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Veröffentlicht am 15.07.2025

Ein fesselnder Jugendthriller

Wer den Kürzeren zieht
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Inhalt: Eher widerstrebend hat Anne ihrer Freundin Maxime zugestimmt, mit ihr sowie Sami und Daniel (zwei Bekannten) ein Wochenende in einer abgeschiedenen Hütte im Wald zu verbringen. Dennoch soll das ...

Inhalt: Eher widerstrebend hat Anne ihrer Freundin Maxime zugestimmt, mit ihr sowie Sami und Daniel (zwei Bekannten) ein Wochenende in einer abgeschiedenen Hütte im Wald zu verbringen. Dennoch soll das Wochenende so entspannt wie möglich verlaufen. Doch dann erhalten die vier eine verstörende Instagram-Nachricht: Sie sollen auf keinen Fall die Hütte verlassen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist - was die vier zunächst als einen schlechten Scherz abtun. Kurze Zeit später sucht allerdings ein blutüberströmter Junge bei ihnen Zuflucht, der Grausiges berichtet…

Persönliche Meinung: “Wer den Kürzeren zieht” ist ein Jugendthriller von Mel Wallis de Vries. Die Handlung ist in sich abgeschlossen und weist keine Querverweise zu den anderen deVries-Thrillern (mit ähnlichen Covern) auf, sodass hier keine Reihenfolge beachtet werden muss. Erzählt wird die Handlung aus der Ich-Perspektive der (zunächst) etwas schüchternen Anne. Spannung entsteht innerhalb des Thrillers insbesondere durch das Unbekannte: Die äußere Gefahr ist lange Zeit unbestimmt und rätselhaft, aber - wie weitere Zwischenfälle, die ich hier nicht spoilern möchte, zeigen - bedrohlich, was Ängste der Jugendlichen triggert. Diese Ängste werden auch sehr eindrücklich geschildert, sodass “Wer den Kürzeren zieht” Züge eines Psychothrillers annimmt (Darüber hinaus sind die Figuren aber eher holzschnittartig dargestellt: Sie sind weniger Individuen als vielmehr Rollen für die Dramaturgie der Handlung). Fesselnd an dem Thriller ist zudem die Erzählweise: Zwischen den Kapiteln, die die Ereignisse in der Hütte thematisieren, finden sich immer wieder Notizen eines unbekannten Verfassers und sog. Tapes (Die Gruppe findet in der Hütte eine Videokamera. Mehrfach ziehen sich einzelne Gruppenmitglieder zurück und nehmen Tapes auf, die im Roman als Monolog dargestellt werden). Die Notizen sind schön rätselhaft, die Tapes dienen zum foreshadowing, wodurch insgesamt eine steile Spannungskurve entsteht. Sehr gefallen hat mir auch das Ende: Es ist sowohl überraschend als auch tragisch. Wortwahl und Satzbau sind - passend zur den handelnden Figuren und der anvisierten Zielgruppe - umgangssprachlich; teilweise finden sich auch Chatnachrichten. Dadurch liest sich der Thriller sehr flüssig. Insgesamt ist “Wer den Kürzeren zieht” ein spannender psychologischer Jugendthriller mit fesselnder Handlung, bei dem man aber auch kleinere Abstriche in der Figurenzeichnung machen muss.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Eine Erzählung für Kunstinteressierte

Das unbekannte Meisterwerk
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Inhalt: Paris 1612. Der junge Maler Nicolas Poussin steht unschlüssig vor dem Haus des großen Porträtmalers François Porbus, möchte ihm begegnen, von ihm lernen, doch traut sich nicht in das Gebäude – ...

Inhalt: Paris 1612. Der junge Maler Nicolas Poussin steht unschlüssig vor dem Haus des großen Porträtmalers François Porbus, möchte ihm begegnen, von ihm lernen, doch traut sich nicht in das Gebäude – bis ein alter Mann in das Gebäude tritt, dem sich Nicolas kurzerhand anschließt. Gemeinsam betrachten Nicolas, Porbus und der alte Mann ein neues Werk von Porbus, fachsimpeln über die Kunst. Endlich offenbart sich der alte Mann ebenfalls als Künstler, der seit Jahren im Geheimen ein Frauenporträt perfektioniert – ein Bild, das Nicolas unbedingt sehen möchte…

Persönliche Meinung: „Das unbekannte Meisterwerk“ ist eine Künstlererzählung von Honoré de Balzac. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen drei Künstler, die sich über den Status der Kunst – insbesondere dem Verhältnis von Kunst und Natur – austauschen. So unterhalten sie sich u.a. über die Lebendigkeit von künstlerisch dargestellten Personen, die Nachahmung alter Meister und dem Empfinden beim Malen. Interessant hieran ist, dass in diesen kunsttheoretischen Äußerungen (wie Sebastian Goeppert in seinem Nachwort ausführt) Kunstauffassungen Balzacs Zeit einfließen. So offenbart sich der alte Maler als Vertreter der sog. „École Romantique“ und Gegner der „École Académique“. Daneben ist „Das unbekannte Meisterwerk“ außerdem eine Liebesgeschichte: So liebt Nicolas zwar seine Gillette, will sie aber gleichzeitig als Modell „besitzen“, was zu Missstimmung in der Beziehung führt. Auf der anderen Seite steht der alte Maler, der sich in sein Frauenporträt vernarrt hat. Inhaltlich plätschert die Erzählung eher vor sich hin: Wie vermutlich deutlich geworden ist, wird sich meist auf einer Metaebene über Kunst unterhalten; wirklich Fahrt kommt erst im letzten Drittel auf, als offenbart wird, was es mit dem Frauenporträt des alten Meisters auf sich hat. Ergänzt wir der Text durch Illustrationen Picassos, die sich dezidiert auf „Das unbekannte Meisterwerk“ beziehen. Insgesamt ist „Das unbekannte Meisterwerk“ eine Erzählung, die sich insbesondere für Interessierte/Liebhaber*innen der Kunst eignet.

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Veröffentlicht am 05.07.2025

Gemächlicher Beginn, danach legt das Tempo aber permanent zu

Der Inugami-Fluch
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Inhalt: Sahei Inugami führte ein umtriebiges Leben: Nicht nur gelang dem früh verwaisten Mann der Aufbau einer der größten Seidenfabriken Japans, gleichzeitig führte er mehrere parallele Beziehungen zu ...

Inhalt: Sahei Inugami führte ein umtriebiges Leben: Nicht nur gelang dem früh verwaisten Mann der Aufbau einer der größten Seidenfabriken Japans, gleichzeitig führte er mehrere parallele Beziehungen zu Frauen. Aus diesen Beziehungen sprossen Kinder und Enkelkinder, die einen latenten Hass gegeneinander verspüren. Dementsprechend verfahren ist die Situation der Erbangelegenheiten, als das Oberhaupt des Inugami-Clans stirbt. Was die Sache nicht besser macht: Das Testament ist ungemein vertrackt; Menschen, die Sahei ferner standen als seine Familie, werden begünstigt, andere gehen leer aus – der Hass zwischen den Familienmitgliedern lodert auf und schnell wird ein Mordopfer entdeckt…

Persönliche Meinung: „Der Inugami-Fluch“ ist Seishi Yokomizos vierter Kriminalroman um den unkonventionellen Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Da der Fall in sich abgeschlossen ist, kann er auch ohne Kenntnis der Vorgänger gelesen werden. Wie bereits in den vorherigen Bänden der Reihe tritt ein allwissender Ich-Erzähler auf, der aus der Retrospektive den Fall um die Inugami-Familie rekonstruiert. Zu Beginn braucht der Krimi etwas, um in Fahrt zu kommen: Der verstorbene Sahei sowie seine Familie werden ebenso wie das Testament Saheis recht ausführlich vorgestellt. Das ist zwar alles notwendig, um dem eigentlichen Fall später besser folgen zu können, allerdings wurde es für mich etwas zu gemächlich erzählt, wodurch Tempo verloren ging. Nach diesem eher behäbigen Start gewinnt der Roman aber an Tempo und Spannung: Die Taktung der Morde nimmt zu, der Modus Operandi ist interessant, mehrere Figuren tragen offenbar ein Geheimnis mit sich, später finden sich überraschende Wendungen/Aufdeckungen. Besonders hat mir hieran gefallen, dass der Krimi zum Miträtseln einlädt: Man kann dabei einzelne Querverbindungen bereits erahnen, das große Ganze bleibt dabei aber doch bis zuletzt rätselhaft, sodass die Auflösung überraschend ist. Der Schreibstil von Seishi Yokomizo lässt sich sehr flüssig lesen. Insgesamt ist „Der Inugami-Fluch“ ein Krimi, der etwas braucht, um einen zu fesselnd – hat man dieses Punkt erreicht, ist der Krimi aber eine sehr spannende Lektüre.

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Veröffentlicht am 03.06.2025

Eine Kurzkrimisammlung mit viel Lokalkolorit

Mörderisches Bonn
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„Mörderisches Bonn“ versammelt elf Krimikurzgeschichten von Andreas J. Schulte, die in und um Bonn spielen. So besucht man während der Lektüre neben der Rheinaue, dem Regierungsviertel, dem Botanischen ...

„Mörderisches Bonn“ versammelt elf Krimikurzgeschichten von Andreas J. Schulte, die in und um Bonn spielen. So besucht man während der Lektüre neben der Rheinaue, dem Regierungsviertel, dem Botanischen Garten oder der Museumsmeile auch Rhöndorf, Bad Honnef und das Siebengebirge (Die einzelnen Handlungsorte werden in 125 Freizeittipps, die fundiert recherchiert sind, noch weitergehend vorgestellt.) Teils handelt es sich bei den Kurzgeschichten um humoristische Kriminalerzählungen (wie „Und Hopp AG“, in der ein Seniorinnengespann eine besondere Geschäftsidee hat), teils um Detektivgeschichten (wie „Sport ist Mord“, in der ein Serienmörder sein Unwesen treibt). Alle Geschichten sind anschaulich geschrieben und mit einer schönen Portion Lokalkolorit ausgestattet. Im Folgenden möchte ich noch kurz meine drei Highlights vorstellen: 1. „Die ,Schäl Sick““, eine in Rhöndorf/Bad Honnef/Beuel spielende Kurzgeschichte, die mir gefallen hat, da sie diskontinuierlich erzählt wird und einen Twist am Ende besitzt. 2. In „An die unsterbliche Geliebte“ wird ein Beethoven-Experte ermordet aufgefunden. Diese Geschichte fand ich interessant, da hier eine Episode aus dem Leben Beethovens aufgegriffen wird. 3. „Mörderisches Bonn“, das von einem Mord im Schriftteller-Milieu handelt. Diese Geschichte fand ich spannend, da hier das Schreiben einer in Bonn spielenden Kurzgeschichtenanthologie auf einer Metaebene aufgegriffen wird.

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Veröffentlicht am 02.06.2025

Zwei unheimliche Geschichten

Im Tunnel. Unheimliche Geschichten
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„Im Tunnel“, erschienen im Reclam Verlag, beinhaltet zwei unheimliche Geschichten von Charles Dickens: „Im Tunnel“ und „Des Mordes angeklagt“. „Im Tunnel“ handelt von einem Bahnwärter, dem an einem Bahntunnel ...

„Im Tunnel“, erschienen im Reclam Verlag, beinhaltet zwei unheimliche Geschichten von Charles Dickens: „Im Tunnel“ und „Des Mordes angeklagt“. „Im Tunnel“ handelt von einem Bahnwärter, dem an einem Bahntunnel Übernatürliches begegnet. Nach jeder Sichtung geschieht ein Unglück. Diese Kurzgeschichte besticht durch zweierlei: Einerseits besitzt sie eine gewisse Doppelbödigkeit, wodurch sie rätselhaft wirkt. Als Lesender erfährt man die Sichtungen des Bahnwärters nicht aus erster Hand, sondern von einem Ich-Erzähler, der von Begegnungen mit dem Bahnwärter erzählt und eine Portion Skepsis gegenüber dessen Sichtungen mitbringt. Dadurch weiß man als Lesender bis zuletzt nicht genau, was wirklich vorgefallen ist. Andererseits ist die Geschichte sehr atmosphärisch, was sowohl an der greifbaren Beschreibung des Tunnels, der sich in einer düsteren Schlucht befindet, als auch an der verschrobenen Art des Bahnwärters liegt. Klassischer ist die zweite Kurzgeschichte „Des Mordes angeklagt“. Sie handelt von einem Mordopfer, das als Geist sicher gehen will, dass der Täter überführt wird. Diese Geschichte ist insgesamt linearer und weniger rätselhaft als „Im Tunnel“. Abgerundet wird die Ausgabe des Reclam Verlags von einer Nachbemerkung, in der die beiden Horrorgeschichten in das weitere Werk von Dickens eingeordnet werden.

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