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Veröffentlicht am 23.11.2016

Die Dreiecks-Liebesgeschichte hätte nicht sein müssen

Elias & Laia - Eine Fackel im Dunkel der Nacht
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"Es gibt mehr im Leben als Liebe, Helena Aquilla. Es gibt Pflicht. Das Imperium. Familie. Die Gens. Die Männer, die du anführst. Die Versprechen, die du gibst. Dein Vater weiß das. Und du wirst es auch ...

"Es gibt mehr im Leben als Liebe, Helena Aquilla. Es gibt Pflicht. Das Imperium. Familie. Die Gens. Die Männer, die du anführst. Die Versprechen, die du gibst. Dein Vater weiß das. Und du wirst es auch wissen. Noch vor dem Ende."
Seine Augen sind unergründlich traurig, als er mein Kinn anhebt. "Die meisten Menschen", sagt Cain, "sind nichts als Fünkchen in der großen Dunkelheit der Zeit. Aber du, Helena Aquilla, bist kein rasch verglühender Funke. Du bist eine Fackel im Dunkel der Nacht - wenn du den Mut hast, zu brennen."


INHALT:
Knapp sind Elias und Laia den Häschern des Imperiums entkommen und nun auf der Flucht - vor der grausamen Kommandantin und auch vor Helena, Elias bester Freundin, ausgesandt, ihn zu töten. Aber die gemeinsame Mission der beiden Flüchtigen ist wichtiger als jede vergangene Freundschaft: Denn gemeinsam wollen sie Laias Bruder Darin aus dem Gefängnis in Kauf befreien, denn angeblich besitzt er die Fähigkeit, das Volk der Kundigen zu retten. Doch auf ihrer Reise begegnen Elias und Laia nicht nur Freunden, sondern auch großen Gefahren. Gefahren, die ihr Ende bedeuten könnten...

MEINE MEINUNG:
Der erste Teil der Reihe um Elias und Laia hat letztes Jahr eingeschlagen wie eine Bombe und einen Hype ausgelöst, wie man ihn nicht oft erlebt. Zum Glück hat Band 2 nicht lange auf sich warten lassen, obwohl anfangs nicht klar war, ob es überhaupt weitergehen würde. "Eine Fackel im Dunkel Nacht" hat nun neben den Kapiteln aus der Sicht von Elias und Laia auch solche aus der von Helena - eine gute Wahl, denn sie verhindert im Mittelteil, dass der Roman in die Belanglosigkeit abdriftet.

Nachdem Laia im Laufe des letzen Bandes an Stärke, Mut und Eigenwilligkeit gewonnen hat, verliert sie all diese Charakterzüge hier über einen langen Zeitraum. Sie verhält sich ziemlich passiv und ist oft weniger mit wichtigen Dingen beschäftigt, als damit, ihre beiden hübschen Männer intensiv zu beäugen. Immerhin bleibt Elias der liebenswerte, beschützende junge Mann, den man im Vorgänger kennen und lieben gelernt hat. Er gibt alles für Laia auf, weswegen ihr Verhalten umso unverständlicher ist. Kinan bleibt der nervige Kerl, der sich in die Beziehung drängt - kann aber mit einer interessanten Enthüllung aufwarten. Die treibende Kraft im Roman ist jedoch definitiv Helena, die in ihrer Zwiespältigkeit zwischen der Loyalität zum Imperium und ihrer Liebe zu Elias unglaublich interessant ist.

Die ersten und die letzten 150 Seiten sind definitiv die spannendesten des Buches. Die Flucht von Elias und Laia, die Zusammentreffen mit der Kommandantin, Helenas Auftrag Elias zu töten - das alles fesselt und ermöglicht es einem, schnell wieder in die Handlung hinein zu finden. Dass sich die Autorin jedoch für eine total klischeehafte Trennung der Protagonisten entschieden hat und tatsächlich die furchtbare Dreiecks-Liebesgeschichte wieder aufleben lässt, passt überhaupt nicht zu der ansonsten sehr düsteren und dichten Atmosphäre. Dafür wissen die erschreckenden und oft auch grausamen Momente dann umso mehr zu überzeugen - denn das andauernde Leid der Figuren wirkt schmerzhaft real. Zum Ende hin zieht das Tempo auch wieder an und mündet in ein starkes, brutales Finale. Zum Glück lässt einen der Schluss nicht ganz so stark in der Luft hängen wie der des vorherigen Bandes - viele Fragen sind aber noch zu klären. Da wird einem das Warten auf 2018 schwer fallen.

FAZIT :
"Eine Fackel im Dunkel der Nacht" kommt nicht ganz an den Vorgänger heran - weil die Autorin Laia als Protagonistin im Mittelteil viel zu schwach erscheinen lässt und die Liebesgeschichte zwischen ihr und Elias völlig gereicht hätte. Die vielen Wendungen und insbesondere die neue Perspektive von Helena können dafür jedoch umso mehr überzeugen. 4 Punkte!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Abenteuer
  • Fantasie
  • Spannung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.09.2016

Gut und Böse und alles was dazwischen liegt

HALF BAD – Das Dunkle in mir
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Sie hält den Rahmen mit dem Foto hoch und lässt ihn dann schräg nach unten sausen, mit der Rahmenkante quer über meinen Wangenknochen.
"Fass dieses Bild nie wieder an."
Ich rühre mich nicht.
"Hörst du ...

Sie hält den Rahmen mit dem Foto hoch und lässt ihn dann schräg nach unten sausen, mit der Rahmenkante quer über meinen Wangenknochen.
"Fass dieses Bild nie wieder an."
Ich rühre mich nicht.
"Hörst du mich?"
Da ist Blut an der Ecke des Rahmens.
"Deinetwegen ist sie tot."
Ich weiche zur Wand zurück.
Jessica schreit mich an: "Deinetwegen hat sie sich umgebracht!"
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INHALT:
Nathan lebt in einer Welt, in der die Menschen - genannt Fain - mit den überwiegend unerkannt bleibenden Hexen zusammenleben. Hexen werden unterteilt in schwarze und weiße, und während letztere sich selbst als gut ansehen und die Regierungsmacht inne haben, gelten die schwarzen als mörderisch und böse. Es ist nicht verwunderlich, dass Nathan hier einen schweren Stand hat, denn er ist halb schwarz und halb weiß, der Einzige seiner Art. Immerzu ist er auf der Flucht vor den Schergen der weißen Hexen, gleichzeitig weiß er jedoch auch nicht, ob er denn zu den schwarzen gehört...

MEINE MEINUNG:
Sally Greens "Half Bad" ist der Auftakt einer Reihe um Hexen, der sich erst einmal gar nicht so originell anhört - der Kampf zwischen Gut und Böse ist schließlich ein altbewährtes Prinzip. Tatsächlich ist hier jedoch das Interessante, dass es keine so einfache Schwarz- und Weißzeichnung gibt wie sie hier propagiert wird. Stattdessen können sich weder Nathan noch der Leser je sicher sein, wer eigentlich auf der richtigen Seite steht und wer nicht. Der Schreibstil ist dabei sehr jugendlich gehalten, die Sätze sind oftmals kurz und prägnant. Dies ist anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, weil es so abgehackt wirkt, passt aber gut zum Protagonisten.

Nathan ist nämlich ein eher ruheloser Charakter, der selten still sitzen und ebenso selten seine Wut in Zaum halten kann - die Wut über die Ungerechtigkeit der Behandlung ihm gegenüber, die Wut über dieses Leben, das er führen muss. Er ist eine spannend ausgearbeitete Figur, die dennoch immer authentisch bleibt. Denn obwohl er stark und mutig ist, zeigt er doch ebenso Schwäche, wenn es ganz normal ist, zusammenzubrechen. Aber auch die anderen Charaktere überzeugen durch ihre Vielfältigkeit - sein Halbbruder Arran, liebevoll und gutmütig; sein späterer Vormund Celia, die sich ganz anders entpuppt als gedacht; oder auch seine große Liebe Annalise, die ihm zeigt, was Freundschaft bedeutet.

Die Geschichte selbst ist düster, brutal und erschreckend. Nathan führt von Anfang an sein sehr schweres Leben, das geprägt ist von Verboten und Vorschriften. Schon als Kind quält ihn seine Halbschwester Jessica, und später sorgen die weißen Hexen dafür, dass sein Leben wenig lebenswert bleibt. Hinzu kommt, dass er nicht weiß, woran er bei seinem Vater ist, den er noch nie getroffen hat, und ob dieser tatsächlich die Grausamkeit und Skrupellosigkeit besitzt, die ihm nachgesagt wird. Es gibt zwar auch lichte Momente für Nathan und auch eine kleine Liebesgeschichte spielt eine Rolle, nie wird das jedoch besonders aufgebauscht, was den Roman stark von den gängigen Romantasy-Klischees abhebt. So bleibt das Ganze trotz der phantastischen Grundstory sehr, sehr realistisch.

Sally Green versteht es dabei wunderbar, einen als Leser in Atem zu halten und immer wieder neue Überraschungen zu präsentieren. Zugegeben, viele habe ich persönlich vorher schon erahnt, das muss aber nicht für jeden Leser gelten. Die Spannung jedenfalls ist immerzu da und lässt kaum jemals nach, da Nathan nach einer kurzen Verschnaufpause sehr schnell wieder in große Schwierigkeiten gerät. Die Welt, in der er sich bewegt, ist interessant und schlüssig aufgebaut, auch wenn es mir persönlich ein wenig gegen den Strich ging, wie abfällig die Menschen von allen Charakteren beschrieben werden - aber vielleicht ändert sich das ja noch. Das Ende ist sehr offen und lässt viele Geheimnisse ungelöst, weswegen die nachfolgenden Bände eigentlich Pflicht sind. Ich jedenfalls fiebere Teil 2 nun definitiv entgegen.

FAZIT:
"Das Dunkle in mir" ist der erste Band der "Half Bad"-Trilogie von Sally Green, die sich mit Gut und Böse auseinandersetzt und allem, was dazwischen liegt. Der Roman beeindruckt insbesondere durch die wunderbare Charakter-Zeichnung und die interessante und fesselnde Geschichte. Von mir gibt es gute 4 Punkte und eine Empfehlung!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Rätselhaft, anders, oft genial

Am Anfang war das Ende
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Als der Jeep mit quietschenden Reifen anhält und die Staubwolke hinter ihm über die Steppe davonwirbelt, rufe ich dem Ganser zu: "Fang mich auf!" Dann stürze ich mich von der Plattform.
Im selben Augenblick ...

Als der Jeep mit quietschenden Reifen anhält und die Staubwolke hinter ihm über die Steppe davonwirbelt, rufe ich dem Ganser zu: "Fang mich auf!" Dann stürze ich mich von der Plattform.
Im selben Augenblick sehe ich, dass er im Jeep sitzen bleibt. Verflixt, denke ich, ich hab's schon immer zu eilig gehabt. Im letzten Moment breite ich die Arme aus und merke zu meiner großen Erleichterung, dass sie tragen. Ich segle einmal um den Jeep und lande ziemlich elegant auf der Motorhaube.
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INHALT:
Erst herrscht eine unendliche Hitze, die alles verbrennt. Dann geht ein Regen nieder, der einer wahren Sintflut gleicht. Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Die vier Jugendlichen Dinah, Judit, Gabriel und David werden vom Wasser mitgerissen und treiben lange Zeit auf einem Floß, bis sie schließlich an ein Ufer gelangen. Doch die Welt, die sie vorfinden, gleicht einer Wüste, alles ist zerstört und tot. Und sie haben keine Ahnung, wie sie überleben sollen...

MEINE MEINUNG:
Stefan Castas "Am Anfang war das Ende" ist im Original bereits 2010 erschienen und wirkt von der Beschreibung her wie ein Endzeitroman, in dem das Klima verrückt spielt und die gesamte Erde zerstört. Tatsächlich äußern die Charaktere diese Gedanken auch einmal - aber alles stellt sich als ganz anders heraus als es scheint. Der Schreibstil ist sehr umgangssprachlich und jugendlich gehalten, was insbesondere anfangs eine kleine Herausforderung ist. Je weiter die Geschichte voran schreitet, desto mehr gewöhnt man sich jedoch daran und nimmt ihn zuletzt gar nicht mehr wirklich wahr.

Ich-Erzählerin und damit wohl auch Protagonistin ist Judit. Diese zeichnet sich besonders durch ihre Führungsqualitäten aus - während ihre Freundin Dinah anfangs noch den Ton angibt, als alles normal ist, setzt sich Judit nach dem, wie es scheint, Ende der Welt durch. Ihr gelingt es, schnell Verbindungen sowohl zu Menschen als auch zu Tieren aufzubauen, wodurch sie immer wieder Verbündete findet. David wird anfangs als sehr aufbrausend beschrieben, dieser Wesenszug kommt jedoch danach nur noch selten vor - an dieser Stelle wirkte die Figur etwas unfertig. Gabriel ist die gesamte Zeit über der ruhige und vernünftige und somit etwas wie ein Fels in der Brandung, der die Gruppe auch bei Streit zusammenhält; Dinah hingegen setzt sich immer wieder ab, zieht sich in sich zurück und wird einem nie so recht nah. Alle Charaktere, auch später hinzukommende, sind fast ausnahmslos authentisch gestaltet und handeln überwiegend sehr glaubwürdig.

Zu Beginn des Romans - nach dem Prolog jedenfalls, den ich hier nicht vorweg nehmen möchte - wirkt alles ziemlich genau so, wie man sich das vorgestellt hat: Judit führt den Leser in ihre, zugegeben etwas andere, Welt ein, und zeigt ihm ebenso die momentanen Wetterbedingungen auf. Auch der sintflutartige Regen entspricht noch den Erwartungen. Doch sobald die Jugendlichen stranden und sich nach und nach an Land wagen, um den Ort zu erkunden, wird es seltsam. Sehr seltsam sogar. Ein einsames Landhaus, tote und doch nicht so tote Menschen, Müllberge, Ruinen. Immer wieder hören die vier seltsame Geräusche, machen schreckliche Entdeckungen, finden aber auch Verbündete, etwa in dem Schwein Tüchtig. Spannend ist es auf diese Weise durchgehend, während man sich gleichzeitig fragt, worauf genau der Autor denn nun hinaus will.

Eines muss einem vor dem Lesen klar sein: Der Roman verwirrt. Er wirft viele, viele Fragen auf; Fragen, die wichtig sind, die interessant sind, die zum Nachdenken anregen. Aber nicht auf alles wird eine Antwort gefunden. Bei manchem bleiben nur die Spekulationen. Und selbst die Auflösungen ergeben nicht immer Sinn, dafür sind die Erkenntnisse und Enthüllungen zu abstrakt. Wer aber genau so etwas mag, etwas mit einer so abwegige Denkweise und so genialen Ideen anfangen kann, der ist mit diesem Buch gut beraten. Mir jedenfalls hat es gefallen. Und wenn nun noch Teil 2 der Reihe, der 2012 bereits auf Schwedisch erschienen ist, auch auf Deutsch übersetzt wird, dann finden unruhige Leser vielleicht auch auf die letzten Rätsel Antworten.

FAZIT:
"Am Anfang war das Ende" von Stefan Casta spaltet die Welt der Leser, so viel ist klar. Das gesamte Szenario ist verwirrend und stellenweise konfus, rätselhaft und gruselig. Ebenso aber auch spannend und oftmals schlichtweg genial. Es ist abstrakt und es wird definitiv nicht jedem gefallen. Wer seine Schwierigkeiten mit solchen Konstrukten hat, sollte die Finger davon lassen. Allen anderen empfehle ich einen Blick - der Versuch ist es wert. 4,5 Punkte von mir!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Atmosphärisch und besonders

Die längste Nacht
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Draußen stand Luca. Ich sah ihn nur als dunkle Schattengestalt und er sagte nicht mehr als zwei Sätze.
"Es wäre gut, wenn ihr morgen früh vom Grundstück verschwunden seid. Und Vita, triff mich morgen Nachmittag ...

Draußen stand Luca. Ich sah ihn nur als dunkle Schattengestalt und er sagte nicht mehr als zwei Sätze.
"Es wäre gut, wenn ihr morgen früh vom Grundstück verschwunden seid. Und Vita, triff mich morgen Nachmittag um halb fünf in Viagello, gegenüber von dem kleinen Lebensmittelladen an der Mauer - allein."
Ehe ich etwas erwidern konnte, tauchte er zurück in die Nacht. Wenige Sekunden später hörte ich, wie der Motor seines Fiats ansprang und über die Schottersteine an unserem Bulli vorbei das Grundstück verließ.
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INHALT:
Nach dem Abitur macht sich die 17-jährige Vita mit zwei Freunden zu einem lange geplanten Roadtrip durch Europa auf - doch sie hätte nie gedacht, dass ihre Reise schon in dem kleinen Ort Viagello enden würde. Denn dieser birgt ein Geheimnis, das irgendwie mit ihrer Familie zusammenhängt und dem, was sie vor 13 Jahren zerstört hat. Vita beginnt Fragen zu stellen, doch diese reißen alte Wunden wieder auf. Und schon bald sieht sie sich mit Widerwillen und Feindseligkeit konfrontiert...

MEINE MEINUNG:
7 lange Jahre mussten Fans von Isabel Abedis Jugendromanen auf einen neuen warten - aber für "Die längste Nacht" hat sich das durchaus gelohnt. Wie immer gelingt es der Autorin, eine realistische und doch faszinierende Geschichte zu erschaffen, die insbesondere zwischenmenschlich überzeugt. Der Stil ist flüssig und passt atmosphärisch perfekt zu diesem niedlichen Ort im sonnigen Italien, der auch seine dunklen Seiten hat. Erzählt wird das Buch fast ausschließlich aus der Ich-Perspektive der Protagonistin, zwischenzeitlich kommt aber auch der Verfasser eines mysteriösen Manuskripts zu Wort.

Vita ist eine wunderbare Identifikationsfigur, deren Gedanken und Handlungen man in fast jedem Moment nachvollziehen kann. Sie will stark sein und sich nichts anmerken lassen, aber sie ist auch verletzlich durch die unausgesprochenen Dinge ihrer Vergangenheit. Leider konzentriert sie sich zum Ende hin ein wenig zu stark auf die Lösung des Rätsels und vernachlässigt ihre Freunde enorm - das ändert sich aber zum Glück wieder. Luca ist der ebenfalls sehr sympathische Love Interest, familienverbunden und liebevoll ist er immer für Vita da und sein starkes Bewusstsein für richtig und falsch gibt ihm immer wieder einen Stups in die richtige Richtung. Großartige Charaktere sind auch Vitas Freunde Danilo und Trixie, die so unterschiedlich sind und sich in ihren besonderen Merkmalen - die eine sehr aufgedreht, der andere sehr besonnen - perfekt ergänzen. Jede Nebenfigur hat ihre besonderen Eigenschaften, sodass man sie trotz ihrer Fülle alle sehr gut auseinander halten kann.

Wer auf einen Roadtrip gespannt ist, ist bei diesem Roman allerdings falsch: Auch wenn Vita deswegen überhaupt erst nach Italien kommt, ist die Reise doch sehr schnell wieder vobei - denn letztendlich dreht sich alles darum, das Geheimnis zu lüften und endlich das große Ganze zu erkennen. Das hat mir ziemlich gut gefallen, da ich kein großer Fan von Roadtrips bin, und Viagello als Ort das Geschehens hat sowieso so viel Atmosphäre und wirkt so warm und vertraut, dass man gar keine weiteren Städte braucht. Vita auf ihrer Sucht nach der Wahrheit zu begleiten, ist fast durchgehend spannend wie auch mitreißend, und ihr unbändiger Drang nach dem Wissen über die Geschehnisse vor 13 Jahren geht bald auch auf einen selbst über, sodass das Ganze nicht mehr loslässt.

Die Liebesgeschichte zwischen Luca und Vita ist ebenso schön zu lesen, und die schnelle Anziehung zwischen den beiden erklärt sich sinnvoll. Besonders gut gefällt hier, dass sich die Romantik trotzdem langsam entwickelt und sich nie in den Vordergrund drängt. Zum Ende hin werden dann alle Fäden zusammengeführt, die letzten Fragen geklärt und auch, wenn man ein bestimmtes Geheimnis schon erahnt hat, wird dieses ebenso glaubwürdig aufgelöst. Die tragischen Hintergründe und ihre Tragweite bleiben noch lange im Gedächtnis - ebenso aber auch die schönen Momente, in denen es um Selbstfindung, Vertrauen und Vergebung ging. Der Schluss lässt einen mit einem warmen Gefühl und dem Vertrauen auf eine schöne Zukunft zurück - ein würdiges Ende für einen besonderen Roman.

FAZIT:
Isabel Abedis neuestes Werk dreht sich wieder einmal um ein altes Geheimnis, um eine junge Liebe und um Selbstfindung, und ist dabei doch auch wieder ganz anders als ihre vorherigen Bücher - ihre Geschichten sind einfach immer etwas Besonderes. "Die längste Nacht" ist atmosphärisch, manchmal traurig und manchmal sehr schön, und insgesamt sehr lesenswert. Gute 4 Punkte!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Spannend, düster, intensiv

Meine Seele so kalt
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Patrick nickt, und ich sehe die Last, die auf ihm ruht. Er setzt sich auf die Fersen. "Bei Tagesanbruch fahren wir wieder raus", erklärt er mit lebloser Stimme, "aber niemand tut mehr so, als hätten wir ...

Patrick nickt, und ich sehe die Last, die auf ihm ruht. Er setzt sich auf die Fersen. "Bei Tagesanbruch fahren wir wieder raus", erklärt er mit lebloser Stimme, "aber niemand tut mehr so, als hätten wir noch eine Chance." Dann schließt er die Augen, legt den Kopf in meinen Schoß und weint offen um den Vater und seinen Sohn, die trotz aller Warnschilder so zuversichtlich aufs Meer hinausgefahren sind.
Ich streichele Patricks Haar und lasse meinen eigenen Tränen freien Lauf. Ich weine um einen Jungen allein im Meer. Ich weine um seine Mutter. Ich weine um die Träume, die mich des Nachts heimsuchen. Ich weine um Jacob, um meinen kleinen Jungen.
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INHALT:
An einem verregneten, dunklen Novemberabend gehen der fünfjährige Jacob und seine Mutter wie jeden Tag nach Hause, als ihr Glück jäh zerstört wird. Der Junge läuft aufgeregt vor, ein Auto kommt angerast, erfasst und tötet ihn - und der Fahrer flieht vom Tatort. Die Polizei sucht fieberhaft nach dem Täter, kommt jedoch nicht weiter. Jenna Gray bricht indes alle Brücken hinter sich ab und zieht in ein verschlafenes Dorf an der Küste, um ihren Schmerz zu vergessen. Doch sie scheint verfolgt zu werden und mit aller Macht drängt ihre tief vergrabene Vergangenheit an die Oberfläche...

MEINE MEINUNG:
Clare Mackintosh hat selbst lange Zeit bei der Polizei gearbeitet, ehe sie ihr Debüt "Meine Seele so kalt" schrieb - und das merkt man dem Roman auch an. Hier wurde nicht nur gut recherchiert, sondern eigene Erfahrungen sind eindeutig mit eingeflossen, was das Ganze so realistisch wirken lässt. Erzählt wird die Geschichte im ersten Teil aus der Ich-Perspektive von Jenna und der personalen Sicht des Detektivs Ray, im zweiten Teil kommt noch eine weitere Stimme hinzu. Durch die detailreichen, teils sehr düsteren Beschreibungen kommt schnell eine beklemmende Atmosphäre auf, die perfekt den tragischen Hintergrund unterstreicht.

Jenna ist eine Person, mit der schnell die Identifikation gelingt - ihr Schmerz, ihre Trauer und ihre Angst sind gut nachzuvollziehen, jedenfalls sobald man einige ihrer Motive und Gründe näher kennen lernt. Auch Ray ist eine Figur, die man gern begleitet, weil er so menschlich ist und durchaus auch Fehler begeht. Ian Petersen ist dann dagegen einer der hassenswertesten Charaktere, die ich je erlebt habe - und auch, wenn seine Darstellung zum Schluss ein wenig übertrieben wirkt, ist man bis dahin doch fasziniert von seiner Art. Auch Nebenfiguren wie die Auszubildende Kate, die Campingplatz-Besitzerin Bethan oder der Tierarzt Patrick können mit ihrer Individualität überzeugen, sodass es bald schwierig wird, sich von ihnen und ihren Geschichten zu lösen.

Indem der Thriller in (anfänglich) zwei Sichten aufgeteilt wurde, verfolgt man an zwei unterschiedlichen Orten die Geschehnisse und erlebt so auf der einen Seite, wie der Fahrer des Unfallautos ermittelt wird und auf der anderen, wie Jenna mit dem Ganzen umgeht. Eigentlich glaubt man dadurch, einiges zu wissen und der Lösung auf der Spur zu sein - aber weit gefehlt. Etwa nach der Hälfte des Buches kommt es zu einem Plot Twist, den so wohl keiner erwartet hätte. Hier zeigt sich Clare Mackintoshs Können, der es gelingt, einen über so lange Zeit auf eine völlig falsche Fährte zu schicken. Aber trotz dieser großen Enthüllung nimmt die Spannung danach nicht ab - im Gegenteil, sie wird eher noch einmal gesteigert.

Denn das ist beileibe nicht das einzige Geheimnis, das den Ermittlern zu schaffen macht. Gemeinsam mit ihnen kann der Leser nun hervorragend miträtseln ob der verschiedenen Beweggründe und der Dinge, die verschwiegen werden. Nicht alles ist so einfach wie es aussieht, und gerade das macht den Kniff aus. Das einzige Element der Geschichte, das mir nicht sonderlich gefiel, war der Nebenstrang um die Familie des Detektivs, der für meine Verhältnisse nicht gut genug aufgelöst wird. Ansonsten aber überzeugt die Auflösung - wenn sie auch an einer Stelle ein wenig zu konstruiert ist - und das Ende wird noch einmal richtig fesselnd und nervenaufreibend. Genauso stelle ich mir den packenden Schluss eines Psychothrillers vor.

FAZIT:
"Meine Seele so kalt" ist ein Thriller, der anfangs einigermaßen gewöhnlich die Ermittlungsarbeit zu einem Todesfall und den Umgang mit der Trauer beschreibt - um dann mit einer gewaltigen Wendung so ziemlich alles umzuwerfen. Clare Mackintoshs Debüt bleibt durchgängig spannend und kann immer wieder überraschen - da trüben die wenigen Kritikpunkte kaum das Bild. Knappe 4,5 Punkte!