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Veröffentlicht am 30.10.2022

Simon de Montfort und der Versuch einer Demokratie

Drachenbanner
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England im 12. Jahrhundert: In Waringham wachsen die junge Adela von Waringham und der Leibeigene Bedric mit einander auf. Eine Freundschaft entsteht, die unzertrennlich ist. Doch das stürmische Mädchen ...

England im 12. Jahrhundert: In Waringham wachsen die junge Adela von Waringham und der Leibeigene Bedric mit einander auf. Eine Freundschaft entsteht, die unzertrennlich ist. Doch das stürmische Mädchen wird an den Hof Eleanors, der Schwester des Königs geschickt, während ihr Jugendfreund auf den heimischen Äckern sein schweres Dasein fristen muss, eingeklemmt zwischen Rechtlosigkeit und der Grausamkeit Adelas älteren Bruders. Eines Tages jedoch sieht sich Bedric dazu gezwungen, zu fliehen und Waringham hinter sich zu lassen, gleichzeitig nicht ahnend, dass die heimliche Liebschaft mit Adela, die aus der einstigen Freundschaft entstanden ist, Früchte getragen hat. Doch die Wege der beiden führen unaufhaltsam auf einander zu, als Bedric in den Dienst des charismatischen Simon de Montoftr tritt, zu dessen Haushalt auch Adela gehört.

Wieder einmal hat es Rebecca Gablé wundervoll geschafft, ein Panorama Englands über die Jahre von 1238 bis 1265 zu spannen. So startet die Leserschaft einen Besuch sowohl dem Königshof ab, vor allem in der Mitte des Buches, als auch dem damaligen Leben in der Großstadt London, aber auch dem einfachen Leben auf dem Land. Eingebettet ist das Ganze wieder in ein akribisch recherchiertes, und dennoch nicht langweilig anmutendes historisches Setting, das die Leserschaft mit einem verblüffenden Detailreichtum in seinen Bann zieht.

Auch was die Gestaltung der historischen und fiktionalen Personen der Geschichte angeht, hat rebecca Gablé nichts von der Stärke verloren, wie wir sie aus ihren hervorgegangenen Romanen kennen. Dieses Mal haben wir zwei starke Protagonist:innen in der Mitte der Geschichte, die wir auf ihren getrennten und gemeinsamen Wegen begleiten. Die Reihe der Gegenspieler ist wunderbar abwechslungsreich. Zwar haben wir wieder einen typischen Antagonisten, der von vorne herein als solcher erkennbar ist. Aber nicht jeder, der sich letztendlich als Gegenspieler herausstellt, ist von Beginn an als solcher zu erkennen. Aber auch die Mitstreiter:innen von Bedric und Adela sind sehr abwechslungsreich gestaltet, wodurch sich insgesamt ein charakterlich interessantes Sammelsurium bildet.

Auch an Spannung mangelt es in der seitenstarken Geschichte nicht. Zwar spürt man von den historischen Hintergründen und dem sich anbahnenden politischen Konflikt im ersten Drittel der Geschichte noch nicht so viel, umso präsenter sind diese Themen dann dafür im späteren Verlauf der Geschichte. nabenbei sind dann wie üblich in einem historischen Roman auch noch der Kampf um Liebe und Familiendramen von nicht wenig tragender Rolle. Insgesamt ergibt sich also eine bunte Mischung, die für Spannung sorgt und die Leserschaft am Ball hält.

Insgesamt hat Rebecca Gablé wieder einmal einen wundervollen Roman geschaffen, der es schafft, einen über Stunden zu fesseln und zu begeistern und einem dabei einen Teil der englischen Geschichte näher bringt.

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Veröffentlicht am 29.08.2022

in einem unauffälligen Mietshaus...

Der Hausmann
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Tim und Thea sind umgezogen und finden sich nun in einer kleinen Wohnung in Berlin Neukölln wieder. Thea ist diejenige, die in einem Startup für vegane Hundeernährung arbeitet und das Geld nachhause bringt, ...

Tim und Thea sind umgezogen und finden sich nun in einer kleinen Wohnung in Berlin Neukölln wieder. Thea ist diejenige, die in einem Startup für vegane Hundeernährung arbeitet und das Geld nachhause bringt, während es sich bei Tim um einen mehr oder weniger erfolglosen Künstler handelt, der den Haushalt schmeißt. Schnell freundet sich Tim auch mit den Nachbarn an, hilft der betagten 80-jährigen aus der Wohnung über ihm in Angelegenheiten des Internets und bringt dem ukrainischen Asylwerber Deutsch bei. Doch eines Tages stehen vor seiner Haustüre unerwartet zwei Männer, die ihm ohne zu zögern ins Gesicht schlagen.

Ich habe das Verlagsprogramm von Leykam immer im Blick, da hier immer recht interessante literarische Werke erscheinen, und so war ich auf diesen Roman besonders gespannt, da er als Genremix aufgebaut ist. So haben wir neben einem Handlungsstrang auch einen in normaler Prosa, aber auch einen in Form eines Blogeintrags oder eines Graphic Novels. Und diese Mischung hat für mich erstaunlich gut funktioniert. Denn jede der Erzählweisen gibt sehr viel über den Charakter und das Denken des jeweiligen Protagonisten preis.

Die Protagonisten sind es auch, die sehr gut gestaltet sind. Man bekommt beim Lesen ein sehr authentisches Gefühl, findet sich selbst immer wieder in den einzelnen Protagonisten wieder, vor allem in deren Lebenslagen. Denn das ist auch etwas, womit der Roman aufwarten kann: Gesellschaftskritik. Thea ist in einem Job gefangen, der sie körperlich und emotional auslaugt, Maxim lebt in ständiger Furcht vor einer Abschiebung und Dagmar - die Pensionistin - lebt in gesellschaftlicher und finanzieller Einsamkeit. Diese Gesellschaftskritik wirkt dabei allerdings keineswegs an den Haaren herbeigezogen oder erzwungen, sondern bettet sich sehr schön in den Gesamtkontext des Buches ein.

Auch hat das Buch einen sehr stark unterhaltsamen Aspekt, sodass es insgesamt, trotz der Thematik nicht zu bedeutungsschwer erscheint.

Insgesamt also ein gelungener Roman, der einerseits unterhält und auf der anderen Seite auch zum Nachdenken anregt.

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Veröffentlicht am 12.08.2022

Der Kampf um Amerikas Freiheit

Rotröcke
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1777 hält der Krieg auch in Philadelphia, der Hauptstadt der Rebellen Einzug. Doch die Kämpfe halten nicht nur die beiden Armeen in ihrem schier endlosen Kräftemessen in Atem, sondern stellen auch die ...

1777 hält der Krieg auch in Philadelphia, der Hauptstadt der Rebellen Einzug. Doch die Kämpfe halten nicht nur die beiden Armeen in ihrem schier endlosen Kräftemessen in Atem, sondern stellen auch die Bevölkerung der Stadt auf eine Zerreißprobe. Die wohlhabende Handelsfamilie Becket ist in zwei Lager geteilt. Auf der einen Seite die ältere Generation, die ihr Leben unter britischer Krone verbracht hat, und auch ihren Lebensabend so verbringen möchte. Und auf der anderen Seite Jonathon und Martha, die junge Generation im Kampf für die Freiheit ihres Landes. Doch auch der Rotrock Sam beginnt mehr und mehr an der Rechtschaffenheit des Krieges und vor allem an seinen Vorgesetzten zu zweifeln. Dennoch ist da sein Treueeid auf den König seiner britischen Heimat.

In Erwartung eines spannenden historischen Romans bin ich an das Buch herangetreten und die erhoffte Unterhaltung blieb nicht aus. Denn was Bernard Cornwell unglaublich gut vermag, ist es Schlachten ausführlich zu beschreiben, ohne dass dabei die Leserschaft im Kampfgetümmel vor Fakten und Beschreibungen erdrückt wird. Thematisch bedingt finden sich mehrere solcher Kampfesszenen das ganze Buch über verstreut, die den Spannungsbogen pushen und das Lesetempo erhöhen. Auch auf gefühlstechnischer Ebene bringt der Autor Spannung und Leidenschaft in das Buch. Hinzu kommen noch vereinzelt Intrigen, die meiner Meinung nach aber auch intensiver ausgestaltet hätten werden können. Man merkt also deutlich, dass Cornwell den Fokus auf den Kampf als Träger der Handlung setzt.

Auch die Gestaltung der Protagonist:innen ist mir insgesamt positiv aufgefallen. Denn anfangs erschienen mir Jonathon, Martha und Sam, die ja die Hauprptotagonist:innen darstellen als sehr blass, unausgereift und blutleer. Es kamen keine Sympathien auf. Doch schon nach den ersten 50 Seiten wurden die Charaktere immer intensiver beschrieben, so weit dass man sie nur lieb gewinnen konnte. Auch machen einige - vor allem von den Nebenfiguren - enorme charakterliche Entwicklungen durch. Insgesamt ist es nicht so, dass gut und böse in all seinem Ausmaß schon am Anfang des Buches zu erkennen ist. Dadurch bleibt das Buch immer wieder für eine Überraschung gut.

Was Bernard Cornwell aber auch besonders gut kann, ist es, seiner Leserschaft die Hintergründe zu seinem auf akribische Art und Weise näher zu bringen. So bekommt man jede Menge Informationen rund um den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Vor allem aber trifft man jede Menge bekannter historischer Persönlichkeiten wie Sir William Howe, John Andre und auch die sagenumwobene Peggyy Shippen rauscht kurz durch das Bild, wird aber sehr zu meinem Leidwesen nicht ausführlicher behandelt.

Insgesamt ein spannendes Buch, das jede Menge historischer Fakten bereithält. Für jeden Etwas, der ach Action und Abenteuer in der Amerikanischen Geschichte sucht.

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Veröffentlicht am 03.08.2022

Ein Buch zum Nachdenken

Susanna
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Mit diesem stilistisch ungewöhnlichen Roman arbeitet Alex Capus die Geschichte der Susanna Faesch auf, die Malerin, die sich auf eine Reise zu Sitting Bull machte. Dabei entführt er die Leserschaft in ...

Mit diesem stilistisch ungewöhnlichen Roman arbeitet Alex Capus die Geschichte der Susanna Faesch auf, die Malerin, die sich auf eine Reise zu Sitting Bull machte. Dabei entführt er die Leserschaft in ein Amerika am Aufbruch zur Moderne mit all den Kontroversen des späten 19. Jahrhunderts.

Rasch merkt man, dass das Buch einen anderen Fokus auf das Leben Susannas setzt, als es im Klappentext noch beschrieben wird. So machen die Berührungspunkte Susannas mit den Indigenen Nordamerikas nur einen recht kleinen Teil aus, der auf mich wie die Krönung einer Selbstfindungsphase wirkt. Viel mehr werden anhand von Susannas Leben und dem ihres Umfeldes gerade heute so bedeutende Aspekte des gesellschaftlichen Lebens angesprochen, wie Klassismus, Zerstörung von Umwelt, Verdrängung von Kulturen oder aber auch die Hustlerkultur in der Arbeitswelt. Dabei deckt das Buch einen Zeitrahmen von etwa 50 Jahren von Susannas Kindheit an ab. Basel, New York der Wilde Westen. Alex Capus beschreibt dabei auf poetische und äußerst malerische Weise, wie das Leben an den jeweiligen Handlungsorten von statten ging.

Abgesehen von der Fähigkeit des Autors, ganze Landstriche binnen weniger Seiten in Klarheit und Anmut auferstehen zu lassen, habe ich mich recht schnell auch in die metaphernreiche Ausdrucksweise verliebt. Denn recht schnell wir deutlich, dass das Buch weder plotgetrieben ist oder von den Charakteren lebt, viel mehr sind es Sprache und geistreiche Ideen, die den Motor der Geschichte am Laufen halten. Alex Capus fängt seine Leser:innen zunächst einmal mit prachtvollen Aufzählungen und Metaphern ein, bevor er anschließen einen Kokon aus Ideen und Denkansätzen formt, in dem man sich zum Sinnieren niederlässt. Und so habe ich für mich selbst sehr viel aus dem Roman mitgenommen, vor allem im Hinblick auf Zeit und Leben.

Insgesamt hat Alex Capus einen anspruchsvollen, aber nicht minder interessanten Roman erschaffen, der vor allem durch stilistischen und sprachlichen Wagemut glänzt.

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Veröffentlicht am 01.08.2022

Commonwealth

Heartland
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Die Mapothers sind die Reichste Familie des Commonwealth Countys. Doch die Eltern wollen für ihren John noch mehr. Und so kandidiert dieser für das Amt des Repräsentantenhauses im kleinstädtisch geprägten, ...

Die Mapothers sind die Reichste Familie des Commonwealth Countys. Doch die Eltern wollen für ihren John noch mehr. Und so kandidiert dieser für das Amt des Repräsentantenhauses im kleinstädtisch geprägten, fünften Kongressbezirk. Doch John ist überfordert, mit der Unterschicht umzugehen, die den größten Teil der Wählerschaft ausmacht. Da kommt den Mapothers Blue Gene gerade recht. Der verlorene Sohn der Familie hat sich vor Jahren von Reichtum und Elite losgelöst und führt seitdem ein Leben der amerikanischen Arbeiterklasse. Nun holen sie ihn ins Wahlkampfboot. Er soll richten, was John nicht hinbekommt. Doch nicht jeder im Commonwealth County ist so manipulativ, wie es anfangs scheint.

Ich erwartete mir einen recht anspruchsvollen, politischen und kritischen Roman, wurde einerseits komplett überrascht, habe dennoch in diesem Buch gefunden, was ich gesucht habe. Die erste große Überraschung war zunächst einmal Joey Goebels Schreibstil. Der lässt sich leicht und locker weglesen, ist kaum träge und gibt der Geschichte wirklich pageturner-Potenzial. Dennoch finden sich ständig versteckte Details, die einen zum Schmunzeln bringen. So ist der Schreibstil wenig poetisch, passt sich gerade aber damit hervorragend an das kleinstädtische Milieu an, in dem der Roman angesiedelt ist. Und gerade dieses kleinstädtische Milieu ist es, das der Autor hervorragend ausgestaltet hat. Die Beschreibungen davon, wie sich die Stadt in den letzten Jahrzehnten verändert hat, wie sich die Menschen verändert haben, wirken sehr authentisch und geben Bashford, so heißt die Stadt unserer Handlung, ein scheinbar einzigartiges Antlitz, dass sich bei genauerer Betrachtung als tausendfache Kopie herausstellt. Denn Joey Goebel beschreibt eine Stadt in einem Landstrich, die sich überall im Mittleren Westen befinden könnte. Und gerade diese Anonymität gibt dem Buch seine Universalität. Denn Pickups, Wrestling, Monstertrucks und qualmende Geringverdiener - die wahren Patrioten - gibt es zwischen Ost- und Westküste überall. Doch der aufmerksamen Leserschaft, die sich dazu noch ein wenig mit den USA auseinandergesetzt hat, springen einige Dinge ins Auge, die die geografische Zuordnung in groben Maßen dennoch zulässt. Da wäre zunächst einmal der Herbst, der immer noch warm genug ist, um mit T-Shirt draußen rumzulaufen. Der Norden fällt also schon einmal weg. In Johns Wahlbezirk liegt ein County namens Dixie County. Wir befinden uns also im Süden. Die Mapothers haben einen Tabakkonzern - Kentucky - und der Vater eines der Protagonisten war im Bergbau tätig. Demnach würde ich auf Ostkentucky tippen. Sicherlich kein Zufall, dass der Schriftsteller auch in dieser Region aufgewachsen ist. Es finden sich aber auch noch andere Eastereggs. So finde ich den Namen Commonwealth County sehr ironisch, wenn man bedenkt, dass dies in etwa "Gemeinwohl" bedeutet, und sich gerade hier die Gräben zwischen Arm und Reich deutlich zeigen.

Das Buch hat mich aber auch entsetzt und schockiert. Es schwappt ja immer wieder etwas herüber nach Europa, von den "Amerikanischen" Zuständen. Dieser Roman war dann allerdings wieder ein ganz anderes Kaliber. So gehören Homophobie, Rassismus und Sexismus zum normalen Umgangston, sowohl bei den Rednecks als auch bei den gehoberen Schichten. Von diesen Auswüchsen des menschlichen Egoismus ist auch unser Hauptprotagonist Blue Gene nicht befreit. Hinzu kommt der Stellenwert von Kirche, Glaube, Patriotismus und den Streitkräften. Aus europäischer Sicht nicht mehr als ein Kopfschütteln wert.

Joey Goebel vermag es aber auch, seine Charaktere trotz einiger moralischer Fehler sehr sympathisch zu gestaltet. Zwar haben wir auch hier mit Henry Mapother einen klassischen Bösewicht, doch dieser ist kaum an den Haaren herbeigezogen und fügt sich perfekt in den Roman ein. Dazu kommt, dass die Protagonisten sehr facettenreich gestaltet sind, sich selbst, die anderen und auch die Leser:innen immer wieder überraschen. Und auch macht der Großteil von ihnen eine enorme Charakterentwicklung während der 700 Seiten durch. Und gerade an der Lebhaftigkeit und der Nahbarkeit des Figurensets liegt es auch, dass sich kritisierende und unterhaltsame Aspekte des Buches in einer Wage halten, sodass sich eine perfekt Mischung ergibt.

Insgesamt also ein Meisterwerk, lehrreich und unterhaltsam, dass trotz seiner Stärke von etwa 700 Seiten niemals langweilig wird. Auf mich hat das Buch definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

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