angesagten Stadtteilen.
Auch bei der Charakterzeichnung einzelner Personen hatte ich gleich sehr realistische Bilder vor Augen. So erinnerte mich die Beschreibung von Chiswell sofort an die Fernsehbilder von Boris Johnson. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist.
In dem bisher umfangreichsten Band dieser Reihe (857 Seiten) setzt die eigentlich Krimihandlung sehr spät ein. Tatsächlich lässt sich die Autorin viel Zeit für ihre Figuren und ihre gesellschaftlichen Verflechtungen. Aber sie schreibt so faszinierend und fesselnd, dass mir die langsam einsetzende Spannung nie als Manko erschien. Im Gegenteil, mir gefielen die Beziehungsspannungen zwischen Robin und Cormoran. Der Roman beginnt mit Robins Hochzeit und der daraus resultierenden Zurückhaltung Cormorans. aber sehr schnell erkennt Robin ihren Fehler. Aber beide sind einfach zu stolz und zu kompliziert gestrickt um auf einander zuzugehen. Auch das macht für mich einen großen Teil des Reizes aus.
Das Ende ist absolut schlüssig, aber so überraschend, dass ich auch nie einen Hauch von Verdacht oder Ahnung hatte und das passiert mir als passionierter Krimileserin selten. Erst in der Rückschau wurde mir die Bedeutung der kleinen, immer wieder eingestreuten Hinweise und Bemerkungen klar. Genau wie die Ibsen-Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt werden und deren Bezug sich am Ende enthüllt.
Ich freue mich auf den nächsten Band und auf die weitere Entwicklung zwischen Robin und Cormoran.

Veröffentlicht am 02.01.2019

Heller und der Rote Rabe

Roter Rabe
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In der noch jungen DDR wird Max Heller zu einem ungewöhnlichen Fall gerufen. In der Untersuchungshaft haben sich zwei der Spionage verdächtigte Männer selbst getötet. Die Umstände erregen Hellers Misstrauen ...

In der noch jungen DDR wird Max Heller zu einem ungewöhnlichen Fall gerufen. In der Untersuchungshaft haben sich zwei der Spionage verdächtigte Männer selbst getötet. Die Umstände erregen Hellers Misstrauen und bald sieht er sich in seinem Verdacht bestätigt. Doch er ermittelt unter erschwerten Bedingungen, er kommt mit seinen Untersuchungen dem Geheimdienst in die Quere. Der junge Staat ist immer mehr zum Schauplatz des beginnenden Kalten Kriegs geworden. Die Geheimdienste der Sowjetunion, das MfS und auch westliche Dienste haben ihre Finger im Spiel. Wie soll Heller ermitteln, wenn er kein Ergebnis erzielen darf?
Zudem scheinen die Gegner immer einen Schritt voraus. Hat Heller eine Spur, erleiden die Befragten bald danach tödliche Unfälle oder bringen sich um. So sterben seine Verdächtigten schneller, als Heller handeln kann. Das Klima des gegenseitigen Misstrauens hat auch seine Behörde und die unmittelbaren Kollegen erfasst. Kann man überhaupt noch jemandem trauen? Die Paranoia der um ihre Existenz ringenden DDR durchzieht die ganze Handlung. Max Heller ist selbst betroffen, ein Sohn lebt im Westen und lehnt die sozialistischen Ziele ab, der andere Sohn Klaus ist ein 100%iger, der den politischen Zielen auch familiäre Bande zu opfern bereit ist.
Karin Heller ist nach Köln gefahren um ihren Sohn und dessen kleine Familie zu besuchen, Max wartet auf ein Lebenszeichen von ihr und weist alle Andeutungen, dass sie nicht mehr zurückkommt, weit von sich.
Der Roman bringt auch ein Wiedersehen mit Alexej Saizev, dem jungen Russen, den Max schon gleich nach Kriegsende kennengelernt und bei einigen Fällen als fairen Gegenspieler kennengelernt hat. Doch Saizev hat sich verändert, er ist hart geworden und seine Handlungen sind für Max Heller undurchschaubar.
Der Krimi, der spannend, aber auch sehr verwickelt ist, tritt vor dem ausgezeichnet beschriebenen Zeitbild in die zweite Reihe. Goldammer schafft eine realistisch und minutiös gezeichnete Atmosphäre von Misstrauen und Ängsten. Die Schwierigkeiten des jungen Staats, der noch seinen Platz sucht und ganz unter der Beobachtung der Sowjetunion steht, sind allgegenwärtig. Immer häufiger schauen die Bürger neidvoll in den Westen, wo der Aufschwung schon in vollem Gang ist und kaum Versorgungsengpässe herrschen. So werden Beziehungen in BRD misstrauisch beäugt.
Ich konnte mich der Spannung und der Faszination dieses Kriminalromans nicht entziehen, auch wenn ich Schwierigkeiten hatte, die Verflechtungen immer ganz zu durchschauen. So sind mir auch einige Fragen und Details nicht ganz schlüssig aufgelöst worden. Der vierte Band der Reihe um Max Heller bekommt eine klare Leseempfehlung von mir.


Veröffentlicht am 06.12.2018

Turbulent und liebenswert

Meine Familie und andere Tiere
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Als ich in den frühen 70igern meine Ausbildung zur Buchhändlerin begann, war dieses Buch von Gerald Durrell immer noch ein Standardtitel. Regelmäßig wurde diese heiter-turbulente Familiengeschichte verkauft. ...

Als ich in den frühen 70igern meine Ausbildung zur Buchhändlerin begann, war dieses Buch von Gerald Durrell immer noch ein Standardtitel. Regelmäßig wurde diese heiter-turbulente Familiengeschichte verkauft. Nun bringt der Piper Verlag eine neu übersetzte Ausgabe auf den Markt und aus Nostalgie habe ich das Buch gelesen.

Es hat nichts von seinem Charme verloren. Es mutet fast exotisch an, wie die englische Familie 1935 nach Korfu übersiedelt. Sonne und Wärme und wahrscheinlich auch die günstigen Lebenshaltungskosten waren wohl der Grund. Die inzwischen verwitwete Mutter Durell und ihre vier Kinder stammen aus einer typischen Kolonialbeamten-Familie. Sie lebten in Indien, dort wurden die Kinder geboren und haben ihre Kindheit verbracht. Die Rückkehr nach England war wohl auch ein Kulturschock, was zart angedeutet wird, wenn die Mutter ihre indischen und ceylonesischen Kochbücher hortet und auch auf Korfu Currys und andere asiatische Köstlichkeiten zubereitet. Die Beschreibung der Insel mutet fast archaisch an, Hirten und einfache Bauern werden Freunde, immer zur Gastfreundschaft bereit und Trauben, Feigen und Melonen zu teilen. Eine untergegangene Welt, in die ich hier eintauchen konnte.

Für Gerry war Korfu Freiheit und Paradies. Ohne lästige Schule – ein Freund der Familie erteilt ein wenig planlos Privatunterricht – kann er sich ganz seiner Leidenschaft widmen: Tiere zu beobachten. Hier wird der Grundstein zu seiner Karriere als autodidaktischer Zoologe gelegt. In der Familie geht es turbulent zu: der älteste Bruder schreibt an seinem Roman, Gerry schleppt allerlei Viehzeug an, die Schwester testet ihre Wirkung auf Inselbewohner und allerhand seltsame und skurrile Gäste bevölkern das Haus. Diese Idylle dauert einige Jahre, bis der drohende Zweite Weltkrieg die Familie wieder zurück an England bringt.

Auch wenn das Buch schon 1956 zum ersten Mal erschien, es hat sich seine Frische bewahrt und lohnt auch heute noch das Lesen. Eine amüsante, mit typisch englischem Humor geschriebene Geschichte, die viel von der Faszination Durrells für Flora und Fauna vermittelt


Veröffentlicht am 23.11.2018

Raffinierter Krimi

Club der Romantiker
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Peter Becker kommt vor 24 Jahren zum ersten Mal nach Oxford, mit einem Stipendium fürs renommierte Jesus College. Die Begegnung mit der faszinierenden Kommilitonin Louise bringt ihn in den „Club der Romantiker“, ...

Peter Becker kommt vor 24 Jahren zum ersten Mal nach Oxford, mit einem Stipendium fürs renommierte Jesus College. Die Begegnung mit der faszinierenden Kommilitonin Louise bringt ihn in den „Club der Romantiker“, dort werden Gedichte rezitiert und einiges mehr. Diese Begegnung sollte für Peter weitreichende Folgen haben.
24 Jahre später trifft Peter zu einem Ehemaligentreffen in Oxford ein, die er bisher gemieden hat, aber kürzlich wurde die Leiche der mehr als zwei Jahrzehnte vermissten Laureen Mills gefunden, die nun beigesetzt wird. Peter will zu dieser Beerdigung, denn mit Laureen verbindet ihn eine alte Schuld.
Auf diesen zwei Zeitebenen spielt dieser Oxford Roman. Man kann mit dem Frischling Peter in die Studentenwelt Oxfords eintauchen, über die seltsamen Rituale dieser berühmten Universitätsstadt lächeln oder sich wundern. Obwohl Peter schon bald in die Studentenclique aufgenommen wird, bleibt er doch auch Außenseiter, ein Stipendiat aus Europa – schon damals zählten sich manche Briten nicht dazu – außerdem fehlt ihm der familiäre und finanzielle Background.
Im Wechsel dazu die Handlung in der Gegenwart. Inspector Osmer sitzt über den Akten im Fall Mills. Wurde damals etwas übersehen? Zusammen mit seinem Kollegen Irvine beginnt er stochern und siehe da, er scheint die Ehemaligen ganz schön nervös zu machen.
Wer englische Romane und ganz besonders die Oxford Krimis um Inspektor Morse und die TV Serie Lewis liebt, wird an diesem Buch seine helle Freude haben, denn Osmer ist auch eine Hommage des Autors an Colin Dexters Kriminalisten. Oxford als Handlungsort ist für mich immer ein Muss und hier habe ich ganz besonders die Beschreibung der studentischen Welt genossen. Das Ambiente stimmt. Das ist ein intelligenter Kriminalroman mit ausgefeilten Psychogrammen seiner Protagonisten und einer sehr genauen Milieustudie. Gut gefallen haben mir auch die kleinen Seitenhiebe zum Brexit und zur „Splendid Isolation“, die die Briten so gern zelebrieren.
Ein wenig Geduld braucht man am Anfang, die Handlung baut ihre Spannung sehr allmählich auf, aber das habe ich nicht als Nachteil empfunden.
Für Englandfans eine echte Empfehlung.

Veröffentlicht am 09.11.2018

Ausgezeichnet

Lenz (Ein Kommissar-Eschenbach-Krimi 6)
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Nach einer mehrmonatigen Auszeit kehrt Eschenbach in seine Zürcher Dienststelle zurück. Aber es ist etwas anders geworden während seiner Abwesenheit, seine Stellvertreterin Ivy Köhler ist mehr als unterkühlt ...

Nach einer mehrmonatigen Auszeit kehrt Eschenbach in seine Zürcher Dienststelle zurück. Aber es ist etwas anders geworden während seiner Abwesenheit, seine Stellvertreterin Ivy Köhler ist mehr als unterkühlt und scheint nicht gern den Platz zu räumen.
Ein alter, schwerkranker Mensch, der mehrere Tage tot in der Wohnung lag, bevor er gefunden wurde, gibt Eschenbach ein Rätsel auf. Selbst wenn die Todesursache natürlich war, die Wohnung gibt ihm Rätsel auf. Sie ist unpersönlich, es gibt nichts, was auf den Menschen hinweist, keine Fotos, ein vollkommen leerer Kalender, es sieht sogar aus, als ob die Wohnung noch neue Böden bekommen hätte. Aber Eschenbach kommt nicht weiter, als er eine genauere Untersuchung anordnet, geht das Wohnhaus in Flammen auf. Seine Neugierde ist geweckt, vor allem als er versucht den Lebensweg des Toten, Walter Habicht, zu recherchieren. Überall stößt er auf Schweigen und gesperrte Akten.
Ewald Lenz, langjähriger Freund und Kollege Eschenbachs, ist verschwunden, aber auch über ihn muss er Dinge erfahren, die er noch nicht wusste. Aber er ist auf sich allein gestellt, Köhler schneidet ihn allmählich vom Informationsfluss ab, denn Lenz steht unter einen unglaublichen Verdacht.
Mein erster Kriminalroman um Eschenbach (es gibt nichts Näheres von ihm zu erfahren), aber ich hatte überhaupt keine Einstiegsschwierigkeiten. Es ist ein eher stiller Krimi, der mich an ein Kammerspiel erinnerte. Es sind im Grunde auch nur 3-4 Hauptpersonen um die sich alles dreht und deren Lebenswege sich seit Jahrzehnten kreuzten. Die Suche führt Eschenbach in Bereich der geopolitischen Ränke, es geht um Macht und Vorherrschaft, um Ressourcen und Politik. Die ganze Thematik wird sehr kenntnisreich erzählt und auch ohne Aktionismus baut sich ein Spannungsbogen auf, der zwar nicht sehr steil ist, aber bis zur letzten Seite anhält.
Besonders die Person Ewald Lenz hat mich fasziniert, aber auch die anderen Mitwirkenden sind sehr anschaulich charakterisiert. Mir gefiel auch der Stil, besonders gut auch, dass die kleinen Schweizer Sprachbesonderheiten in manchen Benennungen nicht wegfielen. Ich mag Krimis mit einer niveauvollen Sprache. Da bin ich auf meine Kosten gekommen.
Das Cover ist raffiniert. Der leuchtendrote Hintergrund, darauf ein weißes Kreuz, dessen untere Hälfte dunkel ist, das assoziiere ich sofort mit der Schweizer Landesfahne.