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Veröffentlicht am 13.11.2023

Die Pflege alter Menschen

Strom
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Nora ist in ihrer Ausbildung zur Notfallsanitäterin als sie merkt, dass sie schwanger ist. Die körperliche Belastung zwingt sie die Ausbildung zu unterbrechen, psychisch angeschlagen, weiß sie nicht, ob ...

Nora ist in ihrer Ausbildung zur Notfallsanitäterin als sie merkt, dass sie schwanger ist. Die körperliche Belastung zwingt sie die Ausbildung zu unterbrechen, psychisch angeschlagen, weiß sie nicht, ob sie die Schwangerschaft fortsetzen möchte und wie es mit dem Kindsvater weitergehen soll. Auf der Suche nach einer Ausbildungsüberbrückung wird ihr ein Praktikum in der Demenzabteilung des örtlichen Krankenhauses angeboten, das sie nach einiger Überlegung annimmt. Zur selben Zeit mehren sich gerade in dieser Abteilung Extremsituationen, die nur durch das beherzte Eingreifen des Sanitäters Frank Schlimmeres verhindern. Dennoch fallen die Ereignisse nicht nur Nora auf. Als ihre Mutter auf die Station kommt, wächst Noras Aufmerksamkeit.



Meine persönlichen Leseeindrücke

Tobias Schlegl beschreibt in „Strom“ ein aktuelles Thema: die Pflege alter Menschen in öffentlichen Strukturen. Dazu kreiert er Noras Geschichte, die sich als Auszubildende zur Notfallsanitäterin mit Schwangerschaft, unstabiler Beziehung zum Kindsvater und schwierigem Mutter-Tochter-Verhältnis herumschlagen muss. Damit wäre also genug für emotional Feuerwerk gesorgt.

Leider habe ich davon wenig mitbekommen. Trotz aktuellem Thema und interessanter Handlung hat für mich besonders die sprachliche Gestaltung noch viel Luft nach oben. Es genügt mir nicht, sprachlich essentiell und einfach eine Geschichte vorgesetzt zu bekommen, wenngleich hochaktuell und durchaus interessant. Es fehlte mir an Raffinesse, Feinheit und Eleganz. Das war vielleicht auch niemals die Absicht des Autors, der sein Hauptaugenmerk auf die Schilderung der aktuellen Pflegesituation lenken wollte. Diese Informationen sind jederzeit im Internet abrufbar, es gibt darüber genügend Journalistisches zu lesen.

Aber ich lese hier einen Roman und erwarte mir mehr. Tobias Schlegl schreibt wie ein Berichterstatter, der etwas erzählt. Nun, mir hat das nicht so gefallen.



Fazit

„Strom“ ist ein Buch dieses Moments, das aktuelle Themen behandelt und durch eine zügige Handlung und essentiell aber alltagssprachlich ansprechenden Sprachgebrauch durchaus gefallen kann. Es wird aber nach einem aktuellen kurzen Höhenflug schnell in Vergessenheit geraten.

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Veröffentlicht am 11.07.2023

Gotthardtunnel - die Realisierung eines Jahrhundertprojektes

Bergleuchten
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„Bergleuchten" der Autorin Karin Seemayer erzählt von der 10 Jahre dauernden Realisierung des 17 km langen Gotthardtunnels, die 1872 unter der Leitung von Louis Favre in Angriff genommen wird. Das Vorhaben ...

„Bergleuchten" der Autorin Karin Seemayer erzählt von der 10 Jahre dauernden Realisierung des 17 km langen Gotthardtunnels, die 1872 unter der Leitung von Louis Favre in Angriff genommen wird. Das Vorhaben stößt nicht nur auf Zustimmung, sondern kritisch sehen die Fuhrunternehmen den Bau, die mit ihren Pferdekutschen für den Warenaustausch von Nord nach Süd über den Gotthardpass ein einträgliches Geschäft haben. Sie fürchten um ihre Existenz und proben den Widerstand. Doch kann der Fortschritt nicht aufgehalten werden und als erster entschließt sich der Fuhrunternehmer Franz Herger, für die Gotthardbahngesellschaft zu arbeiten.
Rund um das 10jährige Großereignis des Gotthardtunnelbaus erzählt Karin Seemayer eine ansprechende Geschichte, die sich an tatsächliche Ereignisse und Personen anlehnt. Symbolisch verbindet sie den Einschnitt in den Berg mit den Umbruch im Leben der eher verschlossenen Berglandschaft. Äußerst informativ und gut recherchiert ist die Schilderung der Planung und Realisierung des Jahrhundertwerkes und die Darstellung der schwierigen Lebensbedingungen der italienischen Arbeiter. Auch die gesellschaftlichen Veränderungen in dem 300 Seelendorf Göschenen, das innerhalb kürzester Zeit weit mehr als 1000 Einwohner zählen wird, ist authentisch getroffen. Der gute lineare Aufbau des Romans, die treffenden Landschafts- und Personenbeschreibungen, die Einblicke in das Leben in dem engen Tal mit seinen strengen Sitten und die Wandlung, die durch die Zuwanderung der Arbeiter einhergeht, machen die Geschichte attraktiv und spannend. Dass der Roman auch eine Liebesgeschichte mit genügend Dramatik bietet, ist für viele Leser sicher ein Schmankerl und rundet die Geschichte zudem emotiv ab.

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Veröffentlicht am 25.05.2023

Der Faszination des Bösen entkommt man nicht

Frankie
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Frank ist vierzehn Jahre alt als sein Großvater nach 18 Jahren aus dem Gefängnis kommt. Bisher lebte Frank mit seiner alleinerziehenden Mutter in einer innigen und vertrauten, wenngleich auch ungewöhnlichen ...

Frank ist vierzehn Jahre alt als sein Großvater nach 18 Jahren aus dem Gefängnis kommt. Bisher lebte Frank mit seiner alleinerziehenden Mutter in einer innigen und vertrauten, wenngleich auch ungewöhnlichen Beziehung. Das ändert sich mit der Entlassung des Großvaters radikal. Instinktiv spürt Frank die Angst seiner Mutter vor ihrem Vater. Sie möchte dass er sich von ihm fernhält, doch fühlt er sich angezogen von dessen Ausstrahlung und folgt ihm teils widerwillig, teils fasziniert. Nicht genug, dass der Großvater ihm seine Präsenz aufdrängt und ihm, sehr zu seinem Missfallen, Frankie nennt; die Beziehung kippt, als er ihm eine geladene Pistole gibt, die Frank zu ungeahnten Handlungen verleitet.

Meine persönlichen Leseeindrücke
„Frankie“ lässt niemanden unberührt! Entweder man mag das Buch, findet es banal oder lehnt es ab. Es ist genug Platz für jede Art von Buchkritik, und das ist schon erstaunlich für einen Roman, der knapp 200 Seiten lang ist. Ich muss gestehen, hätte ich das Buch nicht in unserer Literaturrunde besprochen, wäre mir einiges durch die Lappen gegangen. Dabei war auffallend, dass jede*r eine Meinung dazu hatte, und übereinstimmend fanden wir es alle faszinierend und unheilvoll schon von den ersten Seiten an: Es war klar, hier wird was kommen!
Die Kunst des Michael Köhlmeiers besteht darin, die Faszination des Bösen, die in Form des Großvaters, der mit seinen Tentakeln nach dem unschuldigen Enkelsohn greift, in einen Plot einzubauen, der es schwer macht das Buch zur Seite zu legen. Die Zugkraft der Handlung, die besonders durch die direkte Rede sehr aktiv und plastisch dargestellt ist, läuft in meinem Kopf ab wie ein Film und ich stelle mir vor, wie der großartige österreichischen Schauspieler Franz Buchrieser den Großvater verkörpert. Die Wandlung, die dabei Frank hinlegt, ist außergewöhnlich und versetzt mich immer wieder ins Staunen. So ganz begreifen tu ich sie nicht. Die Spannung bleibt bis zum Buchende, denn ganz raffiniert vermeidet es Köhlmeier weder mitzuteilen, welche schweren Straftaten der Großvater begangen hat, noch was aus ihm geworden ist. Das bleibt immer im Hinterkopf, auch jetzt noch, einige Wochen nachdem ich das Buch beendet habe.

Fazit
„Frankie“ von Michael Köhlmeier ist eine raffiniert konstruierte Darstellung einer Großvater-Enkel-Beziehung, die mit einer ganz eigenen Atmosphäre aufwartet. Der Faszination des Bösen entkommt man beim Lesen nicht und das Buch bleibt bis zum Schluss spannend.

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Veröffentlicht am 27.02.2022

Zu sehr aufs Wesentliche konzentriert"

Die dritte Hälfte eines Lebens
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In ihrem Debütroman „Die dritte Hälfte eines Lebens“ erzählt Anna Herzig über das Dorf Krimmwing und seine Bewohner, die sehr genau beobachten, sehr schnell urteilen und verurteilen und sehr gut im Wegsehen ...

In ihrem Debütroman „Die dritte Hälfte eines Lebens“ erzählt Anna Herzig über das Dorf Krimmwing und seine Bewohner, die sehr genau beobachten, sehr schnell urteilen und verurteilen und sehr gut im Wegsehen und Weghören sind. So haben es die schwer, die anders sind. Das sind der El-Kah-Ih, die Rosa mit ihrem ledigen Kind, dem Sepp, der Fridolin und die Lisl und drumherum das ganze Dorf.

Meine persönlichen Leseeindrücke
„Die dritte Hälfte meines Lesens“ ist ein sehr ungewöhnliches Büchlein. Da ist zum einen der sehr nüchterne Schreibstil, der nicht viel Zeit mit schöner Sprache verliert, sondern in knapper, konzentrierter Form eine Geschichte über ein imaginäres österreichisches Dorf und einige Einwohner erzählt. Anna Herzig spart an allen Ecken und Enden und packt einen Roman in kaum 130 kleine Seiten. Was mir bei Eva Menasses Roman „Dunkelblum“ zu viel war, ist mir hier zu wenig. Der 2. Teil des Büchleins ist durch die Komprimierung der Geschichte mit großer Aufmerksamkeit zu lesen, ansonsten läuft man Gefahr, dass man nichts versteht. Es ist hier wichtig sich nicht nur auf das Geschriebene zu konzentrieren, sondern auch das zwischen den Zeilen Stehende zu verstehen.

Fazit
Der Debütroman „Die dritte Hälfte meines Lesens“ ist eine etwas andere Kurzgeschichte. Die Thematik Schattenseiten eines Dorflebens scheint mir bei österreichischen Schriftstellerinnen (Dunkelblum – Blasmusikpop) beliebt zu sein, doch reicht für meinen Geschmack der Romanumfang nicht aus, um die Dynamik der Dorfstruktur von Krimmwing darzulegen. Ich empfehle deshalb Anna Herzigs Roman „Die dritte Hälfte meines Lesens“ nur bedingt.

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Veröffentlicht am 19.04.2024

Ein ganzes Leben unterteilt in ein Davor und ein Danach

Und dann sind wir gerettet
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Der Bosnienkrieg steht vor der Tür und die 6jährige Aida muss mit ihrer schwangeren Mutter, ihrer Tante und ihrem Cousin die Flucht nach Italien antreten. Ihr Vater ist bereits dort und wartet auf sie. ...

Der Bosnienkrieg steht vor der Tür und die 6jährige Aida muss mit ihrer schwangeren Mutter, ihrer Tante und ihrem Cousin die Flucht nach Italien antreten. Ihr Vater ist bereits dort und wartet auf sie. Was als Abenteuer beginnt, wird für Aida und ihre Mutter eine menschliche Herausforderung, die auch lange nach der Wiedervereinigung mit ihrem Vater andauert.

Das neue Leben in Italien gestaltet sich sehr schwierig, die Mutter kann die Entfernung von ihrem Zuhause nur schwer überwinden und der kleine Bruder, der geboren wird, birgt ein schweres Erbe. Aida verliert ihre Bindung an ihre Eltern und beginnt ein Leben außerhalb des Traumas, von dem sie sich allerdings niemals richtig lösen kann.


Meine persönlichen Leseeindrücke
Was es heißt ein Flüchtling aus einem Kriegsgebiet zu sein, welchen seelischen Leiden Geflüchtete ausgesetzt sind und wie stark die Verwurzelung zur Heimat ist, wird sehr gut dargestellt. Die Autorin schafft es, mir Szenen bildlich vor Augen zu führen und ich sehe manchmal direkt die Romanfiguren in ihrem Tun und Leben. Das gelingt meines Erachtens besonders, weil sich der Roman wie Tagebuchaufzeichnungen Aidas liest, unterteilt in unzählige kurze Abschnitte und in große 5 Kapitel.

Dann aber, im 4. Kapitel, geschieht etwas unerwartetes: die Autorin driftet von ihrer Erzählung ab und konzentriert sich auf den Bruder Ibra, nimmt sich satte 80 Seiten um über seine paranoide Schizophrenie zu erzählen. Ich kann vermuten, dass die Persönlichkeitsstörung mit der schwierigen Familiensituation zusammenhängt, erklärt wird eine Verbindung allerdings nicht. Dieser abrupte Themenwechsel bringt nicht nur die ganze Geschichte zum Wanken, sondern führt sie in eine Ecke, die mich aus dem Lesekonzept wirft. Auch wenn sie im letzten Kapitel die Erzählung wieder in die gewohnten Schienen bringt, ändert diese Abweichung nachhaltig meine Einstellung zum Roman. Doch damit nicht genug. Jetzt taucht eine neue Romanfigur auf, die vielleicht an eine vorher bekannte erinnert, aber wiederum verfehlt die Autorin, einen Bezug herzustellen, und aufs Neue fühle ich mich als Leserin vor den Kopf gestoßen.

Schade, denn der Roman besticht durch eine äußere Sichtweise auf das Schicksal einer Familie, in der sich große Gefühle durch äußere Handlungen erklären, und ist stellenweise gut in Aufbau, Handlung und Sprache.

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