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Veröffentlicht am 29.06.2020

Durchgängig spannend

Der Fahrer
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Hamburg, die Perle zeigt sich mal wieder von ihrer nicht ganz so glanzvollen Seite. Ein Serienmörder geht um. Sein Ziel sind junge Frauen die einfach so zu verschwinden scheinen, deren Verschwinden selbst ...

Hamburg, die Perle zeigt sich mal wieder von ihrer nicht ganz so glanzvollen Seite. Ein Serienmörder geht um. Sein Ziel sind junge Frauen die einfach so zu verschwinden scheinen, deren Verschwinden selbst dann aber für „Content“ sorgen soll und die Polizei verhöhnen soll. Auf den Autos der Frauen steht in Leuchtschrift #findemich – nur das ist gar nicht so leicht für Jens Kerner und sein Team, zumal sich Hinweise verdichten, die auf einen persönlichen Rachefeldzug hindeuten.

Schon der Start in die Geschichte ist rasant und fesselnd. Die erste Frau wird direkt entführt und ihr Martyrium angerissen. Der Leser ist quasi sofort und ohne lange Vorrede mitten im Geschehen und das bleibt auch fast das ganze Buch durch so. Es gibt kaum Verschnaufpausen. Ständig rätselt man mit den Ermittlern mit und manches zieht man vor ihnen kommen (ist aber gut gemacht und heizt die Spannung weiter an), das ursächliche Motiv ist aber lange nicht zu durchschauen, erweist sich aber als stimmig und so manche Wendung erhöht die Sogwirkung der Geschichte.

Ich kannte die Vorgänger (daher war dieser dritte Teil ein Must-have!) und freute mich daher sehr über das Treffen der bekannten Charaktere, die mir seit dem ersten Teil sehr sympathisch waren. Das Team arbeitet gut zusammen, die Leute ergänzen sich vortrefflich und trotzdem sind sie nicht unfehlbar. Das zeigt sich auch in diesem Fall, bei dem sie als „leuchtendes Beispiel für polizeiliche Inkompetenz“ herhalten müssen… Dazu gefällt mir das Hamburger Setting immer wieder und ja – das Thema hatte es auch in sich. Die Hintergründe sind lange nicht zu durchschauen gewesen und das Ganze endet in einem Showdown, der das Team extrem unter Druck setzt. Der Autor sorgt für Gänsehautmomente, spielt mit den Ängsten der Leser und überzeugt auch mit aktuellen Bezügen zum Beispiel zur Nutzung sozialer Medien.

Der Schreibstil ist gewohnt flüssig, leicht und schnell zu lesen, sodass ich das Buch kaum mehr aus den Händen legen wollte. Winkelmann ist mal wieder ein richtiger Pageturner gelungen, auch dank der Perspektivwechsel, die die Spannung noch deutlich steigern.

Ein durchweg spannender und kurzweiliger Krimi auf dessen Nachfolger ich jetzt schon gespannt bin. Der Fall ist in sich geschlossen, daher lässt sich das Buch auch unabhängig lesen, die persönlichen Aspekte innerhalb des Teams sind dann aber nicht ganz nachzuvollziehen.

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Veröffentlicht am 18.06.2020

Eine ergreifende Geschichte eines stillen Helden

Am Seil
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Der Kunsthändler Reinhold Duschka hatte während des Naziterrors in Wien zwei Menschen in seiner Werkstatt versteckt und deren Leben somit gerettet. Trotz der Gefahr hat er selbstlos eine Bekannte und deren ...

Der Kunsthändler Reinhold Duschka hatte während des Naziterrors in Wien zwei Menschen in seiner Werkstatt versteckt und deren Leben somit gerettet. Trotz der Gefahr hat er selbstlos eine Bekannte und deren Tochter aufgenommen und sich, so gut es ging, um sie ganze vier Jahre gekümmert. Die wahre Geschichte wird von der damals 10-jährigen Lucia geschildert.
Die Geschichte um den Kunsthandwerker Reinhold Duschka kannte ich noch nicht, einzig hatte ich mal am Rande davon gehört, darum habe ich das Buch direkt gekauft, als ich darauf aufmerksam geworden bin. Direkt nach dem Start war ich ein wenig unsicher und musste mich erst einmal einlesen, da der Schreibstil etwas gewöhnungsbedürftig ist. Sehr nüchtern wird eine schier unglaubliche Geschichte erzählt. Was zu Beginn am schüchternen und sachlichen Stil etwas seltsam schien, erwies sich weiterhin als genau die richtige Herangehensweise und man gewöhnt sich auch sehr schnell daran. Die ruhige Erzählart steht in einem so starken Kontrast zum Geschehen, dass das Ganze tiefgreifender ist und irgendwie auch ein wenig leichter verdaulich erscheint. Greifbar waren die Ängste und die Verzweiflung, aber auch der eine oder andere Hoffnungsschimmer. Die Situation in der Werkstatt ist bedrückend. Für Abwechslung sorgen die Arbeit in der Fabrik und der Unterricht den Lucia von ihrer Mutter erhält, da Duschka neben Nahrung und Kleidung auch Schulmaterialien besorgt
Auf nur etwas mehr als 120 Seiten wird hier die ergreifende Geschichte eines stillen Helden geschildert. Eines Helden, der gar keiner sein wollte, sondern einfach tat, was ihm richtig erschien – ganz ohne Hintergedanken, sondern auch reiner Menschlichkeit. Wie sich zeigt müssen Helden nicht laut und auffällig sein - ganz im Gegenteil. Gerade die unauffällige und ruhige Art kann auch der Schlüssel zum Erfolg sein.
Die richtigen Worte zu finden ist für dieses Buch kaum möglich, denn die emotionale Geschichte wirkt lange nach und das Gefühl dem Buch nicht gerecht zu werden, ist groß. Die Geschichte ist wichtig, erzählt sie von den Nazischrecken, aber auch von einem mutigen Menschen, der sich selbst in Gefahr brachte, um eine Mutter und ihre Tochter zu retten. Gerade in einer Zeit, in der ein gewisser Rechtsruck offensichtlich ist, bleibt zu hoffen, das Zivilcourage und Menschlichkeit dazu führen, dass es künftig keine Duschkas mehr braucht.
Die Geschichte zeigt: Man muss kein hollywoodmäßiger Held sein, um Gutes zu tun und Großes zu vollbringen.

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Veröffentlicht am 02.06.2020

Überzeugende und fesselnde Familiensaga

Belmonte
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Nachdem ihre Großmutter Franka gestorben ist, erbt ihre Enkelin, die Landschaftsgärtnerin Simona einen Hof in Belmonte. Da ihr Leben in Deutschland gerade alles andere als rund läuft und sie einen letzten ...

Nachdem ihre Großmutter Franka gestorben ist, erbt ihre Enkelin, die Landschaftsgärtnerin Simona einen Hof in Belmonte. Da ihr Leben in Deutschland gerade alles andere als rund läuft und sie einen letzten Willen ihrer Großmutter umsetzen will, macht sie sich spontan auf den Weg. Vorort findet sie ein Haus mit einem schönen Garten vor, aber vielleicht noch viel wichtiger: Sie trifft auf Weggefährten ihrer Großmutter und erfährt was es bedeutet eine Familie zu haben.

Eine deutsch-italienische Familiensage, die mich nach einer ersten Eingewöhnungsphase sehr gut unterhalten hat. Vor allem die sympathische Simona hatte es mir angetan. Aber auch die anderen Charaktere der italienischen Großfamilie über immerhin vier Generationen sind sehr differenziert und lebensnah dargestellt. Obwohl daher viel „Personal“ mit von der Partie ist und sowohl die Erzähl-, als auch damit die Zeitebenen wechseln, ist immer klar wer, wer ist und wie die Personen zusammenhängen. Es liest sich auch sehr leicht, obwohl das vielleicht hier nicht so klingt. Doch durch die behutsame und detaillierte Schreibweise wird der Leser nie überfordert. Die einzelnen Kapitel enden mit Cliffhangern, sodass man fast gar nicht mehr aufhören möchte weiterzulesen. Dieses schichtweise Vorankommen hat mich genauso überzeugt wie die Schilderungen der deutsch-italienischen Beziehung.
Hauptsächlich spielt die Geschichte in „Belmonte“, einem fiktiven italienischen Dorf in den Marken. In allen Zeitebenen schafft es die Autorin auf charmante Art die Atmosphäre einzufangen.

Da ist Theresa, die im Widerstand aktiv war und deren Leben eine dramatische Wendung nimmt, da sie unehelich schwanger wird. Ihr Vater verheiratet sie. Sie ist unglücklich und hat sehr viel Arbeit. Die Autorin berichtet hier von den Wertvorstellungen der damaligen Zeit und zeichnet ein Bild, das authentisch wirkt. Ihre Tochter, Simonas Großmutter, Franka ist Gastarbeiterin und lässt den Leser an ihrem Leben im Allgäu teilhaben. Auch hier ist nicht alles rosig…doch sie hat den Familienbesitz in Belmonte erhalten und nun an Simona vererbt, die in der Geschichte ihrer Familie gräbt, um auch mehr über ihre eigenen Wurzeln zu erfahren. Simonas Mutter Marina hat sich als Mutter nicht mit Ruhm bekleckert und wer ihr Vater ist, ist auch offen…

Man leidet mit den Frauen mit, fiebert einem – hoffentlich guten – Ausgang entgegen und ich finde, dass die Probleme der jeweiligen Zeit hier sehr gut und soweit möglich, klischeefrei dargestellt werden.
Ich habe in weiser Voraussicht darauf verzichtet den Familienstammbaum am Anfang genauer in Augenschein zu nehmen. Er verrät auch recht viel, also sollte man erst später einen Blick darauf werfen, um sich nicht zu spoilern.

Wer Familiengeschichten mag, die bewegend sind und über mehrere Generationen berichten, wird diese Geschichte regelrecht verschlingen!

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Veröffentlicht am 31.05.2020

Ruhig und einfühlsam

Kostbare Tage
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Erneut entführt Kent Haruf seine Leserschaft in die fiktive amerikanischer Kleinstadt Holt. Dad Lewis ist schwer an Lungenkrebs erkrankt und wird den Sommer nicht mehr überleben. Doch nicht nur seine Geschichte, ...

Erneut entführt Kent Haruf seine Leserschaft in die fiktive amerikanischer Kleinstadt Holt. Dad Lewis ist schwer an Lungenkrebs erkrankt und wird den Sommer nicht mehr überleben. Doch nicht nur seine Geschichte, sondern auch die der Bewohner in der Nachbarschaft werden in diesem ruhigen Buch geschildert.

Wer einmal einen sterbenden Menschen begleitet hat, wird sich besonders gut in die Geschichte einfühlen können. Dad hat seine liebende Frau Mary und Tochter Lorraine um sich und man bekommt Gelegenheit den Geschäftsmann, Vater und Mann mit seiner ruhigen, aber auch bestimmenden und konservativen Art heute und in der Vergangenheit kennenzulernen. Dieses Zeitsprünge sind sehr gelungen und zwischendurch erfährt man auch von anderen Bewohnern Holts, sodass ich das Buch kaum mehr weglegen wollte.

Überhaupt sind in der Kleinstadt gewisse Dinge, wie in jeder Kleinstadt. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt es zu spüren. Pfarrer Lyle spürt dies am Leib und auch in seiner Familie hat er einige Probleme zu bewältigen. Doch das Leben in einer solchen Gemeinschaft hat auch seine positiven Seiten, wie die achtjährige Alice bemerkt, die nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrer Großmutter lebt und von vielen Einwohnern unterstützt wird.

Ich kann nicht mal wirklich sagen, wie Haruf es schaffte mich so zu fesseln, aber es ist ihm auf ganzer Linie gelungen. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Stadt quasi vor meinen Augen hatte und die Charaktere – so unterschiedlich sie auch waren- nahbar und facettenreich geschildert wurden. Dazu sind die meisten auch sehr sympathisch und stehen füreinander ein. Der ruhige Schreibstil ist anrührend ohne kitschig zu sein und warmherzig, aber nie anbiedern. Echte Überraschungen gibt es nur selten und trotzdem werden sehr viele gesellschaftlichen Themen angeschnitten, von prekären Familienverhältnissen, über Suizid und Diebstahl. Hier hat jeder sein Päckchen zu tragen…

Ich kann das ruhige und einfühlsame Buch nur empfehlen. Man muss auch die anderen Bücher nicht kennen, um dieses hier zu mögen.

Veröffentlicht am 23.05.2020

Der schwarze Tod geht um...

Die Henkerstochter und der Fluch der Pest (Die Henkerstochter-Saga 8)
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1679 geht die Pest in Wien um und sie breitet sich rasant aus. Bayern ist bald schon betroffen und die Henkerfamilie Kuisl ist mittendrin. Jakob Kuisl wird von einem Pestkranken aufgesucht, Enkel Peter ...

1679 geht die Pest in Wien um und sie breitet sich rasant aus. Bayern ist bald schon betroffen und die Henkerfamilie Kuisl ist mittendrin. Jakob Kuisl wird von einem Pestkranken aufgesucht, Enkel Peter ist mehr oder weniger verschollen, weil er dem bayrischen Kronprinzen einen „kleinen“ Gefallen tun soll, und darum machen sich der Schongauer Henker, seine resolute Tochter und deren Mann auf nach Kaufbeuren, denn dort scheinen sich seltsame Dinge im Zuge der Pest zu zutragen…

Die Geschichte ist von Beginn an recht spannend und unterhaltsam – zumindest wenn man sich gerne in das Setting versetzt. Der Autor schafft es auch hier wieder Bilder vor Augen entstehen zu lassen, die nicht immer sehr schön sind (an einem Pesttod gibt es eben nicht schönes und die stinkenden, rattenverseuchten Gassen sind sicher auch nicht jedermanns Sache), aber authentisch wirken. Der Schreibstil ist für einen historischen Roman genau richtig, es wird vieles sehr detailliert beschrieben, aber es hat auch alles seinen tieferen Sinn. Ich flog förmlich durch die 700 Seiten dank des runden Schreibstils und der Geschichte, die es in sich hat. Dazu erscheint das Buch sehr gut recherchiert; mir sind zumindest keinerlei historische Schnitzer aufgefallen.

Besonders gelungen fand ich das Timing des Erscheinungstermins, denn zahlreiche Parallelen zu Corona sind unverkennbar, beispielsweise das Isolieren oder Tragen des Mundschutzes, doch auch ohne diese Parallelen in die heutige Zeit wäre das Buch einfach toll gewesen. Im Übrigen kann man hier auch in die Reihe einsteigen, denn die Familie, ihre Verhältnisse und Besonderheiten werden so gut beschrieben, dass man glaubt sie alle zu kennen. Ich selbst habe zwar vor Jahren zwei, drei Teilen gelesen, aber auch ganz ohne Vorgänger könnte man in den achten Teil einsteigen – wenn man dann natürlich auch die Weiterentwicklung der Charaktere verpasst, die hier bestimmt ein weiteres Plus darstellt. Doch auch wer hier einsteigt bekommt es mit einer ganz besonderen Familie zu tun, deren Charaktere einfach überzeugen. Auch „Nebendarsteller“ sind schön gezeichnet und die Auflösung – wenn ich es in Teilen auch genauso vermutet habe – hat mir auch sehr gefallen.

Und das Beste an dem kurzweiligen Buch: Es geht weiter, wie das Nachwort versichert und das Ende auch schon angedeutet hat.

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