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Veröffentlicht am 25.08.2025

Krieg ist überall ein Grauen

Buch der Gesichter
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Mir hat dieses Buch nicht gefallen. Warum? Gefühlt auf jeder Seite tauchte das Wort Genosse auf, ich habe es nicht gezählt. Der Roman liest sich daher eher wie ein Parteiprotokoll der Kommunisten, egal ...

Mir hat dieses Buch nicht gefallen. Warum? Gefühlt auf jeder Seite tauchte das Wort Genosse auf, ich habe es nicht gezählt. Der Roman liest sich daher eher wie ein Parteiprotokoll der Kommunisten, egal zu welcher Zeit. Dass sich die Zeiten im Roman überschneiden, abwechseln und neu auftauchen, ist verwirrend, aber nachvollziehbar. Die Protagonisten werden dem Leser nahegebracht, manchmal durch kleine Gesten oder Gedanken oder durch ihre Äußerungen. Das schönste Zitat aus diesem Buch möchte ich hier veröffentlichen "Also ich warte, Gott, wie lange warte ich?" - Geduld ist auch beim Lesen gefragt.
Zum Schluss liest man dann "Im Andenken an de Opfer des Faschismus" - ich füge hinzu, "Im Andenken an die jüdischen Opfer".

Fazit: Die Geschichten, die der Roman erzählt, sind traurig und bedrückend, wie er sie erzählt, ist manchmal verwirrend. Trotzdem: gute drei Sterne.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Die Unzulänglichkeiten der Welt

Botanik des Wahnsinns
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Leon Engler nimmt den Leser mit auf seinen Weg durch die Botanik des Wahnsinns, der nicht erst beginnt, als er feststellt, dass alle wichtigen Erinnerungen an seine Mutter, seine Kindheit geschreddert ...

Leon Engler nimmt den Leser mit auf seinen Weg durch die Botanik des Wahnsinns, der nicht erst beginnt, als er feststellt, dass alle wichtigen Erinnerungen an seine Mutter, seine Kindheit geschreddert auf der Müllhalde gelandet sind. Er beginnt diesen Wahnsinnsweg schon als Kind, so erinnert er sich an die Merkwürdigkeiten seiner Mutter und seines Vaters. Nur langsam filtert er aus diesem Wahnsinn, der sich oftmals schier versteckt, die Tatsachen und Wirklichkeiten heraus. "Die Mutter bipolar und psychotisch, der Vater todkrank." So erzählt Engler eine Erkenntnis- und Erweckungsgeschichte, der ich oftmals nicht gern folgte. Sie ist bedrückend, auch wenn er die Ironie seiner Erkenntnisse durchscheinen lässt. Der "Hauptdarsteller" ist ein Zweifler an sich, an seinen Eltern, seiner Umwelt, seinen Freunden und er wundert sich manchmal über sich selbst. Nur die Erzählungen über den alten Nachbarn haben mir gut gefallen, als wären sie einer Extra-Story in der Story, warmherzig und liebevoll geschrieben.
Eingewebt in seine Geschichte findet man Zitate von Schriftsellern und Psychiatern und kann sich seinen Reim auf die Unzulänglichkeiten der Welt selbst machen.
Fazit: Vielleicht ein Buch für angehende Psychiater, ich werde es meinem Enkel empfehlen, der studiert noch. Für mich war es eher ungeeignet.

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Veröffentlicht am 08.07.2025

Schwere Kost, mit leichten Einlagen

Berlin im Nationalsozialismus
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Dieses Buch will alles auf einmal, es will die Stadtgeschichte, die politische Entwicklung, das Privatleben im Nationalsozialismus für den Leser zu einem Ganzen machen. Aber bereits im Vorwort, das hier ...

Dieses Buch will alles auf einmal, es will die Stadtgeschichte, die politische Entwicklung, das Privatleben im Nationalsozialismus für den Leser zu einem Ganzen machen. Aber bereits im Vorwort, das hier VORSICHT heißt, wird deutlich, wie schwierig das ist. Dass Christoph Kreutzmüller und Bjoern Weigel in einem Buch, das die Berlin-Geschichte von 1933 bis 1945 beschreiben wird, bereits in diesem Vorwort ohne zu zögern gendern, hat mich und mein deutsches Sprachgefühl schon sehr beeinträchtigt. Was soll ich als Geschichtsinteressierter mit "Arbeiter*innenschaft" anfangen? So sprach man selbst im Nationalsozialismus nicht.
Trotz dieses anfänglichen Ärgers habe ich mich lange mit dem Buch auseinandergesetzt, musste aber feststellen, dass es sich eher um wissenschaftliche Aufarbeitung von unzähligen Quellen als um ein gut lesbares populärwissenschaftliches Werk handelt. Die Anmerkungen, die mit kleinen Nummern im Text kenntlich gemacht sind, sind in so winziger Schrift gedruckt, dass ich diese nur mit großer Mühe entziffern konnte, ebenso die Sach-, Orts- und Personenregister und das Literaturverzeichnis. Der Anhang hat mir demzufolge auch nicht weitergeholfen. Die Autoren haben die Unterteilung in Themengebiete aus meiner Sicht gut angelegt. Flüssig lesbar fand ich das Ganze nicht, interessante Details aber gibt es zu Genüge. Auch wer sich mit der Thematik schon recht ausführlich beschäftigt hat, wird Neues entdecken.
Fazit: Ein schwieriges Buch, das den "Abriss" der Stadtgeschichte Berlins im Nationalsozialismus gänzlich umfassen will, aber mit dem ich leider nicht warm wurde.

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Veröffentlicht am 11.06.2025

Éléonora verdient etwas mehr Glück

Ein Sommer in Salerno
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Die Protagonistin Éléonora ist von ihren Gefühle hin- und hergerissen, als Putzfrau verdient sie zu wenig, um sich und den Kindern ein himmlisches Leben zu ermöglichen, obwohl sie im himmlischen Salerno ...

Die Protagonistin Éléonora ist von ihren Gefühle hin- und hergerissen, als Putzfrau verdient sie zu wenig, um sich und den Kindern ein himmlisches Leben zu ermöglichen, obwohl sie im himmlischen Salerno lebt. Warum sie "nur" als Putzfrau arbeitet, weiß ich nicht genau, aber dass sie außer Liebeskummer noch andere Talente hat, das merkt man bald. Das Verhältnis zu ihren Kindern könnte so manchen neidisch machen, der glaubt, Kinder brauchen nur ihre tägliche Ration Geschenke, um glücklich zu sein. Dass sie sich der jungen Laura, einer Freundin ihrer Zwillinge, annimmt, obwohl sie selbst in Tränen zerfließt wegen ihrer gescheiterten Liebesbeziehung, das finde ich ganz wunderbar. Genauso bezaubernd ist die kleine Freundschaft zur alten Kundin Geraldina, die sogar auf die Kinder überspringt. Das hat mich berührt, besonders, weil die echten Großeltern von Éléonoras Seite überhaupt kein Interesse an einer Begegnung hatten oder haben. Éléonora ist trotzdem in Liebesdingen recht unbedarft, ihr geschiedener Mann sticht als guter Mensch aus der Masse heraus, aber sie erwählt einen verheirateten Mann und verzehrt sich unsinnig und ewig nach ihm trotz der von ihr initiierten Trennung. Aus Fehlern lernt sie leider nicht so schnell. Dass Éléonoras Kunden auch nicht alle ein edles Verhalten an den Tag legen und eine Putzfrau so mancher als Putzlappen ansieht, ist die negative Seite ihrer Berufstätigkeit. Manch einer oder einem hätte sie vielleicht ganz gern mal den Lappen um die Ohren gehauen, aber sie trägts mit Fassung und hat sogar noch kleine Erziehungserfolge zu vermelden..

Ich hatte einen etwas fröhlicheren Sommerroman aus Salerno erwartet, in diesem flossen mir zu viele vergebliche Tränen. Aber schon Kurt Tucholsky schrieb "Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt." - deshalb verrate ich über den Verlauf und das Ende der Geschichte auch nicht noch mehr.

Fazit: ein kleiner Roman, der sich schnell liest und der mit einer sehr zu Herzen gehenden Danksagung endet.

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Veröffentlicht am 31.05.2025

Frau Thomas Mann macht Ärger

Unheimliche Gesellschaft
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Nach „Gefährliche Betrachtungen“ hat Tilo Eckardt nun einen Folgeband seines Thomas-Mann-Krimis geschrieben. Der Ich-Erzähler Žydrūnas Miuleris alias Müller soll dem berühmten Autor aus der Patsche helfen, ...

Nach „Gefährliche Betrachtungen“ hat Tilo Eckardt nun einen Folgeband seines Thomas-Mann-Krimis geschrieben. Der Ich-Erzähler Žydrūnas Miuleris alias Müller soll dem berühmten Autor aus der Patsche helfen, seine Ehefrau Katia wurde in einen läppischen Verkehrsunfall verwickelt und soll vor Gericht. Das erfährt Müller aber erst, als er den langen Weg von Nidden an der Ostsee bis ins Schweizer Idyll Küssnacht vollbracht hat, das mittlerweile Thomas Manns Exilwohnort geworden ist.
Eine „Bleibe“, wie er betont, kein Zuhause, man schreibt das Jahr 1933. Nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland konnte Mann mit seiner Frau von einer Vortragsreise nicht mehr nach München zurückkehren, nun versucht er eher schlecht als recht mit den Exilgegebenheiten klarzukommen. Die rasante Fahrweise seiner Ehefrau, noch dazu ohne Führerschein bedroht nun aber das Bleiben. Und Mann fiel nichts Besseres ein, als Müller um sein Kommen und um Hilfe zu bitten. Dieser nimmt den Hund seiner abgebrannten Wirtin Bryl mit und begibt sich in ein weiteres Abenteuer.
Tilo Eckardt beschreibt ausführlich die umständlichen Versuche, das Rätsel des Unfalls und des dabei Verletzten zu entschlüsseln, ganz im Stile Thomas Manns.
Der unterdessen uralte Žydrūnas Miuleris alias Müller erzählt die ganze Geschichte seinem Enkel, der ihn bisweilen mit Zwischenfragen nervt. Ganz zum Ende wird er durch einen Traum an Erika Manns Auftritt mit der Pfeffermühle erinnert, die das Bedrohliche der deutschen Heimat, die für sie und ihre Familie Feindesland geworden war, besingt:
»Bei mir daheim im Lügenland
Darf keiner mehr die Wahrheit reden,
Ein buntes Netz von Lügenfäden
Hält unser großes Reich umspannt.«
Wie Müller Frau Katia Mann aus der Affäre zieht und was er dabei herausfindet, werde ich hier nicht spoilern.

Fazit: Eher ein fiktionaler historischer Roman im Stile Thomas Manns, als ein spannender Krimi, aber wieder unterhaltsam.

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