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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.11.2019

Eine neue Krimiregion

Die Stille des Todes
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Vitoria im Baskenland. In der Kathedrale wird ein totes Paar gefunden. Vor zwanzig Jahren gab es die gleiche Mordserie, aber der Täter wurde verurteilt und steht jetzt kurz vor einem Hafturlaub. Gibt es ...

Vitoria im Baskenland. In der Kathedrale wird ein totes Paar gefunden. Vor zwanzig Jahren gab es die gleiche Mordserie, aber der Täter wurde verurteilt und steht jetzt kurz vor einem Hafturlaub. Gibt es einen Nachahmer oder sitzt ein Unschuldiger im Gefängnis? Unai Lopez de Ayala, genannt Kraken und Estibaliz Ruiz de Gauna ermitteln in ihrem ersten Fall.

Eva Maria Gaenz hat mich mit ihrem Krimi (auf dem Cover steht zwar Thriller, aber das ist für mich die falsche Bezeichnung!) in eine Region mitgenommen, die mir bisher unbekannt war. Vielleicht ist das Baskenland auch einfach (noch) nicht an Krimis überlaufen wie z.B. Frankreich. Das hat mir jedenfalls sehr gut gefallen, auch wenn der Krimi anfangs ein wenig behäbig daherkommt, da bleibt deutlich Platz nach oben. Zwei Handlungsebenen, einer spielt in der Gegenwart, einer im Baskenland 1969/1970, laufen erst parallel und später aufeinander zu, ohne dass ich zu früh ahnen konnte, wozu ich hier gebeten werde. Dabei bringt mir die Autorin auch die Schönheit ihres Landes näher, ohne belehrend oder aufdringlich zu sein. Gut gemacht!

Die Stille des Todes hat mir auch wegen seiner Atmosphäre gefallen. Die hat mich an mehreren Stellen an Carlos Ruiz Zafon erinnert. Leser, die seine Romane mögen, werden auch einen Zugang zu diesem Krimi finden. Der zweite Hauptdarsteller neben der Stadt Vitoria ist das Personal im Roman. Die beiden Ermittler Kraken und Esti sind ein Paar, das ich im Auge behalten werde. Geschenkt, dass beide, besonders aber Kraken, ihre traurigen Geschichten haben. Auch ihr Privatleben nimmt einen recht großen Teil im Krimi ein. Krakens Bruder, aber vor allem sein Großvater sind weit mehr als Nebendarsteller. Der Krimimalfall ist gut durchdacht, logisch und ab dem zweiten Drittel spannend aufgebaut, auch wenn die Autorin das Genre um einen Serienmörder nicht neu erfindet.

Zum Glück gibts den zweiten Fall für den Kraken schon jetzt auf Deutsch!

Veröffentlicht am 28.11.2019

Gewohnte Qualität mit (zu) reißerischem Finale

Muttertag (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 9)
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Auf dem Gelände einer stillgelegten Fabrik werden im Hundezwinger menschliche Knochenreste gefunden. Im Wohnhaus liegt ein Toter, der mit seiner Frau jahrelang Pflegekinder aufgenommen hat. Eine junge ...

Auf dem Gelände einer stillgelegten Fabrik werden im Hundezwinger menschliche Knochenreste gefunden. Im Wohnhaus liegt ein Toter, der mit seiner Frau jahrelang Pflegekinder aufgenommen hat. Eine junge Frau sucht ihre leibliche Mutter. Pia Sander und Oliver von Bodenstein kommen einem Serienmörder auf die Spur, der immer am Muttertag gemordet hat.

Das ist jetzt schon der neunte Fall für Pia und Oliver. Seit ihrem ersten Fall begleite ich das Personal von Nele Neuhaus und ich bin ein Fan der Serie, auch wenn es einen sehr schwachen Fall zwischendurch gab. Hier liefert die Autorin aber gewohnte Qualität ab. Die Krimihandlung ist durchgehend sehr gut durchdacht und bei einer Krimiserie wie dieser fühlt es sich auch meist wie Nachhausekommen an. Das Personal habe ich über die Jahre auf jeden Fall ins Herz geschlossen. Immer wieder höre und lese ich, dass die Krimis von Nele Neuhaus zu lang geraten, aber ich mag die vielen Details in ihren Krimis, ihre ausführlichen Charakterisierungen, auch die Vielzahl an Personen (angemerkt: Das Personenverzeichnis am Anfang war vielleicht gut gemeint, aber nicht gut gemacht; ich fand es auch unnötig!). Die beiden Erzählstränge finde ich sehr gut gemacht, auch weil ich lange keine Ahnung hatte, worauf das hinausläuft.

Der Spannungsbogen ist über 550 Seiten konstant hoch gehalten, aber das Finale ist mir doch ein, zwei, drei und mehr Spuren zu reißerisch gestaltet, zumal das Ende auch danach zu abrupt daherkommt. Aber sonst gibts nix zu meckern.

Ich freue mich schon jetzt auf einen neuen Fall mit Pia und Oliver.

Veröffentlicht am 23.11.2019

Ein später Sieg

ALLES WAS ICH DIR GEBEN WILL
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Als Manuel Ortigosa vom Unfalltod seines Mannes Alvaro erfährt, ist er erschüttert. Fassungslos wird er, als sich herausstellt, dass sein Mann ein Doppelleben geführt hat. Zusammen mit dessen Jugendfreund ...

Als Manuel Ortigosa vom Unfalltod seines Mannes Alvaro erfährt, ist er erschüttert. Fassungslos wird er, als sich herausstellt, dass sein Mann ein Doppelleben geführt hat. Zusammen mit dessen Jugendfreund Lucas und dem sehr eigenwilligen Polizisten Nogueira begibt er sich in Galicien auf Spurensuche in die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die bereits Opfer gefordert hat, und die Folgen bis in die Gegenwart hat.

Im Sport würde man wohl von einem späten Sieg sprechen. Der Roman hat mich erreicht und beeindruckt, aber bis dahin war es ein langer Weg. Nach rund hundert Seiten habe ich ihn zur Seite gelegt und etwas anderes gelesen. Nach weiteren hundert Seiten war ich kurz vor dem Aufgeben. Aber dann hat mich der Roman doch gepackt. Die Autorin hat einen Schreibstil, den man nicht oft findet. Ganz langsam führt sie den Leser ins Geschehen, erzählt von Vergangenheit, Gegenwart und legt sehr viel Wert auf die Charakterisierungen ihres Personals. Dabei gerät sie leider auch manches Mal ins Plaudern und ich musste mich an diesen Stil gewöhnen. Daran gewöhnen, dass auch Galicien ein Teil des Romans ist. Lange Beschreibungen lassen den Kriminalfall in den Hintergrund treten.

Aber nach rund 200 Seiten war ich mitten im Geschehen. Vielleicht habe ich mich auch erst da auf die Geschichte einlassen können. Eine Geschichte, die sehr klug konstruiert ist. Eine Geschichte über den Adel, über Klosterschulen, über Menschen, denen der äußere Schein wichtiger ist als der Glück der eigenen Familie, ja sogar wichtiger als das eigene Glück. Im letzten Drittel entwickelt sich dann auch noch ein spannender Kriminalfall. Trotzdem steht er den ganzen Roman über zurück. Zurück hinter einer Familiengeschichte, die grausam und doch unterhaltsam ist.

Wer an reiner Krimihandlung interessiert ist, sollte den Roman ignorieren. Wenn man sich aber auf einen Krimi im Gewand einer Familiensaga einlassen will, kann man an Alles was ich Dir geben will nicht vorbeigehen. Großes Kino mit langer Anlaufzeit.

Veröffentlicht am 17.11.2019

Krimi incl. Reiseführer

Cyrus Doyle und der herzlose Tod
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Auf Guernsey hat es ein Unbekannter auf Polizisten abgesehen. Zwei sind bereits tot, als Detective Chief Inspector Cyrus Doyle in seine Heimat zurückkehrt, um wieder dort zu leben und zu arbeiten. Dabei ...

Auf Guernsey hat es ein Unbekannter auf Polizisten abgesehen. Zwei sind bereits tot, als Detective Chief Inspector Cyrus Doyle in seine Heimat zurückkehrt, um wieder dort zu leben und zu arbeiten. Dabei kommt er dem Mörder selber gefährlich nahe.

Für mich wirkt Cyrus Doyle und der herzlose Tod mehr wie ein Reiseführer für die Kanalinsel Guernsey, in dem eine, zugegeben gute Krimihandlung landet. Was ich aber nicht schlimm fand, vielleicht weil ich seit Elizabeth George und Wer die Wahrheit sucht eine Schwäche für die Insel habe und sie mir so wieder als mögliches Urlaubsziel bewusst wurde. Auch wenn sich der Klappentext blutig anhört, das ist der Krimi zum Glück nicht! Die Sprache ist sehr ruhig und hat mich überzeugt, obwohl Krimihandlung hier nicht neu erfunden wird; im Gegenteil. Vielleicht habe ich auch einfach schon zu viele Krimis gelesen, aber wo der Autor hin will, war mir ab der Hälfte klar, obwohl er sich alle Mühe macht, den Verdacht von links nach rechts und von oben nach unten zu schieben. Aber das ist der erste Fall der Reihe und Potential nach oben ist in allen Bereichen vorhanden.

Für Fans von Krimireihen, in denen den Ermittlern viel Platz eingeräumt wird und für die, die es gerne nicht so blutig mögen.

Veröffentlicht am 14.10.2019

Viel ist manchmal zu viel

All die unbewohnten Zimmer
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Fariza Nasri, Polonius Fischer, Jakob Franck und Tabor Süden ermitteln in zwei Todesfällen; sie versuchen Licht ins Dunkel zu bringen, jeder für sich und doch auch alle zusammen.

Friedrich Ani hatte sich ...

Fariza Nasri, Polonius Fischer, Jakob Franck und Tabor Süden ermitteln in zwei Todesfällen; sie versuchen Licht ins Dunkel zu bringen, jeder für sich und doch auch alle zusammen.

Friedrich Ani hatte sich in All die unbewohnten Zimmer viel vorgenommen. Die Idee, alle seine Ermittler in einem Krimi ermitteln zu lassen, finde ich grundsätzlich sehr gut. Allerdings gerät die Krimihandlung ein wenig, nein nicht zu kurz; eher wird sie in den Hintergrund gedrängt. Immer, wenn Spannung aufkommt, wechselt die Perspektive und ein anderes Problem wird in den Vordergrund gestellt...und Probleme gibt es in diesem Roman reichlich: Sexuelle Belästigung, Flüchtlinge, der Rechtsruck in Deutschland, die Unfähigkeit der Polizei und natürlich die Einsamkeit, die ein zentrales Thema in Anis gesamtem Werk darstellt, zumindest in den Romanen, die ich kenne. Hier habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob mir das nicht zu viel wird. Viel wird angerissen, aber zu wenig wird vollständig ausgearbeitet, alles schwelt aber die ganze Zeit unter der Oberfläche. Aber vielleicht ist das auch mein persönliches Problem, mir wurden schon einige Romane zu geschwätzig; hier hätte man ein oder zwei Themen für einen weiteren Roman aussparen können.

Ani hat für mich einen großartigen Schreibstil, aber ich glaube, hier hat er sich zu viel vorgenommen. Trotzdem bin ich nicht unzufrieden; alle Charaktere, die ich über die Jahre kennen lernen durfte und die ich auch lieb gewonnen habe, gleichen manche Länge aus; vor allem die Figur des Tabor Süden, den ich auch nach all den Jahren immer noch nicht richtig greifen kann (im übrigen in den Verfilmungen total falsch besetzt; eine Frage an die, die Rolle besetzt haben: Habt ihr mal einen Krimi mit Tabor Süden gelesen?).

Schreiben kann der Autor, keine Frage; aber beim nächsten Mal wünsche ich mir wieder etwas Kürzeres, die Schwermut in Anis Romanen kann ich nicht immer über 500 Seiten ertragen.