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Veröffentlicht am 03.09.2022

Bizarr und seltsam - aber auf eine ungute Art!

Wilder Girls
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Auf "Wilder Girls" habe ich schon seit Wochen gespannt gewartet und sofort bei Ankunft meines Rezensionsexemplar mit dem Lesen angefangen. Mit vielen positiven Leserstimmen im Kopf, die die Geschichte ...

Auf "Wilder Girls" habe ich schon seit Wochen gespannt gewartet und sofort bei Ankunft meines Rezensionsexemplar mit dem Lesen angefangen. Mit vielen positiven Leserstimmen im Kopf, die die Geschichte als DIE feministische Dystopie schlechthin loben, hatte ich recht hohe Erwartungen an den Roman und bin nach dem Lesen nun leider mehr als ernüchtert. Zwar ist Rory Powers Erzählung durch die düstere Atmosphäre elektrisierend und hochspannend, ansonsten jedoch weder schön zu lesen noch emotional überzeugend oder inhaltlich überraschend. "Wilder Girls" ist bizarr und seltsam - jedoch nicht auf die gute Art, sondern auf diese abstoßende, gänsehaut-erzeugende Weise, die sich anfühlt wie kalte Würmer, die sich in einem Albtraum über deine Füße winden. Schade!

Trotz meines ernüchterten Fazits kann ich voller Inbrunst sagen, dass sich "Wilder Girls" allein wegen des Covers gelohnt hat. I mean... look at this beauty!!!! Auf schmutzig-türkisgrünem Grund mit braunen Streifen ist ein Mädchen in Großaufnahme zu sehen, welches verträumt in die Ferne blickt, während in ihrer in Streifen geschnittenen Visage zarte Pflanzen ranken. Nachdem ich das Buch gelesen habe, weiß ich, dass wir hier unsere Hauptprotagonistin Hetty sehen, welche von der sogenannten "Tox" befallen ist, die in den Mädchen wuchert und sie wild macht. Dementsprechend passend finde ich auch den Titel gewählt, welcher in krakeligen, schwarzen Großbuchstaben das ansonsten vergleichsweise harmonische und friedvolle Cover durchzieht. Auch wenn ich mir für eine Geschichte, deren Triggerwarnung länger ist als manch Klapptext ein düstereres Cover vorstellen könnte, bin ich einfach begeistert von der Gestaltung!

Erste Sätze: "Irgendetwas. Weit draußen im Weiß-Dunkel. Es bewegt sich zwischen den Bäumen, zwischen Schwärmen von Gebüsch."

"Wilder Girls" beginnt mitten im apokalyptischen Geschehen mit einer langsamen Einführung in das Leben der Mädchen im Paxter Internat, welches seit mehreren Monaten unter dem Befall der sogenannten "Tox" leidet. Um den Rest der Welt vor Ansteckung zu schützen, bevor ein Heilmittel gefunden wird, dürfen die Mädchen der vormaligen Schule die Insel und das Schulgebäude nicht verlassen und sind in der Versorgung mit Lebensmitteln und in der Verteidigung gegenüber der außer Kontrolle geratenen Wildnis in und um das Gebäude herum auf sich alleingestellt. Hunger, Tod, Krankheit, Attacken, Quarantäne, Abgeschiedenheit vom Rest der Welt, Entfremdung und Gewalt sind die Folgen, an echten Alltag und Normalität ist nicht mehr zu denken.

Dementsprechend schwer ist es, trotz der ausführlichen Schilderungen des Lebens der Mädchen, in die Geschichte zu finden. Vorangetrieben wird man beim Lesen zunächst also primär durch die Neugier, was hinter all dem stecken soll. Wie ist die Tox ausgebrochen? Was passiert mit den Mädchen während ihrer Attacken und weshalb sterben manche während andere mutiert weiterleben? Sucht die Navy wirklich nach einem Heilmittel oder ist das Ganze eine Verschwörung? Stecken die Erwachsenen im Internat mit der Navy unter einer Decke? Weshalb bekommen die Mädchen viel zu wenig Lebensmittellieferungen? Was ist die Tox und weshalb tritt sie nur in Paxter auf? Und weshalb scheint es den Rest der Welt so wenig zu interessieren, was auf Paxter passiert...? Diese und viele weitere Fragen begann ich mir während dieser recht zäh zu lesenden, bizarr anmutenden Einführung zu stellen. Anstatt diese jedoch zu beantworten und hinter der wilden Handlung ein komplexes Konstrukt zu enthüllen, das diese Dystopie zu einem hintergründigen Spannungsroman machen würde, eskaliert die Handlung im letzten Drittel dann komplett und endet in einer chaotischen Mischung aus Kampf, Splatter, Krankenhaushorror und Survivalstory. Zu sagen, dass das Ende unbefriedigend ist, wäre die größte Untertreibung des Jahrhunderts. Mit wenigen knappen Sätzen wird grob eine Auflösung zusammengezimmert, die mehr neue Fragen aufwirft als sie löst, und obendrein endet die Erzählung mitten im Nichts in einer Situation, in der keine der Figuren in Sicherheit und keines der Probleme zufriedenstellend gelöst wäre. Was zum Teufel, Rory Power?

"So ist es bei uns allen hier. Krank, seltsam, und wir wissen nicht warum. Dinge brechen aus uns hervor, Teile fehlen, Stücke fallen ab. Und dann verhärten wir und die Wunden verheilen."


Versteht mich nicht falsch, ich bin ein großer Fan von Dystopien und diese können auch gerne sehr düster und abgründig sein und wirre Parts enthalten, die erst später stimmig erscheinen. Ein Buch, das diese Mischung aus schneidender Gesellschaftskritik, feministischem Befreiungskampf und heftigem Survival-Gore lesenswert meistert, ist beispielsweise "The Grace Year" von Kim Liggett, welches mit ähnlichen Zutaten 2020 für ein Jahreshighlight gesorgt hat. Der große Punkt, in dem sich die beiden Romane jedoch unterscheiden ist, dass man in "The Grace Year" zu jedem Zeitpunkt das Gefühl hat, die Geschichte würde auf ein Ziel zulaufen und am Ende ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und Abgeschlossenheit zurückbleibt, während man sich nach "Wilder Girls" aufgrund der fehlenden Auflösung und dem löchrig zusammengestrickten Handlungskonzept fragt, was einem die Erzählung überhaupt sagen wollte. Dies ist Horror, um des Horrors Willen, nicht um eine gewiefte Botschaft zu vermitteln.

Ebenfalls im Vergleich zu "The Grace Year" ist mir eine weitere Schwäche von "Wilder Girls" bewusst geworden: dem Leid der Figuren und die Düsternis und Brutalität der Handlung steht hier nur wenig Positives gegenüber. Bis auf die Tatsache, dass hier alle wichtigen handelnden Figuren weiblich sind und der Roman den Bechdel-Test (Gibt es mindestens zwei weibliche Figuren mit Namen, die über etwas anderes sprechen als einen Mann?) mit Leichtigkeit erfüllt, sehe ich nur wenig Feministisches oder Aufbauendes in der Geschichte. Zwar gibt es immer wieder Szenen, in denen die Freundschaft und Solidarität zwischen den Mädchen durchscheint, diese Ansätze werden aber immer wieder im Keim dadurch erstickt, dass sie sich in der nächsten Sekunde um Essen prügeln, einander verstoßen oder ihre Rangplätze neiden. Auch die angedeutete Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen den drei Hauptfiguren Reese, Hetty und Byatt empfand ich als nicht sonderlich glaubwürdig, da sie schlicht und einfach im Rest der Handlung untergeht.

"Haltet die Quarantäne ein, haben sie gesagt. Befolgt die Regeln, und wir werden euch helfen. Ein Messer in meinem Gürtel und eine Schrotflinte in meinen Händen. Anderthalb Jahre leerer Himmel und nicht genug Medikamente, Leichten, die hinter der Schule brennen. Wir müssen uns selbst helfen."


Am gravierendsten ist jedoch, dass wir keine starke Identifikationsfigur erhalten, mit der wir all das Leid und Chaos mitfühlend durchstehen können. Sowohl Hetty als auch Byatt sind als Erzählerinnen recht blass und teilweise auch einfach unsympathisch, während ich nicht nachvollziehen konnte, weshalb die dritte im Bunde - Reese - nicht ebenfalls aus ihrer Sicht erzählen darf. Darüber hinaus fiel es mir gerade zu Beginn schwer, Hetty, Byatt und Reese auseinanderzuhalten, da die Persönlichkeiten der Individuen stark zu einem Kollektiv verschmolzen sind, was auch dadurch deutlich wird, dass trotz der Erzählung aus der Ich-Perspektive sehr oft von einem verallgemeinerten "uns" die Rede ist. Ebenso verhält es sich mit den Nebenfiguren, die in meinen Augen furchtbar schlecht gezeichnet sind und stark untereinander verschwimmen. Eine klare Trennung zwischen Antagonisten und Protagonisten gibt es kaum - die Figuren scheinen im einen Moment noch wie die Nettigkeit in Person und werden in der nächsten Sekunde schon zum Monster. Fein gezeichnete Entwicklungen, ein Spektrum an Differenzierungen oder gesunde Beziehungen findet man hier nicht. Wo andere LeserInnen eine berührende, feministische Botschaft sehen wollen, ist mir also völlig schleierhaft.

"Über uns recken sich die Kiefern dem Himmel entgegen, höher, als sie sein sollten, die Stämme breiter. Ihre Äste teilen sich tausendmal, verdecken die Sonne und machen das Licht trüb und klebrig. Es fühlt sich alles vergessen an, als wären wir seit hundert Jahren die Ersten hier. Leime Radspuren auf der Straße, keine Anzeichen, dass dies je irgendetwas anderes war als das, was es jetzt ist. Wir sollten hier nicht sein. Dieser Ort gehört uns nicht mehr."


Zusätzlich sehr erschwert, die Geschichte zu mögen hat mir der Schreibstil von Rory Power, welchen ich nur als gewöhnungsbedürftig betiteln kann. Auch wenn ich ihrer Erzählung eine Sogwirkung nicht absprechen kann, empfand ich die vielen ekelhaften Vergleiche, abstoßende Beschreibungen und abgehackte, syntaxlose Gedankenströme gepaart mit wenig Dialogen und sparsam eingesetzten Gefühlsbeschreibungen als sehr ermüdend. Durchgängig bricht ein Mädchen spastisch zuckend zusammen, würgt an schwarzem Schleim, blutet aus eitrigen Wunden, wird bei lebendigem Leib von einer Bestie aufgefressen oder alternativ auch festgeschnallt auf einer Liege vergast. Hier wird fröhlich getötet, verstümmelt, gefoltert, gehungert, geflüchtet und auf alle erdenklichen Arten gelitten. Auch das Setting mit den wild wuchernden Pflanzen und den wild gewordenen, von Würmern zerfressenen Tieren trägt nicht gerade dazu bei, ein freundlicheres Licht auf die Handlung zu werfen. Wer also schwache Nerven oder einen nervösen Magen hat und es also nicht mal eklig oder düster aushalten kann, sollte dringend eine andere Dystopie wählen. Deshalb ist der Roman auch eindeutig kein Jugendbuch, auch wenn die Protagonistinnen mit ihren 16 Jahren etwas jünger sind, als die Zielgruppe. Doch egal welche Zielgruppe - empfehlen kann ich die Geschichte aus meiner persönlichen Perspektive sowieso nicht!


Fazit:


"Wilder Girls" ist eine bizarre und seltsame Horrorgeschichte, welche zwar elektrisierend und hoch spannend zu lesen, ansonsten jedoch weder schön noch emotional überzeugend oder inhaltlich überraschend gestaltet ist. Unsympathischen Figuren, ein gewöhnungsbedürftiger Schreibstil und eine unbefriedigende Auflösung tun ihr Übriges und haben dafür gesorgt, dass ich trotz großer Hoffnungen schnell ernüchtert wurde. Schade!

PS: Die zwei Sterne gibt es für die wunderschöne Gestaltung und die spannende Grundstimmung

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.02.2022

Viele Unstimmigkeiten, Widersprüche und teilweise sogar mit toxischen Anklängen...

Finde mich. Jetzt
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Mit "Finde mich. Jetzt" von Kathinka Engel ist vor Weihnachten ein Trilogie-Auftakt bei mir eingezogen, dessen Folgebände ich schon gelesen habe. Fragt mich nicht, wieso, aber bei Kathinkas ersten zwei ...

Mit "Finde mich. Jetzt" von Kathinka Engel ist vor Weihnachten ein Trilogie-Auftakt bei mir eingezogen, dessen Folgebände ich schon gelesen habe. Fragt mich nicht, wieso, aber bei Kathinkas ersten zwei Reihen habe ich es einfach nie geschafft, mit Band 1 anzufangen und bin immer erst später und in komplett falscher Reihenfolge in die Reihe eingestiegen. Da mich in "Halte mich. Hier" Maliks und Zeldas Liebesgeschichte und in "Liebe mich. Für immer" die von Sam und Amy überzeugen konnte, stand es für mich nicht zur Debatte, dass ich auch herausfinden musste, wie Tamsin und Rhys zusammengekommen sind. Da Sofia von @Sofiasworldofbooks die Geschichte auch noch nicht gelesen hat, haben wir kurzerhand einen Buddyread draus gemacht. Leider waren wir uns ziemlich schnell einig: man merkt "Finde mich. Jetzt" leider an mehreren Stellen an, dass es der Debütroman der Autorin ist und die Geschichte entwickelt leider nicht den magisch-verträumten Sog, mit dem Kathinka Engels Romane mich normalerweise bezirzen...

Bevor ich versuche, meine Kritik wertschätzend auszudrücken und zu erklären, was mir in "Finde mich. Jetzt" nicht gefallen hat, will ich wie immer noch kurz einige Worte zur Gestaltung sagen. Die Cover der "Believe In Second Chances"-Trilogie sind aufeinander abgestimmt, sodass die drei Bände nebeneinander liegend zusammen ein Unendlichkeitszeichen ergeben. Dazu passend sind auch die Titel so gewählt, dass sie in Kombination zueinander passen und "Finde mich. Halte mich. Liebe mich. Jetzt. Hier. Für immer" ergeben. Wenn man jedoch nur ein Einzelband ohne die anderen Teile betrachtet, wirken Titel und Cover etwas seltsam - eben unvollständig. Ich finde die Idee grundsätzlich wirklich klasse - als Einzelwerk, wenn man sich nicht auf den Gesamteindruck konzentriert, sind mir die glitzernde Bögen und der bunte, Wasserfarbenverlauf im Hintergrund aber zu kitschig und nichtssagend. Sehr nett finde ich wiederum die kurzen Steckbriefe zu den zwei Hauptprotagonisten in den Leselaschen und die kleinen Unendlichkeitszeichen inklusive Name an den Kapitelanfängen, welche angeben, aus welcher Perspektive gerade erzählt wird. Auch wenn ich das Cover an sich also nicht unbedingt umwerfend finde, ist die Gestaltung des Piper Verlags als Ganzes wirklich sehr detailgetreu und liebevoll ausgearbeitet!


Erster Satz: "Heute ist ein Tag der Gegensätze"


Schon in den ersten Kapiteln habe ich feststellen müssen, dass mich die Geschichte von Tamsin und Rhys nur wenig abholen und mitreißen konnte. Natürlich muss ich dazu sagen, dass mir durch Band 2 und 3 die Grundzüge und der Endpunkt der Handlung des ersten Bandes schon bekannt waren. Gemeinsam mit der geringen Handlungsdichte und dem relativ langen durch die Erzählung abgedeckten Zeitraum sind das natürlich keine besonders guten Voraussetzungen für eine spannende Handlung. Es waren aber vielmehr die Atmosphäre und die Figuren als die Rahmenhandlung an sich, die für mich deutliche Schwächen aufwiesen und dafür gesorgt haben, dass ich "Finde mich. Jetzt" nicht so lieben konnte wie andere Bücher der Autorin. Trotz der ernsten Themen, die hier angesprochen werden und in den USA nochmals deutlich aktueller sind als hierzulande, handelt es sich um ein gemütliches Wohlfühlbuch, das nur wenig Tiefe erreicht. Wie aus ihren anderen Romanen gewohnt schreibt Kathinka Engel auch hier locker, leicht und auch wenn man bei ihrem Humor nicht schallend lacht, schafft sie es immer wieder, die ernste Stimmung aufzulockern. Rein stilistisch habe ich ihre Schreibweise aber leider kaum wiedererkannt. Zwar gibt es einige schöne Szenen, gerade zu Beginn sind die Sätze aber teilweise sehr kurz und beinahe abgehackt, sodass ich mich bald gefragt habe, ob "Finde mich. Jetzt" wirklich aus derselben Feder der Autorin stammt, die mich mit ihrer lebendig, ehrlich und emotionalen Schreibweise in der Shetland-Love-Reihe umgehauen hat.


Rhys: "Bei Tamsins Anblick habe ich das Gefühl, dass das Leben auch für mich selbst nicht vorbei sein muss. Und auch wenn Tamsin niemals Teil meines Lebens sein kann, ist sie doch in ihrer Unbefangenheit so etwas wie ein Fenster in eine farbenfrohe Welt."


Auch ihr Gespür für Figurenentwicklungen und die Einbindung feministischer Ideen habe ich hier komplett vermisst. Beide Hauptfiguren, die hier mal wieder abwechselnd aus der Ich-Perspektive erzählen, sind leider recht inkonsistent charakterisiert und weisen immer wieder Logiklücken auf. Ich hatte an unzähligen Stellen das Gefühl, eine Figur müsste als logische Konsequenz aus der vorangegangenen Handlung eine gewisse Reaktion zeigen und war dann überrascht, als sie das genaue Gegenteil gemacht hat. Beispiele dafür sind zum Beispiel, dass der verschlossene Rhys Tamsin gleich bei der ersten Gelegenheit von seiner Vergangenheit erzählt, oder dass Tamsin sofort mitlacht, als Sam sich über ihre erst kürzlich passierte, schmerzhafte Trennung lustig macht. Das waren beides Reaktionen, die ein Gefühl von Verwirrung und Irritation bei mir hinterlassen haben. Besonders dahingehend verwirrt hat mich Tamsin. Mit ihren ständigen Übersprunghandlungen, die nicht immer zu ihrer aktuellen Konstitution gepasst haben, machten sie es mir äußerst schwer, sie als Figur zufassen zu bekommen. Auch dass sie aus ihrer eigenen Perspektive zu Beginn wie eine ganz andere Person wirkte und sich für mich nur schwer mit Rhys Beschreibung von ihr in Einklang bringen ließ, hat mir der Zugang zu ihr, der durch ihre naive und weltfremde Art sowieso schon eingeschränkt war, noch zusätzlich erschwert.


Tamsin: "Oft fühle ich mich regelrecht heimatlos, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe. Denn während ich lese, bin ich tatsächlich im Moskau des neunzehnten Jahrhunderts oder im Thronfield an der Seite von Jane Eyre zu Hause. Vielleicht bin ich also tatsächlich eine Kosmopolitin." Ich zuckte mit den Schultern. "Nur eben zwischen zwei Buchdeckeln."


Rhys hat mich da zu Beginn viel mehr angesprochen, da mich sehr interessiert hat, wie er sich nach sechs Jahren Haft mit seiner neuen Freiheit auseinandersetzt und sich selbst neu erfindet. Das Gefühl, dass die Welt ihm fremd ist und keinen Platz mehr für ihn hat, empfand ich als sehr beklemmend und gleichzeitig als interessanten Ausgangspunkt für die Handlung. Sehr schade ist bei ihm aber, dass sein Trauma sehr unglaubwürdig umgesetzt wird. Er hat aufgrund von Übergriffen im Gefängnis eine gestörte Wahrnehmung seines eigenen Körpers und reagiert sehr empfindlich auf Berührungen. Statt sich tatsächlich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und diese kontinuierlich weiterzuentwickeln, wird der Konflikt aber nur dann auf den Tisch gebracht, wenn es der Handlung förderlich ist und ansonsten weitgehend ignoriert. So kann es sein, dass Tamsin ihn am Anfang überraschend umarmt, ohne dass etwas passiert, er dann später wegen einer Kleinigkeit durchdreht und sie im Anschluss dann ohne Probleme Sex haben, bevor er wieder einen Zusammenbruch erleidet. Auch abseits von seinen Problemen mit Körperlichkeit bleibt er leider sehr blass und wir bekommen kaum etwas von seiner langsamen Annäherung an die Welt tatsächlich mit. Wie schlecht die ganze Entwicklung leider umgesetzt ist, sieht man auch daran, dass Rhys am Ende reflektiert, was er im letzten halben Jahr alles gelernt hat und ich mich nicht an eine einzige Szene erinnern konnte, in der er tatsächlich persönlich weitergekommen ist.


Rhys: "Die Welt sollte mich, Rhys Bolton, willkommen heißen. Aber die Welt ist nicht mehr das, was sie war, als ich mich mit fünfzehn von ihr verabschiedet habe. Sie will mich nicht, und ich weiß nichts über sie. Wir sind einander völlig fremd."


Auch die Beziehung der beiden konnte mich leider gar nicht überzeugen, da ich deren Nähe weder emotional nachvollziehen noch die inhaltlichen Aspekte ihres Umgangs akzeptieren konnte. So wirkte ihre Beziehung an manchen Stellen beinahe toxisch, wenn Tamsin sich die Schuld an seinem Zusammenbruch gibt, weil sie nicht da war (als wäre es ihre Aufgabe, 24/7 für seine geistige Gesundheit zu sorgen), Rhys feststellt, dass er ohne sie das Leben nicht als Wert an sich empfinden kann (emotionale Abhängigkeit lässt grüßen) oder Tamsin auf Offenbarungen seinerseits unpassend bagatellisierend reagiert und ihn und seine Komplexe sexualisiert. Sofia und ich haben uns beim Lesen besonders über eine Stelle aufgeregt, als Rhys ihr erzählt, dass er sich für seinen Oberkörper schämt, da er jenen infolge seines Traumas nicht als (akzeptablen) Teil seiner Selbst wahrnehmen kann (Christian Grey, is that you?). Anstatt verständnisvoll darauf einzugehen, antworte sie darauf ungelogen, dass das Gefühl der körperlichen Unzulänglichkeit für Frauen reserviert sei, dass er sich nicht so anstellen soll und als Krönung wirft sie ihm dann auch noch vor, dass seine Muskeln Menschen mit normalem Körperfettanteil unter Druck setzen würden.


Tamsin: "Und warum ist Pu der Bär auf deiner Liste", flüstere ich, weil ich, obwohl wir uns so nah sind, die Sehnsucht nach ihm kaum aushalte. "Weil im Hundert-Morgen-Wald jeder sein kann, wie er will. Selbst I-Ah muss sich nicht verstellen. Sie mögen ihn einfach als das, was er ist", sagt Rhys leise und drückt meine Hand erneut.
"Ich mag dich auch als das, was du bist", flüstere ich, "mit verschobenen Grenzen und allem."
"Und ich mag dich. Mit all deinen Verrücktheiten".


Ich habe selten eine unsensiblere Art gesehen, auf mitgeteilte Ängste zu reagieren. Dieses Herunterspielen in die Richtung "jetzt hab dich Mal nicht so, andere haben ganz andere Probleme, du bist doch voll in Ordnung" hilft vielleicht bei gewöhnlichen leichten Komplexen. Da kann es manchmal hilfreich sein, klarzumachen, dass man seine Probleme im Kopf künstlich aufbauscht. Aber in dieser Situation? Fand ich es einfach nur toxisch. Stellt Euch nur mal vor, die Geschlechterrollen wären umgekehrt gewesen und der Typ hätte der Frau gesagt, sie solle sie doch nicht so anstellen, sie sehe ja heiß genug aus um von Männern gewollt zu werden. Sowas möchte ich in einem Roman von 2019 nicht mehr lesen. Leider tauchen auch andere Tropes wie zum Beispiel der "Du bist zu gut für mich Trope" und der "du bist anders als die anderen Mädchen"-Trope hier auf, von denen ich eigentlich dachte, dass wir schon 2016 beschlossen haben, dass wir diese nicht mehr in modernen New Adult Romanen lesen wollen, da sie die weibliche Integrität untergraben.

Auch diese Stelle kann man übrigens wunderbar heranziehen, um zu erläutern, was mein Problem mit der Entwicklung von Rhys´ Nähe-Problem ist. Statt sich wie von mir erwartet durch Tamsins unüberlegte Reaktion vor den Kopf gestoßen und verletzt zu fühlen, war es anscheinend genau das, was er hatte hören müssen. Daraufhin legt augenblicklich alle seine Probleme ab (Traumaheilung durch Gesprächstherapie geht normalerweise ein bisschen anders), sodass sie in den folgenden Kapitel wilden Sex haben können, von dem ich dachte, er würde am Ende den Endpunkt der Entwicklung darstellen. Damit überspringen die beiden gefühlt 100 Schritte der Entwicklung ihrer Beziehung und vor allem der Entwicklung von Rhys´ Näheproblem und ließen mich mit einer ganzen Menge Fragezeichen zurück.


Rhys: "Ich kann, ich darf, aber ich muss nicht. Zum ersten Mal wird mir bewusst, was Freiheit bedeutet."


Das Ende der Geschichte verläuft nach dem großen Drama dann recht leichtfüßig und alles in allem ganz nett. Um ein runder Abschluss zu sein, fehlte mir hier aber leider die Hälfte und sowohl auf Rhys´ als auch auf Tamsins Seite blieben einige Fäden lose und Fragen offen. Was macht Tamsin nun mit ihrer Familie? Der komplette Bruch ohne ihnen ihre Seite der Geschichte darzulegen ist ja nur der erste von vielen Schritten zu einem gesünderen Verhältnis... Und mit Sam hat sie sich auch nicht ausgesprochen, das ging ja einfach wieder in den Normalzustand über? Kann Rhys mit seiner Vergangenheit Frieden schließen? Wie empfindet er nun gegenüber seiner Mutter? Was passiert mit Don, bekommt er auch irgendwann noch seine Quittung? Und was ist mit dem Gefängnisschläger, der ja nun eine offensichtliche Bedrohung für Rhys darstellt, aber nie wieder vorkam? Im Endeffekt ist das Ende also ein perfektes Sinnbild für meine Beziehung zur gesamten Geschichte: auf den ersten Blick ist ein Unterhaltungswert der Geschichte nicht von der Hand zu weisen, die Struktur unter der netten Oberfläche passt aber vorne und hinten nicht zusammen.

Rückblickend bin ich also sehr froh, dass ich nicht ganz regulär mit dem ersten Teil der Reihe in die "Believe In Second Chances"-Trilogie eingestiegen bin und "Finde mich. Jetzt" als sechstes Buch von Kathinka Engel lese. Wäre das meine erste Begegnung mit der Autorin gewesen, wäre es wohl auch meine einzige geblieben...



Fazit:


Auch wenn ich "Finde mich. Jetzt" wirklich mögen wollte, sind mir zu viele Unstimmigkeiten, Widersprüche und teilweise sogar auch toxische Anklänge in der Geschichte ins Auge gesprungen, um sie weiterempfehlen zu können. Die zwei Sterne gibt es nur für die liebenswerten Nebenfiguren und die vereinzelten schönen Szenen, in denen das Talent von Kathinka Engel durchblitzt. Wer mehr von ihr lesen will, sollte sich aber eher an ihre "Love is", oder die "Shetland-Love"-Reihe halten!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.02.2022

Viele Unstimmigkeiten, Widersprüche und teilweise sogar mit toxischen Anklängen...

Finde mich. Jetzt
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Mit "Finde mich. Jetzt" von Kathinka Engel ist vor Weihnachten ein Trilogie-Auftakt bei mir eingezogen, dessen Folgebände ich schon gelesen habe. Fragt mich nicht, wieso, aber bei Kathinkas ersten zwei ...

Mit "Finde mich. Jetzt" von Kathinka Engel ist vor Weihnachten ein Trilogie-Auftakt bei mir eingezogen, dessen Folgebände ich schon gelesen habe. Fragt mich nicht, wieso, aber bei Kathinkas ersten zwei Reihen habe ich es einfach nie geschafft, mit Band 1 anzufangen und bin immer erst später und in komplett falscher Reihenfolge in die Reihe eingestiegen. Da mich in "Halte mich. Hier" Maliks und Zeldas Liebesgeschichte und in "Liebe mich. Für immer" die von Sam und Amy überzeugen konnte, stand es für mich nicht zur Debatte, dass ich auch herausfinden musste, wie Tamsin und Rhys zusammengekommen sind. Da Sofia von @Sofiasworldofbooks die Geschichte auch noch nicht gelesen hat, haben wir kurzerhand einen Buddyread draus gemacht. Leider waren wir uns ziemlich schnell einig: man merkt "Finde mich. Jetzt" leider an mehreren Stellen an, dass es der Debütroman der Autorin ist und die Geschichte entwickelt leider nicht den magisch-verträumten Sog, mit dem Kathinka Engels Romane mich normalerweise bezirzen...

Bevor ich versuche, meine Kritik wertschätzend auszudrücken und zu erklären, was mir in "Finde mich. Jetzt" nicht gefallen hat, will ich wie immer noch kurz einige Worte zur Gestaltung sagen. Die Cover der "Believe In Second Chances"-Trilogie sind aufeinander abgestimmt, sodass die drei Bände nebeneinander liegend zusammen ein Unendlichkeitszeichen ergeben. Dazu passend sind auch die Titel so gewählt, dass sie in Kombination zueinander passen und "Finde mich. Halte mich. Liebe mich. Jetzt. Hier. Für immer" ergeben. Wenn man jedoch nur ein Einzelband ohne die anderen Teile betrachtet, wirken Titel und Cover etwas seltsam - eben unvollständig. Ich finde die Idee grundsätzlich wirklich klasse - als Einzelwerk, wenn man sich nicht auf den Gesamteindruck konzentriert, sind mir die glitzernde Bögen und der bunte, Wasserfarbenverlauf im Hintergrund aber zu kitschig und nichtssagend. Sehr nett finde ich wiederum die kurzen Steckbriefe zu den zwei Hauptprotagonisten in den Leselaschen und die kleinen Unendlichkeitszeichen inklusive Name an den Kapitelanfängen, welche angeben, aus welcher Perspektive gerade erzählt wird. Auch wenn ich das Cover an sich also nicht unbedingt umwerfend finde, ist die Gestaltung des Piper Verlags als Ganzes wirklich sehr detailgetreu und liebevoll ausgearbeitet!


Erster Satz: "Heute ist ein Tag der Gegensätze"


Schon in den ersten Kapiteln habe ich feststellen müssen, dass mich die Geschichte von Tamsin und Rhys nur wenig abholen und mitreißen konnte. Natürlich muss ich dazu sagen, dass mir durch Band 2 und 3 die Grundzüge und der Endpunkt der Handlung des ersten Bandes schon bekannt waren. Gemeinsam mit der geringen Handlungsdichte und dem relativ langen durch die Erzählung abgedeckten Zeitraum sind das natürlich keine besonders guten Voraussetzungen für eine spannende Handlung. Es waren aber vielmehr die Atmosphäre und die Figuren als die Rahmenhandlung an sich, die für mich deutliche Schwächen aufwiesen und dafür gesorgt haben, dass ich "Finde mich. Jetzt" nicht so lieben konnte wie andere Bücher der Autorin. Trotz der ernsten Themen, die hier angesprochen werden und in den USA nochmals deutlich aktueller sind als hierzulande, handelt es sich um ein gemütliches Wohlfühlbuch, das nur wenig Tiefe erreicht. Wie aus ihren anderen Romanen gewohnt schreibt Kathinka Engel auch hier locker, leicht und auch wenn man bei ihrem Humor nicht schallend lacht, schafft sie es immer wieder, die ernste Stimmung aufzulockern. Rein stilistisch habe ich ihre Schreibweise aber leider kaum wiedererkannt. Zwar gibt es einige schöne Szenen, gerade zu Beginn sind die Sätze aber teilweise sehr kurz und beinahe abgehackt, sodass ich mich bald gefragt habe, ob "Finde mich. Jetzt" wirklich aus derselben Feder der Autorin stammt, die mich mit ihrer lebendig, ehrlich und emotionalen Schreibweise in der Shetland-Love-Reihe umgehauen hat.


Rhys: "Bei Tamsins Anblick habe ich das Gefühl, dass das Leben auch für mich selbst nicht vorbei sein muss. Und auch wenn Tamsin niemals Teil meines Lebens sein kann, ist sie doch in ihrer Unbefangenheit so etwas wie ein Fenster in eine farbenfrohe Welt."


Auch ihr Gespür für Figurenentwicklungen und die Einbindung feministischer Ideen habe ich hier komplett vermisst. Beide Hauptfiguren, die hier mal wieder abwechselnd aus der Ich-Perspektive erzählen, sind leider recht inkonsistent charakterisiert und weisen immer wieder Logiklücken auf. Ich hatte an unzähligen Stellen das Gefühl, eine Figur müsste als logische Konsequenz aus der vorangegangenen Handlung eine gewisse Reaktion zeigen und war dann überrascht, als sie das genaue Gegenteil gemacht hat. Beispiele dafür sind zum Beispiel, dass der verschlossene Rhys Tamsin gleich bei der ersten Gelegenheit von seiner Vergangenheit erzählt, oder dass Tamsin sofort mitlacht, als Sam sich über ihre erst kürzlich passierte, schmerzhafte Trennung lustig macht. Das waren beides Reaktionen, die ein Gefühl von Verwirrung und Irritation bei mir hinterlassen haben. Besonders dahingehend verwirrt hat mich Tamsin. Mit ihren ständigen Übersprunghandlungen, die nicht immer zu ihrer aktuellen Konstitution gepasst haben, machten sie es mir äußerst schwer, sie als Figur zufassen zu bekommen. Auch dass sie aus ihrer eigenen Perspektive zu Beginn wie eine ganz andere Person wirkte und sich für mich nur schwer mit Rhys Beschreibung von ihr in Einklang bringen ließ, hat mir der Zugang zu ihr, der durch ihre naive und weltfremde Art sowieso schon eingeschränkt war, noch zusätzlich erschwert.


Tamsin: "Oft fühle ich mich regelrecht heimatlos, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe. Denn während ich lese, bin ich tatsächlich im Moskau des neunzehnten Jahrhunderts oder im Thronfield an der Seite von Jane Eyre zu Hause. Vielleicht bin ich also tatsächlich eine Kosmopolitin." Ich zuckte mit den Schultern. "Nur eben zwischen zwei Buchdeckeln."


Rhys hat mich da zu Beginn viel mehr angesprochen, da mich sehr interessiert hat, wie er sich nach sechs Jahren Haft mit seiner neuen Freiheit auseinandersetzt und sich selbst neu erfindet. Das Gefühl, dass die Welt ihm fremd ist und keinen Platz mehr für ihn hat, empfand ich als sehr beklemmend und gleichzeitig als interessanten Ausgangspunkt für die Handlung. Sehr schade ist bei ihm aber, dass sein Trauma sehr unglaubwürdig umgesetzt wird. Er hat aufgrund von Übergriffen im Gefängnis eine gestörte Wahrnehmung seines eigenen Körpers und reagiert sehr empfindlich auf Berührungen. Statt sich tatsächlich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und diese kontinuierlich weiterzuentwickeln, wird der Konflikt aber nur dann auf den Tisch gebracht, wenn es der Handlung förderlich ist und ansonsten weitgehend ignoriert. So kann es sein, dass Tamsin ihn am Anfang überraschend umarmt, ohne dass etwas passiert, er dann später wegen einer Kleinigkeit durchdreht und sie im Anschluss dann ohne Probleme Sex haben, bevor er wieder einen Zusammenbruch erleidet. Auch abseits von seinen Problemen mit Körperlichkeit bleibt er leider sehr blass und wir bekommen kaum etwas von seiner langsamen Annäherung an die Welt tatsächlich mit. Wie schlecht die ganze Entwicklung leider umgesetzt ist, sieht man auch daran, dass Rhys am Ende reflektiert, was er im letzten halben Jahr alles gelernt hat und ich mich nicht an eine einzige Szene erinnern konnte, in der er tatsächlich persönlich weitergekommen ist.


Rhys: "Die Welt sollte mich, Rhys Bolton, willkommen heißen. Aber die Welt ist nicht mehr das, was sie war, als ich mich mit fünfzehn von ihr verabschiedet habe. Sie will mich nicht, und ich weiß nichts über sie. Wir sind einander völlig fremd."


Auch die Beziehung der beiden konnte mich leider gar nicht überzeugen, da ich deren Nähe weder emotional nachvollziehen noch die inhaltlichen Aspekte ihres Umgangs akzeptieren konnte. So wirkte ihre Beziehung an manchen Stellen beinahe toxisch, wenn Tamsin sich die Schuld an seinem Zusammenbruch gibt, weil sie nicht da war (als wäre es ihre Aufgabe, 24/7 für seine geistige Gesundheit zu sorgen), Rhys feststellt, dass er ohne sie das Leben nicht als Wert an sich empfinden kann (emotionale Abhängigkeit lässt grüßen) oder Tamsin auf Offenbarungen seinerseits unpassend bagatellisierend reagiert und ihn und seine Komplexe sexualisiert. Sofia und ich haben uns beim Lesen besonders über eine Stelle aufgeregt, als Rhys ihr erzählt, dass er sich für seinen Oberkörper schämt, da er jenen infolge seines Traumas nicht als (akzeptablen) Teil seiner Selbst wahrnehmen kann (Christian Grey, is that you?). Anstatt verständnisvoll darauf einzugehen, antworte sie darauf ungelogen, dass das Gefühl der körperlichen Unzulänglichkeit für Frauen reserviert sei, dass er sich nicht so anstellen soll und als Krönung wirft sie ihm dann auch noch vor, dass seine Muskeln Menschen mit normalem Körperfettanteil unter Druck setzen würden.


Tamsin: "Und warum ist Pu der Bär auf deiner Liste", flüstere ich, weil ich, obwohl wir uns so nah sind, die Sehnsucht nach ihm kaum aushalte. "Weil im Hundert-Morgen-Wald jeder sein kann, wie er will. Selbst I-Ah muss sich nicht verstellen. Sie mögen ihn einfach als das, was er ist", sagt Rhys leise und drückt meine Hand erneut.
"Ich mag dich auch als das, was du bist", flüstere ich, "mit verschobenen Grenzen und allem."
"Und ich mag dich. Mit all deinen Verrücktheiten".


Ich habe selten eine unsensiblere Art gesehen, auf mitgeteilte Ängste zu reagieren. Dieses Herunterspielen in die Richtung "jetzt hab dich Mal nicht so, andere haben ganz andere Probleme, du bist doch voll in Ordnung" hilft vielleicht bei gewöhnlichen leichten Komplexen. Da kann es manchmal hilfreich sein, klarzumachen, dass man seine Probleme im Kopf künstlich aufbauscht. Aber in dieser Situation? Fand ich es einfach nur toxisch. Stellt Euch nur mal vor, die Geschlechterrollen wären umgekehrt gewesen und der Typ hätte der Frau gesagt, sie solle sie doch nicht so anstellen, sie sehe ja heiß genug aus um von Männern gewollt zu werden. Sowas möchte ich in einem Roman von 2019 nicht mehr lesen. Leider tauchen auch andere Tropes wie zum Beispiel der "Du bist zu gut für mich Trope" und der "du bist anders als die anderen Mädchen"-Trope hier auf, von denen ich eigentlich dachte, dass wir schon 2016 beschlossen haben, dass wir diese nicht mehr in modernen New Adult Romanen lesen wollen, da sie die weibliche Integrität untergraben.

Auch diese Stelle kann man übrigens wunderbar heranziehen, um zu erläutern, was mein Problem mit der Entwicklung von Rhys´ Nähe-Problem ist. Statt sich wie von mir erwartet durch Tamsins unüberlegte Reaktion vor den Kopf gestoßen und verletzt zu fühlen, war es anscheinend genau das, was er hatte hören müssen. Daraufhin legt augenblicklich alle seine Probleme ab (Traumaheilung durch Gesprächstherapie geht normalerweise ein bisschen anders), sodass sie in den folgenden Kapitel wilden Sex haben können, von dem ich dachte, er würde am Ende den Endpunkt der Entwicklung darstellen. Damit überspringen die beiden gefühlt 100 Schritte der Entwicklung ihrer Beziehung und vor allem der Entwicklung von Rhys´ Näheproblem und ließen mich mit einer ganzen Menge Fragezeichen zurück.


Rhys: "Ich kann, ich darf, aber ich muss nicht. Zum ersten Mal wird mir bewusst, was Freiheit bedeutet."


Das Ende der Geschichte verläuft nach dem großen Drama dann recht leichtfüßig und alles in allem ganz nett. Um ein runder Abschluss zu sein, fehlte mir hier aber leider die Hälfte und sowohl auf Rhys´ als auch auf Tamsins Seite blieben einige Fäden lose und Fragen offen. Was macht Tamsin nun mit ihrer Familie? Der komplette Bruch ohne ihnen ihre Seite der Geschichte darzulegen ist ja nur der erste von vielen Schritten zu einem gesünderen Verhältnis... Und mit Sam hat sie sich auch nicht ausgesprochen, das ging ja einfach wieder in den Normalzustand über? Kann Rhys mit seiner Vergangenheit Frieden schließen? Wie empfindet er nun gegenüber seiner Mutter? Was passiert mit Don, bekommt er auch irgendwann noch seine Quittung? Und was ist mit dem Gefängnisschläger, der ja nun eine offensichtliche Bedrohung für Rhys darstellt, aber nie wieder vorkam? Im Endeffekt ist das Ende also ein perfektes Sinnbild für meine Beziehung zur gesamten Geschichte: auf den ersten Blick ist ein Unterhaltungswert der Geschichte nicht von der Hand zu weisen, die Struktur unter der netten Oberfläche passt aber vorne und hinten nicht zusammen.

Rückblickend bin ich also sehr froh, dass ich nicht ganz regulär mit dem ersten Teil der Reihe in die "Believe In Second Chances"-Trilogie eingestiegen bin und "Finde mich. Jetzt" als sechstes Buch von Kathinka Engel lese. Wäre das meine erste Begegnung mit der Autorin gewesen, wäre es wohl auch meine einzige geblieben...



Fazit:


Auch wenn ich "Finde mich. Jetzt" wirklich mögen wollte, sind mir zu viele Unstimmigkeiten, Widersprüche und teilweise sogar auch toxische Anklänge in der Geschichte ins Auge gesprungen, um sie weiterempfehlen zu können. Die zwei Sterne gibt es nur für die liebenswerten Nebenfiguren und die vereinzelten schönen Szenen, in denen das Talent von Kathinka Engel durchblitzt. Wer mehr von ihr lesen will, sollte sich aber eher an ihre "Love is", oder die "Shetland-Love"-Reihe halten!

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Veröffentlicht am 07.02.2022

Viele Unstimmigkeiten, Widersprüche und teilweise sogar mit toxischen Anklängen...

Finde mich. Jetzt (Finde-mich-Reihe 1)
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Mit "Finde mich. Jetzt" von Kathinka Engel ist vor Weihnachten ein Trilogie-Auftakt bei mir eingezogen, dessen Folgebände ich schon gelesen habe. Fragt mich nicht, wieso, aber bei Kathinkas ersten zwei ...

Mit "Finde mich. Jetzt" von Kathinka Engel ist vor Weihnachten ein Trilogie-Auftakt bei mir eingezogen, dessen Folgebände ich schon gelesen habe. Fragt mich nicht, wieso, aber bei Kathinkas ersten zwei Reihen habe ich es einfach nie geschafft, mit Band 1 anzufangen und bin immer erst später und in komplett falscher Reihenfolge in die Reihe eingestiegen. Da mich in "Halte mich. Hier" Maliks und Zeldas Liebesgeschichte und in "Liebe mich. Für immer" die von Sam und Amy überzeugen konnte, stand es für mich nicht zur Debatte, dass ich auch herausfinden musste, wie Tamsin und Rhys zusammengekommen sind. Da Sofia von @Sofiasworldofbooks die Geschichte auch noch nicht gelesen hat, haben wir kurzerhand einen Buddyread draus gemacht. Leider waren wir uns ziemlich schnell einig: man merkt "Finde mich. Jetzt" leider an mehreren Stellen an, dass es der Debütroman der Autorin ist und die Geschichte entwickelt leider nicht den magisch-verträumten Sog, mit dem Kathinka Engels Romane mich normalerweise bezirzen...

Bevor ich versuche, meine Kritik wertschätzend auszudrücken und zu erklären, was mir in "Finde mich. Jetzt" nicht gefallen hat, will ich wie immer noch kurz einige Worte zur Gestaltung sagen. Die Cover der "Believe In Second Chances"-Trilogie sind aufeinander abgestimmt, sodass die drei Bände nebeneinander liegend zusammen ein Unendlichkeitszeichen ergeben. Dazu passend sind auch die Titel so gewählt, dass sie in Kombination zueinander passen und "Finde mich. Halte mich. Liebe mich. Jetzt. Hier. Für immer" ergeben. Wenn man jedoch nur ein Einzelband ohne die anderen Teile betrachtet, wirken Titel und Cover etwas seltsam - eben unvollständig. Ich finde die Idee grundsätzlich wirklich klasse - als Einzelwerk, wenn man sich nicht auf den Gesamteindruck konzentriert, sind mir die glitzernde Bögen und der bunte, Wasserfarbenverlauf im Hintergrund aber zu kitschig und nichtssagend. Sehr nett finde ich wiederum die kurzen Steckbriefe zu den zwei Hauptprotagonisten in den Leselaschen und die kleinen Unendlichkeitszeichen inklusive Name an den Kapitelanfängen, welche angeben, aus welcher Perspektive gerade erzählt wird. Auch wenn ich das Cover an sich also nicht unbedingt umwerfend finde, ist die Gestaltung des Piper Verlags als Ganzes wirklich sehr detailgetreu und liebevoll ausgearbeitet!


Erster Satz: "Heute ist ein Tag der Gegensätze"


Schon in den ersten Kapiteln habe ich feststellen müssen, dass mich die Geschichte von Tamsin und Rhys nur wenig abholen und mitreißen konnte. Natürlich muss ich dazu sagen, dass mir durch Band 2 und 3 die Grundzüge und der Endpunkt der Handlung des ersten Bandes schon bekannt waren. Gemeinsam mit der geringen Handlungsdichte und dem relativ langen durch die Erzählung abgedeckten Zeitraum sind das natürlich keine besonders guten Voraussetzungen für eine spannende Handlung. Es waren aber vielmehr die Atmosphäre und die Figuren als die Rahmenhandlung an sich, die für mich deutliche Schwächen aufwiesen und dafür gesorgt haben, dass ich "Finde mich. Jetzt" nicht so lieben konnte wie andere Bücher der Autorin. Trotz der ernsten Themen, die hier angesprochen werden und in den USA nochmals deutlich aktueller sind als hierzulande, handelt es sich um ein gemütliches Wohlfühlbuch, das nur wenig Tiefe erreicht. Wie aus ihren anderen Romanen gewohnt schreibt Kathinka Engel auch hier locker, leicht und auch wenn man bei ihrem Humor nicht schallend lacht, schafft sie es immer wieder, die ernste Stimmung aufzulockern. Rein stilistisch habe ich ihre Schreibweise aber leider kaum wiedererkannt. Zwar gibt es einige schöne Szenen, gerade zu Beginn sind die Sätze aber teilweise sehr kurz und beinahe abgehackt, sodass ich mich bald gefragt habe, ob "Finde mich. Jetzt" wirklich aus derselben Feder der Autorin stammt, die mich mit ihrer lebendig, ehrlich und emotionalen Schreibweise in der Shetland-Love-Reihe umgehauen hat.


Rhys: "Bei Tamsins Anblick habe ich das Gefühl, dass das Leben auch für mich selbst nicht vorbei sein muss. Und auch wenn Tamsin niemals Teil meines Lebens sein kann, ist sie doch in ihrer Unbefangenheit so etwas wie ein Fenster in eine farbenfrohe Welt."


Auch ihr Gespür für Figurenentwicklungen und die Einbindung feministischer Ideen habe ich hier komplett vermisst. Beide Hauptfiguren, die hier mal wieder abwechselnd aus der Ich-Perspektive erzählen, sind leider recht inkonsistent charakterisiert und weisen immer wieder Logiklücken auf. Ich hatte an unzähligen Stellen das Gefühl, eine Figur müsste als logische Konsequenz aus der vorangegangenen Handlung eine gewisse Reaktion zeigen und war dann überrascht, als sie das genaue Gegenteil gemacht hat. Beispiele dafür sind zum Beispiel, dass der verschlossene Rhys Tamsin gleich bei der ersten Gelegenheit von seiner Vergangenheit erzählt, oder dass Tamsin sofort mitlacht, als Sam sich über ihre erst kürzlich passierte, schmerzhafte Trennung lustig macht. Das waren beides Reaktionen, die ein Gefühl von Verwirrung und Irritation bei mir hinterlassen haben. Besonders dahingehend verwirrt hat mich Tamsin. Mit ihren ständigen Übersprunghandlungen, die nicht immer zu ihrer aktuellen Konstitution gepasst haben, machten sie es mir äußerst schwer, sie als Figur zufassen zu bekommen. Auch dass sie aus ihrer eigenen Perspektive zu Beginn wie eine ganz andere Person wirkte und sich für mich nur schwer mit Rhys Beschreibung von ihr in Einklang bringen ließ, hat mir der Zugang zu ihr, der durch ihre naive und weltfremde Art sowieso schon eingeschränkt war, noch zusätzlich erschwert.


Tamsin: "Oft fühle ich mich regelrecht heimatlos, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe. Denn während ich lese, bin ich tatsächlich im Moskau des neunzehnten Jahrhunderts oder im Thronfield an der Seite von Jane Eyre zu Hause. Vielleicht bin ich also tatsächlich eine Kosmopolitin." Ich zuckte mit den Schultern. "Nur eben zwischen zwei Buchdeckeln."


Rhys hat mich da zu Beginn viel mehr angesprochen, da mich sehr interessiert hat, wie er sich nach sechs Jahren Haft mit seiner neuen Freiheit auseinandersetzt und sich selbst neu erfindet. Das Gefühl, dass die Welt ihm fremd ist und keinen Platz mehr für ihn hat, empfand ich als sehr beklemmend und gleichzeitig als interessanten Ausgangspunkt für die Handlung. Sehr schade ist bei ihm aber, dass sein Trauma sehr unglaubwürdig umgesetzt wird. Er hat aufgrund von Übergriffen im Gefängnis eine gestörte Wahrnehmung seines eigenen Körpers und reagiert sehr empfindlich auf Berührungen. Statt sich tatsächlich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und diese kontinuierlich weiterzuentwickeln, wird der Konflikt aber nur dann auf den Tisch gebracht, wenn es der Handlung förderlich ist und ansonsten weitgehend ignoriert. So kann es sein, dass Tamsin ihn am Anfang überraschend umarmt, ohne dass etwas passiert, er dann später wegen einer Kleinigkeit durchdreht und sie im Anschluss dann ohne Probleme Sex haben, bevor er wieder einen Zusammenbruch erleidet. Auch abseits von seinen Problemen mit Körperlichkeit bleibt er leider sehr blass und wir bekommen kaum etwas von seiner langsamen Annäherung an die Welt tatsächlich mit. Wie schlecht die ganze Entwicklung leider umgesetzt ist, sieht man auch daran, dass Rhys am Ende reflektiert, was er im letzten halben Jahr alles gelernt hat und ich mich nicht an eine einzige Szene erinnern konnte, in der er tatsächlich persönlich weitergekommen ist.


Rhys: "Die Welt sollte mich, Rhys Bolton, willkommen heißen. Aber die Welt ist nicht mehr das, was sie war, als ich mich mit fünfzehn von ihr verabschiedet habe. Sie will mich nicht, und ich weiß nichts über sie. Wir sind einander völlig fremd."


Auch die Beziehung der beiden konnte mich leider gar nicht überzeugen, da ich deren Nähe weder emotional nachvollziehen noch die inhaltlichen Aspekte ihres Umgangs akzeptieren konnte. So wirkte ihre Beziehung an manchen Stellen beinahe toxisch, wenn Tamsin sich die Schuld an seinem Zusammenbruch gibt, weil sie nicht da war (als wäre es ihre Aufgabe, 24/7 für seine geistige Gesundheit zu sorgen), Rhys feststellt, dass er ohne sie das Leben nicht als Wert an sich empfinden kann (emotionale Abhängigkeit lässt grüßen) oder Tamsin auf Offenbarungen seinerseits unpassend bagatellisierend reagiert und ihn und seine Komplexe sexualisiert. Sofia und ich haben uns beim Lesen besonders über eine Stelle aufgeregt, als Rhys ihr erzählt, dass er sich für seinen Oberkörper schämt, da er jenen infolge seines Traumas nicht als (akzeptablen) Teil seiner Selbst wahrnehmen kann (Christian Grey, is that you?). Anstatt verständnisvoll darauf einzugehen, antworte sie darauf ungelogen, dass das Gefühl der körperlichen Unzulänglichkeit für Frauen reserviert sei, dass er sich nicht so anstellen soll und als Krönung wirft sie ihm dann auch noch vor, dass seine Muskeln Menschen mit normalem Körperfettanteil unter Druck setzen würden.


Tamsin: "Und warum ist Pu der Bär auf deiner Liste", flüstere ich, weil ich, obwohl wir uns so nah sind, die Sehnsucht nach ihm kaum aushalte. "Weil im Hundert-Morgen-Wald jeder sein kann, wie er will. Selbst I-Ah muss sich nicht verstellen. Sie mögen ihn einfach als das, was er ist", sagt Rhys leise und drückt meine Hand erneut.
"Ich mag dich auch als das, was du bist", flüstere ich, "mit verschobenen Grenzen und allem."
"Und ich mag dich. Mit all deinen Verrücktheiten".


Ich habe selten eine unsensiblere Art gesehen, auf mitgeteilte Ängste zu reagieren. Dieses Herunterspielen in die Richtung "jetzt hab dich Mal nicht so, andere haben ganz andere Probleme, du bist doch voll in Ordnung" hilft vielleicht bei gewöhnlichen leichten Komplexen. Da kann es manchmal hilfreich sein, klarzumachen, dass man seine Probleme im Kopf künstlich aufbauscht. Aber in dieser Situation? Fand ich es einfach nur toxisch. Stellt Euch nur mal vor, die Geschlechterrollen wären umgekehrt gewesen und der Typ hätte der Frau gesagt, sie solle sie doch nicht so anstellen, sie sehe ja heiß genug aus um von Männern gewollt zu werden. Sowas möchte ich in einem Roman von 2019 nicht mehr lesen. Leider tauchen auch andere Tropes wie zum Beispiel der "Du bist zu gut für mich Trope" und der "du bist anders als die anderen Mädchen"-Trope hier auf, von denen ich eigentlich dachte, dass wir schon 2016 beschlossen haben, dass wir diese nicht mehr in modernen New Adult Romanen lesen wollen, da sie die weibliche Integrität untergraben.

Auch diese Stelle kann man übrigens wunderbar heranziehen, um zu erläutern, was mein Problem mit der Entwicklung von Rhys´ Nähe-Problem ist. Statt sich wie von mir erwartet durch Tamsins unüberlegte Reaktion vor den Kopf gestoßen und verletzt zu fühlen, war es anscheinend genau das, was er hatte hören müssen. Daraufhin legt augenblicklich alle seine Probleme ab (Traumaheilung durch Gesprächstherapie geht normalerweise ein bisschen anders), sodass sie in den folgenden Kapitel wilden Sex haben können, von dem ich dachte, er würde am Ende den Endpunkt der Entwicklung darstellen. Damit überspringen die beiden gefühlt 100 Schritte der Entwicklung ihrer Beziehung und vor allem der Entwicklung von Rhys´ Näheproblem und ließen mich mit einer ganzen Menge Fragezeichen zurück.


Rhys: "Ich kann, ich darf, aber ich muss nicht. Zum ersten Mal wird mir bewusst, was Freiheit bedeutet."


Das Ende der Geschichte verläuft nach dem großen Drama dann recht leichtfüßig und alles in allem ganz nett. Um ein runder Abschluss zu sein, fehlte mir hier aber leider die Hälfte und sowohl auf Rhys´ als auch auf Tamsins Seite blieben einige Fäden lose und Fragen offen. Was macht Tamsin nun mit ihrer Familie? Der komplette Bruch ohne ihnen ihre Seite der Geschichte darzulegen ist ja nur der erste von vielen Schritten zu einem gesünderen Verhältnis... Und mit Sam hat sie sich auch nicht ausgesprochen, das ging ja einfach wieder in den Normalzustand über? Kann Rhys mit seiner Vergangenheit Frieden schließen? Wie empfindet er nun gegenüber seiner Mutter? Was passiert mit Don, bekommt er auch irgendwann noch seine Quittung? Und was ist mit dem Gefängnisschläger, der ja nun eine offensichtliche Bedrohung für Rhys darstellt, aber nie wieder vorkam? Im Endeffekt ist das Ende also ein perfektes Sinnbild für meine Beziehung zur gesamten Geschichte: auf den ersten Blick ist ein Unterhaltungswert der Geschichte nicht von der Hand zu weisen, die Struktur unter der netten Oberfläche passt aber vorne und hinten nicht zusammen.

Rückblickend bin ich also sehr froh, dass ich nicht ganz regulär mit dem ersten Teil der Reihe in die "Believe In Second Chances"-Trilogie eingestiegen bin und "Finde mich. Jetzt" als sechstes Buch von Kathinka Engel lese. Wäre das meine erste Begegnung mit der Autorin gewesen, wäre es wohl auch meine einzige geblieben...



Fazit:


Auch wenn ich "Finde mich. Jetzt" wirklich mögen wollte, sind mir zu viele Unstimmigkeiten, Widersprüche und teilweise sogar auch toxische Anklänge in der Geschichte ins Auge gesprungen, um sie weiterempfehlen zu können. Die zwei Sterne gibt es nur für die liebenswerten Nebenfiguren und die vereinzelten schönen Szenen, in denen das Talent von Kathinka Engel durchblitzt. Wer mehr von ihr lesen will, sollte sich aber eher an ihre "Love is", oder die "Shetland-Love"-Reihe halten!

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Veröffentlicht am 18.08.2021

Eine unterhaltsame, aber heillos übertriebene und furchtbar überzuckerte Office Romance!

When you look at me
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Nachdem mich Kelly Morans "Redwood Love"-Reihe ein bisschen gespalten zurückgelassen hat, wollte ich ihr mit ihrer neuen Office Romance eine weitere Chance geben, mich zu überzeugen. Nach einem sehr unterhaltsamen ...

Nachdem mich Kelly Morans "Redwood Love"-Reihe ein bisschen gespalten zurückgelassen hat, wollte ich ihr mit ihrer neuen Office Romance eine weitere Chance geben, mich zu überzeugen. Nach einem sehr unterhaltsamen und aufschlussreichen Buddyread mit Sofia von Sofias kleine Bücherwelt steht zumindest mal fest: "When you look at me" macht einem die Bewertung alles andere als leicht. Ganz als Müll abschreiben kann man die Geschichte um Xavier und Peyton definitiv nicht, da sie einige sehr süße Szenen und insgesamt einen hohen Unterhaltungswert hatte. Um wirklich zu überzeugen habe ich aber leider viel zu oft an ungewollten Stellen lachen müssen, da Handlung, Figuren und Schreibstil teilweise so absurd, übertrieben, unrealistisch und einfach cringe sind, dass ich mir sicher bin, dass man unter "Nobrainer" im Wörterbuch ein Bild dieser Geschichte finden kann.

Das Cover zeigt den Titel in großen Lettern auf einem hängenden Holzschild, das vor der verträumten, lila-rosa-farbenen Kulisse eines Lavendelfelds baumelt. Die unspektakuläre, aber hübsche Gestaltung passt treffsicher zur darin enthaltenen Geschichte und greift mit dem Lavendelmotiv einen wichtigen Ort der Handlung auf. Nicht ganz einverstanden bin ich hingegen mit dem Titel. Ich habe ja nur erst ungefähr 1000 Mal wiederholt, dass ich es nicht nachvollziehen kann, wieso deutsche Verlage englische Titel wählen, die NICHT die Originaltitel sind. Entweder wird halt der Titel übersetzt, oder man nimmt einen anderen deutschen, aber nicht einfach einen random englischen Titel (weil das irgendwie netter klingt, oder keine Ahnung, was sich die Titelgebenden hier als so denken?!?). Zwar ist "When you look at me" nicht komplett an der Geschichte vorbei, da Peyton Xaviers Anker ist, den er immer anschaut, wenn er sich verloren und nervös fühlt, der Originaltitel "Counterbalance" passt aber ungefähr eine Million Mal besser. Sehr schön sind die kleinen Golden Gate Bridges inklusive Skyline von San Francisco, die jeden der 24 Kapitelanfänge zieren.


Erster Satz: "Ihr letzter Termin ist hier, Mr. Gaines."


Wie bei jedem ihrer bisherigen Büchern erzählt Kelly Moran die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive des erfolgreichen Geschäftsmannes Xavier und der PR-Beraterin Peyton. Dabei nutzt sie einen personalen Er-Erzähler, was zwar nicht meine Lieblingsperspektive ist, hier aber aufgrund der dennoch sehr hohen Dichte an Gedanken und Gefühlen sehr gut funktioniert. Weniger gut gewählt ist in meinen Augen der seltsame Zeitsprung, mit dem wir gleich im dritten Kapitel direkt nach dem Wiedersehen von Xavier und Peyton, bei dem er sie als seine Beraterin einstellt, um ganze zwei Jahre in die Zukunft hüpfen. Ich kann mir vorstellen, dass die Autorin ein wenig das Tempo aus der Entwicklung ihrer Romanze nehmen wollte und dachte, nach zwei Jahren der Zusammenarbeit haben sich die beiden wieder genügend kennengelernt, um realistischerweise eine Beziehung zu starten. Diese Herangehensweise bringt jedoch zwei Probleme mit sich. Erstens verpasst man so, wie sich die beiden wieder annähern und hat die meiste Zeit das Gefühl, es wäre einem etwas entgangen. Zweitens stellt man sich im Verlauf der Geschichte zunehmend die Frage, was sich denn nun geändert hat. Xavier betont immer wieder, dass er sich "zwei Jahre lang beherrscht hat" und auch von Peytons Seite ist von Beginn an eine deutliche Anziehung und Zuneigung zu spüren. Dennoch ist in den zwei Jahren offensichtlich nichts zwischen den beiden passiert, da sie professionell bleiben wollten. Und nun will uns die Autorin erzählen, dass die beiden plötzlich doch der Meinung sind, eine Beziehung sei eine feine Sache? Najaaa... Ohne den Zeitsprung hätte ich die Dynamik wesentlich spannender und nachvollziehbarer gefunden.

Ansonsten fehlt es den beiden aber definitiv nicht an Chemie. Ich mag Office Romances ab und zu sehr gerne, da in dem Spielraum von Machtgefälle, Reichtum, Verantwortung, Professionalität, Privatsphäre, Arbeitsverhältnis und Freizeit spannende Konflikte entstehen können. Zwar ist auch hier von der ersten Seite an glasklar, auf was die Geschichte hinauslaufen wird, bis zum vorhersehbaren Happy End weiß die Geschichte aber dennoch gut zu unterhalten. Nimmt man den hohen Unterhaltungswert der Geschichte weg, bleibt aber leider nicht mehr besonders viel übrig, um die überzogene Handlung zu tragen. Vor allem gegen Ende verrennt sich "When you look at me" in einem ziemlich schwer nachvollziehbaren Prä-Happy-End-Drama. Anstatt eines soliden Konflikts haben sich einfach die Ängste und Komplexe der Figuren immer wieder wiederholt, bis ich dann plötzlich alle Probleme in Luft auflösen. Geärgert hat mich auch, dass Xavier und Peyton zwar ständig ihre tolle Kommunikation anpreisen, der gesamte Konflikt der Geschichte aber hätte verhindert werden können, wenn die beiden tatsächlich so offen miteinander geredet hätten, wie sie es immer vorgehalten haben. Hier sind die beiden definitiv nicht ganz ehrlich mit sich selbst und dem Leser.


"Es war als hätte sie seinem Herz - über seine Funktion als Warnsystem hinaus (Seit wann ist DAS die Funktion des Herzens - Anmerkung der Rezensentin)- eine neue Aufgabe gegeben"



Auch die Figuren an sich.... kommen mit dem ein oder anderen Problemchen. Vor allem Xavier hat mich das ein oder andere Mal zur Weißglut getrieben. Das beginnt schon damit, dass er nicht nur das aller atypischste Beispiel einer sozialen Phobie ist, von dem ich jemals gelesen habe, sondern dass er sie sich auch noch selbst diagnostiziert hat (Arrrrgggh, wenn schon Mental-Health-Themen miteinbinden, dann doch bitte richtig!!!). Als sehr nervig habe ich auch die vielen Technikvergleiche und Metaphern in seiner Erzählperspektive empfunden. Neben dem "festplattenzerstörenden Kuss, der jeden gesunden Menschenverstand in den Papierkorb verschob", "nicht kompatiblen Schaltplänen", "durchbrennende Elektroden" hat der Gute auch regelmäßig Formulierungen wie "zerstörte Motherboards" im Angebot, wenn er seine Gedanken oder Gefühle beschreibt. Das mag ja bei der einmaligen Erwähnung ganz nett sein, die vielen technischen Wortbilder sind hier aber so aufdringlich, dass ich schon nach wenigen Kapiteln dachte "jaaaa, ich habe jetzt verstanden, dass Xavier ein Techniknerd ist, das muss man mir nicht auf jeder Seite unter die Nase reiben!". Auch der Rest seiner Charakterisierung hat bei mir einige Fragen aufgeworfen. Seinem unbeholfenen Technik-Genie steht nämlich ein ziemlich übertriebenes Alpha-Mann-Getue gegenüber, sodass ich ihn schon bald nicht mehr ernstnehmen konnte. Wenn man jedes mal einen Shot trinken würde, wenn er selbst mit seinen Fähigkeiten im Schlafzimmer prahlt, oder Peyton wiederholt, was für ein dominanter Sexgott er ist, hätte man schon nach vier Kapiteln ordentlich einen im Tee. Dieses extreme sexuelle Selbstbewusstsein hat einfach so überhaupt nicht zu dem schüchternen, familienfreundlichen Nerd-Gutmenschen gepasst, als den Kelly Moran ihn ansonsten darstellt, dass Sofia und ich ihn nur noch scherzhaft Mr. Fingerfertigkeit genannt haben.

Peyton ist da schon ein bisschen greifbarer gezeichnet, auch wenn natürlich auch sie nicht wirklich das perfekte Abbild eines tiefgründigen Charakters ist. Sehr gelacht habe ich über ihren Aspirin-Konsum (I mean... 2 Aspirin sind schon viel, aber das auch noch vorbeugend und in Kombination mit Alkohol und auf gefühlt jeder zweiten Seite? Verstehe ich nicht, ist das so ein Ami-Ding?) und darüber, dass sie gerne mal Dinge wie "Rrrrr" oder "Gah" denkt. Ausdrücke wie "weinende Eierstöcke", "heiliges Wow" und "Atome wurden gespalten, und es war durchaus möglich, dass seine Knochen splittern" komplettieren dann das echt schräge Gesamtbild. Schon in "Redwood Love" bin ich mit Kelly Morans Schreibstil nicht ganz warmgeworden und habe angemerkt, dass viele Formulierungen für meinen Geschmack viel zu plump waren und die teilweise sehr wörtlichen Übersetzungen den Lesefluss stören. Hier nimmt die cringyness aber nochmal ein ganz anderes Level an und viele Formulierungen sind seltsam, heillos übertrieben und überzuckert. Auch hier sind mir wieder viele gleiche Redewendungen und Beschreibungen ins Auge gestochen, die man aus vorherigen Szenen oder einem ihrer anderen Bücher schon kannte, sodass manchmal ganze Dialoge oder auch Teile der Sexszenen sehr formelhaft wirken. Ich halte also fest, dass Kelly Moran sich mit "When you look at me" aus ihrem typischen Bereich der Cozy Romances herausgewagt hat, sie mich in diesem etwas anderen Untergenre aber auch nicht überzeugen konnte. Für mich war es das deshalb erstmal mit Büchern von ihr...


"Wir stehen noch ganz am Anfang, Süße. Bitte tritt nicht auf die Bremse, bevor wir richtig Fahrt aufgenommen haben."




Fazit:


"When You Look At Me" ist eine unterhaltsame aber heillos übertriebene und furchtbar überzuckerte Office Romance voller seltsamer Formulierungen. Lässt man einige süße Szenen und den sehr hohen Unterhaltungswert beiseite, können Figuren, Schreibstil und Handlung leider nicht überzeugen.

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