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Veröffentlicht am 02.06.2022

Ein literarisches Highlight mit Interessantem und brisantem Inhalt!

Das Mädchen, das man ruft
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Das war mal wieder ein ganz besonderer literarischer Leckerbissen!
Inhalt, Sprache und Stil haben mir sehr gut gefallen.
Manchmal ist es ja mehr der Inhalt, manchmal mehr die Sprache, die einen fesseln, ...

Das war mal wieder ein ganz besonderer literarischer Leckerbissen!
Inhalt, Sprache und Stil haben mir sehr gut gefallen.
Manchmal ist es ja mehr der Inhalt, manchmal mehr die Sprache, die einen fesseln, aber hier stimmt alles und das Ende ist nicht vorhersehbar.

Der Ich-Erzähler erzählt auf knapp 160 Seiten von Laura, ihrem Vater Max, seinem Chef, dem Bürgermeister Quentin Le Bars und dessen befreundeten Casinobesitzer Franck Bellec.

Es ist Anfang 2017. Die 20-jährige Laura ist kürzlich nach etlichen Jahren in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Jetzt sucht sie eine Bleibe und einen Job. Ihr Vater hat seinen 48-jährigen Chef, den Bürgermeister, gefragt, ob er ihr wohl bei der Wohnungssuche helfen könnte.

Laura, die einige Jahre als Fotomodel tätig war, sitzt vor dem Café Univers in der Altstadt einer bretonischen Hafenstadt.
Sie hat in Kürze einen Termin beim Bürgermeister im benachbarten Rathaus.

Bis dahin genießt sie ihren Kaffee und blättert neugierig durch den Sportteil der Zeitung.
Wird sie dort einen Artikel über ihren 40-jährigen Vater Max finden, der kürzlich nach längerer Pause wieder einen Sieg als Boxer errungen hat, dem der nächste Kampf bevorsteht und der das Treffen mit dem Bürgermeister eingefädelt hat?

Immer wieder werden kurze Szenen aus der Zukunft eingestreut, in denen Laura von Polizisten zu dem Termin beim Bürgermeister und zum ganzen Drumherum verhört wird.

Dieses Vorgehen des Autors ist ein origineller Kunstgriff, denn man wird bereits auf den ersten Seiten neugierig gemacht und auf die Folter gespannt.
Es ist aber nicht nur Neugierde, die schon auf den ersten Seiten erweckt wird.
Man bekommt auch eine Vorahnung davon, dass das schmale Büchlein ein sprachliches und stilistisches Juwel werden wird.
Einige Beispiele dazu:
„…die Trikolore, die in der lauen Luft ruhte wie ein eingeschlafener Wachsoldat.“ (S. 7)
„…wenn der Blick vom Kopf zu den Füßen runtersaust wie eine Guillotine.“ (S. 10)
„… ihr bisheriges Leben, das in den letzten Tagen so deutlich vor ihr inneres Auge getreten war, wie eine alte Haut, die sich nicht abstreifen ließ…“ (S. 31)
„…Information, die durchaus bis zu ihrem Hirn durchgedrungen, dort aber stecken geblieben war wie ein Fahrstuhl zwischen zwei Stockwerken.“ (S. 35)

Im weiteren Verlauf der Geschichte erfahren wir nach und nach Details von dem Treffen der Beiden in dem riesigen und prunkvollen Amtssitz des Stadtoberhaupts und abermals werden Episoden des Verhörs eingestreut, das, so erfahren wir bald, stattfindet, weil Laura eine Anzeige aufgibt.
Mit der Zeit fügt sich ein Bild zusammen, mit dem man so nicht gerechnet hätte.

Es ist eine Geschichte, die auf ein dramatisches und fulminantes Ende hinsteuert.
Es geht dabei um Macht und Ohnmacht, Machtmissbrauch, Machenschaften, Abhängigkeiten, Gefälligkeiten, unausgesprochene aber klar vernehmbare Erpressungen sowie sexuelle Belästigung und Übergriffigkeit.

Immer wieder stößt man verwundert auf die Tatsache, dass „das ES regiert und nicht das ICH“ („Das ICH ist nicht Herr im eigenen Haus“, Zitat von Sigmund Freud).
Könnte man sonst handeln wie Laura handelt?

Der Autor seziert mit bzw. in seinem Werk auf beeindruckende Art und Weise den Mechanismus, warum etwas passiert.

Es geht dabei gar nicht so sehr um die Figuren. Sie werden relativ eindimensional, klischeehaft und schablonenartig gezeichnet, was mich hier nicht störte weil ich denke, dass diese einfache Art der Charakterdarstellung und die recht einfach zu umreißende (aber packende) Handlung zusammen mit dem komplexen Stil, den kunstvollen Formulierungen und den beeindruckenden Bildern in ihrer Gesamtheit dem Thema der Geschichte Nachdruck verleihen.

Es geht, wie gesagt, mehr um die Thematik an sich und um den Mechanismus und die Entstehungsgeschichte dahinter.

Auf den Inhalt möchte ich nicht weiter eingehen, um niemandes Lesegenuss zu mindern. Ich ärgere mich immer, wenn in Rezensionen zu viel verraten wird.

Nun noch ein paar Worte zur Sprache:
An die langen und verschachtelten Sätze muß man sich erstmal gewöhnen und sie sehr konzentriert lesen… wenn beide Voraussetzungen dann erfüllt sind, ist es für Liebhaber von Formulierungen, Assoziationen und Bewusstseinsströmen eine Oase, in der man sich nicht nur wohlfühlen kann, sondern geradezu muß.

Dieser originelle und nur mit Aufmerksamkeit zu lesende Schreibstil mit seinen vielen Bildern wirkte auf mich weder bemüht noch gekünstelt, sondern fließend und natürlich.

Die inhaltlich überschaubare und schnell zusammengefasste Geschichte ist ernst, aktuell, brisant und interessant.
Sie ist gleichzeitig eine literarische Besonderheit und ein sprachlicher Hochgenuss mit unfassbar eindrücklichen Bildern.
Ich muß an mich halten, sie nicht alle zu zitieren

Viele Sätze „musste“ ich mehrmals, langsam und laut lesen, weil sie mich so begeistert haben.
Ich bewundere die Ausdrucksfähigkeit und Wortgewandtheit von Tanguy Viel.

Ich kann nicht umhin, dazu doch noch ein Beispiel anzuführen:
„(Die alte und komplexe Beziehung, die zwischen ihnen bestand), war eine öffentlich bekannte Tatsache, trotz all dessen, was die beiden auf den ersten Blick so unterschied, der eine in seinen über dem Bauchansatz spannenden taillierten Anzügen, der andere unausweichlich düstere, unterweltliche Assoziationen weckend, denen sein weißer Anzug nicht nur nicht entgegen wirkte, sondern die er geradezu verstärkte, so, wie die Scheinwerfer eines Wagens in der Abenddämmerung klarmachen, dass es bald Nacht wird.“ (S. 41)

„Das Mädchen, das man ruft“ ist ein anspruchsvoller Roman, der für den Prix Goncourt nominiert war.
Er bereitete mir großes Lesevergnügen und ich empfehle ihn gerne weiter.

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Veröffentlicht am 01.05.2022

Ein Kochbuch, das ich nicht missen möchte!

Nihon Kitchen – Das Japan-Kochbuch
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Mit „Nihon Kitchen“ entführt uns Tanja Dusy nach Japan.
Die Autorin hat mir kürzlich mit „Buddha Bowls Levante“ und „Gemeinsam orientalisch genießen-Levante“ bereits die Küche des östlichen Mittelmeerraums ...

Mit „Nihon Kitchen“ entführt uns Tanja Dusy nach Japan.
Die Autorin hat mir kürzlich mit „Buddha Bowls Levante“ und „Gemeinsam orientalisch genießen-Levante“ bereits die Küche des östlichen Mittelmeerraums auf höchst schmackhafte und unterhaltsame Weise näher gebracht.

Dieses stilvolle Kochbuch überraschte mich mit appetitanregenden Fotos, interessanten Erläuterungen, praktischen Tipps und über 80 Rezepten.

Angefangen von Sushi über Suppen, Ramen, Hotpots, Spezialitäten vom Grill, Snacks und Donburi, Gemüse, Salate und Pickles bis zu Süßem und Gebäck gibt Tanja Dusy einen guten und abwechslungsreichen Einblick in die japanische Küche.

Wir lernen Wissenswertes über Reis und Nudeln und erfahren, dass Ramen (japanische Nudelsuppe) „bestes und gesundes Fastfood und gleichzeitig eine traditionsreiche Küchenkunst mit Sterneniveau“ ist.

Dass Fleisch in Japan aus religiösen Gründen lange verpönt und sogar per kaiserlichem Dekret bis 1872 verboten war, wusste ich vor der Lektüre dieses Werkes, das mehr als ein Kochbuch ist, nicht.

Ich könnte noch viele interessante Informationen erwähnen, über die ich gestolpert bin, aber das würde hier den Rahmen sprengen.

Japanische Schriftzeichen fehlen natürlich auch nicht und geben dem Ganzen einen edlen Touch.

Ich habe schon ein paar Rezepte nachgekocht und möchte mit drei Favoriten nicht hinter dem Berg halten.

Als Nudelliebhaberin bin ich natürlich im Kapitel „Ramen“ hängengeblieben.
Das Shoyu-Ramen mit Huhn ist eine köstliche Nudelsuppe mit Shiitake-Pilzen, Pak-Choi, Mais, Frühlingszwiebeln und wie der Name schon sagt: Hähnchenbrustfilet.

Oyakodon ist eine Reisschüssel mit Huhn und Ei, die ich sicher nicht das letzte Mal zubereitet habe. Zwiebel, Dashibrühe, Sojasauce, Sake und Mirin geben dem Gericht den feinen und würzigen Geschmack.

Matchamisu ist Tiramisu mit Matcha. Dieses Dessert ist mit seiner grünen Oberfläche und den roten Himbeeren nicht nur ein Hingucker, es schmeckt auch noch zum Dahinschmelzen.

An Sushi habe ich mich noch nicht herangewagt, möchte das aber bald nachholen.
Ich denke, dass es nicht allzu schwierig sein wird, weil Tanja Dusy detaillierte Anleitungen für das Grundrezept von Sushireis und die Herstellung von Futo-Maki, Hoso-Maki, Ura-Maki, Onigiri und Sashimi gibt.

„Nihon Kitchen“ ist ein wunderbares Kochbuch, das den kulinarischen Horizont definitiv erweitert.
Die Gerichte sind zwar etwas zeitaufwändig und nicht ganz einfach zuzubereiten, aber wenn man genügend Muse, Neugierde und Geduld mitbringt, dann lohnt sich der Aufwand allemal.
Die Zutaten bekommt man problemlos in gut sortierten Supermärkten und beim Asiaten um die Ecke.
Ich möchte dieses Werk in meinem Kochbuchregal nicht missen und werde immer wieder gern darauf zurückgreifen.








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Veröffentlicht am 30.04.2022

Ein Lieblingskochbuch!

Levante – Gemeinsam orientalisch genießen
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Schon wieder ein Kochbuch von Tanja Dusy.
Schon wieder geht’s um die Levante-Küche.
Schon wieder bin ich begeistert!

Zuletzt habe ich ihr wunderbares Buch „Buddha Bowls Levante“ getestet und rezensiert. ...

Schon wieder ein Kochbuch von Tanja Dusy.
Schon wieder geht’s um die Levante-Küche.
Schon wieder bin ich begeistert!

Zuletzt habe ich ihr wunderbares Buch „Buddha Bowls Levante“ getestet und rezensiert.
Damals stolperte ich erstmals über den Begriff „Levante-Küche“ und erfuhr, dass es sich dabei um die Esstraditionen des östlichen Mittelmeerraums handelt.

Da ich eine begeisterte Anhängerin von Yotam Ottolenghis Kochkunst bin, der sich ja auch intensiv mit dieser Küche befasst, war schnell klar, dass ich „Gemeinsam orientalisch genießen-Levante“ ebenfalls testen muss.
Und es hat sich gelohnt!

Schon der Buchdeckel mit dem Schnappschuss vom Mezze-Buffet zieht das Augenmerk auf sich und wenn man die bunten und appetitlichen Fotos beim Durchblättern betrachtet, läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Nach und nach präsentiert uns Tanja Dusy zahlreiche köstliche Rezepte, die sie in einer originellen Gliederung unterbringt.
Den typischen orientalischen Delikatessen wie Hummus, Shawarma und Falafel widmet sie extra Kapitel und auch mit Ideen für die Gartenparty, das Lagerfeuer und ein israelisches Frühstück spart sie nicht.
Vegetarier kommen genauso wenig zu kurz wie Liebhaber von Street Food und Süßem.

Was mir neben den Rezepten und Fotos besonders gut gefällt, sind die Erläuterungen und Erklärungen, die sie zwischendurch immer wieder einstreut.
Sie geht auf die Levante-Küche, auf die Mezze-Tradition und auf so manche Gewohnheit des Nahen Ostens ein, so dass man durch das Buch nicht nur kulinarisch sondern auch mit Wissen bereichert wird.

Einiges habe ich schon nachgekocht. Auf alles einzugehen, würde den Rahmen sprengen.
Ich beschränke mich hier also auf drei Favoriten, wobei es mir schwer fällt, diese Auswahl zu treffen, weil ich von allem, was ich bisher ausprobiert habe, absolut angetan bin.

Der Hammer sind die „gefüllten Kibbeh“ aus Lammhackfleisch, Bulgur, Walnuss- und Pinienkernen. Gewürzt sind diese frittierten eiförmigen Bällchen mit typischen orientalischen Gewürzen wie Kreuzkümmel, Koriander und Zimt.

Das „grüne Bohnen-Hummus“ ist einfach nur lecker und schmeckt hervorragend zu Fladenbrot. Es ist faszinierend, was aus Bohnen, Avocado, Limette, Knoblauch, Tahin, Koriander… gezaubert werden kann.

„Shakshouka“ ist eine orientalische Spezialität, die man gekostet haben muss! Bei uns wird sie künftig regelmäßig auf dem Tisch stehen. Das Gericht, das aus pochierten Eiern und Schafskäse in einer Sauce aus Paprika, Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch zubereitet wird, ist ein regelrechtes gute Laune- und Wohlfühlessen.

An die süßen Leckereien habe ich mich noch nicht herangewagt… sie stehen als Nächstes an. Was mich hier besonders reizt, sind die „Rugelach mit Feigenfüllung“. Das sind Hörnchen mit einer Füllung aus gehackten Feigen, Orangenmarmelade und Walnüssen. Schon der Teig klingt interessant: er wird mit Frischkäse zubereitet.

Ich empfehle dieses Buch allen, die offen sind für eine außergewöhnliche und besondere Küche mit alltagstauglichen, abwechslungsreichen, leckeren und gesunden Köstlichkeiten, die man zu wunderbaren Buffets kombinieren kann und die nicht nur schmecken, sondern noch dazu eine Augenweide sind.

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Veröffentlicht am 29.04.2022

Frisch, lecker, gesund und originell!

Buddha Bowls – Levante
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Das Kochbuch „Buddha Bowls Levante“ von Tanja Dusy hat mich positiv überrascht.
Schon das Titelbild, eine Bowl mit Falafel auf Bulgur, regt den Appetit an und macht neugierig auf den Inhalt der Rezeptesammlung, ...



Das Kochbuch „Buddha Bowls Levante“ von Tanja Dusy hat mich positiv überrascht.
Schon das Titelbild, eine Bowl mit Falafel auf Bulgur, regt den Appetit an und macht neugierig auf den Inhalt der Rezeptesammlung, in der sowohl Vegetarier und Veganer als auch Liebhaber von Fleisch und Fisch auf ihre Kosten kommen.

Bevor uns über 50 aromatische Rezepte mit gesunden und frischen Zutaten vorgestellt werden, geht Tanja Dusy kurz auf typische Vorräte, Gewürze und Kräuter der Levante-Küche ein.

Levante-Küche? Dieser Begriff, den ich zuvor noch nicht kannte, umfasst die Esstraditionen des östlichen Mittelmeerraums, also Syrien, Libanon, Jordanien, Israel und Palästina.
Typisch für diese Speisen des Nahen Ostens sind die Vielfalt an Gemüse und Gewürzen.
Tanja Dusy, die schon länger Bowl-Rezepte kreiert, kombiniert in diesem Werk ihre Vorliebe für Gerichte, die in einer Schale serviert werden mit orientalischen Geschmäckern, Gerüchen und Besonderheiten.

Ich habe schon einige Rezepte nachgekocht und wurde nie enttäuscht.
Meine bisherigen Favoriten möchte ich kurz erwähnen, um eine Vorstellung der im Buch enthaltenen Vielfalt zu ermöglichen.

Die Early-Summer-Bowl mit dem grünen Spargel, den Saubohnen, der Avocado und dem gekochten Ei ist nicht nur lecker, sondern auch gesund und raffiniert.

Die Pretty-In-Pink-Bowl ist was fürs Auge und den Gaumen. Die Rote-Bete-Creme ist der Hit und macht den Couscous zu einem kulinarischen Highlight.

Äußerst lecker und originell ist die Baba-Ganoush-Hähnchen-Bowl. Ganz typische orientalische Zutaten wie Tahin, Sumach und Schwarzkümmel machen das Gericht zu einem Wohlfühlessen.

Last but not least möchte ich noch die „Kofta-Bowl“ mit Auberginen und Bulgur erwähnen. Die Kofta aus Rinderhackfleich, griechischem Joghurt und Pul biber sind einfach köstlich.

Ich empfehle dieses Werk sehr gerne.
Wir werden hier mit ansprechenden Fotos bunter Speisen, sowie abwechslungsreichen, leckeren, recht schnell und nicht schwierig herzustellenden Gerichten, deren Zutaten in jedem gut sortierten Supermarkt problemlos zu bekommen sind, überrascht.

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Veröffentlicht am 17.12.2021

Unterhaltsamer Roman in schöner Sprache.

Die Verlorenen
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Mit Aufklappen des Buches wird der Leser in eine sehr bewegende Szene im Jahr 1747 hineingeworfen:
Die 18-jährige Bess bringt ihr Neugeborenes Ende November ins Londoner Findelhaus „Foundling Hospital“ ...

Mit Aufklappen des Buches wird der Leser in eine sehr bewegende Szene im Jahr 1747 hineingeworfen:
Die 18-jährige Bess bringt ihr Neugeborenes Ende November ins Londoner Findelhaus „Foundling Hospital“ (das es tatsächlich gab!) und hofft, dass es dort aufgenommen wird. Sicher ist das keineswegs, denn es gibt nicht Platz für alle Babies und wenn die nicht kerngesund sind, dürfen sie ohnehin nicht bleiben.
Bess hat Glück. Sie ergattert einen Platz für ihre Clara, die sie eigentlich am liebsten behalten würde, aber ihre Armut macht es schlicht unmöglich.
Stattdessen schwört Bess sich, dass sie ihr Mädchen eines Tages wieder abholen wird.

Bess lebt mit ihrem um drei Jahre älteren Bruder Ned, einem Straßenkehrer und mit ihrem Vater Abe, einem Krabbenhändler, in einer kärglichen Behausung.
Ihre Mutter verstarb, als sie 8 Jahre alt war.
Bess hilft ihrem Vater dabei, die Meeresfrüchte auf dem Londoner Fischmarkt und in der Stadt zu verkaufen. Sie ist das „Krabbenmädchen“.

Der Leser bekommt auf den nächsten Seiten einen wunderbaren Einblick in den Alltag der Protagonistin. Er spürt die Kälte über der Stadt, riecht denn Gestank auf dem Fischmarkt, hört die Marktschreier, sieht die Kutschen auf den matschigen oder steinigen Straßen vor seinem geistigen Auge und kann sich die jämmerliche Behausung vorstellen, in der Bess mit Vater und Bruder lebt.

Nach den ersten beiden Kapiteln, in denen man bereits durch die Eindrücklichkeit und Intensität der Beschreibungen gefesselt wird, machen wir einen Zeitsprung ins Jahr 1754.

Endlich ist es soweit:
Bess meint, genug gespart zu haben, um ihre Tochter Clara aus dem Findelhaus abzuholen und Platz gibt es in ihrer bescheidenen Unterkunft jetzt auch, weil ihr Bruder ausgezogen ist.

Bess ist voller Vorfreude, aber auch voller Angst.
Was, wenn Clara nicht mehr am Leben ist?
Ihre Freundin Keziah beruhigt sie: „Bess, sie wird dort sein, und du wirst wieder eine Mutter sein. Du hast so lange darauf gewartet, und sie ist jetzt außer Gefahr. Sie ist kein Baby mehr; sie ist bereit, nach Hause zu kommen, mit dir zu arbeiten und von Dir geliebt zu werden. Alles, was sie braucht, ist hier.“ (S. 48)

Im Findelhaus angekommen, erhält Bess eine schockierende Nachricht: „Das Kind mit der Nummer 627 wurde bereits vor vielen Jahren von seiner Mutter abgeholt.“ (S. 61)

Clara wurde anscheinend einen Tag nachdem sie damals abgegeben wurde, von einer Frau abgeholt, die sich als Bess ausgegeben hat… was für ein Schock!

In Rückblicken erfahren wir vom bereits verstorbenen Kindsvater Daniel, einem Walknochenhändler, in den sich das „Krabbenmädchen“ Bess unsterblich verliebt hatte.

Wir erleben mit, wie Bess sich als Eliza mit Hilfe von Dr. Mead, dem freundlichen Arzt des Findelhauses, auf die Suche nach ihrer Tochter macht und Erstaunliches entdeckt…

Nachdem wir im ersten Teil von Bess und ihrer Geschichte gelesen haben, lernen wir im zweiten Teil Alexandra kennen, die Frau, die sich als Mutter von Clara, inzwischen Charlotte genannt, bezeichnet.

Ich werde nun nichts mehr über den Inhalt verraten, um niemandem den Lesespaß zu verderben.
Nur so viel:
Wir tauchen in eine überraschende, originelle, packende, berührende und stimmige Geschichte ein, die nie kitschig, aber letztlich doch was fürs Herz ist.

Die bildliche und schöne Sprache hat neben der packenden Handlung die Lesefreude erhöht.

Einige Beispiele möchte ich erwähnen:
„Dann waren da noch die Ehefrauen mit ihren fleischigen roten Händen und ausladenden Brüsten, mit denen sie wie ein Schiffsbug durch das Gedränge pflügten und daher wie Möwen kreischten.“ (S. 36f.)

„Meine Welt war auf die Größe einer Nuss geschrumpft. Und dann kam Daniel … und knackte ihre Schale.“ (S. 168)

Ich habe den Eindruck, dass Stacey Halls gut recherchiert hat.
Sie hat eine glaubhafte Geschichte erfunden, die wunderbare Einblicke in die harten Lebensbedingungen, die verheerende Zustände der armen Leute der damaligen Zeit und die Unterschiede zwischen den Gesellschaftsschichten gibt.

„Die Verlorenen“ ist der 2. Roman von Stacey Halls.

Ihr Debüt „The familiars“ erschien im Herbst 2019 im englischen Original. Die Autorin gewann damit den Betty Trask Award.
Anfang nächsten Jahres wird dieses Buch als „Die Vertraute“ bei Piper in deutscher Sprache erscheinen.
Darauf freue ich mich schon sehr!

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