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Veröffentlicht am 14.10.2025

Wenn die Pflicht schwerer wiegt als das Kindsein

Der Junge, der im Dunkeln sah
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"Der Junge, der im Dunkeln sah" erzählt von Jēkabs, der in einem Umfeld aufwächst, das ihn früh zur Hilfe verpflichtet: Zwei blinde Eltern, eine strenge Mutter mit hohen Erwartungen, und ein Zuhause, in ...

"Der Junge, der im Dunkeln sah" erzählt von Jēkabs, der in einem Umfeld aufwächst, das ihn früh zur Hilfe verpflichtet: Zwei blinde Eltern, eine strenge Mutter mit hohen Erwartungen, und ein Zuhause, in dem Jēkabs so etwas wie Normalität erst definieren muss. Der Roman zeigt Stationen aus seinem Leben – erste Schule, Freundschaften, die erste Liebe – und daneben die Perspektive seiner Mutter, die mit ihrer eigenen Unsicherheit, Blindheit und dem Wunsch nach Kontrolle ringt.

In vielerlei Hinsicht ist das Buch gelungen: Die Autorin zeichnet ein sensibles Portrait eines Jungen, der durch seine Familie, seine Wahrnehmung und durch das Umfeld geformt wird. Die Themen Verantwortung, Unterschiedsein und Selbstfindung bekommen Raum, ohne plakativ zu sein. Es gibt schöne Szenen: die kleinen Momente, in denen Jēkabs sich selbst gegenüber ehrlich sein kann, Begegnungen, in denen andere Sinne wichtiger sind als das Sichtbare, und Momente von Empathie, die stark nachklingen.

Trotzdem fiel es mir schwer, so richtig eine emotionale Verbindung zu Jēkabs zu finden. Sein inneres Erleben bleibt oft in Bildern, in Andeutungen und in Reflexionen, was literarisch durchaus schön ist aber manchmal auch so distanziert, dass Mitgefühl nicht automatisch entsteht. Seine Mutter ist in vielen Szenen greifbarer; ihre Ängste und Unsicherheiten sind direkter spürbar. Damit wirkt das Gesamtbild stark intellektuell durchdacht, manchmal aber etwas zu vorsichtig.

Die Sprache ist klar und fein austariert. Erzählerisch ist der Aufbau solide: Die Entwicklung wird nicht künstlich beschleunigt, es gibt aber auch Stellen, an denen die Dynamik etwas abflacht, gerade wenn man mehr über Jēkabs’ Innenleben erfahren möchte. Manche Wendepunkte passieren, ohne dass man intensiv vorbereitet wird, sodass sie überraschend, aber nicht immer überzeugend wirken.

Mit 3,5 von 5 Sternen ist mein Urteil: Ein Buch mit vielen schönen, weisen Momenten und einer stimmigen Thematik, das aber nicht durchgehend mitreißt, weil die emotionale Nähe manchmal fehlt. Es lohnt sich besonders für Leserinnen und Leser, die feine Beobachtungen und leise Geschichten schätzen, weniger für diejenigen, die starke Heldenbindung oder dramatische Entwicklungen erwarten.

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Veröffentlicht am 03.10.2025

Geisterhaus, Teenie-Drama und ein paar Schattenseiten

Let's Split Up - Ein verfluchtes Haus. Vier Freunde. Eine verhängnisvolle Entscheidung.
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Ich bin mit eher mittleren Erwartungen an dieses Buch rangegangen und wurde angenehm überrascht, wenn auch nicht komplett umgehauen. Die Mischung aus Jugendbuch, Mystery und Grusel funktioniert über weite ...

Ich bin mit eher mittleren Erwartungen an dieses Buch rangegangen und wurde angenehm überrascht, wenn auch nicht komplett umgehauen. Die Mischung aus Jugendbuch, Mystery und Grusel funktioniert über weite Strecken ziemlich gut. Das Setting – ein altes, angeblich verfluchtes Herrenhaus, irgendwo im Nirgendwo – ist genau das Richtige für dunkle Herbstabende. Man merkt, dass der Autor sein Horror-Handwerk kennt, ohne gleich in Splatter abzudriften.

Die vier jugendlichen Hauptfiguren bringen Diversität rein; queer, verschiedene Backgrounds, unterschiedliche Konflikte. Das ist positiv, bleibt aber oft etwas oberflächlich. Ich hätte mir mehr Tiefe gewünscht. Viele Entwicklungen in der Gruppe werden zwar angerissen, aber nicht zu Ende erzählt. Da bleibt Potenzial auf der Strecke.

Was das Buch allerdings sehr gut kann: Atmosphäre aufbauen. Die Spannung kommt relativ schnell in Fahrt, es gibt ein paar unheimliche Szenen, bei denen man definitiv weiterblättern will. Trotzdem: so richtig überrascht hat mich keine Wendung.

Etwas schade fand ich auch, dass manche Situationen nach dem Prinzip „erst trennen sich alle, dann passiert was Schlimmes“ fast schon formelhaft wirken. Klar, der Titel nimmt das augenzwinkernd vorweg aber ein bisschen mehr Abwechslung hätte nicht geschadet. Auch das Ende war für mich eher solide als spektakulär.

Unterm Strich hatte ich Spaß beim Lesen. Es ist ein Buch, das man locker in ein, zwei Tagen durchhat, kein Meisterwerk, aber unterhaltsam. Wer Jugend-Grusel mit leichter Coming-of-Age-Note mag, wird hier fündig. Wer allerdings richtig komplexe Charaktere oder völlig neue Ideen im Genre sucht, könnte etwas enttäuscht sein.

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Veröffentlicht am 15.07.2025

Fesselnder Auftakt, aber der Spannungsbogen hakte (Hörbuch)

Gerächt sein sollst du
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Dieses Hörbuch entführt uns in das verträumte Schärenstädtchen Kristinestad. Eine idyllische Kulisse, die Kaisu Tuokko atmosphärisch dicht zeichnet. Der langsame Spannungsaufbau sorgt dafür, dass man richtig ...

Dieses Hörbuch entführt uns in das verträumte Schärenstädtchen Kristinestad. Eine idyllische Kulisse, die Kaisu Tuokko atmosphärisch dicht zeichnet. Der langsame Spannungsaufbau sorgt dafür, dass man richtig eintauchen kann. Doch genau hier liegt auch die Schattenseite: Für meinen Geschmack driftet die Erzählung zu sehr ins Innenleben der Ermittler … sagen wir: tiefgründig, fast schon psychologisch. Eevi Manner und Mats Bergholm sind facettenreich charakterisiert und ihre Gefühlswelten werden minutiös durchleuchtet. Das schafft Nähe, aber lenkt auch vom eigentlichen Mordfall ab.

Besonders zu Beginn wirkt das stete Reflektieren über Motive und Gefühle melodiös, später sogar meditativ allerdings auf Kosten des Tempos. Der Fall selbst zieht sich dadurch in die Länge; die Spannung bleibt eher geduldig, statt zuzubeißen. Wer sich an fesselnder Action oder schnellen Wendungen erfreut, muss sich hier auf ein gemächlicheres Erzähltempo einstellen. Fans von Charakterdrama und emotionaler Tiefe kommen aber gut auf ihre Kosten.

Unterm Strich vergebe ich 3,5 von 5 Sternen: ein solider skandinavischer Krimi mit starker Atmosphäre, leider etwas zu introspektiv und mit zu wenig Drive im Ermittlungsverlauf.

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Veröffentlicht am 10.06.2025

Gefühlvolle Atmosphäre, aber zu viel Vorhersehbarkeit

Noch fünfzig Sommer mehr
1

Dies ist ein leiser, gefühlvoller Roman, der sich mit Verlust, Neubeginn und der Kraft kleiner Gesten beschäftigt. Im Mittelpunkt steht Eleni, die nach dem Tod ihres Partners völlig aus dem Gleichgewicht ...

Dies ist ein leiser, gefühlvoller Roman, der sich mit Verlust, Neubeginn und der Kraft kleiner Gesten beschäftigt. Im Mittelpunkt steht Eleni, die nach dem Tod ihres Partners völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist und sich in ihr Häuschen in der Bretagne zurückzieht. Als plötzlich rätselhafte Briefe und Blumen vor ihrer Tür auftauchen, beginnt langsam eine zarte Annäherung an das Leben – und an sich selbst.

Was mir gut gefallen hat, sind vor allem die sehr feinfühligen Beschreibungen von Elenis innerer Zerrissenheit und ihrer Trauer. Das war glaubwürdig und berührend, ohne je kitschig zu wirken. Auch die Landschaft der Bretagne wird wunderschön eingefangen – beim Lesen hatte ich regelrecht den Geruch von Meer, Lavendel und Regen in der Nase. Die Figuren sind sympathisch, vielleicht etwas idealisiert, aber sie passen in diese stille Geschichte wie Puzzleteile.

Trotzdem hatte ich mit dem Buch auch meine Schwierigkeiten. Einige Wendungen waren mir zu offensichtlich – spätestens auf Seite 77 war für mich klar, wohin die Reise geht und wie sich alles auflösen wird. Klar, das Buch ist kein Thriller, aber ein bisschen mehr Spannung oder Überraschung hätte der Geschichte gutgetan. Auch der Schreibstil hat mich nicht immer abgeholt: Er ist bildhaft und sensibel, wirkte aber streckenweise etwas sperrig und schwerfällig, was meinen Lesefluss gestört hat.

Alles in allem ist „Noch fünfzig Sommer mehr“ ein gefühlvoller Roman mit einer starken Atmosphäre, aber eben auch mit kleinen Schwächen in Stil und Dramaturgie. Ich vergebe deshalb gute 3,5 Sterne – ideal für Leserinnen und Leser, die ruhige, melancholische Geschichten mögen und keine allzu große Spannung erwarten.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Bildgewaltig, vielschichtig, etwas zu ausufernd

Lauter kleine Lügen
5

„Lauter kleine Lügen“ von Kate Kemp hat mich direkt mit seinem bildhaften und atmosphärischen Schreibstil abgeholt. Man spürt förmlich die flirrende Hitze der australischen Vorstadt, hört das Getuschel ...

„Lauter kleine Lügen“ von Kate Kemp hat mich direkt mit seinem bildhaften und atmosphärischen Schreibstil abgeholt. Man spürt förmlich die flirrende Hitze der australischen Vorstadt, hört das Getuschel hinter Vorgärten und merkt schnell: Hier hat jede:r etwas zu verbergen. Der Stil ist wirklich stark – detailverliebt, lebendig, manchmal poetisch. Aber (und das ist mein kleiner Haken): An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, die Autorin hätte ein bisschen schneller auf den Punkt gefunden. Einige Absätze wirken beinahe zu ausschweifend, was es mir gerade nach Lesepausen schwer gemacht hat, wieder in die Story reinzufinden.

Die Figuren sind dafür umso überzeugender. Die Nachbarschaft strotzt nur so vor unterschiedlichsten Charakteren – von der verschlossenen Einzelgängerin bis zur neugierigen Power-Mutter ist alles dabei. Diese Vielfalt macht’s spannend, man hat das Gefühl, jede Figur könnte etwas Wichtiges wissen oder gar selbst Teil des großen Ganzen sein. Das sorgt für eine durchgehend präsente Grundspannung.

Insgesamt: Ein atmosphärisch dichter Roman mit Tiefgang, dessen Geschichte vielleicht ein paar Seiten weniger gutgetan hätten. Aber wer sich gern in gut erzählte, psychologisch fein gezeichnete Geschichten fallen lässt, ist hier genau richtig.

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