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Veröffentlicht am 17.07.2023

Musste mich sehr durchkämpfen

Als lebten wir in einem barmherzigen Land
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Anna ist Lehrerin einer angesehenen Schule in London und verbringt ihren Berufsalltag angesichts der Corona-Pandemie vor den verpixelten Zoom-Kacheln ihrer Grundschüler und ihren Alltag mit ihrem bei ihr ...

Anna ist Lehrerin einer angesehenen Schule in London und verbringt ihren Berufsalltag angesichts der Corona-Pandemie vor den verpixelten Zoom-Kacheln ihrer Grundschüler und ihren Alltag mit ihrem bei ihr wohnendem erwachsenen Sohn. Schon immer will Anna dass es allen gut geht, und so versucht sie Tag für Tag ihre Schüler zu beglücken und auch ihren Sohn Paul zufriedenzustellen.
Bereits in ihrer Jugend lebte sie ihre wohlwollende Seite aus, verbrachte viel Zeit als Aktivistin in einer Artistengruppe, die häufig durch Protestaktionen auffiel und die Kriegs- und Sozialpolitik der Regierung anprangerte - jedoch immer auf die friedliche Art. Stets bemühten sie sich, durch die Kunst der Unterhaltung die Menschen auf Ungerechtigkeiten und alle möglichen Arten von Elend und menschenverursachten Leid hinzuweisen und sie dadurch zu motivieren, durch Handeln und Solidarität für Gerechtigkeit zu sorgen und durch eigene Selbstlosigkeit zufriedener zu werden. Bald schon schließt sich ein neues Mitglied der Artistenguppe an. Bis dato gab es keine größeren, einschneidenden Vorkommnisse, doch das Neumitglied entpuppt sich als verdeckter Ermittler der Polizei, der zugleich die Rolle des Agent Provocateur aufs Beste auslebt und die Gruppe zu einer schwerwiegenden Straftat animiert. Das Trauma des Verrats sitzt tief und nun, 20 Jahre später, stehen sich beide Parteien vor Gericht gegenüber. Und die nach wie vor gutmütige Anna muss sich sowie ihre moralischen Prinzipien hinterfragen: muss man auch unbarmherzigen Menschen gegenüber barmherzig sein? 

Ich fand das Buch relativ unzugänglich, da es sich nicht nur sehr komplexen Themen widmet, sondern auch dem Sprachfluss recht schwierig zu folgen war. Ab der zweiten Hälfte lief es besser, aber Kennedys Roman ist definitiv ein Werk, für das man sich Zeit nehmen muss - mein Interesse hat jedoch nach dem schon schleppenden Beginn rasant nachgelassen. Thematisch ist der Roman sehr reich bestückt, doch aufgrund dieser Multidimensionalität wird vom Leser hohe Konzentration und so einiges an Hintergrundwissen bezüglich der Thatcher-Zeit, des Brexit sowie der heutigen gesellschaft-politischen Notlage innerhalb des Vereinigten Königreichs gefordert.
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnder Sicht von Anna und aus dem Leben des Undercover-Cops namens „Buster“, was für eine gute Portion Auflockerung sorgte. Insgesamt kam mir jedoch der Spannungsbogen zu kurz, und die irgendwie doch insgesamt recht unglaubwürdige und schwer nachzuvollziehbare Geschichte lief relativ zäh vor sich hin. Kennedy drückt sich gewählt und vor allem mitunter auch schwer metaphorisch aus, jedoch nicht unbedingt auf die eingängige Art, weshalb bei mir kein Flow aufkam, der mich vollends begeistert hat. 
Alles in allem ist „Als Lebten wir in einem barmherzigen Land“ eine sehr anspruchsvolle Lektüre ohne Page-Turner-Effekt, die mich leider aufgrund ihres überfrachteten Wesens nicht richtig überzeugen wollte. Streckenweise war es wirklich thematisch höchstinteressant, aber leider musste ich mich überwiegend sehr durch die knapp 500 Seiten kämpfen und daher wird mir dieser Roman nicht lange im Kopf bleiben.


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Veröffentlicht am 23.04.2023

Durchschnittlich

Es war einmal in Brooklyn
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Wir schreiben das Jahr 1977. Brooklyns Bewohner ächzen unter einer enormen Hitzewelle, die der Stadt die Luft abschnürt. Darunter befinden sich auch Juliette und David, beide 17 Jahre jung und schon seit ...

Wir schreiben das Jahr 1977. Brooklyns Bewohner ächzen unter einer enormen Hitzewelle, die der Stadt die Luft abschnürt. Darunter befinden sich auch Juliette und David, beide 17 Jahre jung und schon seit frühester Kindheit beste Freunde. Eben noch waren sie unzertrennlich, doch in diesem Sommer liegt Veränderung in der Luft. David lebt seit einer Weile mit der Diagnose Leukämie und in dem Wissen, dass ihm nicht mehr viel Lebenszeit bleibt. Er steht total auf Juliette und will endlich sein Liebesleben in Angriff nehmen. Juliette steht kurz vor dem College und will dahingehend sogar fortziehen, doch vorher will auch sie noch die Liebe entdecken - nur eben nicht mit David. Aber dann gehen die Lichter aus: New York wird von einem 25-stündigen Blackout ins Chaos gestürzt - und das Leben von Juliette und David gleich mit.

"Es war einmal in Brooklyn" ist ein gar allzu typischer Coming-of-Age-Roman, der neben Freundschaft und dem ersten Mal Verliebtsein auch schwere Themen behandelt. So geht es um den Umgang mit einer schweren Krankheit und die Sorge um die abzählbar kurze Lebenszeit. Von Seiten Juliettes geht es überdies hinaus um körperliche Gewalt und psychologische Gesundheit. Im Allgemeinen sind das keine neuen Themen, die nicht schon unzählige Male in der Adoleszenzliteratur abgehandelt worden sind. Leider werden diese Themen hier aber nur sehr lakonisch behandelt. Auch die Figuren wirkten in der ersten Hälfte unscheinbar, doch zumindest dies hat sich ab der zweiten Hälfte entscheidend geändert - und dann war das Buch leider fast schon wieder vorbei. Die Sprache war angenehm leicht, die Kapitel kurz, und so blieb das Buch eines zum schnell wegsnacken ohne dabei groß Tiefgang zu haben. So ganz catchen wollte mich der Roman also nicht, er hat mir aber insgesamt gut gefallen. Wer etwas innovatives sucht wird womöglich enttäuscht werden, doch wer auf der Suche nach einem unaufgeregtem Buch ist welches schwierige Themen sanft anspricht, der ist hiermit sicherlich gut bedient. Ich hatte einfach mehr Pepp erwartet, und vielleicht richtet sich das Buch eher an noch jüngere Leser.

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Veröffentlicht am 19.02.2023

Nicht ganz rund für mich

Lichte Tage
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1950: Carol Judd gewinnt bei einer Tombola und hat die Wahl zwischen verschiedenen Preisen. Ihr Mann fordert sie auf, die Flasche Whisky zu nehmen, doch Carol entscheidet sich für ein Bild mit 15 Sonnenblumen ...

1950: Carol Judd gewinnt bei einer Tombola und hat die Wahl zwischen verschiedenen Preisen. Ihr Mann fordert sie auf, die Flasche Whisky zu nehmen, doch Carol entscheidet sich für ein Bild mit 15 Sonnenblumen - eine ziemlich authentische Reproduktion des berühmten Meistermerks Van Goghs. Sie hängt das Bild in die Trostlosigkeit ihrer heimischen Stube, wo es für sie zum Symbol der Sehnsucht und Ort für unausgelebte Träume wird. Ihr Sohn Ellis und sein halbverwaister Kindheitsfreund Michael wachsen mit dem Bild auf. Sie sind schon früh unzertrennlich und auf einer gemeinsamen Reise in die Provence wird aus Freundschaft bald Leidenschaft, wenngleich auch nur kurzweilig. Als wenig später eine Frau namens Annie in ihr Leben tritt, ändert sich einiges: aus dem Zweiergespann wird ein dreiköpfiges Team. Doch plötzlich trennen sich die Wege der Freunde, als Michael überstürzt und ohne viele Worte nach London zieht.

Die erste Hälfte des Buches wird aus Ellis' Perspektive erzählt. Einst wollte er Künstler werden, doch nun ist er bereits über 40, schiebt Nachtschichten in in einer Autofabrik Oxfords und klopft kleine Dellen aus den Karosserien von Neuwagen. Mittlerweile verwitwet, ist seine Einsamkeit großes Thema. Im zweiten Teil wechselt die Handlung zu einer tagebuchartigen Erzählung Michaels, der als junger Mann immer das Ziel vor Augen hatte, Dichter zu werden - und ab hier habe ich mich irgendwie verloren.

Ich bin ein bisschen zwiegespalten, weil ich vom Klappentext her irgendwie etwas anderes erwartet hatte, als einen Roman voller Erinnerungen, in dem aber handlungsmäßig gar nicht mal so viel passiert. Es geht viel um die Bände der Freundschaft, die erste Liebe, Einsamkeit und Verlust. Die Stimmung ist melancholisch, es ist die Zeit, in der Aids auch in Großbritannien um sich greift. Ich habe die Gefühle der Protagonisten verstanden, konnte mich aber trotzdem nicht wirklich in sie hineinfühlen, mir waren sie zu unantastbar und ich "fühlte" die Liebe nicht - sie war mir fast gleichgültig. Ich hätte auch gern Annie besser kennengelernt, von ihr erfährt man fast gar nichts, obwohl sie doch scheinbar auch eine tragende Rolle spielt. Und so kommt es, dass ich die ruhige, aber auch wirklich poetische Sprache der Autorin sehr viel mehr mochte, als die Handlung an sich. Während die erste Hälfte noch sehr subtil war, habe mich in der zweiten Hälfte zwar nicht unbedingt gelangweilt, aber das Gefühl schwingt mit, dass man aus der Handlung so viel mehr hätte machen können. Ich habe es vor 4 Tagen beendet und irgendwie jetzt schon wieder so ziemlich alles vergessen, was in der zweiten Hälfte passierte. Leider war das Buch für mich nichts Halbes und nichts Ganzes, hinterlässt hier und dort (für mich) unüberwindbare Lücken und hat irgendwie als Gesamtkonzept nicht ganz funktioniert. Vielleicht bekommt es aber irgendwann noch eine zweite Chance von mir.

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Veröffentlicht am 01.02.2023

Sehr komplexe Geschichte

Die geheimste Erinnerung der Menschen
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Diégane lebt in Paris und schreibt an seiner Doktorarbeit - zumindest sollte er das. Doch vielmehr ist er mit seinem eigentlichen Traum beschäftigt: er will einen anspruchsvollen, richtungsweisenden Roman ...

Diégane lebt in Paris und schreibt an seiner Doktorarbeit - zumindest sollte er das. Doch vielmehr ist er mit seinem eigentlichen Traum beschäftigt: er will einen anspruchsvollen, richtungsweisenden Roman schreiben. Durch eine zufällige Bekanntschaft mit der Autorin Siga D. kommt er in den Besitz eines Buches, das im Frankreich der 30er Jahre einen gewaltigen Skandal auslöste. Es handelt sich um den Roman "Das Labyrinth des Unmenschlichen", geschrieben vom schwarzen Schriftsteller T.C. Elimane, der damals als "Schwarzer Rimbaud" gefeiert wurde - und persönlich nie in Erscheinung getreten ist. Elimane wuchs im kolonialisierten Senegal auf und kam 1935 mittels eines Stipendium nach Frankreich, um an einer Pariser Hochschule zu studieren aus welcher Intellektuelle, Denker, Schriftsteller und Professoren hervorgingen. Elimanes Roman wird in gebildeten Kreisen unter größter Faszination gelesen, doch die kolonialistische Denkart ist tief in der Gesellschaft verankert und der senegalesische Autor seinen Kritikern, nunja, nicht schwarz genug. Die Kritiker schreiben: "Wir hätten mehr tropisches Kolorit, mehr Exotismus, mehr Durchdringung der rein afrikanischen Seele erwartet. [...] Der Autor ist gebildet. Doch wo ist das echte Afrika in alldem?" (S. 93). Hinterfragt wird dabei auch in weitgreifenden intellektuellen Kreisen die Herkunft des Autors, ist es ja schließlich ungewöhnlich, schwarz zu sein und doch so einen klugen Roman verfassen zu können - ist das nicht ein Widerspruch? Genauestens wird das Werk also unter die Lupe genommen und bald aufgrund von schwerwiegenden literarischen sowie ethnologischen Plagiatsvorwürfen aus dem Verkehr gezogen. Dann aber sterben die Kritiker des Autors, hauptsächlich durch eigene Hand - ganz gleich, ob die Kritiken positiv oder negativ waren. Zufall oder steckt doch mehr dahinter? Hat das Buch seine Kritiker in den Wahnsinn und folglich in den Selbstmord getrieben, oder war der Autor gar der schwarzen Magie fähig und nutze sie auf seinem blutigen Rachestreifzug gegen die Kritiker seines Werkes?

Mit dem beginnenden Kriegseinzug Frankreichs erlischt der Skandal um den Autor endgültig, das Buch gerät in Vergessenheit und die Existenz des immer noch unbekannten Autors wird verdrängt. Bis Diégane an das vermutlich letzte Exemplar des verschollenes Werks gerät, fließt viel Wasser die Seine hinab, doch rund 80 Jahre später ist er sofort fasziniert von der Geschichte des Romans und um die Geschichte des "schwarzen Rimbauds". So begibt er sich auf eine literarische Ermittlung, sucht im dichten Nebel der Literaturgeschichte nach vereinzelten Spuren des vergessenen Autors, taucht immer tiefer in die Geschichte von Elimane hinab im Bestreben, ihn zu finden.

Bei Mohamed Mbougar Sarrs zweifellos meisterhaft erzählten Werk "Die geheimste Erinnerung der Menschen", welches 2021 mit dem französischen Literaturpreis "Prix Goncourt" ausgezeichnet wurde, handelt es sich um eine eindrucksvolle Geschichte durch Raum und Zeit; über Ländergrenzen und Kontinente hinweg, von der Gegenwart bis in die Vergangenheit greifend. Es ist eine geheimnisvolle, aufregende Spurensuche, die viel Aufmerksamkeit erfordert und bei der man am Ball bleiben muss, um sich nicht unterwegs irgendwo zu verlieren. Einer Geschichte mit so vielen Charakteren unterschiedlicher Zeiten täte ein Personenregister vielleicht ganz gut, ich fand es zwischendurch etwas verwirrend und auch ermüdend, den Handlungssträngen zu folgen und nachzuvollziehen, über wen gerade überhaupt erzählt wird. Aber wer sich ins Labyrinth aufmacht, wird auch irgendwann am Ziel ankommen, nur komplett packen konnte es mich leider nicht und es hat mich zwischendurch auf längerer Stecke gelangweilt. Dennoch war der Roman eine interessante, rätselhafte Irrfahrt durch die Zeit und das Leben eines wie vom Erdboden verschluckten Menschen, und beim erneuten und genaueren Lesen ließen sich sicherlich noch einige lose Fäden miteinander verbinden.

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Veröffentlicht am 29.01.2023

Das Abbild einer Generation

Die Perfektionen
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Anna und Tom, aufgewachsen in irgendeinem südeuropäischen Nest, ziehen ins aufregende Berlin, um als Freiberufler durchzustarten. Zwischen Vernissagen und Nachtleben muss das Leben in den sozialen Netzwerken ...

Anna und Tom, aufgewachsen in irgendeinem südeuropäischen Nest, ziehen ins aufregende Berlin, um als Freiberufler durchzustarten. Zwischen Vernissagen und Nachtleben muss das Leben in den sozialen Netzwerken vor allem eins sein: fotogen. Die Fassade ihres Daseins ist glanzvoll und perfekt insziniert, die Wohnung gemütlich-urban: Altbau im Szene-Kiez, honigfarbenes Fischgrät-Parkett, Stuck, Pflanzen. Der Beruf der beiden (natürlich): was mit Medien und Design. Ihre Freunde sind international, sie kommen und gehen - ein sich ständig wandelnder Fluss von Neu-Berlinern.
Doch irgendwann fängt das Leben in ihrer Blase an, Anna und Tom anzuöden. Doch kein Problem: schließlich sind sie sind jung und mobil. Und so vermieten sie ihre Wohnung unter und machen sich auf die Suche nach neuen Abenteuern im europäischen Ausland. Schließlich kann man als digitaler Nomade von überall aus arbeiten, solange man seinen standardsilbernen Macbook im Gepäck hat. Aber auch an anderen Orten holt das Pärchen die Unzufriedenheit über das eigene, beliebige Leben immer wieder ein.

Das Buch spielt hervorragend mit Klischees und der Autor malt ziemlich authentische Bilder vom angestrebten Idealismus sowie Individualismus einer ganzen Generation. Kurz: die Thematik ist ein perfektes Abbild unseres digitalen Zeitalters und fängt den Puls der Zeit beängstigend nah ein. In der Umsetzung dessen liegt der Fokus des Romans, weshalb es zwar zwangsläufig wenig Handlung, dafür aber viel Stimmung gibt. Ist man sich dessen erstmal bewusst, ist das Buch wirklich gut. Wer aber eine Geschichte mit tiefer Handlung erwartet, wird enttäuscht werden. Leider konnte ich aufgrund dessen aber auch keine Verbindung zu den beiden Protagonisten aufbauen, obwohl sie doch sinnbildlich für eine ganze, sinnsuchende Generation stehen. Und auch wenn es interessant war, in diese auf knapp 120 Seiten mal reinzuschnuppern - möchte man diese perfekt inszenierte Welt auch eigentlich ganz schnell wieder verlassen.

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