Platzhalter für Profilbild

Nilchen

Lesejury Star
offline

Nilchen ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nilchen über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.06.2025

Verdrängte Wahrheiten unter dem Eis

Die Schrecken der anderen
0

Martina Clavadetschers „Die Schrecken der anderen“ ist ein kluger, tiefgründiger Roman über Verdrängung, Verantwortung und das, was unter der Oberfläche lauert – im Eis, in der Erinnerung, in der Gesellschaft. ...

Martina Clavadetschers „Die Schrecken der anderen“ ist ein kluger, tiefgründiger Roman über Verdrängung, Verantwortung und das, was unter der Oberfläche lauert – im Eis, in der Erinnerung, in der Gesellschaft. In ruhiger, aber eindringlicher Sprache entfaltet sich ein Netz aus Geschichten, die zunächst lose wirken, sich aber langsam und konsequent miteinander verweben.
Der Roman beginnt mit einem bildstarken Auftakt: Ein Junge entdeckt beim Schlittschuhlaufen einen Toten im Eis – eine Szene, die sich sinnbildlich durch das ganze Buch zieht. Clavadetscher erzählt abwechselnd aus der Perspektive zweier Figuren: Schibig, ein ängstlicher Archivar, der sich von einer alten Frau in einen Strudel aus Beobachtung und Deutung ziehen lässt, und Kern, ein reicher Erbe, dessen körperliche und moralische Blindheit eng mit der verdrängten Vergangenheit verwoben ist. Wie diese und andere Figuren zusammenhängen, erschließt sich Stück für Stück – und gerade das macht einen großen Reiz des Buches aus.
Stilistisch bewegt sich der Roman zwischen poetischer Sprachkraft und bewusster Sperrigkeit. Manche Passagen verlangen Geduld, wirken fast distanziert, doch dann folgen wieder Momente voller Klarheit und emotionaler Wucht. Besonders stark sind jene Stellen, in denen die Autorin die historischen Schatten der NS-Zeit mit heutigen gesellschaftlichen Fragen verschränkt – nie platt, sondern subtil und wirkungsvoll.
Nicht alle Erzählstränge sind gleich überzeugend, und gelegentlich hätte ich mir mehr Nähe zu den Figuren gewünscht. Trotzdem: „Die Schrecken der anderen“ ist ein Roman, der zum Nachdenken anregt, lange nachwirkt und der zeigt, was Literatur im besten Fall kann – sichtbar machen, was viele nicht sehen wollen.
Fazit: Anspruchsvoll, literarisch, relevant – ein Buch, das fordert und belohnt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.06.2025

Grotesk, böse - brillant?

Nimms nicht persönlich
0

Tom Hoflands „Nimms nicht persönlich“ ist ein wilder Ritt durch die Abgründe der modernen Arbeitswelt – bitterböse, surreal und voller dunklem Witz. In seinem Mix aus Thriller, Horrormärchen, Groteske ...

Tom Hoflands „Nimms nicht persönlich“ ist ein wilder Ritt durch die Abgründe der modernen Arbeitswelt – bitterböse, surreal und voller dunklem Witz. In seinem Mix aus Thriller, Horrormärchen, Groteske und tragikomischem Büroalltag entwirft Hofland ein Szenario, das gleichzeitig unterhält und verstört.
Im Zentrum steht Lute, Qualitätsmanager bei einem Pharmakonzern, der mit der Entlassung seiner gesamten Abteilung betraut wird – eine Aufgabe, der er sich zunächst entziehen will, nur um sie dann ausgerechnet dem mysteriösen Personalvermittler Lombard zu überlassen. Was als kafkaeske Reorganisation beginnt, gleitet zusehends ins Mythisch-Makabre: Verschwundene Kollegen, sprechende Tiere, unheimliche Headhunter – alles scheint möglich in dieser verstörend absurden Welt, die irgendwo zwischen Max Frisch, „Fleisch ist mein Gemüse“ und einem HR-Workshop in der Hölle liegt.
Hofland gelingt es, die Absurdität neoliberaler Arbeitslogiken literarisch zu überzeichnen, ohne sie ihrer beängstigenden Realität zu berauben. Besonders stark sind die Szenen, in denen sich das Grauen hinter der nüchternen Sprache der Effizienz und Selbstoptimierung verbirgt. Die Dialoge sind pointiert, der Stil teilweise bewusst sperrig, was gut zur thematischen Schwere passt – wenngleich der Einstieg fordernd bleibt.
Was den Roman besonders lesenswert macht, ist sein doppelter Boden: Unter der grotesken Oberfläche verhandelt er Fragen nach Schuld, Anpassung, Verantwortung – und dem Preis, den wir zahlen, wenn wir die Kontrolle über unser Handeln abgeben. Lute ist keine Heldenfigur, sondern ein ambivalenter Mitläufer, ein Antiheld im Angestelltenkostüm.
Kleine Schwächen hat der Roman dennoch: Die Symbolik (Pudel, Wildschwein, Erdhaufen) wirkt stellenweise überfrachtet, manche Nebenfiguren bleiben schemenhaft. Auch das surreale Finale mag Leser:innen spalten – zwischen „genial durchkomponiert“ und „zu viel des Guten“.
Fazit: „Nimms nicht persönlich“ ist kein Buch für zwischendurch – aber für alle, die sich gern literarisch fordern lassen, schwarzem Humor nicht abgeneigt sind und Lust haben auf ein modernes, bissiges Märchen über Macht, Angst und die Banalität des Bösen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.03.2025

Eine Ehe in den 50er Jahren der USA

Es geht mir gut
0

Ein schmaler Roman der eine Ehe beleuchtet, wie sie in den 50er Jahren in den USA sicherlich millionenfach vorkam. Geheiratet wurde früh, aus naiver Liebe mit viel Pragmatismus. Und dann kam der Alltag. ...

Ein schmaler Roman der eine Ehe beleuchtet, wie sie in den 50er Jahren in den USA sicherlich millionenfach vorkam. Geheiratet wurde früh, aus naiver Liebe mit viel Pragmatismus. Und dann kam der Alltag. Der Mann als Ernährer und die Frau als Hausfrau und Mutter. Wer da nicht depressiv wird…und das auf beide Seiten. Jeder bleibt in einer traditionellen Rolle verhaftet, die eng und ungewollt ist, nur um einem Ideal der Gesellschaft zu entsprechen mit den Erinnerungen aus den Weltkriegen gepaart. Das schreit nach Ausbruch und so kommt es hier auch.
Leiser als erwartet, viel viel leiser als erwartet. Insgesamt hatte ich eine hohe Erwartungshaltung an diesen schmalen Band der leider nicht erfüllt wurde. Aber auch geschuldet der nicht so sonderlich geglückten Übersetzung von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Ob es im Original („The Most“) ist kann ich nicht beurteilen, denke aber schon, dass die Geschichte besser transportiert wird.
Es geht um die Ehe von Kathleen und Virgil. Beide seit 9 Jahren verheiratet und kürzlich nach Delaware gezogen. Er hat einen neuen Job angenommen und die Familie muss mit. Nun statt in einem Haus in einem heruntergekommenen Apartmentgebäude gelandet mit einem kleinen Pool, der scheinbar nie genutzt wird.
Über die Zeit kommen Unzulänglichkeiten, Fehler und Emotionen ans Licht für uns Leser:innen. Es hängt fortwährend eine depressive, kaum aushaltbare Stimmung in der Luft.
Toll ist die Schilderung was zu jener Zeit als „normal“ galt, der Norm entsprechend, welche Rolle Männer zugeschrieben wurde und wie Frauen zu sein hatten. Das ist aus meiner Sicht die große Stärke des Romans.
An der deutschen Ausgabe schätze ich die das tolle Cover sowie und die schöne Hardcoverausgabe!
Fazit: „Normal war nicht länger hinnehmbar“ (S. 151)

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.02.2025

DDR Architektur lebendig gemacht

Die Allee
0

Florentine Anders' Roman "Die Allee" ist eine faszinierende Familien- und Zeitgeschichte, die eng mit der Architektur der DDR verknüpft ist. Im Mittelpunkt steht der visionäre Architekt Hermann Henselmann, ...

Florentine Anders' Roman "Die Allee" ist eine faszinierende Familien- und Zeitgeschichte, die eng mit der Architektur der DDR verknüpft ist. Im Mittelpunkt steht der visionäre Architekt Hermann Henselmann, dessen Name untrennbar mit ikonischen Bauwerken wie der Stalinallee, dem Berliner Fernsehturm und dem Uni-Hochhaus Leipzig verbunden ist.
Gut an dem Roman ist, dass ich diesen Architekten nun mit diesen Gebäuden verbinde und die Historie besser kenne, auch wenn es fiktionalisiert wurde.
Der Preis für seinen Erfolg ist hoch: Ständig muss er zwischen seinen künstlerischen Idealen und den starren Vorgaben der sozialistischen Führung lavieren. Gleichzeitig kämpft seine Frau Isi, selbst talentierte Architektin, mit den Herausforderungen einer achtköpfigen Familie und einem Ehemann, der sich kompromisslos seinen beruflichen Ambitionen verschreibt. Ihre Tochter Isa schließlich geht ihren eigenen, von Widerstand und Emanzipation geprägten Weg.
Was "Die Allee" besonders lesenswert macht, ist die eindrückliche Schilderung der Aufbruchsstimmung in der DDR – einer Zeit voller Hoffnungen, ideologischer Kämpfe und architektonischer Visionen. Florentine Anders gelingt es sehr gut, die komplexe Atmosphäre dieser Epoche einzufangen und die Ambivalenz zwischen Idealismus und politischer Realität darzustellen. Die fundierte Recherche macht das Buch zu einer wahren Zeitreise, in der man nicht nur spannende Einblicke in die Baugeschichte erhält, sondern auch das gesellschaftliche Leben der DDR aus einer privilegierten, aber keineswegs sorgenfreien Perspektive erlebt.
Die wechselnden Erzählperspektiven von Hermann, Isi und Isa sorgen für eine vielschichtige Darstellung der Familie Henselmann. Besonders berührend ist der Kampf der beiden Frauen um Selbstbestimmung – ein Thema, das über die spezifische DDR-Konstellation hinaus universelle Gültigkeit besitzt.
Der Schreibstil ist ruhig, sachlich und dennoch mitreißend. Die kurzen Kapitel lassen die Lektüre angenehm fließen, und man fühlt sich schnell mitten im Geschehen.
Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass manche Aspekte der DDR-Realität, etwa die massiven Wohnungsengpässe für die nicht privilegierte Bevölkerung, nur am Rande gestreift werden. Dennoch überzeugt "Die Allee" als spannender Roman.
Fazit: Ein eindrucksvolles Buch über eine Familie im Spannungsfeld von Architektur, Politik und persönlicher Freiheit. 4 von 5 Sternen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.12.2024

Nicht ihr bestes Buch

Vielleicht hat das Leben Besseres vor
0

Manchmal greift man zu einem Buch in der Hoffnung, alte Bekannte wiederzutreffen – genau dieses Gefühl hatte ich bei Anne Gesthuysens neuem Roman Vielleicht hat das Leben Besseres vor. Doch obwohl mir ...

Manchmal greift man zu einem Buch in der Hoffnung, alte Bekannte wiederzutreffen – genau dieses Gefühl hatte ich bei Anne Gesthuysens neuem Roman Vielleicht hat das Leben Besseres vor. Doch obwohl mir der typische rheinische Humor der Autorin vertraut ist und ich die Dorfidylle wiedererkennen konnte, ließ mich die Geschichte diesmal etwas enttäuscht zurück. Die Charaktere wirkten häufig stereotyp, und das Lokalkolorit des Niederrheins wurde eher schematisch und wenig überraschend dargestellt. Insgesamt wirkte die Handlung auf mich vorhersehbar und zu schablonenhaft, um wirklich fesselnd zu sein.
Zwar schätze ich den leichten, humorvollen Schreibstil der Autorin sowie ihre Fähigkeit, ernste Themen mit einer gewissen Leichtigkeit zu erzählen. Dennoch konnte dies für mich die Schwächen der Handlung nicht ausgleichen. Besonders störte mich, dass zu viele Zufälle und Unglücke auf eine einzige Person konzentriert wurden, was die Glaubwürdigkeit beeinträchtigte.
Positiv hervorzuheben ist jedoch, wie lebendig Anne Gesthuysen die Dorfgemeinschaft mit ihren typischen Klatsch- und Tratschgeschichten einfängt. Ihr rheinischer Humor und die detailreiche Schilderung der dörflichen Idylle sind auch in diesem Buch wieder präsent und machen es dann doch zu einer unterhaltsamen Lektüre – gerade für ein gemütliches Wochenende. Wer den Vorgängerband Wir sind schließlich wer gelesen hat, wird die vertraute Atmosphäre sofort wiedererkennen. Aber auch ohne Vorkenntnisse ist der Roman problemlos lesbar.
Trotz meiner Kritik hat das Buch einen gewissen Charme, der vor allem durch Gesthuysens Erzählstil getragen wird. Insgesamt gebe ich dem Roman drei von fünf Sternen: unterhaltsam, aber leider zu klischeehaft und stellenweise unglaubwürdig, um wirklich zu begeistern.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere