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Veröffentlicht am 28.06.2019

Was bedeutet Heimat?

Nicht Anfang und nicht Ende
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REZENSION - Ein sprachlich und atmosphärisch wunderbares und beeindruckendes Buch ist der 1970 erstveröffentlichte Roman „Nicht Anfang und nicht Ende“ des Schweizer Schriftstellers Plinio Martini (1923-1979), ...

REZENSION - Ein sprachlich und atmosphärisch wunderbares und beeindruckendes Buch ist der 1970 erstveröffentlichte Roman „Nicht Anfang und nicht Ende“ des Schweizer Schriftstellers Plinio Martini (1923-1979), der zuletzt 2016 in deutschsprachiger Neuausgabe im Limmat-Verlag (Zürich) erschien. In seinem 240-seitigen „Klassiker der Schweizer Literatur“, einer berührenden Liebes- und Auswanderergeschichte, erzählt uns Martini, der selbst im kleinen Dorf Cavergno im Maggiatal als Sohn eines Bäckers mit sieben Brüdern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und später dort und im Nachbarort Cevio als Volksschullehrer tätig war, vom kargen und harten Leben der alpinen Dorfbewohner in den Jahren zwischen den Weltkriegen.
Während heute die Schweiz im Ruf steht, ein Steuerparadies, das Land der Reichen und ein teures Urlaubsziel zu sein, schildert Martini in seiner melancholischen Liebeserklärung an die Heimat eine trostlose Region voller Armut, in dem die Bewohner mangels anderer Nahrung von Kastanien und Polenta, die Ärmsten oft sogar nur von Wassersuppe leben mussten. „Wir waren eine Insel außerhalb der Zeit, die letzte Hand voll Mehl auf dem Grunde des Sackes", lässt der Autor seinen Ich-Erzähler Gori sagen. "Schon damals begannen die Sommergäste ins Val Bavona und bis auf die Alpweiden vorzudringen, um uns zu besichtigen, als ob wir Rothäute wären.“ Damals träumten die jungen Männer des Maggiatals nur noch von der Auswanderung ins gelobte Land Amerika und einer späteren Rückkehr mit vielen Dollars in den Taschen.
Der Autor lässt uns Gori aus Cavergno seine Lebensgeschichte im Rückblick erzählen. Er war - wie viele junge Männer des Maggiatals schon vor ihm - tatsächlich 1929 nach Kalifornien ausgewandert, da er in der Heimat nur Hunger und Armut kannte und keine Aussicht auf Arbeit hatte. Nach einem langweiligen Leben als einsamer Cowboy auf einer Farm weitab jeglicher Zivilisation, kehrte er erst 20 Jahre später, krank vor Heimweh, in sein geliebtes Maggiatal zurück, in dem er einst seine einzige große Liebe Maddalena zurückgelassen hatte. Bei seiner Rückkehr findet er sein Maggiatal nicht mehr so vor, wie er es einst kannte. Maddalena ist schon vor Jahren gestorben, seine alte Mutter ist behindert und der Vater gebrechlich. Das ganze Maggiatal hat sich verändert. Die in der Fremde ersehnte Heimat ist selbst fremd geworden. Am liebsten würde er wieder in die USA zurückkehren. „Mein Friede besteht in dem Wissen, dass ich, wo ich auch sein mag, immer an das denken werde, was ich verloren habe.“
Dieser Roman, der mich in seiner Poesie und Liebe zum Maggiatal, seiner Ausdruckskraft, der Naturverbundenheit und auch gelegentlichen Härte stellenweise an den grandiosen Roman „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ (2016) des Österreichers Gerhard Jäger (1966-2018) erinnerte, wirkt so ungemein authentisch, als wäre es Plinio Martinis Autobiographie. Tatsächlich ist es etwas Ähnliches. Zwar sind alle Figuren fiktiv – mit Ausnahme des katholischen Pfarrer Don Giuseppe, der seine Dorfgemeinde fest im Griff hat. Doch die Handlung basiert auf realen Erlebnissen und tatsächlichen Begebenheiten. Schließlich hatte der Autor als Einwohner des kleinen Dorfes Cavergno selbst unter ärmlichen Verhältnissen leben müssen und war als dessen späterer Dorfschullehrer über viele Jahre ein Teil des dortigen Geschehens.
„Nicht Anfang und nicht Ende“ ist die ergreifende Geschichte von sehnsüchtigem Fernweh und krankhaftem Heimweh. „Häuschen, die sich mit offenen Türen eng zusammendrängten, um einander Gesellschaft zu leisten; zu einer Tür hinaus, zur nächsten hinein, und überall bist du zu Hause, unter Leuten deiner Art, die dich kennen und gern haben", heißt es in Martinis Roman über das Leben im Maggiatal. Erscheint diese Enge zwar bedrückend, bleibt sie doch vertraute Heimat und sichert Geborgenheit, während sich die Auswanderer in den Weiten Kaliforniens verlieren. Trotz seines erbarmungslosen und entbehrungsreichen Lebens war das kleine Dorf Cavergno und das Maggiatal dem Autor und seinem Protagonisten Gori immer die Heimat.

Veröffentlicht am 23.11.2024

Mystisch und spannend zugleich

Das Haus der Bücher und Schatten
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REZENSION – Seit Jahren ist Schriftsteller Kai Meyer (55) als Autor erfolgreicher Buchreihen bekannt. Doch seine drei zuletzt veröffentlichten Spannungsromane werden noch immer als Einzelwerke gelistet, ...

REZENSION – Seit Jahren ist Schriftsteller Kai Meyer (55) als Autor erfolgreicher Buchreihen bekannt. Doch seine drei zuletzt veröffentlichten Spannungsromane werden noch immer als Einzelwerke gelistet, obwohl doch deren aller Handlung im einstigen, im Zweiten Weltkrieg zerstörten Graphischen Viertel der Bücherstadt Leipzig spielt. Denn nach dem ersten Band "Die Bücher, der Junge und die Nacht" (2022) und "Die Bibliothek im Nebel" (2023) gilt dies auch für den im November beim Knaur Verlag erschienenen dritten Band „Das Haus der Bücher und Schatten“. Gegen die Einordnung als Serie spricht allenfalls, dass jeder Band eine in sich abgeschlossene Handlung zu jeweils anderer Zeit mit neuen Protagonisten bietet, so dass man die drei Romane völlig unabhängig voneinander lesen kann.
Wie schon in den ersten zwei Bänden entführt uns nun auch der dritte in das durch Dunst und Rauch der vielen Dampfmaschinen verdunkelte Graphische Viertel, weltberühmt wegen seiner Ansammlung hunderter Druckereien, Verlage, Buchhandlungen und Antiquariate. Diesmal versetzt uns Meyer ins Jahr 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, deren Auswirkungen allmählich fernab Berlins auch in Leipzig spürbar werden. Der von den Nazis entlassene Kommissar Cornelius Frey, derzeit Nachtwächter im Haus der Bücher, rettet eine junge Frau vor ihrem selbstmörderischen Sprung von der Brücke vor den einfahrenden Güterzug. Nach kurzem Gespräch flüstert sie zum Abschied die Worte „Sie weinen alle im Keller ohne Treppe“. Schon in der nächsten Nacht wird sie gemeinsam mit einem Ex-Kollegen Freys, Kommissar Zirner, direkt vor dem Haus der Bücher ermordet. Freys Vorgesetzter Rosendahl sorgt dafür, dass sein erfolgreicher Kommissar nach einem Wiederaufnahmeverfahren in den Polizeidienst zurückkehren kann, um diesen Doppelmord aufzuklären. Nach Ansicht der Nazi-Oberen, kann es nur ein Kommunist gewesen sein. Doch was bedeutet das auf den Arm der jungen Toten hingeschmierte Wort „Hundsheide“? Bei seinen Ermittlungen in ungewöhnlicher Zeit, in der nicht einmal die Polizei sich scheut, zur Aufklärung von Mordfällen die telepathischen Fähigkeiten von Medien zu nutzen, bekommt es Frey, der als „einsamer Wolf“ unbeirrt andere Spuren verfolgt, nicht nur mit einem verschworenen Netzwerk aus Okkultisten, Freimaurern und mafiöser Unterwelt zu tun, sondern stößt bei Durchsicht der Akten seines ermordeten Kollegen Zirner auf einen ungeklärten Fall aus dem Winter 1913, der sich im baltischen Livland nahe Riga zugetragen hatte. Damals verschwand die junge Lektorin Paula Engel mit ihrem Verlobten Jonathan spurlos beim Besuch des Schriftstellers Aschenbrand, der als Dauergast in einem einsam gelegenen Herrenhaus lebte – auf Hundsheide. Was haben beide Fälle miteinander zu tun?
Schon der Titel „Das Haus der Bücher und Schatten“ weist auf einen Roman hin, der nicht nur für ausgewiesene Bücherfreunde spannend zu lesen ist. Mit kapitelweisem Wechsel der Zeiten zwischen den unheimlichen Geschehnissen des Winters 1913 im tief eingeschneiten Herrenhaus im Baltikum – dies alles selbst erzählt von der Lektorin Paula Engel – und dem unter politischen Zwängen aufzuklärenden Doppelmord des Jahres 1933 baut Kai Meyer eine zunächst zweigleisige Handlung auf, die sich als gelungene Mischung von Kriminalroman und Schauergeschichte in ihrer Dramatik unaufhörlich steigert. Mit einer überraschenden, aber in ihrer Konsequenz durchaus nachvollziehbaren Wendung kurz vor dem aufklärenden Finale setzt Meyer noch einen zusätzlichen Höhepunkt.
Wie in beiden Vorgängerromanen erzählt der Autor wieder atmosphärisch düster und in bildhafter Sprache eine filmreife Geschichte vor politisch-historischem Hintergrund. Doch während Buchreihen anderer Schriftsteller in ihrer Wirkung von Band zu Band so manches Mal nachlassen, konnte sich Meyer in seinem dritten Band um das Geheimnis des „Kellers ohne Treppe“ dank der gelungenen Mischung aus mystischem Schauerroman und spannendem Krimi sogar steigern. „Das Haus der Bücher und Schatten“ ist deshalb nicht nur die von Meyer-Fans lang erwartete Fortsetzung bibliophiler Geschichten um das einstige Graphische Viertel in Leipzig, sondern wird sicherlich allen Freunden spannender Unterhaltung gefallen.

Veröffentlicht am 23.03.2025

Allzu Menschliches in unmenschlicher Zeit

Ginsterburg
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REZENSION – Schon unzählige Romane haben sich der von der Nachkriegsgeneration wiederholt gestellten Frage gewidmet, wie sich der Nationalsozialismus in Deutschland fast widerstandslos hat ausbreiten und ...

REZENSION – Schon unzählige Romane haben sich der von der Nachkriegsgeneration wiederholt gestellten Frage gewidmet, wie sich der Nationalsozialismus in Deutschland fast widerstandslos hat ausbreiten und schließlich seine Macht grenzenlos hat ausweiten können. Wie konnte es nur soweit kommen? So gesehen, ist dieses Thema, das Arno Frank für seinen im Februar beim Klett-Cotta Verlag veröffentlichten Roman „Ginsterburg“ gewählt hat, keineswegs neu. Doch anlässlich 80. Jahrestags des Kriegsendes und angesichts des nach drei Generationen gefährlich erstarkenden Rechtspopulismus bekommt diese Frage eine aktuelle Brisanz.
„Wie konnten Menschen so unberührt bleiben vom Gang der Dinge? War es so einfach, sich im Gleichschritt zum schweren Tritt der Zeit zu bewegen? Nicht einmal aus bösem Willen, einfach aus Instinkt?“, fragt Uta, die ihren jüdischen Ehemann in Berlin in den Kellern der Gestapo verlor. Autor Arno Frank gibt seine Antwort in der Schilderung des in die drei Zeitabschnitte 1935, 1940 und 1945 aufgeteilten und sich schleichend verändernden Alltagslebens einfacher Bewohner der in tiefster Provinz gelegenen fiktiven fränkischen Kleinstadt Ginsterburg. Hier beginnen manche zu verstummen, andere passen ihre persönlichen Überzeugungen allmählich dem „Mainstream“ an, wandeln sich zu Mitläufern und Opportunisten oder machen sogar Karriere im totalitären System. So oder so gilt für alle, sich mit der neuen Ordnung irgendwie zu arrangieren. Dabei suchen viele den Weg des geringsten Widerstands.
So wird der vormals politisch unabhängige Blumenhändler Otto Gürckel plötzlich zum Kreisleiter, ohne ein überzeugter Nazi zu sein: „Politische Großwetterlage! Otto nickte meistens nur gewichtig, wenn es um die großen Fragen ging, und stimmte ansonsten stets der letzten geäußerten Meinung zu. Damit war er bisher gut gefahren.“ Der Feuilletonist der Lokalzeitung, Eugen von Wieland, der lange versuchte, seine politische Unabhängigkeit zu bewahren, kann nach dem Selbstmord seines jüdischen Herausgebers Landauer, der in der städtischen Öffentlichkeit kaum Beachtung findet, und der überstürzten Flucht von dessen Familie dem verlockenden Angebot des Kreisleiters nicht widerstehen, Schriftleiter der Zeitung zu werden und das repräsentative Landauer-Haus zu bekommen. Auch Buchhändlerin Merle entkommt der neuen Ordnung nicht, muss sie doch ständig darauf bedacht sein, anhand neuer Listen immer wieder Bücher aus ihrem Sortiment zu nehmen. Ihren Sohn Lothar konnte sie anfangs noch von der Hitlerjugend fernhalten, doch nur dort schafft er es, sich seinen Traum vom Fliegen zu erfüllen. Zum wirtschaftlichen Profiteur des Regimes wird als größter städtischer Arbeitgeber der Papierfabrikant Jungheinrich, da der übersteigerte Bürokratismus des Regimes für sein Formularwesen immer mehr Papier verlangt, und der beliebte Hausarzt Hansemann bekommt im Osten die unerwartete Chance, seinem Drang als Wissenschaftler nachzugehen und medizinischen Studien zu betreiben. Doch am Ende bleibt die Erkenntnis des als Held des Ersten Weltkriegs gefeierten 90-jährigen Leberecht von Wieland, der aus seiner Lethargie erwachend feststellt: „Mir will einfach nicht mehr einfallen, welchen Sinn alles gehabt hat.“
Die Schilderung des Werdegangs ausgewählter Einwohner Ginsterburgs zeigt eindrucksvoll die schleichende Veränderung der Gesellschaft und die Auswirkungen der NS-Ideologie auf den Einzelnen. Dabei verzichtet der Roman ganz bewusst auf herausgehobene Figuren und unterstreicht gerade dadurch die Anpassungsfähigkeit der Menschen in schwierigen Zeiten, zugleich aber auch die Komplexität unterschiedlichen menschlichen Verhaltens unter einem totalitären Regime.
Das Alltagsleben eines normalen Menschen ist nicht voller Höhepunkte. Nicht jeden Tag geschieht Aufregendes. So mag mancher Leser vielleicht Aktion und Spannung im Roman vermissen. Doch gerade die Bescheibung dieses Alltäglichen im Wandel der Zeit ist es, das die „Banalität des Bösen“, wie die amerikanische Publizistin Hannah Arendt es im Jahr 1963 als Beobachterin des Eichmann-Prozesses formulierte, sowie die für den einzelnen Menschen schleichende, anfangs noch unauffällige Veränderung des Alltags besonders deutlich zum Ausdruck bringt. In seinem lesenswerten Roman verzichtet Arno Frank auf einseitige Schuldzuweisungen. Stattdessen zeigt er das sehr differenzierte Bild einer Gesellschaft, die sich schrittweise an den Nationalsozialismus gewöhnt.

Veröffentlicht am 16.03.2025

Tragisch-romantischer Klassiker, erstmals auf Deutsch

Mathilda
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REZENSION – Während wohl jeder schon von „Frankenstein“ zumindest gehört hat, dem 1818 erstveröffentlichten und berühmtesten Schauerroman der Literaturgeschichte, kennen weit weniger den Namen seiner britischen ...

REZENSION – Während wohl jeder schon von „Frankenstein“ zumindest gehört hat, dem 1818 erstveröffentlichten und berühmtesten Schauerroman der Literaturgeschichte, kennen weit weniger den Namen seiner britischen Autorin Mary Shelley (1797 bis 1851). Sie stand zeitlebens im Schatten ihres früh verstorbenen, aber viel bekannteren Ehemanns, des Dichters Percy Bysshe Shelley (1792 bis 1822), weshalb ihre später veröffentlichten Werke heute kaum bekannt sind. Umso lobenswerter ist das Wagnis, das der Bielefelder Pendragon Verlag jetzt im Februar ausgerechnet mit Veröffentlichung der deutschsprachigen Erstausgabe ihres bereits 1819, also vor über 200 Jahren verfassten, damals aber nicht veröffentlichten zweiten Romans „Mathilda“ eingegangen ist.
Ihr Manuskript hatte die 27-jährige Mary Shelley aus Italien, wo sie mit Ehemann Percy lebte, nach England an ihren Vater, den Sozialphilosophen und Autor William Godwin (1756 bis 1836), zur Veröffentlichung geschickt. Diesem schien der Text, der von einer inzestuösen Beziehung zwischen Vater und Tochter handelte, aber zu brisant, weshalb er aus Furcht vor einem Skandal von der Veröffentlichung absah. Seitdem galt das „Mathilda“-Manuskript als verschollen. Erst der amerikanischen Herausgeberin Elizabeth Nitchie gelang es, in dem auf verschiedene Archiven und Bibliotheken verteilten Nachlass der Shelleys aus Notizbüchern und einzelnen handgeschriebenen Seiten mit Korrekturen und Ergänzungen den vollständigen Kurzroman wieder zusammenzustellen und 1959 erstmals im englischen Original zu veröffentlichen.
In der als Abschiedsbrief geschriebenen Novelle erzählt die 20-jährige Mathilda ihre kurze Lebens- und Leidensgeschichte: Nach dem Tod ihrer im Kindbett verstorbenen Mutter, flieht ihr von Trauer übermannter Vater aus dem Haus und lässt die Neugeborene bei der Tante zurück, wo Mathilda auf dem Land einsam und ohne liebevolle Zuwendung aufwächst. Als der Vater nach 16 Jahren aus seinem selbst gewählten Exil unerwartet zurückkehrt und seine Tochter zu sich nimmt, hofft sie auf die jahrelang vermisste väterliche Liebe und ein glückliches Leben an der Seite des Vaters. Doch seine Liebe zur 16-Jährigen, die in Schönheit und Anmut ihrer verstorbenen Mutter gleicht, entwickelt sich zu einem intensiven, zwischen Vater und Tochter ungehörigen Verhältnis, das den Vater bald verzweifeln und sich aus Angst und Scham darüber von seiner Tochter abwenden lässt. Diese erneute Ablehnung des geliebten Vaters verletzt Mathilda seelisch zutiefst und treibt sie fast bis in den Wahnsinn.
Diese Geschichte einer zu intensiven Vater-Tochter-Beziehung mag die heutige Leserschaft vielleicht nicht gleichermaßen erschüttern wie jene um 1820, zumal in der Novelle nur von einer allzu obsessiven Liebesbeziehung die Rede ist, nicht aber von sexueller Intimität oder gar sexuellem Übergriff des Vaters. Doch die Weigerung von Mary Shelleys Vater, diesen Text zu veröffentlichen, mag auch darin begründet sein, dass es in den Protagonisten gewisse Parallelen zur eigenen Familie gibt, wie US-Herausgeberin Elizabeth Nitchie vermutet: So hat sich die Autorin wohl selbst in der Figur der in tiefe Depression fallenden Mathilda gesehen: Im September 1818 starb Shelleys Tochter Clara, im Juni 1819 ihr Sohn William. In Mathildas Vater wird sich Shelleys Vater William Goodwin erkannt haben, hatte er doch seine Frau Mary Wollstonecraft (1759 bis 1797) ebenfalls nach Marys Geburt im Kindbett verloren. Zuletzt trifft die trauernde Mathilda auf den jungen empfindsamen Poeten Woodville, der in gewisser Weise Marys Ehemann Percy Bysshe Shelley gleicht.
„Mathilda“ ist eine melancholisch-poetische, tragisch-romantische und sehr intim erzählte, stilistisch ihrer Entstehungszeit entsprechende Novelle, in der es um Obsession, Depression, seelische Zerrüttung und verlorenen Lebenssinn und Lebenswillen geht. Die Geschichte ist ausgesprochen düster, allerdings im Gegensatz zu Shelleys Debüt „Frankenstein“ kein Schauerroman, sondern eine dramatische und psychologisch tiefgreifende Erzählung über die Abgründe der menschlichen Seele.
Manchen heutigen Leser mag die übertriebene Melodramatik und das exzessive Selbstmitleid Mathildas vielleicht stören, zumal dadurch verursachte Längen die Handlungsdynamik lähmen. Auch ist das Ende dieser tragischen Geschichte keine Überraschung, da Mathildas Anlass, ihrem in gemeinsamer Trauer freundschaftlich verbundenen Dichter Woodville diesen Abschiedsbrief zu schreiben, ihr baldiger Tod ist. „Ich weiß nicht, ob irgendjemand diese Seiten lesen wird außer Ihnen, mein Freund, der sie nach meinem Tod empfangen wird. Ich richte sie nicht an Sie allein … Daher werde ich meine Geschichte so erzählen, als wäre sie an einen Fremden gerichtet.“ Mehr als 200 Jahre lang wurde dieser zweite Roman Mary Shelleys uns deutschen Lesern vorenthalten. Allein dies sollte doch Grund genug für literarische Neugier und Anlass sein, das Versäumte jetzt endlich nachzuholen.

Veröffentlicht am 03.03.2025

Anspruchsvolle Familiensaga, auch spannend

Das Wunder von Paradise Deep
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REZENSION - Über zwei Jahrhunderte und fünf Generationen erstreckt sich die im Februar beim Mitteldeutschen Verlag veröffentlichte Familiensaga „Das Wunder von Paradise Deep“ des auf Neufundland geborenen ...

REZENSION - Über zwei Jahrhunderte und fünf Generationen erstreckt sich die im Februar beim Mitteldeutschen Verlag veröffentlichte Familiensaga „Das Wunder von Paradise Deep“ des auf Neufundland geborenen und heute wieder dort lebenden kanadischen Schriftstellers Michael Crummey (59). Die ungewöhnliche und inhaltsreiche Geschichte beginnt mit den ersten Einwohnern einer abgeschiedenen neufundländischen Fischersiedlung namens Paradise Deep zu einer Zeit, als Neufundland noch zum britischen Empire gehörte. Wie schon in Crummeys früheren Romanen handelt auch diese Erzählung in einer ungewöhnlichen Mischung aus Magie, Mythen und historischer Realität von der Entwicklung der Arbeits- und Umwelt und der Veränderung des gesellschaftlichen Lebens im Wandel der Zeit. Der Roman behandelt Themen wie die Härte des Überlebens in unwirtlicher Landschaft, den Konflikt zwischen Christentum und Aberglauben sowie die noch anhaltende Bedeutung von Mythen für damalige Menschen. Zugleich geht es aber auch um zeitlose Fragen wie Herkunft und Identität.
Alles beginnt mit einem mysteriösen Ereignis: Ein stummer, nach Fisch stinkender, „erstaunlich lebendiger“ bleichhäutiger Mann wird aus dem Bauch eines an der Küste gestrandeten Wals geschnitten. Zunächst wollen die Fischer ihn aus Furcht vor drohendem Unheil töten. Doch dann nimmt ihn die Familie Devine auf und gibt ihm den Namen Judah. Dem alten Aberglauben noch verhaftet, sind sich die Einwohner unsicher, ob der Fremde Mensch oder Tier ist, ob er ihrer Siedlung Segen oder Fluch bringen wird. In jedem Fall verändert sich durch Judahs Anwesenheit das Leben im Dorf: Blieben gerade die Fischschwärme aus, kehren sie nun auf einmal in die Bucht von Paradise Deep zurück und bringen der Siedlung einigen Wohlstand. Doch Judah verändert nicht nur das damalige Dorfleben, dessen Einwohnerschaft sich aus recht skurrilen Charakteren zusammensetzt, sondern verstrickt die beiden führenden Familien der als Hexe verdächtigten Witwe Devine und des wohlhabenden Händlers King-me Sellers über Generationen hinweg in eine wechselhafte Geschichte aus Liebe und Rache, Aberglauben und Traditionen. Mary Tryphena, Enkelin der beiden und Hauptfigur des Romans, ist noch ein Kind, als Judah an Land gespült wird, bleibt aber ihr Leben lang auf ungeahnte Weise mit ihm verbunden.
Crummey beschreibt in seinem Roman eine Welt, in der das Übernatürliche, die Mythen aus alter Zeit sowie die christliche Religion – wobei in dieser Einöde kaum zwischen Protestantismus und Katholizismus unterschieden wird – mit dem alltäglichen Leben verbunden sind, wie gleich zu Beginn das biblisch anmutende Erscheinen Judahs zeigt. Die Protagonisten, deren Schicksale über alle Zeiten miteinander verbunden bleiben, sind weder Helden noch Schurken. Jeder für sich ist eine sehr komplexe Persönlichkeit mit allzu menschlichen Fehlern, Leidenschaften und Geheimnissen. Wir erfahren viel über das entbehrungsreiche Leben der Fischer und Händler in dieser kargen Abgeschiedenheit, aber auch – trotz mancher persönlicher Fehden – über deren unbedingten Zusammenhalt.
Crummeys Erzählung ist voller mystischer Bilder und atmosphärisch dicht, wodurch der Roman durchaus spannend ist. Andererseits nimmt sich der Autor anfangs sehr viel Zeit für den Aufbau seiner Geschichte, was für manche Leser, die aktionsreiche Handlung bevorzugen, zu langatmig erscheinen mag. Überhaupt ist „Das Wunder von Paradise Deep“ bei aller Faszination eine schwierige Lektüre, die man deshalb möglichst selten unterbrechen sollte, um Handlungsfäden und Personen im Gedächtnis zu behalten. Gerade die Vielzahl an Personen zwingt einen oft, einen Blick auf die dem Roman vorgeschaltete Stammtafel zu werfen, um die Figuren auseinanderhalten oder zuordnen zu können. Ein weiterer Punkt der Erschwernis beim Lesen sind plötzliche Rückblenden mitten im Kapitel.
Doch wenn man bereit ist, sich auf die ungewöhnliche Mischung aus Mystik und Realität der Geschichte einzulassen und trotz anfangs vielleicht noch Störendem in der Lektüre durchzuhalten, wird feststellen, dass „Das Wunder von Paradise Deep“ ein durchaus faszinierender, stellenweise spannender, in jedem Fall bilderreicher, überaus atmosphärischer und fast poetisch erzählter Roman ist. Manche vergleichen Crummeys neuen Roman sogar mit Werken des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez oder der chilenisch-amerikanischen Bestseller-Autorin Isabel Allende.