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Nilchen

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Wenn Kindheit nach Schweiß, Asphalt und Gefahr riecht

Das Ende vom Lied
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Westberlin, 1969. Eine Stadt zwischen Aufbruch und Stillstand – und mittendrin ein dreizehnjähriger Junge, der versucht herauszufinden, wie man in dieser Welt überhaupt lebt. In Das Ende vom Lied von Michael ...

Westberlin, 1969. Eine Stadt zwischen Aufbruch und Stillstand – und mittendrin ein dreizehnjähriger Junge, der versucht herauszufinden, wie man in dieser Welt überhaupt lebt. In Das Ende vom Lied von Michael Wildenhain wird das Erwachsenwerden nicht romantisiert. Es ist roh, widersprüchlich und manchmal erschreckend brutal.
Der namenlose Ich-Erzähler zieht mit seiner Familie in die Belziger Straße. Zuhause herrscht eine Schwere, die aus der Vergangenheit kommt: Der Vater ist vom Krieg gezeichnet, die Mutter von ihren Erinnerungen ebenso. Die Familie wirkt wie ein Haus mit Rissen in den Wänden – jederzeit könnte etwas einstürzen. Draußen wartet eine andere Welt: die Straße, Banden, Mutproben, Gewalt, aber auch Freundschaft, Loyalität und diese erste, alles verschlingende Liebe.
Der Junge gerät in den Bann von Körschi, dem charismatischen Bandenführer und Boxer der Gegend. Gleichzeitig verliebt er sich ausgerechnet in Alina – Körschis Freundin. Ein gefährliches Dreieck, das den ohnehin brüchigen Alltag immer weiter zuspitzt. Zwischen Boxkämpfen, Straßenritualen und stillen Lesestunden in der Bibliothek sucht der Erzähler nach einem Weg aus dieser Welt. Bildung wird zu einer möglichen Rettung – doch die Straße lässt einen nicht so leicht gehen.
Was diesen Roman besonders macht, ist der Schreibstil. Wildenhain schreibt nicht glatt oder gefällig. Seine Sprache hat Kanten. Manche Passagen wirken knapp, fast abgehackt, als würde der Erzähler die Ereignisse im Atem der Erinnerung wiedergeben. Dann wieder folgen lange, poetische Sätze voller Bilder und Anspielungen auf Literatur und Musik. Dieser Wechsel kann fordern – aber genau dadurch entsteht eine intensive, manchmal fast körperliche Leseerfahrung.
Der Text wirkt dabei wie eine Mischung aus Erinnerungsstrom, Milieustudie und literarischer Chronik. Westberlin erscheint nicht als nostalgische Kulisse, sondern als rauer Ort, geprägt von Kriegsfolgen, politischer Spannung und sozialer Härte. Gewalt gehört zum Alltag dieser Jungen – und sie wird nicht beschönigt. Manche Szenen sind schwer auszuhalten, gerade weil sie so direkt erzählt werden.
Gleichzeitig liegt in diesem Roman auch etwas Zärtliches: der Blick eines Jungen, der inmitten dieser Härte nach Zugehörigkeit sucht. Nach Liebe. Nach einem Platz in der Welt.
Das Ende vom Lied ist kein Buch für nebenbei. Es verlangt Aufmerksamkeit und manchmal auch Geduld. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt einen intensiven literarischen Blick in eine Zeit und ein Berlin, das längst verschwunden ist – und eine eindringliche Geschichte über Jugend, Gewalt, Sehnsucht und den Versuch, sich selbst zu retten.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

„Good-Vibes“-Begleiter für Frauen

Hot Stuff
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Rund zwei Drittel aller Frauen spüren in den Wechseljahren körperliche oder seelische Veränderungen – doch wie stark wir diese Zeit erleben, hängt nicht nur von den Hormonen ab, sondern auch von unserem ...

Rund zwei Drittel aller Frauen spüren in den Wechseljahren körperliche oder seelische Veränderungen – doch wie stark wir diese Zeit erleben, hängt nicht nur von den Hormonen ab, sondern auch von unserem Lebensstil. Genau hier setzt Anastasia Zampounidis mit ihrem neuen Buch Hot Stuff – Natürlich und entspannt durch die Wechseljahre an. Sie zeigt auf sympathische, bodenständige Weise, dass diese Lebensphase keine Schreckenszeit sein muss, sondern eine Chance, den eigenen Körper besser zu verstehen und ihm Gutes zu tun.
Die Autorin, bekannt durch ihre zuckerfreie Ernährungsphilosophie, nimmt ihre Leserinnen mit auf eine persönliche Reise durch die „heiße Phase“ des Lebens. Sie schreibt offen, humorvoll und mit spürbarer Lebensfreude über das, was sie selbst stark macht – und das ist ansteckend. Statt medizinische Fachbegriffe oder komplizierte Hormontheorien in den Vordergrund zu stellen, lädt Zampounidis dazu ein, mit Neugier und Gelassenheit den eigenen Alltag zu verändern. Dabei vermittelt sie das Gefühl: Wechseljahre sind kein Ende, sondern ein Neustart.
Besonders gelungen ist die Balance zwischen persönlichem Erfahrungsbericht, Ernährungstipps und Rezeptteil. Mit über 50 Rezepten – von Frühstücksideen über leichte Hauptgerichte bis zu kleinen Snacks – gibt sie praktische Impulse, wie man den Hormonhaushalt natürlich regulieren und Energie zurückgewinnen kann. Die Fotos sind ansprechend, die Gestaltung modern und freundlich. Man bekommt Lust, die Gerichte sofort auszuprobieren.
Auch wenn das Buch keine wissenschaftlichen Studien anführt und eher alltagstaugliche Ratschläge statt tiefgehender Analysen bietet, überzeugt es durch seine positive Haltung und seine motivierende Leichtigkeit. Gerade für Frauen, die sich erstmals mit dem Thema beschäftigen oder nach einem verständlichen Einstieg suchen, ist Hot Stuff ein idealer Begleiter.
Zampounidis gelingt es, das Tabuthema Wechseljahre zu entmystifizieren und mit Wärme, Witz und Empathie darüber zu sprechen. Ihr Credo lautet: Natürlichkeit, Bewegung, gesunde Ernährung – und vor allem Freude am eigenen Körper. Wer Inspiration sucht, statt trockene Theorie, findet hier ein Buch, das Mut macht und Lust auf Veränderung weckt.
Fazit:
Ein lebensfroher, motivierender Ratgeber, der zeigt, wie man die Wechseljahre mit Leichtigkeit, Selbstbewusstsein und einem guten Essen auf dem Teller meistern kann. Ein echter „Good-Vibes“-Begleiter für Frauen, die sich und ihren Körper wieder neu entdecken wollen.

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Veröffentlicht am 02.11.2025

Erster Teil sehr start, Schluss weniger überzeugend.

HEN NA IE - Das seltsame Haus
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Ein riesiger Erfolg in Japan. Dies war der erste Band von dem ominösen Uketsu. Ein Fall, der anscheinend durch die japanische Presse ging und dann von diesem Unbekannten in Buchform aufgegriffen wurde. ...

Ein riesiger Erfolg in Japan. Dies war der erste Band von dem ominösen Uketsu. Ein Fall, der anscheinend durch die japanische Presse ging und dann von diesem Unbekannten in Buchform aufgegriffen wurde. Spannend daran ist die Art, denn das Buch ist voller Grundrisse von zwei verschiedenen Häusern. Das ist die Grundlage des Rätsel, dass es zu lösen gilt. Und als Leser:in ist man immer dabei das Rätsel mit zu lösen.
Der in Japan als zweites erschiene Band – Seltsame Bilder – erschien auf Deutsch als erstes und hat mich wirklich sehr überzeugt. Das Buch fand ich super gut. Und dann las ich dieses hier: Das seltsame Haus.
Der Einstieg war wieder mega gut, viele Grundrisse und ein stätiges miträtseln. Auch die Charaktere waren klar, der Geschichte war einfach zu folgen. Aber dann im zweiten Teil des Buches, wurde das Tempo sichtlich angezogen, es gab immer weniger Grundrisse, Bilder und die Anzahl an Personen und Verlinkungen stieg auch. Vielleicht sind mir die japanischen Namen einfach zu wenig geläufig um sie mir beim schnelleren Lesen zu merken. Vielleicht hätte ich mir auch anfangen sollen einen Stammbaum zu zeichnen, immer wenn ein neuer Name auftauchte.
Wie dem auch sei, ich hab es zu Beginn gerne gelesen, finde das Konzept weiterhin mächtig gut, aber der Schluss hat mich etwas enttäuscht.

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Veröffentlicht am 14.06.2025

Ein Buch voller Flair!

Le Sud
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Kochbücher sind einer meiner Leidenschaften und ich liiiiiiebe es sie nach Rezepten zu durchforsten. Dabei dürfen sie gerne ansprechend gestaltet sein und mich komplett einnehmen. Soviel zur Vorrede. Nun ...

Kochbücher sind einer meiner Leidenschaften und ich liiiiiiebe es sie nach Rezepten zu durchforsten. Dabei dürfen sie gerne ansprechend gestaltet sein und mich komplett einnehmen. Soviel zur Vorrede. Nun zu diesem Kochbuch le SUD von Rebekah Peppler mit Fotografien von Joann Pal.
Hier bin ich in einem starken Zwiespalt, seit einer Woche blättere ich darin herum versinke in den MEGA tollen Fotografien und liebe einfach den nonchalanten Vibe dieses Buches. Einfach traumhaft bei Hitze hier zu blättern und sich in Südfrankreich wieder zu finden. Die Gestaltung, das Flair, die Fotografien, toll in Szene gesetzt. Das hat Joann Pal super gut gemacht.
Nun kommen wir zum Rest. Also gut, dass über dem Titel Rezepte und Geschichten aus Südfrankreich steht. Es ist aus meiner Sicht mehr Coffeetable Book und ein tolles Geschenk für Südfrankreich Liebhaber als ein brauchbares Kochbuch. Warum? Weil ich für „La Piscine“ kein Buch brauche: Glas, Eiswürfel und dann den Wein. Was hier aber auch passiert. Ist eine Erzählung in Speisen und Genuss. Das ist wiederum toll.
Ihr seht ich bin amivalent was dieses Buch angeht. Würde aber sagen: Tolles Geschenk, liest und schaut sich gut an. Aber bitte nicht als praktisches Kochbuch verstehen.

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Veröffentlicht am 10.06.2025

Verdrängte Wahrheiten unter dem Eis

Die Schrecken der anderen
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Martina Clavadetschers „Die Schrecken der anderen“ ist ein kluger, tiefgründiger Roman über Verdrängung, Verantwortung und das, was unter der Oberfläche lauert – im Eis, in der Erinnerung, in der Gesellschaft. ...

Martina Clavadetschers „Die Schrecken der anderen“ ist ein kluger, tiefgründiger Roman über Verdrängung, Verantwortung und das, was unter der Oberfläche lauert – im Eis, in der Erinnerung, in der Gesellschaft. In ruhiger, aber eindringlicher Sprache entfaltet sich ein Netz aus Geschichten, die zunächst lose wirken, sich aber langsam und konsequent miteinander verweben.
Der Roman beginnt mit einem bildstarken Auftakt: Ein Junge entdeckt beim Schlittschuhlaufen einen Toten im Eis – eine Szene, die sich sinnbildlich durch das ganze Buch zieht. Clavadetscher erzählt abwechselnd aus der Perspektive zweier Figuren: Schibig, ein ängstlicher Archivar, der sich von einer alten Frau in einen Strudel aus Beobachtung und Deutung ziehen lässt, und Kern, ein reicher Erbe, dessen körperliche und moralische Blindheit eng mit der verdrängten Vergangenheit verwoben ist. Wie diese und andere Figuren zusammenhängen, erschließt sich Stück für Stück – und gerade das macht einen großen Reiz des Buches aus.
Stilistisch bewegt sich der Roman zwischen poetischer Sprachkraft und bewusster Sperrigkeit. Manche Passagen verlangen Geduld, wirken fast distanziert, doch dann folgen wieder Momente voller Klarheit und emotionaler Wucht. Besonders stark sind jene Stellen, in denen die Autorin die historischen Schatten der NS-Zeit mit heutigen gesellschaftlichen Fragen verschränkt – nie platt, sondern subtil und wirkungsvoll.
Nicht alle Erzählstränge sind gleich überzeugend, und gelegentlich hätte ich mir mehr Nähe zu den Figuren gewünscht. Trotzdem: „Die Schrecken der anderen“ ist ein Roman, der zum Nachdenken anregt, lange nachwirkt und der zeigt, was Literatur im besten Fall kann – sichtbar machen, was viele nicht sehen wollen.
Fazit: Anspruchsvoll, literarisch, relevant – ein Buch, das fordert und belohnt.

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