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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.01.2026

Unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeiten

Down Cemetery Road
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Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple ...

Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple tv+ zu sehen ist, scheint der Grund zu sein. Emma Thompson hat mit ihrem empathischen Vorwort zu dieser Neuausgabe und mit ihrer Hauptrolle als Privatdetektivin Zoë Boehm sicherlich stark dazu beigetragen.
Ich habe zwei der "Slow Horses"-Krimis (Dead Lions, Real Tigers) von Herron gelesen und bin nun doch etwas ratlos und enttäuscht. Das Gespann Sarah Tucker und Zoë Boehm konnte mich bis zum Finale nicht richtig fesseln. Vielleicht liegt es an den hochgesetzten Erwartungen, die nicht nur durch die Verfilmung sondern auch durch Rezensionstexte, wie den auf dem Cover von Val McDermid, verursacht wurden. Ich muss leider sagen, eine Lesesucht nach Zoë Boehm empfinde ich nicht.
Die Story birgt zu viele Unwahrscheinlichkeiten, als dass ich sie wirklich ernst nehmen kann. Trotzdem werde ich mir die Serie ansehen, vielleicht inspirieren mich die Filme mehr als das Buch.

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Veröffentlicht am 09.12.2025

Tina packt aus

Warten auf Susy
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Cristina Karrer, der Name sagte mir zunächst gar nichts, aber dann ich erinnerte mich an einen Dokumentarfilm, den sie gedreht hatte. Die Autorin ist Schweizerin, wuchs sie in einem Kinderheim auf und ...

Cristina Karrer, der Name sagte mir zunächst gar nichts, aber dann ich erinnerte mich an einen Dokumentarfilm, den sie gedreht hatte. Die Autorin ist Schweizerin, wuchs sie in einem Kinderheim auf und studierte später Geografie. Man erfährt gleich zu Beginn, dass sie nicht mehr ganz gesund ist, schlecht laufen kann (das habe ich mit ihr gemeinsam) und nach Jahren als Korrespondentin in Irak und anderswo nach Südafrika auswanderte. Dort lebt(e) sie nun seit 25 Jahren. Im Buch, das ihr afrikanisches Leben beschreibt und ihre afrikanischen Dramen, die sie erlebte, ist sie alles andere als eine Superheldin. Sie stellt ihre Schwachstellen ohne zu zögern ins Rampenlicht ihres Schreibens, als Leser schüttelt man mitunter verwundert den Kopf ob der gewissen Naivität, aber auch der Abgebrühtheit, mit der sie ihrem Alltag begegnet. Wie schwierig es ist, sich in diesem afrikanischen Land, das ein Jahrhundert der Umbrüche, der Apartheid und der politischen Wirren hinter sich hat, als weiße Frau zu etablieren, eventuell sich einzufügen, das beschreibt sie sehr drastisch.
Mich hat es verlockt, über eine Frau zu lesen, die aus dem sicheren Europa in die Welt hinausgegangen ist, ohne Furcht und mit sehr viel Urvertrauen. Dass ihr Letzteres am Ende doch nicht ganz verloren gegangen ist, hat sie wohl weniger anderen Menschen als sich selbst zu verdanken. Tina, das ist das Alter Ego von Cristina Karrer, die so unheimlich viel Aufregendes erlebt hat, dass es mir schier den Atem verschlug. Aus der konventionellen Schweiz war sie ja bereits in jungen Jahren ausgebrochen, bevor sie nach Südafrika auswanderte. Ich habe in den 1980er Jahren bis zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid und der Freilassung von Mandela mit Emigranten aus Südafrika (ANC), Rhodesien (ZANU und ZAPU), heute Simbabwe, und Namibia (SWAPO) zusammengearbeitet, so dass mich sehr interessiert hat, wie die Autorin diese Menschen in ihrer natürlichen Heimat wahrnahm.
Als Journalistin und Kamerafrau hatte die Autorin tiefen Einblick in die Verhältnisse, in die unterschiedlichsten Lebenslagen und merkwürdigsten Charaktere. Tief im Inneren ist sie ein Mensch mit Helfersyndrom, anders kann ich es nicht beschreiben. Sie erinnert mich an die euphorischen Menschen, die 2015 während der Flüchtlingskrise und nach Beginn des Ukrainekrieges aufopfernd für vollkommen fremde Menschen alles nur Menschenmögliche unternahmen. Und früher oder später enttäuscht feststellen mussten, dass sie weder mit Dankbarkeit noch mit Verständnis überschüttet wurden, dass die aufgenommenen Flüchtlinge nicht unbedingt ihrem Idealbild folgten. Das Wort Gutmensch wurde regelrecht zum Schimpfwort. Auch Tina begibt sich in diese Lage, noch schlimmer, sie „fraternisiert“ mit ihren Hausangestellten und wird für Freunde wie Liebhaber zur melkenden Kuh. Es dauert sehr lange, bis sie bemerkt, dass zum Beispiel Drogenkonsum und Alkoholsucht für ihre meist schwarzen Mitbewohner, die sie nach und nach ins Haus holt, vollkommen normal sind. Mir war die Beschreibung dieser Art des menschlichen Zusammenseins regelrecht zuwider, die Autorin schlachtete zudem sämtliche Ereignisse geradezu selbstzerfleischend aus.
Ich habe das Buch zu Ende gelesen, aber es hat mir nicht so gefallen, wie ich es erhoffte. Das Warten auf Susy gestaltete sich zu einem ewigen Warten auf Besserung der Verhältnisse, der Menschen, des Lebens. Susy, die Titelfigur, wird trotz ihrer Unzuverlässigkeit, ihrer Ansprüche, jeglicher Unzulänglichkeiten als die große Liebenswürdige dargestellt. Trotzdem lernt man sie nicht richtig kennen. In Afrika, auf Afrikaner muss man wohl oder übel immer warten, ihr Lebensrhythmus ist weder konventionell noch europäisch, schon gar nicht wie der einer Schweizer Taschenuhr. Das weiß ich aus meinen früheren Erfahrungen sehr gut. Ihre Hilfsbereitschaft lebt den Augenblick, Drogen oder Alkohol können beste Vorsätze binnen Minuten vergessen machen. Trotzdem sollte man, wie die Autorin es am Ende betont, endlich dazu übergehen, Afrika nicht ständig in der Opferrolle zu sehen oder als Almosenempfänger. Afrika kann gut allein fertig werden mit seinen Problemen, nur eben auf afrikanische Art.
Was mich an diesem Buch sehr verärgert hat, ist die feministische und gendergerechte Art, teilweise liest sich der Roman eher wie eine Reportage. Und mit all den überflüssigen Doppelnennungen von Journalisten und Journalistinnen, Afrikanern und Afrikanerinnen etc. eher wie ein gewöhnlicher Zeitungsartikel.
Fazit: Der Lebensbericht einer Ausgewanderten, die bei aller Liebe zur neuen Heimat Südafrika auf unzählige Probleme stößt. Mit nun Mitte 60 ist sie einigermaßen bei sich angekommen, ich wünsche ihr, dass sie ihr Leben mit ihrem Ehemann genießen kann.

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Veröffentlicht am 02.10.2025

Bissige Gesellschaftssatire, humorvoll verpackt

Zuhause ist vorübergehend geschlossen
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„Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem ...

„Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt“ – so wird Satire definiert. Zitat aus Google/KI.
Antje Huhs hat ihren ersten Roman veröffentlicht und sich ausgerechnet die krisenhafte Befindlichkeit der Pflegebranche auserkoren, um daraus eine bissige Gesellschaftssatire zu machen. Ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit streiken die Pflegekräfte und „der Staat“ weiß sich nicht anders zu helfen, als per Gesetz die pflegebedürftigen Senioren auf Privathaushalte mit Eigenheim zu verteilen. Dass dabei so einiges schief geht, sich manch einer drücken will und es zu kuriosen Vorfällen kommt, ist folgerichtig. Aber nach zwei, drei Stunden auch sehr ermüdend, ernüchternd sowieso. Man lernt Gute und Böse, Arme und Reiche kennen, Reichenbashing inklusive, die Charaktere sind nicht gerade subtil zu nennen, schwarz-weiß ist die Farbe des Tages. Fröhliche Weihnachten?! Lassen Sie sich überraschen.
(zum Hörbuch: Vera Teltz, der ich immer gern zuhöre, wenn sie gute Romane zu einem wahren Kopfkino werden lässt, hat auch diesen Roman souverän zum Leben erweckt.)

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Veröffentlicht am 25.08.2025

Krieg ist überall ein Grauen

Buch der Gesichter
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Mir hat dieses Buch nicht gefallen. Warum? Gefühlt auf jeder Seite tauchte das Wort Genosse auf, ich habe es nicht gezählt. Der Roman liest sich daher eher wie ein Parteiprotokoll der Kommunisten, egal ...

Mir hat dieses Buch nicht gefallen. Warum? Gefühlt auf jeder Seite tauchte das Wort Genosse auf, ich habe es nicht gezählt. Der Roman liest sich daher eher wie ein Parteiprotokoll der Kommunisten, egal zu welcher Zeit. Dass sich die Zeiten im Roman überschneiden, abwechseln und neu auftauchen, ist verwirrend, aber nachvollziehbar. Die Protagonisten werden dem Leser nahegebracht, manchmal durch kleine Gesten oder Gedanken oder durch ihre Äußerungen. Das schönste Zitat aus diesem Buch möchte ich hier veröffentlichen "Also ich warte, Gott, wie lange warte ich?" - Geduld ist auch beim Lesen gefragt.
Zum Schluss liest man dann "Im Andenken an de Opfer des Faschismus" - ich füge hinzu, "Im Andenken an die jüdischen Opfer".

Fazit: Die Geschichten, die der Roman erzählt, sind traurig und bedrückend, wie er sie erzählt, ist manchmal verwirrend. Trotzdem: gute drei Sterne.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Die Unzulänglichkeiten der Welt

Botanik des Wahnsinns
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Leon Engler nimmt den Leser mit auf seinen Weg durch die Botanik des Wahnsinns, der nicht erst beginnt, als er feststellt, dass alle wichtigen Erinnerungen an seine Mutter, seine Kindheit geschreddert ...

Leon Engler nimmt den Leser mit auf seinen Weg durch die Botanik des Wahnsinns, der nicht erst beginnt, als er feststellt, dass alle wichtigen Erinnerungen an seine Mutter, seine Kindheit geschreddert auf der Müllhalde gelandet sind. Er beginnt diesen Wahnsinnsweg schon als Kind, so erinnert er sich an die Merkwürdigkeiten seiner Mutter und seines Vaters. Nur langsam filtert er aus diesem Wahnsinn, der sich oftmals schier versteckt, die Tatsachen und Wirklichkeiten heraus. "Die Mutter bipolar und psychotisch, der Vater todkrank." So erzählt Engler eine Erkenntnis- und Erweckungsgeschichte, der ich oftmals nicht gern folgte. Sie ist bedrückend, auch wenn er die Ironie seiner Erkenntnisse durchscheinen lässt. Der "Hauptdarsteller" ist ein Zweifler an sich, an seinen Eltern, seiner Umwelt, seinen Freunden und er wundert sich manchmal über sich selbst. Nur die Erzählungen über den alten Nachbarn haben mir gut gefallen, als wären sie einer Extra-Story in der Story, warmherzig und liebevoll geschrieben.
Eingewebt in seine Geschichte findet man Zitate von Schriftsellern und Psychiatern und kann sich seinen Reim auf die Unzulänglichkeiten der Welt selbst machen.
Fazit: Vielleicht ein Buch für angehende Psychiater, ich werde es meinem Enkel empfehlen, der studiert noch. Für mich war es eher ungeeignet.

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