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Veröffentlicht am 31.08.2017

Spannende und einfühlsame Geschichte einer Flucht [Bonus: Vergleich mit Gyasi, Heimkehren]

Underground Railroad
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Zusammen mit der jungen Sklavin Cora begibt sich der Leser auf die Flucht durch die Südstaaten der USA. Die Handlung spielt (vermutlich) Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die titelgebende Underground Railroad, ...

Zusammen mit der jungen Sklavin Cora begibt sich der Leser auf die Flucht durch die Südstaaten der USA. Die Handlung spielt (vermutlich) Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die titelgebende Underground Railroad, das illegale Netzwerk, das wirklich Sklaven auf der Flucht geholfen hat, wird hier sehr fiktiv und auch nur als Nebenschauplatz dargestellt. Im Buch handelt es sich um eine Eisenbahn, die unter der Erde fährt, was so natürlich nicht geschehen ist. Diese Darstellung ist einerseits etwas schade, da ich gerne mehr über das Netzwerk erfahren hätte, andererseits rücken durch diese fiktive, unaufgeregte Umsetzung die Menschen und die Lebensumstände der Schwarzen in den USA in den Fokus. Das Amerika - vor allem die Südstaaten - vor dem Bürgerkrieg wird hier verdichtet in vielen Facetten dargestellt.

Da die Darstellung der Underground Railroad fiktiv ist, habe ich mich gefragt, wie nah an der Realität die restlichen Schilderungen im Roman sind. Die Sklaverei wird brutaler dargestellt, als ich es je zuvor gelesenen habe - in der Annahme, dass es wirklich verbreitet solche Vorkommnisse gab, wie sie hier beschrieben sind, ist die Darstellung manchmal an der Grenze des Erträglichen. Hier wird nichts geschönt oder ausgelassen. Auch der Alltag der (vermeintlich) freien Schwarzen wird meiner Einschätzung nach mit Alltagsrassismus und Diskriminierungen sehr treffend dargestellt.

Die Wurzeln des Rassismus in den heutigen USA und der dort teilweise immer noch herrschende Rassentrennung wurden für mich durch diesen Roman erklärbar (was beides aber natürlich nicht rechtfertigt).

Definitiv ein lesenswertes Buch! Colson Whitehead hat eine einfühlsame, aber auch spannende Geschichte geschrieben. Für Laien in amerikanischer Geschichte hätte ich mir allerdings noch eine historische Einordnung der wahren Geschehnisse als Nachwort gewünscht.

***

Ein Vergleich zum anderen großen aktuellen Roman über Sklaverei bietet sich hier natürlich an. Yaa Gyasis "Heimkehren" ist in meinen Augen ebenfalls ein grandioses Buch zum Thema, geht dieses aber völlig anders an. Sie setzt in ihrem Roman einen Fokus auf Afrika und die Entwicklung einer Familie über mehr als 200 Jahre, während bei Colson Whitehead sich die Handlung auf die USA und eine einzelne Person bezieht. Der weiße Blickwinkel spielt bei Yaa Gyasi keine Rolle, während Colson Whitehead auch diesen beleuchtet. Ich lege dem interessierten Leser beide Bücher ans Herz.

Veröffentlicht am 17.08.2017

Familiensaga der besonderen Art

Heimkehren
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Yaa Gyasi hat eine ungewöhnliche Familiensaga geschrieben. Gleich zu Anfang, Ende des 18. Jahrhunderts - bei den Halbschwestern Effia und Esi, die sich nie kennenlernen, - gabelt sich die Geschichte in ...

Yaa Gyasi hat eine ungewöhnliche Familiensaga geschrieben. Gleich zu Anfang, Ende des 18. Jahrhunderts - bei den Halbschwestern Effia und Esi, die sich nie kennenlernen, - gabelt sich die Geschichte in zwei Familienzweige. Die zwei Familien entwickeln sich sehr verschieden: Effias Familie bleibt in Ghana und profitiert vom Sklavenhandel, während Esi in die USA versklavt wird. Kapitelweise wird in jeder Generation ein Mitglied (m/w) pro Familienzweig in den Focus gesetzt. Der Leser begleitet dieses Familienmitglied eine bestimmte Zeitspanne - meist im jungen Erwachsenenalter. Die Familienmitglieder agieren somit selten miteinander, sondern eher nacheinander oder auch ganz unabhängig voneinander. Durch die gleichzeitig intensive wie auch verhältnismäßig kurze Beschäftigung mit den einzelnen Personen, ist es möglich, die über 200-jährige Familiengeschichte auf verhältnismäßig kompakten 416 Seiten zu erzählen.
Obwohl jedem Familienmitglied nur verhältnismäßig wenig Seiten zukommen, sind die Charaktere unglaublich gut gezeichnet. Ich hatte das Gefühl, alle der zwölf sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten wirklich kennengelernt zu haben.
Ein Blick in den Stammbaum, der ganz am Ende des Buches abgedruckt ist, hilft, wenn man zwischendurch den Überblick verloren hat.

Ein wirklich glückliches Leben führt keins der vorgestellten Familienmitglieder. Trotzdem geht es immer weiter - meistens ist auch ein Streben nach einem besseren, glücklicheren Leben zu erkennen.
Das ist alles oft eigentlich recht traurig, aber wirkliches Mitleid kommt nicht auf, da der Text keinen Vorwurf erhebt, gleichzeitig aber auch nicht verharmlost. Der schmale Grad zwischen diesen beiden Sichtweisen ist von der Autorin grandios getroffen.

Eine tolle Geschichte mit unzähligen Aspekten und Facetten: Sklaverei, Ghana, afroamerikanische Geschichte, Familienähnlichkeiten, Identitätssuche und einiges mehr.
Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 21.06.2017

Wiederentdeckung aus den 1920'er Jahren

Marylin
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Marylin ist ein Buch, das 1928 als Fortsetzungsroman in einer österreichischen Zeitschrift erschienen ist. Der Leser sollte sich also auf eine spezielle Lektüre einstellen. Das äußert sich einerseits ...


Marylin ist ein Buch, das 1928 als Fortsetzungsroman in einer österreichischen Zeitschrift erschienen ist. Der Leser sollte sich also auf eine spezielle Lektüre einstellen. Das äußert sich einerseits in der Erzählweise eines Fortsetzungsromans, andererseits und vor allem aber in der fast 90 Jahre alten Sprache, die sich manchmal durchaus ungewohnt liest, manchmal Dinge andeutet, die damals wohl leicht verständlich waren, heutzutage aber nicht so offensichtlich sind.
Alles in allem liest das Buch sich aber gut - mit der gebührenden Aufmerksamkeit wird man keine Probleme haben, der Handlung zu folgen.


Erzählt wird eine Geschichte, über die der Verlag im Klappentext und auf seiner Homepage mehr preis gibt, als ich vor der Lektüre hätte wissen wollen. Es ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte ohne Kitsch. Gleichzeitig erfährt der Leser einiges über das Leben in den USA zu Zeiten der Rassentrennung. Der Roman ist hierbei nie belehrend.


Arthur Rundt bietet einen interessanten Blick auf die USA der 1920'er Jahre. Er kannte die USA zwar durch mehrere Reisen, bewahrte sich aber dennoch den Blick von außen, wodurch dieser Roman wohl erst möglich wurde. Die 1920'er Jahre sind in diesem Buch nicht voll von glamourösen Parties, stattdessen wird das Leben ganz normaler Menschen beschrieben.


Das Nachwort von Primus-Heinz Kucher ist sehr wissenschaftlich - hier hätte ich mir mehr und einfacher formuliertes Hintergrundwissen zur Thematik gewünscht.


Insgesamt eine tolle, unbedingt lesenswerte Wiederentdeckung!

Veröffentlicht am 21.06.2017

Unterhaltsame literarische Aufarbeitung des Stromkrieges Ende des 19. Jahrhunderts

Die letzten Tage der Nacht
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Der Inhalt von Graham Moores "Die letzten Tage der Nacht" hört sich zunächst etwas dröge an: Patentstreitigkeiten und der Stromkrieg Ende des 19. Jahrhunderts. Umgesetzt ist das aber fantastisch, was das ...

Der Inhalt von Graham Moores "Die letzten Tage der Nacht" hört sich zunächst etwas dröge an: Patentstreitigkeiten und der Stromkrieg Ende des 19. Jahrhunderts. Umgesetzt ist das aber fantastisch, was das Buch zu überaus lesenswerter Literatur macht.

Zusammen mit dem jungen Anwalt Paul Cravath, der Sängerin Agnes Huntington und den Erfindern Thomas Edison, George Westinghouse und Nikola Tesla erlebt der Leser den sogenannten Stromkrieg, der rund um die Glühbirne und Gleich- und Wechselstrom Ende des 19. Jahrhunderts in den USA stattfand. Vorallem die Charaktere Paul Cravath, Agnes Huntington und Nikola Tesla sind liebevoll gezeichnet und größtenteils sympathisch. Überraschende Wendungen führen immer wieder dazu, dass die Geschichte spannend bleibt und nicht in juristischen oder wissenschaftlichen Details untergeht.

Auch Leser, die wenig Kenntnisse in Technik- und amerikanischer Geschichte haben, können der Geschichte gut folgen - die Frage, was tatsächlich so passiert ist und was der Fantasie des Autors entspringt, sollte man meiner Meinung nach aber hinten an stellen und die gut erzählte Geschichte einfach genießen. In seinem Nachwort legt der Autor dann ausführlich dar, wo er den tatsächlichen Ereignissen folgt und wo er dichterische Freiheit hat walten lassen.

Veröffentlicht am 17.05.2017

Ungewöhnliche Autobiographie

Dieses schöne Scheißleben
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Eigentlich lese ich keine (Auto -)Biographien mir unbekannter Personen, aber bei "Dieses schöne Scheißleben" hörte sich die Thematik nicht nur interessant an, sondern sie war es dann auch.

Das Buch wird ...

Eigentlich lese ich keine (Auto -)Biographien mir unbekannter Personen, aber bei "Dieses schöne Scheißleben" hörte sich die Thematik nicht nur interessant an, sondern sie war es dann auch.

Das Buch wird von Benny Podruch aus der Ich-Perspektive erzählt. Das fand ich zunächst irritierend, da ich davon ausging, dass die beiden Zwillinge im Wechsel ihre Geschichte erzählen würden. Im Nachhinein ist die Erzählweise aus nur einer Perspektive aber vielleicht sogar besser lesbar, da man nicht durcheinander kommt, wer nun gerade erzählt.

Die Autorin Christiane Tramitz kennt die Zwillinge Basti und Benny schon seit deren 14. Lebensjahr. Die Idee zum Buch entstand bei einem Besuch von Tramitz während der Haftstrafe der beiden. Im Gefängnis entstanden dann auch die ersten Manuskriptteile.

Die Geschichte der Zwillinge ist hart, wird von Benny aber nie weinerlich erzählt - bei mir stellte sich auch nie Mitleid, wennschon Mitgefühl, ein. Im Gegenteil: Benny legt den Fokus oft auch gerade auf die schönen Seiten ihres Lebens. Ich habe den Eindruck, die beiden haben ihren Frieden mit sich, ihrer Vergangenheit und ihrem Leben gemacht.
Dennoch bleibt die unschöne Kindheit, geprägt durch ADHS, viel Unverständnis und einen prügelnden Stiefvater, sowie das harte Leben auf der Straße nicht unerwähnt. Es wird aber klar, warum die beiden dieses Leben, in das sie hinein gerutscht sind, irgendwann bewusst angenommen haben und sich einen bürgerlichen Lebensstil für sich nicht vorstellen können.
An diesen beiden Einzelschicksalen lässt sich natürlich nicht das Leben eines jeden Nichtsesshaften erklären, aber mit ihrer Geschichte tragen die Podruch-Zwillinge vielleicht dazu bei, zu verstehen, dass jeder Nichtsesshafte sein eigenes, meist hartes Schicksal hat.

Die Sprache, die sich aus der Zusammenarbeit der Zwillinge mit Christiane Tramitz ergibt, gefällt mir sehr. Ich finde, dass der Spagat zwischen authentischer und gut lesbarer Sprache hier gelungen ist. Der Text liest sich gut, flüssig und intelligent, dennoch hat man das Gefühl, dass Benny auch mündlich genau so direkt zum Leser sprechen könnte.

Kleiner Kritikpunkt: es wird immer wieder betont, dass den beiden ihre Identifikation mit dem Punk sehr wichtig ist. Dass nicht jeder Obdachlose auch Punk ist, wird mehr​ oder weniger klar - dass Punk aber nicht immer Obdachlosigkeit und/oder einem Leben auf Hartz IV bedeutet, wird nicht unbedingt klar, ist vielleicht auch nicht Aufgabe dieses Buches. Es gibt wohl zahllose Definitionen und Arten des Punks - viele auch in eher bürgerlichen Existenzen.
Es wird mir aber nicht richtig klar, was Basti und Benny genau im Punk sehen und warum sie sich ausgerechnet darüber definieren. Das ist aber nur ein kleiner Kritikpunkt, den ich auch nur erwähne, weil der Punk eben auch im Buch immer wieder erwähnt wird.