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Veröffentlicht am 05.04.2018

Familienbande

All die Jahre
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„All die Jahre“ von Courtney J. Sullivan ist eine berührende irische Familiengeschichte mit zwei Schwestern, Nora und Theresa, im Mittelpunkt, die in den 1950er Jahren gemeinsam aus Irland nach Amerika ...

„All die Jahre“ von Courtney J. Sullivan ist eine berührende irische Familiengeschichte mit zwei Schwestern, Nora und Theresa, im Mittelpunkt, die in den 1950er Jahren gemeinsam aus Irland nach Amerika auswandern.
Das Buch beginnt mit dem Tod von Noras ältestem Sohn Patrick und endet mit seinem Begräbnis. Mit vielen Rückblicken und aus den unterschiedlichen Blickpunkten der beiden Schwestern sowie von Noras drei übrigen Kindern erfährt man deren Geschichte.
Nora Flynn ist 21 Jahre alt, als sie mit ihrer jüngeren Schwester das rückständige Irland in Richtung Amerika verlässt, um dort ihren Verlobten zu heiraten. Sie sorgt für Theresa seit die Mutter vor Jahren starb, und versucht ihr auch in der Neuen Welt einen bestmöglichen Start zu ermöglichen. Aber Theresa wird schwanger, Nora trifft folgenschwere Entscheidungen für sie, was die beiden Schwestern entzweit und Theresa ins Kloster treibt. Erst durch Patricks Tod kommen die beiden wieder zusammen und setzen sich mit ihrem Leben auseinander.

Mit unglaublicher Lust am Fabulieren, mäandernd und voller Sinn für gute Familiengeschichten erzählt Sullivan vom für mich unvorstellbar kargen Leben in Irland, von den irisch dominierten Straßenzügen in Großstädten der USA, vom Familienzusammenhalt und Ausbruchsversuchen und von damals herrschenden Konventionen. Für mich erstaunlich authentisch und glaubhaft nachvollziehbar begleite ich die Figuren durch das rückständige Irland mit arrangierten Ehen wegen Landzugewinn, mit aus heutiger deutscher Sicht unglaublicher Normalität und Akzeptanz von Alkoholismus und Bevormundung der Mädchen und Frauen durch die Familienbande.
Ebenso spannend und gespickt mit sehr vielen interessanten Details bewegt man sich durch die Enklaven der irischen Einwanderer in Amerika, die ganze Straßenzüge beherrschen, neu ankommende Familienmitglieder aufnehmen und versorgen und trotz des Willens nach Anpassung in der moderneren großstädtischen Welt an alten irischen Traditionen verbiestert und irischer als die Iren zu Hause festzuhalten.

Es ist einfach eine wunderbare Art des Erzählens, die mich nicht zuletzt wegen der vielen interessanten Charaktere sehr schnell in ihren Bann gezogen hat und völlig gefangen hielt. Vorsichtig und allmählich öffnen sich Nora und Theresa des Leser, halten Überraschungen bereit, die für Spannung sorgen. Nebencharaktere sind nicht nur schmückendes Beiwerk und die verschiedenen Sichtweisen des Buches vermitteln einen nachhaltigen und glaubhaften Eindruck des Lebens der Familie.
Andeutungen und Schweigen, Geheimnisse und Rückzug, kurze Blicke hinter den Vorhang dienen bis zum Schluss der Spannung einer Geschichte, die viele Überraschungen parat hält.
Unlösbare Familienbande und der Versuch des Ausbechens, Bevormundung, Verzeihen und Verlust, Trauer, Glück und fast nicht tragbare Bürde stehen in diesem Buch so eng beieinander, sind so glaubhaft dreidimensional beschrieben, dass es manchmal beim Lesen schmerzt.

Es ist einfach ein wunderbares, für mich rundum gelungenes Buch mit einer interessanten, bedrückenden und zugleich hoffnungsvollen Familiengeschichte, das ich ganz ausdrücklich zum Lesen empfehle.

Veröffentlicht am 02.04.2018

Liebe und Emanzipation

Olga
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Vom späten 19.Jahrhundert bis in die 1970er Jahr entspinnt sich das Schicksal der Protagonistin Olga in Bernhard Schlinks neuestem Roman, der mit viel Wärme und einen umwerfenden Bezug zum Zeitgeschehen ...

Vom späten 19.Jahrhundert bis in die 1970er Jahr entspinnt sich das Schicksal der Protagonistin Olga in Bernhard Schlinks neuestem Roman, der mit viel Wärme und einen umwerfenden Bezug zum Zeitgeschehen in den Bann zu ziehen vermag.

Erzählt wird das Schicksal eines deutsch/polnischen Waisenmädchens, das in Pommern bei der kühlen Großmutter aufwächst und sich abseits aller Konventionen in den Sohn des ortsansässigen reichen deutschstämmigen Gutsherren verliebt. Olga geht unter Berücksichtigung der damaligen Zeit einen sehr emanzipierten und ungewöhnlichen Weg. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend schafft sie es, ohne entsprechenden Schulbesuch der Schule für höhere Töchter den Zugang zum Lehrerinnenseminar zu erhalten und später als Lehrerin zu arbeiten.
Schon seit ihrer Kindheit ist sie eine einsame Außenseiterin, die Verbindung zu ihresgleichen sucht. Jenseits der üblichen Verbandelungen zwischen Grundbesitzern und armen Pächtern trifft sie sich mit Herbert, dem Gutsbesitzersohn, auf Augenhöhe, und die beiden verlieben sich ineinander.
Olga hat den unabdingbaren Wunsch und Willen zur Unabhängigkeit, während Herbert rastlosen Bewegungsdrang verspürt und als Kämpfer nach Eintritt ins Garderegiment in die Ferne zieht, zuerst nach Deutsch-Südwestafrika in den Kolonialkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia. Olga steht diesem Kampf wie auch dem späteren deutschen Größenwahn sehr skeptisch gegenüber.
Sie erlebt den ersten und schließlich auch den zweiten Weltkrieg, wird vertrieben aus ihrer Heimat und findet neue Heimat. Stets handelt sie so, dass sie ihre Ideale erhält und ihnen treu bleibt, im Gegensatz zu den ihr am Herzen liegenden Männern.

Eindringlich und behutsam beschreibt Bernhard Schlink dieses Frauenschicksal einer klugen, belesenen, menschlichen Person, die leise und scheinbar mühelos lebt, aber dennoch gehört wird und ihren Weg verfolgt. Fast ein bisschen distanziert ist der anfängliche Stil, als man das junge Liebespaar Olga und Herbert aus der Ferne betrachtet, nahe und berührend hingegen der letzte Teil, als Olga selbst durch Briefe zu Wort kommt.

Ein sehr lesenswertes Buch ohne ganz große Überraschungen ist Olgas Lebensgeschichte, dennoch nicht zuletzt durch den geschichtlichen Hintergrund spannend und anregend, einfach empfehlenswert.

Veröffentlicht am 02.04.2018

Unaufgeregter Kleinstadtroman

Lied der Weite
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Seine sechs Romane hat der amerikanische Autor Kent Haruf in einer fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado spielen lassen.
Wenn man sich die Bilder des Journalisten Max Liu anschaut, die er ...

Seine sechs Romane hat der amerikanische Autor Kent Haruf in einer fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado spielen lassen.
Wenn man sich die Bilder des Journalisten Max Liu anschaut, die er 2014 bei einem Interview mit dem amerikanischer Autor aufnahm und die die Gegend von Colorado zeigen, in der Holt angesiedelt sein könnte, erblickt man karges, braunes, trockenes, baumloses und flaches langweiliges Land mit ein paar spärlichen Farmerhäusern und schnurgeraden Wegen und Straßen. Kein Ort, an den ich auch nur einen Gedanken verschwenden würde, geschweige denn mich wohlfühlen könnte.
Dennoch wuchs mir der Ort Holt und die darin lebenden Personen beim Lesen des preisgekrönten Romans „Lied der Weite“ so sehr ans Herz, dass ich traurig war zu gehen und sehnsüchtig auf weitere Veröffentlichungen von Kent Haruf in deutscher Übersetzung hoffe.

Die 17jährige Victoria wird von ihrer Mutter hinausgeworfen nachdem sie schwanger von ihrer Sommerliebe Dwayne geworden war. Sie möchte das Kind austragen, auch wenn sie keine Ahnung hat, wo der Vater des Kindes lebt, den sie eigentlich kaum kennt. Ihre Lehrerin Maggie schickt sie zu den Brüdern McPheron, zwei alten Viehzüchtern, die seit Jahrzehnten allein auf ihrer abgelegenen Farm leben. Nachdem die beiden anfangs etwas widerwillig Victoria bei sich aufnehmen, entwickelt sich bei Raymond und Harold etwas schwerfällig und sehr unbeholfen eine tiefe Zuneigung zu dem schüchternen und stillen jungen Mädchen. Sie haben keinerlei Erfahrung mit jungen Frauen, sind aber auf absolut rührende und beim Lesen oft witzige Weise bemüht, alles richtig zu machen, um das Mädchen nicht zu verschrecken und zu vertreiben und ihr ein Heim zu bieten.
Tom Guthrie, ebenfalls Lehrer an der Highschool von Holt, kämpft nach einer zerbrochenen Ehe gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Ike und Bobby gegen die Einsamkeit. Die beiden Jungen haben einen einfachen und festen Tagesrhythmus mit Zeitung Austragen, Schule und Arbeit am Nachmittag, der vom Auszug der Mutter durcheinander gebracht wird. Kindlich und eng aneinander gebunden finden sich die Jungen in ihr Schicksal, versuchen Auswege aus der Langeweile während der Ferien zu finden und bemühen sich bei Besuchen um ihre depressive Mutter. Tom Guthrie sucht und findet neue Liebe auf die typisch kleinstädtische Art unter Beobachtung aller Augen.

Es ist kein schönes oder angenehmes Leben in der langweiligen Prärie von Colorado, das der Roman beschreibt, sondern das harte Erarbeiten von Lebensmut in karger und abweisender Umgebung. Im Gegensatz dazu beschreibt Kent Haruf seine Figuren voller warmer Melancholie und Aufrichtigkeit, lässt sie ohne große Abschweifungen ihren Alltagsgeschäften nachgehen. Man spürt jedoch in jedem Satz, wie sehr die Menschen aufeinander aufpassen und füreinander da sind, auch wenn dies erst auf den zweiten Blick deutlich wird und manch einer einen Schubs aus seiner Einsamkeit und Eingefahrenheit heraus braucht. Es wird im Laufe der Geschichte sehr deutlich, dass nicht nur Blutsverandschaft Familie und Geborgenheit ausmacht, sondern dass sich Zusammengehörigkeit manchmal erst ergeben muss und man sich seine Familie selbst sucht.

Mit großer Selbstverständlichkeit und knapper, fast spröder Sprache wird die Geschichte aufgerollt. Obwohl wenig Spannung in die Geschehnisse gebracht wird nimmt das Buch sehr gefangen und wenn man sich einmal auf die Kleinstadt Holt und die manchmal fast ruppigen Figuren eingelassen hat, lässt es den Leser nicht mehr los.
Mich hat diese Art des Erzählens in all ihrer Gelassenheit und Unaufgeregtheit sehr fasziniert, ich habe beim Lesen die Kraft und den Sog deutlich gespürt, den die Geschichte entwickelt und habe am Ende das Buches sehr ungern zugeklappt.

Für mich ist der preisgekrönte Roman „Lied der Weite“ ein sehr beeindruckendes und nachhaltig wirkendes Stück Literatur eines großen Schriftstellers, den man als Liebhaber tiefgründiger Romane gelesen haben sollte.

Veröffentlicht am 02.01.2018

Eindringlich und erschutternd

Mudbound – Die Tränen von Mississippi
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Eine Südstaatengeschichte, deren Verfilmung bereits Furore macht und eine hochkarätige Riege von Sprechern - das hat mich sehr neugierig gemacht, und ich wurde nicht enttäuscht von der deutschen Hörbuch-Version ...

Eine Südstaatengeschichte, deren Verfilmung bereits Furore macht und eine hochkarätige Riege von Sprechern - das hat mich sehr neugierig gemacht, und ich wurde nicht enttäuscht von der deutschen Hörbuch-Version von „Mubound. Die Tränen von Mississippi“ der Autorin Hillary Jordan. Es ist eine ergreifende, mitreißende, spannende und interessante Geschichte zweier Familien in den Südstaaten der USA nach dem 2.Weltkrieg, die von sechs Sprechern aus dem jeweiligen Blickwinkel eines der sechs Protagonisten des Romanes eindringlich und absolut passend gelesen wird.

Kurz nach Kriegsende folgt die liberal erzogene Südstaatlerin Laura McAllan ihrem Ehemann Henry auf eine Baumwollplantage in Mississippi, die weit von ihrer gewohnten städtischen Umgebung entfernt ist, und auch noch mit extrem rückständigen Wohnverhältnissen aufwartet. Begleitet von ihren beiden geliebten Töchtern und dem rassistischen, bösartigen Schwiegervater richtet sie sich mehr schlecht als recht ein, wohingegen ihr Mann Henry als Farmer förmlich in seiner Aufgabe aufblüht.
Wie damals in den Südstaaten auf den Baumwollplantagen üblich hat die weiße Farmerfamilie McAllen Pächter, die sie auf den Feldern unterstützen und einen Teil ihres Ertrages an den Eigentümer abtreten müssen. Eine davon ist die schwarze Familie Jackson, die unermüdlich dafür arbeitet und kämpft, sich ein eigenes Stück Land leisten zu können. Dafür arbeitet Hap Jackson gemeinsam mit seinen Kindern auf den Feldern für die McAllens und Florence, seine Frau, unterstützt Laura McAllan im Haushalt. Der Schmutz, der anstrengende und unsichere Alltag des Landlebens, die Engstirnigkeit der Umgebung und ein Unglücksfall schaffen eine angespannte Situation, in die die beiden Kriegsheimkehrer Ronsel Jackson und Jamie McAllen kommen. Alte und neue Wunden brechen auf, und nicht zuletzt wegen der missgünstigen und rassistischen Umgebung eskaliert letztlich alles.

Das Hörbuch bietet einen ungewohnten Blickwinkel, nämlich nicht entweder den der armen schwarzen oder einer armen weißen Familie in den Südstaaten, sondern widmet sich ausdrücklich den Berührungspunkten, an denen beide Familien verknüpft sind. Das ist die willensstarke, stolze und eindrucksvolle schwarze Florence, die als Haushaltshilfe der gütigen Laura McAllan zur Hand geht. Obwohl beide in ihren jeweiligen Rollen gefangen sind, schreiten sie an die Ihnen zugedachten Grenzen und widersetzen sich bis zu einem gewissen Grad den Rassengesetzen, indem sie fast so etwas wie Vertrautheit und Achtsamkeit füreinander empfinden.
Einen Schritt weiter gehen Ronsel Jackson, Florences Sohn und Kriegsheimkehrer, und Lauras Schwager Jamie McAllan, ebenfalls Kriegsheimkehrer, die sich beim Trinken gegen die Dämonen, die sie aus dem Krieg mitbrachten, anfreunden und dabei ziemlich offen gegen die Rassengesetze und den „guten Ton“ im Baumwollpflückerland rebellieren.
Auch dem Leid und der Schuld, die die beiden Familien verbinden, widmet sich die Autorin in ihrem eindrucksvollem Debüt, nämlich als der konservative Süden zuschlägt und Ausgrenzung, Hass und Tod über die Familien bringt.

Neben der eigentlichen Geschichte bietet das Buch Einblick in die verheerenden damaligen Zustände in den Südstaaten der USA. Heute unvorstellbar, damals Alltag, dem keiner ohne Strafe entfliehen konnte, wird von der strikten Trennung Schwarz und Weiß berichtet, die vielerorts im Süden nicht nur gesetzlich verankert war, sondern gesetzeswidrig aber dennoch geduldet durch die fürchterlichen Greueltaten des Klu-Klux-Klan durchgesetzt wurde. Durch die Nähe, die die Autorin zu den Personen schafft, und die auch die Sprecher gekonnt transportieren, bekommt dieser Aspekt des Buches eine besonders abartige und grausame Komponente. Da ist zum Beispiel der schwarze Ronsel Jackson, der für die Weißen im 2. Weltkrieg kämpfte, viele Auszeichnungen gemeinsam mit seiner schwarzen Panzerdivision bekam, aber dennoch nach seiner Heimkehr von weißen Rassisten wie Abschaum behandelt wird und einer hohen gesetzlich begründeten Gefängnisstrafe ins Auge sieht, weil er im Krieg ein weißes deutsches Mädchen liebte.

Es ist erstaunlich, wie es die Autorin schafft, aus einem recht friedlichen Anfang eine Geschichte voller Qualen aufzubauen. Geschickt verknüpft sie die Gegenwart mit ein paar eingestreuten Rückblicken, wechselt die Orte von der Farm in Mississippi in einen Panzer oder ein Flugzeug mitten im Kriegsgebiet Europa und lässt die verschiedenen Protagonisten ihren Blickwinkel der Geschichte erzählen, ohne dabei den Faden zu verlieren.
Es ist großartig, wie dadurch Spannung aufgebaut wird, so dass ich fast erbarmungslos getrieben wurde, weiter zu hören.

Das Hörbuch hat mir ausgezeichnet gefallen, es hat mich gefesselt und erschüttert durch die Geschichte selbst und durch die sehr gekonnte Umsetzung. Ich vergebe begeisterte fünf Sterne.

Veröffentlicht am 30.10.2017

Heimat und Identität

Heimkehren
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Der Roman „Heimkehren“ spannt mutig und beeindruckend einen weiten Bogen vom Sklavenhandel an der Goldküste im heutigen Ghana über acht Generationen verschleppter afrikanischer Ureinwohner bis in die Gegenwart. ...

Der Roman „Heimkehren“ spannt mutig und beeindruckend einen weiten Bogen vom Sklavenhandel an der Goldküste im heutigen Ghana über acht Generationen verschleppter afrikanischer Ureinwohner bis in die Gegenwart. Wochenlang stand das Debüt der Autorin Yaa Ghasi auf den Bestsellerlisten der USA, wurde mehrfach preisgekrönt und in 20 Sprachen übersetzt.

Die Familiengeschichte nimmt ihren Anfang mit den Halbschwestern Effia und Esi, beide leben im 18. Jahrhundert und wissen nichts voneinander. Effia, eine schöne Frau vom Stamm der Fante, heiratet einen britischen Offizier, der vom Sklavenhandel in Cape Coast lebt. Ihre Halbschwester Esi gehört zum kriegerischen und starken Stamm der Asante weiter im Landesinneren, wird im Auftrag der Britischen Kolonialmacht geraubt und aus ihrem Dorf verschleppt und als Sklavin im Cape Coast Castle bis zu ihrem Abtransport in die USA gefangen gehalten. Effias Familienzweig ist über mehrere Generationen mit dem Sklavenhandel verbandelt, ihre Nachkommen profitieren davon oder sind Opfer. Esis Kinder und Kindeskinder müssen in den USA um ihr Leben kämpfen, als Sklaven auf unmenschlich geführten Plantagen in den Südstaaten, in den Kohleminen in Alabama als Zwangsarbeiter, zu Beginn des 20. Jahrhunderts im unterdrückten und abgeschotteten schwarzen Stadtteil Harlem in New York als völlig unterbezahlte Arbeitskräfte.
Erst die letzte Generation in der Jetztzeit bekommt die Chance auf einen Platz gleichberechtigt in der Gesellschaft und wird damit nicht wie ihre Vorfahren als minderwertige, gejagte und geprügelte Menschen behandelt.

Yaa Ghasi erzählt die Geschichte kraftvoll und bewegend. Einerseits packendes Familienepos, das die Seiten nur so fliegen lässt, und andererseits ein eindringliches und aufrüttelndes Portrait zur Sklaverei mit all ihren Abscheulichkeiten und Folgen ist dieses Buch ein überaus wichtiges Stück Literatur. Faszinierende Recherchearbeit der Autorin zu Ghana, zur Kolonialmacht der Briten und zur Sklaverei in den USA sorgen für große Authentizität, auch wenn alles in einen spannenden Familienroman verpackt ist. Es ist ein sehr wirkungsvolles Mittel, um die Traditionen der Stämme an der Goldküste, die Anschürung und Förderung kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den als Sklaven sehr begehrten Asante und anderen Stämmen durch die Briten zum Zweck des Menschenraubes und die Schrecken der Sklaverei, der Zwangsarbeit und der schwarzen Ghettos einem breiten Publikum eindringlich näher zu bringen.

Die Geschichte springt kapitelweise von Generation zu Generation, abwechselnd in Afrika und in den USA, man findet einen zeitlichen Anker bei der Erwähnung von geschichtlichen Ereignissen oder beim Alter der jeweiligen Protagonisten. Man begleitet den jeweiligen Charakter beim Lesen eine kurze Zeit und kann durch eingebaute Rückblicke oder mit Hilfe anderer Generationen das Bild vervollständigen. Jeder der Familienmitglieder im Roman ist von seinem Umfeld und seinen jeweiligen Vorfahren beeinflusst und hat eine individuelle Geschichte, ohne dass hier Schwarz/Weiß-Malerei betrieben wird. Die Autorin macht lobenswerterweise nicht pauschal Opfer aus den afrikanischen Sklaven und Mörder aus den Weißen, auch wenn ganz klar gemacht wird, wer die größere Schuld hat. Sie zeigt die Fehler beider Seiten, und genau das macht ihr Buch glaubhaft.

Das Thema Sklaverei ist auch heute leider nicht nicht vom Tisch, und damit ist der Roman wichtig und hochaktuell. In Anlehnung an die im Buch beschriebene Zwangsarbeit von Inhaftierten in den Kohleminen von Alabama sehen sich Menschen auch heute noch Zwängen ausgesetzt, werden bei minderwertigen und krank machenden Arbeiten verheizt, im Auftrag der Billigproduktion auf der anderen Seite des Erdballs. Menschen werden nach wie vor in wichtig und minderwertig eingeteilt, auch in unseren doch so aufgeklärten Köpfen. Der Roman „Heimkehren“ kämpft dagegen an, mit Bildern des Schreckens der Sklaverei und Unterdrückung und des langen Kampfes für Gleichberechtigung aller.
Ich gebe eine uneingeschränkte Leseempfehlung für dieses aufwühlende, gut recherchierte und wichtige Buch.

Die Autorin Yaa Gyasi wurde 1989 in Ghana geboren, und kam 1991 in die USA. Der Roman »Heimkehren«, im Alter von 26 Jahren geschrieben, verdankt sein Erscheinen ihrer Recherchearbeit nach einem Besuch der Sklavenfestung Cape Coast Castle an der Goldküste von Ghana. Die Autorin lebt heute in Kalifornien.