Agentin Asta übersetzt und ermittelt - Nürnberger Prozesse lebendig erzählt
Die DolmetscherinMitreißender Geschichtsroman um die Agentin und Dolmetscherin Asta. Sie ermittelt gegen die Nazis und gerät immer mehr zwischen die Fronten.
Mit Asta ist dem preisgekrönten Titus Müller eine faszinierende ...
Mitreißender Geschichtsroman um die Agentin und Dolmetscherin Asta. Sie ermittelt gegen die Nazis und gerät immer mehr zwischen die Fronten.
Mit Asta ist dem preisgekrönten Titus Müller eine faszinierende Figur gelungen! In seinem Buch mit dem Titel „Die Dolmetscherin“, das im Heyne Verlag erschienen ist, arbeitet sie 1945 als Dolmetscherin im Kurhotel Palace in Mondorf-les-Bains. Dort hält die US-Armee Nazi-Größen gefangen und verhört sie. Göring gibt sich wie ein König und bringt insgesamt 16 Koffer mit. Er ist höhnisch, herablassend und arrogant, keineswegs demütig. Asta übersetzt bei den Verhören, reist dann mit nach Nürnberg zu den Prozessen und wird jeden Tag im Gerichtssaal die Aussagen ins Englische simultan übersetzen. Sie kämpft mit jeder Menge Widrigkeiten. Verständlich ist ihre Wut über das Herausreden und Verharmlosen der Schuldigen. Keine leichte Aufgabe, als Dolmetscherin neutral zu bleiben.
Spannend finde ich bei der Figur Asta, dass sie für verschiedene Geheimdienste arbeitet und dabei aber ihre eigene Rechnung offen hat. Sie ist Göring als Kind begegnet. Eine Verwandte, die für sie eine Art Mutterersatz war, wurde zu Tode gefoltert. Asta ist mutig und entschlossen, die Täter hinter Gitter zu bringen. Sie trifft im Kurhotel Leo. Er interessiert sich ebenso wie sie für bestimmte Informationen. Die Anziehung zwischen den beiden ist offensichtlich. Er hat zwar einen Sohn, aber seine Frau hat nicht auf ihn gewartet und sich in seiner Abwesenheit einem anderen zugewendet. Leo kümmert sich neben seinem Auftrag in Nürnberg um Robert, so weit das möglich ist. Ein tröstlicher Abschnitt, als Robert in die Schule kommt und er sich über den Besuch seines Vaters freut. Leo und sie bringen sich in Gefahr und die Spannung wächst.
Es kommen viele Figuren zu Wort bzw. ihre Perspektive wird eingenommen. Die Erzähl-Perspektiven sind genial ausgewählt und sehr eindrücklich. Ich finde es spannend, wie der Transport der Gefangenen beschrieben wird und auch das Geschehen im Gericht. Es gibt viele Details und ich konnte die Bilder der Szenen deutlich vor mir sehen. Alles ganz präzise recherchiert und mittendrin finden wir die fiktive Asta, die über sich hinauswächst für das hehre Ziel. Göring will, dass Asta eine Nachricht herausschmuggelt. Ist es eine verschlüsselte Botschaft? Asta hat etwas zu verlieren und auch die Beziehung zu Leo macht sie angreifbar. Sie wird von allen Richtungen unter Druck gesetzt.
Klar wird auch, dass der gefährliche Nazi Naujocks buchstäblich über Leichen geht. Der Prozess geht inzwischen ans Eingemachte. Das Buch nimmt Fahrt auf und das Erzähltempo erhöht sich. Titus Müller erzählt gekonnt die harten Fakten, verpackt in einer brillanten Geschichte um die Dolmetscherin und Agentin Asta, die einem so nahe ist, als wäre sie eine Nachbarin oder eine Freundin. Das berührt und bringt einen zum Nachdenken. Ab wann ist man ganz auf der falschen Seite? Ab wann gibt es kein Zurück mehr? Wird Asta in der Notlage wirklich zur Verbrecherin, wie die, die sie verabscheut und bekämpft? Können Leo und Asta die Entführung von Göring aus der Haft noch verhindern? Der letzte Teil ist ein großartiger Showdown. Alle Fäden werden geschickt zusammengeführt.
Fazit: Am Ende steht die Erkenntnis, dass Hass nicht mit Hass beantwortet werden darf. Mir gefällt, dass auch noch erklärt wird, welche historischen Fakten wie in die Geschichte eingebunden wurden. Insgesamt ein beeindruckendes und informatives Buch über die traumatische deutsche Geschichte, das sich faszinierender Weise ganz leicht lesen lässt.