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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.06.2023

Traurige Familiengeschichte

Die Reisenden der Nacht
7

Wir lesen die Geschichte der „reinblütigen“ Deutschen Ally Keller, die kurz vor Beginn des Nazi-Regimes ein Kind von dem farbigen Musiker Marcus bekommt. Sie verpasst den Zeitpunkt mit Mann und Kind aus ...

Wir lesen die Geschichte der „reinblütigen“ Deutschen Ally Keller, die kurz vor Beginn des Nazi-Regimes ein Kind von dem farbigen Musiker Marcus bekommt. Sie verpasst den Zeitpunkt mit Mann und Kind aus Deutschland zu verschwinden und zieht ihre Tochter Lillith alleine auf. Um Pöbeleien und Übergriffen zu entgehen, geht sie mit dem Kind nur nachts auf die Straße. Trotzdem droht Lillith Zwangssterilisation oder Schlimmeres. Deshalb schickt Ally ihre Tochter mit dem jüdischen Ehepaar Herzog und gefälschten Papieren nach Kuba, wo Lillith aufwächst und ihrerseits eine Tochter bekommt. Nachdem ihr Mann bei den Unruhen wegen der Machtergreifung Castros ums Leben kommt, muss sie ebenfalls eine schwere Entscheidung treffen.
Der Schreibstil Correas ist sehr ruhig und sachlich, fast ein bisschen emotionslos, trotzdem hat mich die tragische Geschichte gleich gepackt. Gerade diese Sachlichkeit macht das Unbegreifliche begreifbar, auch wenn es trotzdem schwer ist sich vorzustellen wie man ein Kind quasi in der Nacht großziehen kann. Die Geschehnisse in Deutschland schildert der Autor ebenso eindringlich wie die Ereignisse der Revolution auf Kuba. Hier merkt man die gründliche Recherche. Hilfreich finde ich auch die Erläuterungen zu historischen Ereignissen am Ende des Buches, die mir das Verstehen einiger Abschnitte sehr erleichtert haben.
Diese Geschichte hat mich wirklich traurig gemacht, an manchen Stellen musste ich das Buch weglegen, weil mir die Tragik einfach zu viel wurde. Trotzdem hat es mir sehr gut gefallen, denn Geschichten wie diese müssen erzählt und gelesen werden. Ich vergebe aus vollem Herzen fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 04.06.2023

Die Swinging Sixties

Der Freiheit entgegen (Die Gutsherrin-Saga 3)
0

München zu Beginn der 60er Jahre: Clara ist glücklich, hat sie doch einen der heißbegehrten Plätze für eine Fotografenausbildung ergattert. Sie wird in ihren Ambitionen von den Eltern unterstützt, ...

München zu Beginn der 60er Jahre: Clara ist glücklich, hat sie doch einen der heißbegehrten Plätze für eine Fotografenausbildung ergattert. Sie wird in ihren Ambitionen von den Eltern unterstützt, ganz anders als ihre Freundin Sanni, die Schauspielerin werden will. Deren Eltern wissen das zu verhindern. Als ihr das Leben in ihre Pläne hineingrätscht, bricht Clara zusammen mit Sanni auf nach Hamburg - in die vermeintliche Freiheit. Dort möchte sie ihrem Traum, Fotojournalistin zu werden, näher kommen.

In lebendigem, einfühlsamem und leicht lesbarem Schreibstil erzählt Theresia Graw Claras Geschichte. Man fühlt sich direkt in die sechziger Jahre zurückversetzt. Clara ist zu Anfang ein verträumter Backfisch. Sie denkt, dass sie ihre hoch gesteckten Ziele im Vorbeigehen erreichen wird und nutzt das große Verständnis ihrer Eltern schon sehr aus. Da steht Sanni schon mehr im Leben, sie denkt pragmatisch und zielgerichtet. Von Freddy habe ich, ohne spoilern zu wollen, von Anfang an nichts gehalten. Er ist eine ziemlich selbstverliebte Luftnummer und für mich der erste Antagonist in der Geschichte. Aber auch er wird, wie alle Personen, von der Autorin sehr gut charakterisiert. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass ich die Beteiligten gut kenne, obwohl ich die beiden Vorgängerbände nicht gelesen habe.

Zunächst ist die Geschichte "nur" die Lebensgeschichte einer jungen Frau in einer Zeit des Aufbruchs mit ein paar zeitgeschichtlichen Einsprengseln wie dem Kennedy-Besuch oder der beginnenden Karriere der Beatles. (Ob es zu dieser Zeit realistisch war, dass eine 18-jährige ohne Ausbildung einfach so einen Job in einer fremden Stadt annehmen kann, bezweifle ich. Da lasse ich mal die dichterische Freiheit gelten.) Später wird ein sehr berührender Bericht über die schrecklichen Geschehnisse während des "1000-jährigen" Reichs daraus, die beim Frankfurter Prozess aufgerollt werden. Wir dürfen Clara dort auf die Pressetribüne begleiten und von dort dem Prozess folgen, über den die Autorin akribisch recherchiert haben muss. Dieser Abschnitt wertet das sonst zwar wegen der zeitgeschichtlichen Bezüge interessante, aber doch etwas seichte Buch stark auf. Deshalb vergebe ich gerne fünf Sterne und empfehle es uneingeschränkt weiter.

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Veröffentlicht am 28.05.2023

Gelungene Fortsetzung

City of Dreams
0

Nach "City on Fire" ist "City of Dreams" der zweite Teil der Mafia-Trilogie von Don Winslow. Die Handlung knüpft nahtlos an den ersten Teil an. Dany Ryan ist einer der Unterbosse der irischen ...

Nach "City on Fire" ist "City of Dreams" der zweite Teil der Mafia-Trilogie von Don Winslow. Die Handlung knüpft nahtlos an den ersten Teil an. Dany Ryan ist einer der Unterbosse der irischen Mafia von Rhode Island. Nachdem er mit seiner "Familie" den Krieg gegen die konkurrierenden Italiener verloren hat, ist er auf der Flucht und möchte anständig werden. Die Tatsache, dass er mitten in eine Hollywood-Produktion und in den Focus der Medien gerät, ist nicht gerade hilfreich dabei, unter dem Radar zu bleiben.

Hier geht es etwas entspannter zu als im ersten Teil, es fließt nicht ganz so viel Blut. Trotzdem ist die Geschichte spannend, Flucht und Ausstieg Dannys aus dem Mafiosi-Leben sind sehr nachvollziehbar dargestellt. An Dannys Gedankenwelt konnte ich dank der einfühlsamen Schilderungen Winslows gut teilhaben. Auch die Darstellung der Dreharbeiten in Hollywood scheint mir authentisch, ich kann mir gut vorstellen, dass es dort so oder ähnlich zugeht. Wie schon im ersten Band scheint hier wieder akribische Recherche zugrunde zu liegen.
Amüsant und ein wenig schräg fand ich die Schilderung der "Messdiener", die bis zum Schluss zu Dannys Gang gehören und trotz der Gefahr, in der sie schweben, völlig unbedacht in den Tag hinein leben.
Ich freue mich schon auf eine Fortsetzung, in der ich hoffentlich lesen darf, wie Danny seine Beziehung zu seinem Sohn ebenso weiter ausbaut wie die zu seiner Mutter.
Diesen Mittelteil der Trilogie kann ich jedenfalls genau so wie seinen Vorgänger wärmstens empfehlen.


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Veröffentlicht am 16.05.2023

Für Träume muss man kämpfen

Spuren einer fernen Zeit
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Sophie von Mayden lebt im Frankfurt des beginnenden 20. Jahrhunderts. Bei einem Schulausflug ins Senckenbergmuseum lernt sie „Dodo“, das riesige Saurierskelett im Lichthof des Museums, kennen. Sie ist ...

Sophie von Mayden lebt im Frankfurt des beginnenden 20. Jahrhunderts. Bei einem Schulausflug ins Senckenbergmuseum lernt sie „Dodo“, das riesige Saurierskelett im Lichthof des Museums, kennen. Sie ist so fasziniert, dass sie beschließt, Paläontologin zu werden. Mit allen Mitteln kämpft sie für diesen Traum, nicht nur gegen ihre geltungssüchtige Mutter, sondern auch gegen die Gegebenheiten ihrer Zeit, die Frauen nur eine „Tätigkeit“ als gesellschaftlicher Zierrat gestatten.

Der Schreibstil ist fesselnd und bringt mir die Personen schnell nahe. Auch verpackt die Autorin sehr viel Sachwissen auf unterhaltsame Weise. So kam ich gut in die Geschichte hinein und konnte mit Sophie mitfiebern. Die gesellschaftlichen Zustände in jener Zeit haben mich manchmal wirklich wütend gemacht, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Als Gegenpol zu Sophie fungiert ihre Mutter, die so ganz gesellschaftshörig nichts anderes im Sinn hat, als ihre Töchter standesgemäß zu verheiraten. Es ist beeindruckend, wie Sophie dagegen ankämpft, dabei aber nie ausfallend oder laut wird. Das passiert alles eher unterschwellig, denn sie geht teilweise sehr raffiniert vor.

Störend hat sich ausgewirkt, dass im Klappentext schon sehr viel preisgegeben wurde. So wurde „gespoilert“, dass es Sophie gelingen würde, schon als Studentin an einer Afrika-Reise teilzunehmen, die aber erst im letzten Drittel des Buches stattfindet. Das hätte man besser machen können.

Insgesamt bin ich aber wirklich begeistert von dieser Geschichte. Birgit Borchert hat es geschafft, zahlreiche reale Personen der Zeitgeschichte mit der fiktiven Geschichte von Sophie zu verbinden, so dass eine homogene, glaubwürdige Geschichte entstanden ist, die auch noch mit jeder Menge Wissenswertem verknüpft ist. Es ist nicht zu übersehen, dass hier sehr akribisch recherchiert wurde, um den Lesern ein spannendes, absolut rundes Leseerlebnis zu ermöglichen. Gerne empfehle ich dieses Buch uneingeschränkt weiter.

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Veröffentlicht am 14.05.2023

Schlafen Multi-Kulti

So schlafe ich! Und wie schläfst du?
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Unterschiedliche Familienkonstellationen und verschiedene Kulturen sind die Basis dieser 5 verschiedenen Gute-Nacht-Geschichten, die unsere bunte Gesellschaft widerspiegeln.
Mit dicken Pappseiten, ...

Unterschiedliche Familienkonstellationen und verschiedene Kulturen sind die Basis dieser 5 verschiedenen Gute-Nacht-Geschichten, die unsere bunte Gesellschaft widerspiegeln.
Mit dicken Pappseiten, entzückend illustriert und mit einfachen Texten ist dieses Buch ideal schon für die Kleinsten, die ganz selbstverständlich und möglichst vorurteilsfrei in unsere bunte Gesellschaft hineinwachsen sollen. Da es weit mehr unterschiedliche Kulturen und Familienkonstellationen gibt als hier dargestellt sind, würde ich es toll finden, wenn es weitere Bände gäbe!

Die fünf unterschiedlichen Geschichten haben die ideale Länge für eine Gute-Nacht-Geschichte und können jeweils einzeln vorgelesen werden. Mit gezielten Fragen wird das zuhörende Kind ins Geschehen eingebunden und kann sich so mit dem einen oder anderen Kind identifizieren.

Mein Fazit: Ein ebenso entzückendes wie wichtiges Buch zur guten Nacht. Leichter kann man Kinder nicht an die Diversität unserer Gesellschaft heranführen.

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